Quo vaditis liebe Blogs?

PuhDas Grundgesetz ist das, unser, höchstes Gut in diesem Land. Ich bin froh und glücklich, dass unsere Gründungsväter so besonnen waren, Worte zu finden, die auch in heutigen Zeiten hoch geachtet werden, auch wenn das Bundesverfassungsgericht — meiner Meinung nach zu oft in letzter Zeit — einschreiten muss. Besonders der Mensch und seine Persönlichkeit, seine Würde werden ganz hoch gehalten — gleich in den Artikeln 1 & 2 werden die Würde und die freie Entfaltung der Persönlichkeit festgeschrieben. Das Recht am eigenen Bild gehört zum ureigensten Persönlichkeitsrecht, es ist im Grundgesetz, Artikel 2, festgeschrieben und bedeutet nichts anderes, als dass jeder Mensch selbst entscheiden kann (mit wenigen Ausnahmen), wo (zum Beispiel) sein Foto erscheint und wo nicht. Auch wenn ich auf irgendeinem Kongress einen Vortrag halte, dieser Vortrag mit meinem Wissen auf Video aufgezeichnet wird und im Internet veröffentlicht wird, heißt das noch lange nicht, dass ich meine Einwilligung gegeben habe, dass einzelne Bilder aus diesem Video auf verschiedenen Seiten veröffentlicht werden. Das garantiert das Grundgesetz.

Zur Zeit macht mal wieder der Macher einer Kochbuchseite von sich reden. Rene hatte ohne Wissen und Einwilligung einen Screenshot aus einem Plusminus-Beitrag von besagtem Herrn auf seinem Blog veröffentlicht. Die Reaktion folgte prompt — die typische Abmahnung in Höhe von knapp 800 Euro, zusätzlich werden 3.000 Euro Entschädigungsanspruch verlangt. Jeder weiß, dass ich eine kostenlose oder gedeckelte Abmahnung für mehr als angemessen und dringend erforderlich in der heutigen Zeit halte. Keine Diskussion darüber, da sind wir alle hoffentlich einer Meinung. Wir sind uns auch einig, dass eine eMail an Rene geeicht hätte, und der Screenshot wäre gelöscht worden — und was ich von der Höhe des Entschädigungsanspruchs halte, schreibe ich nicht — Selbstzensur. So viel dazu, nicht mehr und nicht weniger.

Und doch kommt man nicht drum rum, hier zu fragen, wer denn der Täter und das Opfer in diesem speziellen Fall ist. So, wie sich für mich der Fall derzeit darstellt, würde gegen die elementaren Grundrechte des Herrn K verstoßen — da gibt es auch kein Jammern und Zetern. Ich habe das Gefühl, als wollen hier 99% der Blogs, der Blogger elementare Grundrechte, das Grundgesetz, auf dem unsere Gesellschaft aufgebaut ist, für die vermeintlichen Bösen außer Kraft setzen. Mal ein kurzer Schwenk in die Politik: Jahrzehntelang wurde, auch von konservativen Kreisen, das Grundgesetz hochgehalten. Heutzutage leben wir (angeblich) in gefährlichen Zeiten (man sollte den Damen und Herren, die so argumentieren, vielleicht mal von der Zeit 1949 erzählen) — dementsprechend soll das Grundgesetz hier und da geändert, ergänzt werden, Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts werden missachtet, lächerlich gemacht, kritisiert. Man könnte den Eindruck bekommen, als sähen manche konservative Kreise das Grundgesetz als Schönwetterverfassung an — sobald es schwierig wird, kommen Ideen wie der Quasi-Verteidigungsfall auf den Tisch. Eine Verfassung jedoch, unser Grundgesetz ist nur so stark, wie sehr sie sich in schwierigen Zeiten behauptet. Ist es nur eine Schönwetterverfassung, ist sie nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben steht.

Ähnlich verhält es sich augenscheinlich in diesem vorliegenden Fall. Da wird auf so vielen Blogs gegen Schäuble protestiert, gegen die Vorratsdatenspeicherung demonstriert, der Verfassungsfeind Wolfgang Schäuble ist allgegenwärtig — es werden Grundgesetze an das BMI verschickt, man beteiligt sich an der Verfassungsklage und sobald eine Meldung bei Heise nur den Anschein hat, als hätte sie entfernt mit Privatsphäre und Datenschutz zu tun, wird der betreffende Link hin– und hergetragen. Und im vorliegenden Fall? Da beweisen die deutschen Blogs mal wieder, dass sie genau das sind, was die etablierten Medien, insbesondere die SZ, von ihr halten. So wie ich die Sache sehe, hat Rene einfach mal Mist gebaut — er hat offensichtlich gegen das Persönlichkeitsrecht des Herrn K verstoßen. Natürlich kann ich mich auch irren — aber die Damen und Herren, die jetzt aufschreien, sollten vielleicht mal die eigenen Familienmitglieder fragen, was diese davon halten würden, wenn man ein Foto von ihnen auf einem Blog veröffentlicht.

