Pro Krise

murdelta mit dem Dent des Tages:

Ich habe gestern Abend länger mit meinem Onkel telefoniert. Selbstständig als Programmierer für den Maschinenbau, 2 Kinder, ein Häuschen im Grünen, Mitglied im Kirchenvorstand und selbstverständlich FDP-Wähler.1 Und einer der liebsten Menschen, die ich kenne. Wenn wir beide miteinander diskutieren, kann es durchaus heiß hergehen — es ist schon passiert, dass wir nach einem Gespräch 4 Wochen nicht mehr miteinander gesprochen haben. Gestern musste ich mal wieder ein paar Realitäten gerade rücken.

Mein Onkel hat gerade einen Großauftrag abgeschlossen — mit Nachfolgeaufträgen sieht es im Moment eher schlecht aus. Das macht aber auch gar nichts — wenn vorher die Auftragsbücher sehr gut gefüllt waren, gespart wurde, kann man schon mal ein paar Monate überbrücken. Und so lästerte mein Onkel darüber, dass ich morgen wieder los muss, mein Brötchengeber erwartet mich, während er auch mal ausschlafen kann. Sonst bin ich immer am Lästern.

Etwas ließ mich dann aber aufhorchen — wurde doch gesagt, im Herbst gehe es wieder aufwärts. Zumindest hatte mein Onkel das in unserer Qualitätspresse gelesen. Dem musste ich natürlich widersprechen. Im September sind Bundestagswahlen — glaubt wirklich irgendwer, dass bis zum September die wirklichen Horrormeldungen veröffentlicht werden? Ich denke nicht. Sobald wir die Wahl haben über uns ergehen lassen, Merkel und Steinmeier die Fortführung der Großen Koalition ausrufen, gehen wir in einen eiskalten Herbst über. Dann wird uns die Weltwirtschaftskrise voll treffen. Dann wird auch die Politik ihre hässliche Fratze zeigen.

Was hören wir heute zum Beispiel zum Thema Opel? Nur positive Schlagzeilen. Der Kandidat will Opel retten — mit einem 10-Punkte-Plan. Und die Kanzlerin erst — wird in Rüsselsheim schon Angie gerufen. Wenn man dann aber die Reden der beiden liest, wird man schnell feststellen, dass die Opelaner von der Politik nichts zu erwarten haben. Sobald GM in den USA fällt, fällt Opel mit. Sich jetzt auf die butterweichen Zusagen der Politik zu verlassen, heißt sich selbst eine Kugel in den Kopf zu jagen. Natürlich bildlich gesprochen. Opel wird untergehen und die Mitarbeiter, die jetzt Initiative zeigen, haben vielleicht noch eine Zukunft.

Oder nehmen wir aktuell ein Interview auf SpOn mit dem einflussreichen US-Ökonom Adam Posen. Über Angela Merkel sagt er: Sie scheint Grundlagen der Wirtschaftspolitik nicht zu verstehen. Sie scheint nicht zu verstehen, dass mehr staatliche Konjunkturprogramme kurzfristig bei der Krisenbewältigung helfen. Sie versteht nicht, wie sehr diese Krise Europa und vor allem Deutschland schon bald treffen wird. Sie versteht nicht, wie dringend notwendig ein globales Konjunkturpaket ist. Nun muss Angela Merkel führen und die richtigen Entscheidungen treffen, Fachkenntnisse kann man wohl kaum erwarten — dafür hat sie ihre Berater. Doch auch hier scheitert es, wie die FTD berichtet: In unserem Land sind bekennende Deregulierer am Werk — um für Regulierung zu sorgen. Perfider geht es kaum.

Im Moment geht es uns noch richtig gut, wir sind noch auf der Party am Feiern. Der Kater hat bei uns noch gar nicht richtig zugeschlagen. Die Tränen folgen erst nach der Bundestagswahl — dann hat man in Berlin erst einmal 4 Jahre Ruhe vor dem Wahlvieh. Wer das ganze dann anschaulich, mit Fakten unterlegt, unterhaltsam präsentiert bekommen möchte, dem sei WEISSGARNIX und der kleine Bruder auf der FAZ, Chaos as usual, empfohlen. Danke Chris, dass Du mir mal wieder den Kopf gerade gerückt hast. Gern geschehen. Nun heißt es aber: Raus und Aufträge an Land ziehen. 😉

  1. Könnte also auch mein Bruder sein. 😀 []

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Eine Antwort zu “Pro Krise”

  1. kobalt sagt:

    «Die Tränen folgen erst nach der Bundestagswahl»

    Mir fällt derzeit keine Partei ein, der ich meine Stimme geben würde. Nicht einmal die Partei, für die ich sonst stimmte weil sie das kleinere Übel war, erscheint mir wählbar. Mir ist es, als gäbe es «das kleinere Übel» derzeit nicht.

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