Prag, 30. September 1989 — Immer noch Gänsehaut

Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise… (via)

Die Wiedervereinigung, die mit diesem Worten Hans-Dietrich Genschers begann, ist das größte Glück der Deutschen in der jüngeren Geschichte. Ich war damals 16 Jahre alt und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich fasziniert vor dem Fernseher saß, die Menschen feiern sah, eine Gänsehaut bekam. Ich habe noch gelernt, dass es zwei deutsche Staaten gab — dass diese wieder zusammenwachsen würden, konnte an dem Abend noch niemand erahnen. Der Rest ist eines der größten Märchen des deutschen Volkes…

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15 Antworten zu “Prag, 30. September 1989 — Immer noch Gänsehaut”

  1. Jürgen sagt:

    Das „Wieder“ in „Wiedervereinigung“ ist ein schwerer Denkfehler. Ich war damals vier Jahre älter, wählte die Grünen, und die DDR war für uns ganz schlicht Ausland. Als Berlin per Bundestagsbeschluß zur Bundeshauptstadt wurde, war für uns konsequenterweise klar, daß das nicht mehr unser Land sein würde. Eher kurios ist dagegen, daß gerade die SPD (sorry, an die muß ich jetzt denken…), die damals in den 80ern mit gemeinsamen Erklärungen etc. die Nähe zur SED gesucht hatte und auch mehrfach gemeinsame Gespräche in der DDR geführt hatte (und deshalb gerade vom Stahlhelmflügel der CDU angefeindet worden war), heute ausgerechnet mit der Linkspartei nicht zusammenarbeiten möchte. Merkwürdig…

  2. Antje sagt:

    @Chris
    ja, wirklich Gänsehaut. Ich kann mich noch sehr gut an die Bilder erinnern. Da strömten so viele Menschen in die deutsche Botschaft in Prag, dass die Situation gar nicht mehr richtig beherrt werden konnte. Das war — versorgungstechnisch — ein ziemliches Chaos, auch, weil dort so viele Kinder waren. Ich war nach der Wende mehrmals in Prag und jedesmal bin ich um das Botschaftsgelände herum, um hinten am Zaun zu stehen. Im Garten der deutschen Botschaft in Prag steht eine Skulptur zur Erinnerung. Ein Trabi auf menschlichen Beinen, sehr schön! Klick

  3. Antje sagt:

    …sollte beherrscht werden heißen :-)

  4. Antje sagt:

    Noch eine Ergänzung. Spannend war auch, wie misstrauisch die damaligen DDR-BürgerInnen waren (und wie geschockt teilweise), als sie erfuhren, dass sie mit dem Zug nochmal durch DDR Gebiet fahren müssen, um auszureisen.

  5. Oliver sagt:

    Bewegt mich elenden Teilzeit-Misanthrop damals so wenig wie heute.

  6. tschill sagt:

    Als ich kurz zuvor in Ungarn war, habe ich mir mit unseren ungarischen Bekannten die Nachrichten angeschaut. Da haben die Leute so Sachen in die Mikros gequakt, daß es in der DDR keinen richtigen Joghurt gäbe und man deshalb über die Grenze gehen würde. Meine Bekannten haben mich fragend angesehen. Ich habe mich geschämt, aber nicht wegen ihrer Blicke.

    Wenn wir schon beim Thema sind — sagt heute eigentlich noch irgendwer Bundesrepublik oder heißt das einfach nur noch Deutschland?

  7. Jürgen sagt:

    Ich erinnere mich übrigens auch noch gut an die Zweiklassengesellschaft DDR: Die einen fuhren zusammengekauert und von unserer Warenwelt und der Dynamik unseres Straßenverkehrs anscheinend völlig überwältigt im geradezu steinzeitlichen Trabbi, die anderen waren schon damals weitgereist, weltläufig, studiert, fremdsprachig, kulturinteressiert — und fuhren Lada. Dreimal darf man raten, zu welcher Gruppe unsere heutige Bundeskanzlerin damals gehörte. Klassengesellschaft à la Ost. Heute im Feuilleton als «Turm» verklärt. Nein, ein Märchen war das wirklich nicht. Es war ziemlich harte Realität für alle Beteiligten.