Und da müssen sich jetzt manche Blogger auch einfach mal die Frage stellen, ob sie selbst keinen Deut besser wie die sind, die wöchentlich nach Gutdünken unser Grundgesetz ändern wollen. Auch wenn es schwer fällt — der Abmahner wird genauso wie Du und ich durch eben dieses, unseres Grundgesetz geschützt. Ich kann und werde es nicht verstehen, wenn da die Leute auf einmal Grundrechte [sic!] für die vermeintlichen Täter, Bösen außer Kraft setzen wollen. In einem Land, wo Grundrechte nur für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe gilt, würde ich nicht leben wollen. Ihr? Vielleicht muss man aber einfach mal die Erfahrung machen — ich weiß, wovon ich rede, ich weiß, was es heißt verleumdet zu werden. Gerade wieder sehr frisch die Erfahrung. Die Frage, die sich nun stellt: Die deutschen Blogs, so oft von den etablierten Medien als Moloch angesehen — kritisieren sie die deutsche Politik, Wolfgang Schäuble, die Vorratsdatenspeicherung nur, weil es Quote bringt, oder aus Überzeugung? Wenn es wirklich aus Überzeugung geschieht, dann muss man fragen, wieso auf einmal diese Grundrechte für den vermeintlich Bösen außer Kraft gesetzt werden sollen. Erkennen deutsche Blogs Recht und Gesetz nur an, wenn sie der eigenen Meinung entsprechen? Schönwetterblogs sozusagen? Eine sicherlich interessante Fragestellung.

Wenn sich die Sache darstellt, wie es derzeit der Fall ist, sollte Rene einfach mal zugeben, dass er Mist gebaut hat, er sollte eine Spendensammlung ins Leben rufen — und wenn er mit dem adical-Netzwerk spricht, sollte es kein Problem sein, den Restbetrag aus dem dortigen Abmahntopf zu bekommen. Ein teurer Spaß — vielleicht, wenn Sascha sich einschaltet, ja sogar verhandelbar. Dieser Artikel im Übrigen trug erst die Überschrift — Der Mob ist los. Ich habe sie ein wenig entschärft — und doch wenn man sich die ganzen Artikel durchliest, insbesondere auch die Kommentare, bleibt die Erkenntnis, dass die SZ, die FAZ und wie sie alle heißen gar nicht so unrecht haben — selbst bei den bekannten deutschen Blogs. Sollte ich die Sache falsch einschätzen, hoffe ich natürlich, dass Rene und Sascha den Herrn K zeigen, wo der Hammer hängt — ich würde mich nach einem Erfolg mit freuen, sozusagen auf dem Tisch tanzen vor Freude. Denn eines ist und bleibt in Stein gemeißelt: Abmahnungen sind widerlich. Und jeder Mensch, der sich dieser Methoden bedient genießt bestimmt nicht meine Sympathie. Auch verurteile ich Rechnungen in Höhe von knapp 4.000 Euro, wenn eine eMail gereicht hätte. Bevor also irgendwer hier jetzt kommentiert, bitte ich darum, dies zur Kenntnis zu nehmen.

Foto: F!XMBR

14 Antworten zu “Quo vaditis liebe Blogs?”

  1. Markus sagt:

    Bitte?
    Du konstruierst hier aber IMO gewaltig und auch recht abwegig ein Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht.

    Rene kommentiert einen Medienbericht, in dem Herr Knieper ein Interview gibt. Diesen Kommentar bebildert er mit einem Standbild aus dem Beitrag.

    Vergleiche wie «vielleicht mal die eigenen Familienmitglieder fragen, was diese davon halten würden, wenn man ein Foto von ihnen auf einem Blog veröffentlicht» sind doch unpassend.
    Herrn Knieper dürfte eindeutig klar gewesen sein, daß sein Gesicht bei einem Interview für einen TV-Beitrag mit einer Kamera entsprechend in der Öffentlichkeit zu sehen sein wird.
    Standbilder zur Bebilderung von Medienkommentaren sind absolut üblich.

    Herrn Kniepers Anwalt versucht ja so etwas zu konstruieren, daß Rene einen ganz bestimmten Frame ausgewählt hätte, in dem sein Mandant ganz besonders «entstellt» aussähe.
    Das ist aber doch lächerlich, denn das ist (a) «Geschmackssache» und (b) bietet ein Beitrag mit nur mehreren Sekunden Aufnahme des Interviewten schon sehr viele Einzelbildmöglichkeiten. Wer soll hier die Entscheidungshoheit haben, welches man verwenden «darf»?

    Fast schon unangenehm ist mir Dein inzwischen sehr beliebtes Eindreschen auf die freiheitlich-demokratisch vermeintlich nicht wirklich überzeugten Blogger, die nur aus Herdentrieb div. Überwachungsszenarien kritisieren.

  2. Chris sagt:

    Bitte?
    Du konstruierst hier aber IMO gewaltig und auch recht abwegig ein Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht.

    Das wird die Zeit zeigen…

    Rene kommentiert einen Medienbericht, in dem Herr Knieper ein Interview gibt. Diesen Kommentar bebildert er mit einem Standbild aus dem Beitrag.
    Vergleiche wie “vielleicht mal die eigenen Familienmitglieder fragen, was diese davon halten würden, wenn man ein Foto von ihnen auf einem Blog veröffentlicht” sind doch unpassend.
    Herrn Knieper dürfte eindeutig klar gewesen sein, daß sein Gesicht bei einem Interview für einen TV-Beitrag mit einer Kamera entsprechend in der Öffentlichkeit zu sehen sein wird.
    Standbilder zur Bebilderung von Medienkommentaren sind absolut üblich.

    Nochmal für Dich, damit auch Du es nochmal liest:

    Auch wenn ich auf irgendeinem Kongress einen Vortrag halte, dieser Vortrag mit meinem Wissen auf Video aufgezeichnet wird und im Internet veröffentlicht wird, heißt das noch lange nicht, dass ich meine Einwilligung gegeben habe, dass einzelne Bilder aus diesem Video auf verschiedenen Seiten veröffentlicht werden. Das garantiert das Grundgesetz.

    Ich bin froh, dass dies genauso der Fall ist. Sollte ich es falsch sehen, werde ich für mich daraus Schlüsse ziehen und wie bisher jeglichen Kongress, etc. fernbleiben. Ich schließe auch nicht aus, dass ich da falsch liege, ich habe Gott sei Dank kein Jura studiert, doch interpretiere ich es so. Vielleicht anders ausgedrückt: Ich würde mir diesen (erweiterten?) Schutz des Persönlichkeitsrechts wünschen.

    Herrn Kniepers Anwalt versucht ja so etwas zu konstruieren, daß Rene einen ganz bestimmten Frame ausgewählt hätte, in dem sein Mandant ganz besonders “entstellt” aussähe.
    Das ist aber doch lächerlich, denn das ist (a) “Geschmackssache” und (b) bietet ein Beitrag mit nur mehreren Sekunden Aufnahme des Interviewten schon sehr viele Einzelbildmöglichkeiten. Wer soll hier die Entscheidungshoheit haben, welches man verwenden “darf”?

    Zusätzlich mit der Kommentierung Renes, Machenschaften, etc. ergibt sich erst ein ganzes Bild. Erzähle mir da bitte nichts anderes… 😉 Des weiteren sei auf das Stolpe-Urteil des Bundesverfassungsgerichts verwiesen.

    Fast schon unangenehm ist mir Dein inzwischen sehr beliebtes Eindreschen auf die freiheitlich-demokratisch vermeintlich nicht wirklich überzeugten Blogger, die nur aus Herdentrieb div. Überwachungsszenarien kritisieren.

    Man kann es auch Erfahrung nennen

  3. JH sagt:

    Man kann sich natürlich in diesem Fall darüber streiten, ab wann man eine relative Person der Zeitgeschichte ist und wann nicht. Ich hoffe mal, alle auf dieser Seite Abgebildeten sehen sich als absolute Personen der Zeitgeschichte oder zumindest ihre Interesen nicht die Abbildung verletzt — sprich: Ich hoffe ihr ‘baut keinen Mist’.

  4. stimme sagt:

    Hm,
    um gleich mal das Beispiel des Kongress aufzunehmen:
    Wenn du dort öffentlich einen Vortrag, der auch noch mit deinem Wissen auf Video aufgezeichnet wird, vorträgst, im Rahmen dieser Veranstaltung dann auch noch photographiert wirst und diese Video und Bildaufnahmen dann für die Berichterstattung des Kongresses verwendet werden kannst du imho recht wenig dagegen sagen das diese Bilder verwendet werden. Sollte die Formulierung oder Bearbeitung der Bilder invektiv oder anderweitig verletzend und beleidigend werden kannst du hingegen sicherlich tätig werden.