  8. […] von „Wiedervereinigung“, „Gänsehaut“, „Glück“, „Märchen“ und „Volk“ verklärend die Rede ist, erinnere ich mich an die Ereignisse eher […]

  9. anonym sagt:

    Daran kann ich mich nicht erinnern, war damals erst 6.

    Aber an der Mauerfall war tatsächlich selbst für mich als kleines Kind ein einschneidendes Erlebnis. Ich weiss noch wie meine Eltern gebannt vor dem Fernseher saßen und mir auf meine Frage gesagt haben was passiert ist. Nicht, dass ich es damals verstanden hätte. 😉 Aber die Bedeutung war trotzdem irgendwie klar und hat sich bis heute in meinem Gedächnis verankert.

  10. Anonymous sagt:

    @anonym: schön gesagt, mir ging es ebenso im Alter von 10 Jahren, allerdings in den USA und ohne jegliche Kentnisse von den dahin führenden Ereignissen.

  11. Yuggoth sagt:

    (Ich entschuldige mich jetzt schon mal im Voraus für meine groben Vereinfachungen und die Hitlerkeule.)

    Wie weit ist «Es wächst zusammen, was zusammen gehört» von «Wir wollen ein Volk sein» wirklich entfernt? Warum ist das eine so beliebt, und das andere so verschriehen?

    Diese Wiedervereinigung und die DDR-Geschichten werden benutzt, um die deutsche Nation als rückwärtsgewandte Blutsgemeinschaft zu konstruieren. Warum gehören wir zusammen — weil wir gemeinsame Ahnen haben oder weil uns die Werte hier interessieren? Leben wir in einer Wertegemeinschaft oder in einer Abstammungsgemeinschaft? Anscheinend können wir ja nicht einmal eine echte Verfassung verabschieden, weder 49 noch 90. stattdessen sprechend wir vom deutschnationalen volk, was die vorläufige verfassung durch wahlen legetimiert. mir gefällt das nicht besonders.

    Die Annektion von Österreich fanden damals anscheinend auch alle ganz großartig. Aber das ist natürlich überhaupt nicht vergleichbar, oder doch?

    Deutschland (oder meinetwegen die BRD) sollte endlich einmal nach demokratischen Regeln verfasst werden und den Mythos der Nation nach den Vorbildern Frankreich oder USA reformieren. Alles andere ist ein Nährboden für rassistische Blut-und-Boden-Soße.

    Nationalismus und Rassismus müssen nicht konform gehen.
    Sie tun es aber, wenn man diesen ganzen Schmuh ohne kritische Distanz nachlabert, egal wie schlimm das SED-regime auch gewesen sein mag.

    @tschill: Die NPD legt da ganz groß Wert drauf, dass es BRD heisst.

  12. Jens sagt:

    Die BRD, eine OMF?

  13. fabfabfab sagt:

    der schirmherr war übrigens neben genscher herr tillich.
    was hat der denn vor 20 jahren gemacht?

  14. Frank sagt:

    Ließ mich damals mit 21 kalt, und so ist es auch heute noch. Die anachronistischen antikommunistischen Feierlichkeiten täuschen heute nur darüber hinweg, dass nach 20 Jahren Aufschub durch neue Märkte nun auch das angeblich siegreiche System an sein wohl verdientes Ende gelangt ist. Damals stürzte der Staatssozialismus, heute der Kapitalismus.

  15. Rob sagt:

    Ich hab das damals kaum mitbekommen, hatte mir zum Studium einen Vollzeitjob angelacht. Das war damals Ausland, fremder als Italien oder die Türkei. Deshalb hatte ich zuerst nur einen Gedanken: es wird doch eher einen Zusammenschluß mit Südtirol geben als mit dem Osten…

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