    Wie das ganze nun mit Berichten über den Prozess ausgeht kann man sich vor Gericht sicherlich streiten in wie weit das ganze schon ein Thema der Zeitgeschichte geht, gerade wenn es um Aspekte Internet/Web 2.0 Gedöns und die freizügige Anwendung von Abmahnungen geht kann ein gesteigertes Interesse der Öffentlichkeit an Bild und Videomaterial von solchen Ereignissen vorliegen.

    Recht hast du dann aber was den Kontext der Verwendung des Bildes angeht, wobei ich den Begriff Machenschaften allein noch nicht für sonderlich Ehrverletzend halte, aber das soll und muss eh ein Gericht bestimmen.

    Das der Herdentrieb hier nunmal besonders stark ansetzt mag an der Leichtigkeit liegen mit der man sich mitreissen lassen kann (und den ja doch stärker frequentierten Blogs der Zugpferde), und natürlich auch an dem Selbstbild der Rechtslage «Ist doch nicht richtig das man da so einfach massenweise Abmahnen kann!!!111elf» All die Erwähnung von M.K. in den Blogs und Foren trägt der Verbreitung der Seite (und damit auch der Bilder) auch bei, aber das ist ja noch ein ganz anderes Thema.

  5. Chris sagt:

    Person der Zeitgeschichte — wie laut soll ich lachen? 😉

  6. stimme sagt:

    Ist alles «realtiv» 😉

  7. Chris sagt:

    Da ist nichts relativ. Wenn ein paar Nasen aus dem Internet einen Namen kennen, ist das noch lange keine Person der Zeitgeschichte. Kommt mal alle wieder runter. Person der Zeitgeschichte — ich fasse es ehrlich nicht… 😀

    Jetzt hab ich doch gelacht. 😉

    Law-Blog — Personen der Zeitgeschichte

  8. Oliver sagt:

    Abseits von obigem Thema und offtopic nur auf den Law-Blog Link bezogen, finde ich es interessant, wie sich der Laie «Jurist» die Kenntnisse eins Historikers anmaßt. Es gibt Dinge, die kann man eben nicht in ein juristisches Korsett fassen! Vice versa würde man mich mit Klagen überziehen. Ich würde derlei Haarspaltereien ohnehin kippen, indem man eben die Persönlichkeitsrechte stärkt und nicht fortwährend mittels haarsträubender Argumentationen aufweicht. Als Zeitgeschichte betrachtet man all dies, was noch lebende Personen in ihrer Lebenszeit miterlebten aka Zeitzeugen.

    Aber derlei Begriffe in diesem Zusammenhang sind imho ohnehin abstrus, denn zuerst kommt der Mensch und das muß man völlig wertfrei betrachten.

  9. Phil sagt:

    Du wirst Post von meinem Anwalt bekommen, da Du ein Bild von mir in Deinem Artikel verwendest! 😉

  10. Oliver sagt:

    Du bist ein Murmeltier? 😀 😉

  11. Chris sagt:

    Eigentlich war ich ja immer der Meinung, das ist ein Erdmännchen — aber wenn ich mir die Bilder bei der Wikipedia anschaue

    Nächstes Mal bei Hagenback drauf achten.

    Und ja, das war auch Off-Topic… 😀

  12. stimme sagt:

    |Aber derlei Begriffe in diesem Zusammenhang sind |imho ohnehin abstrus, denn zuerst kommt der Mensch |und das muß man völlig wertfrei betrachten.

    Dein Wort in Gottes Ohr, aber die reale Welt und so wie sie von der Justiz gesehen wird ist nunmal nicht die gleiche…

    @Chris: hier hast du ein Erdmännchen: http://tiny.cc/zuh0E mit by-nc-nd, wobei du das nd in dem Fall auch einschränken darfst, sprich zurecktschneiden 😉

  13. Phil sagt:

    [off:topic] Puh, jetzt habe ich tatsächlich auch mal bei Wikipedia schauen müssen… Eindeutig kein Erdmännchen.
    [on:topic] Zu derlei ach so beliebten A-Blog-Themen äussere ich mich prinzipiell nicht. Nur insofern, dass jeder für sein Handeln selbst verantwortlich ist. Und Abmahnungen sind älter als das Internet selbst.

  14. Supermann sagt:

    Err,

    man kann davon ausgehen, dass ein paar mehr «Internetnasen» die besagte Person kennen, wenn der Beitrag auf plusminus gesendet wurde.

    Siehe dazu auch den Fall Tron vs. Wikipedia, wo die Eltern erfolglos versuchten, dass der Realname des verstorbenen Hackers aus dem Artikel gelöscht wurden. Ich solperte erst über diesen Zusammenhag, als es in der Presse breitgetreten wurde. Vorher kannte ich ihn nicht. Und vielen anderen dürfte es ähnlich ergangen sein.

    Mich würde es nicht wundern, wenn der Anwalt eins aufs Dach bekommt.

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