Potential verfehlt

StiftJohannes Boie hat für jetzt.de einen Text verfasst, mal wieder über die böse, anonyme [sic!] Blogosphäre. Der Text hätte wirklich Potential gehabt, und zwar in dem Punkt, an dem er von den sogenannten A-Bloggern, wie Stefan Niggemeier und Thomas Knüwer angegriffen wird und ohne Möglichkeit zur Reaktion sich wie von einem Mob verfolgt fühlt. Dieses Problem habe ich hier auch schon dargelegt. Nicht umsonst hat das LG Hamburg so geurteilt, wie es geurteilt hat. Stefan Niggemeier nimmt seine Verantwortung allein durch seine provokante Ich-weiß-alles-besser-Schreibe, und das grenzwertige Kommentare ohne Prüfung veröffentlicht werden, meiner Meinung nach kaum wahr. Das ist aber nur eine persönliche Einschätzung, ich kann mich irren. Herr Niggemeier sollte mal überlegen, warum er auf dem BILDblog keine Kommentare zulässt — das Klientel, die Kunden überschneidet sich in großen Teilen. So sehr der Ansatz von Johannes Boie passt, wirklich klasse ist, so sehr folgt er dann dem falschen Weg. Follow the white rabbit. Neo ist den richtigen Weg gegangen. Johannes Boie verliert sich im Folgenden in Nebensächlichkeiten und in — teilweise — faktischem Blödsinn.

Johannes Boie beschreibt zu Beginn, wie es ihm erging, nachdem er diesen Text verfasst hat. Oliver hat den Text hier auseinandergenommen — es war Vieles richtig, was angesprochen wurde, doch wer im Glashaus sitzt, sollte dann doch nicht mit Steinen werfen. Die Medien trifft ebenso eine Schuld an der derzeitigen Situation, wie die Blogs selbst. Wer immer wieder den gleichen Bloggern hinterher läuft, immer wieder die gleiche blödsinnige Propaganda weiterträgt, muss sich nicht wundern, wenn er nicht ernst genommen wird. Der überwiegende Großteil der deutschen Blogs kann und will sich nicht mit den Aussagen der wenigen Blogger da oben identifizieren. Warum auch. Die Aussagen Weniger sollten nicht auf das Ganze projiziert werden — aber der Fehler geschieht ja häufiger. Das aber nur am Rande — vielmehr beschriebt Johannes Boie, wie Stefan Niggemeier eine Mail schickte, er nur kurz reagieren konnte, da er unterwegs war. Stefan Niggemeier veröffentlichte dann die Mail — und schickte seinen Mob los, wie ich es immer nenne. Sprich seine Kommentatoren waren losgelassen. Und natürlich die ach so gute Blogospähre — auch da wiederhole ich mich: Unreflektiert wird da wirklich alles weitergetragen. Selbst bei den schwachsinnigsten Artikeln kommen bei den A-Bloggern zig Trackbacks zusammen.

Wenn es stimmt, was Johannes Boie schreibt, wirft das natürlich ein völlig neues Licht auf das Verhalten Stefan Niggemeiers. Diese Methoden, friss oder stirb, rede jetzt mit mir, kennt man sonst nur von der BILD. Gestern bin ich gerade wieder auf so eine Sache gestoßen worden: Die BILD hatte Fotos von Oliver Geissen und Christina Plate — ein Anruf. Sagt was oder wir bringen die Fotos mit unserer Interpretation. So wird die Love-Story des Jahres zumindest hier in Hamburg überliefert. Johannes Boie beschreibt sehr eindrucksvoll, wie er nicht reagieren konnte, weil er unterwegs in deutschen Landen war — und als er endlich an einem PC sass, war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Auch die Methoden Thomas Knüwers sehen wir nach den Beschreibungen auf jetzt.de in einem ganz anderen Licht. Eine oberflächliche Google-Recherche anscheinend. Und dennoch lieber Johannes Boie: So gut ich die Wut verstehen kann, es war dann doch nur ein sachlicher Fehler, eine provokante Spitze und auch die Beleidigung war keine, sondern sollte wohl lediglich durch Provokation eine Reaktion hervorrufen. So interpretiere ich zumindest den für einen Thomas Knüwer — sicherlich — fragwürdigen Kommentar, wenn er denn so gefallen ist. Johannes Boie hätte gerne auf die eine oder andere Sache reagiert. Es ist aber mehr als verständlich, wenn er schreibt: Ich hatte keine Lust mehr, mit Tagen Verspätung in die Debatte, in der ich hart und grundlos beschimpft wurde, einzusteigen.

Und genau an diesem Punkt seines Textes hätte Johannes Boie weiter ansetzen müssen. Genau hier bestand die Chance, zwei der ach so großen A-Blogger einmal zu demaskieren, einfach auch mal deren Worte und Methoden in Frage zu stellen. Genau hier hatte der Text ein enorm großes Potential. Doch leider verflüchtigt sich dann der Text in seltsamen und obskuren Anschuldigungen in Richtung anonymer Blogger und Kommentatoren. Die Welt der Blogs und Foren besteht nämlich längst in weiten Teilen aus Orten, in denen anonym beleidigt, gehasst und Dummes geredet wird. Das ist schlicht und ergreifend falsch. Durch das TeleMedienGesetz, welches Anfang 2007 in Kraft getreten ist, ist jedes Blog in Deutschland verpflichtet, ein Impressum zu führen. Natürlich gibt es da auch diverse Bloganbeiter  — aber diese kann man bei Rechtsverstößen ebenso in Kenntnis setzen, wie den Betreiber eines Blogs mit Impressum. Johannes Boie skizziert hier das Internet, wie es auch von der Politik genutzt wird, um unsere freiheitlichen Rechte weiter einzuschränken. Es ist schon sehr beschämend, dass so ein Blödsinn einen Tag vor Inkrafttreten der Vorratsdatenspeicherung veröffentlicht wird. Johannes Boie verbreitet hier mit Inbrunst die Mär von der Fernuniversität des Terrors.

Das ist sehr schade — denn gerade in Deutschland ist man online beileibe nicht mehr anonym. Wenn ihm ein Kommentar nicht gefällt, kann er sich jederzeit an den Blogbetreiber wenden. Der ist im Zweifelsfall immer Mitstörer. Und Trolle gibt es schon, seit es die Möglichkeit gibt, online zu kommunizieren. Auf diese muss man sich schlicht und ergreifend einstellen. Lieber einen Kommentar zu viel löschen, als einen zu wenig — so zumindest das Credo hier auf F!XMBR. Da wird sich auch nicht geärgert, großartig drüber nachgedacht, einfach der Löschknopf gedrückt und gut. Ich würde aber niemals diese anonymen Vollpfosten auf das gesamte Internet übertragen. Auch wenn es immer schwieriger wird, am Wissensnetz teilzunehmen, so weiß ich doch, dass das Internet weitaus mehr zu bieten hat, als profane Blogs oder schlechten und oberflächlichen Journalismus. Nur weil die SZ das Kommentar-Problem nicht in den Griff bekommt, nur weil Johannes Boie Kommentare auf anderen Blogs nicht gefallen, ist nicht das gesamte Internet eine Fernuniversität des Terrors. Ganz klare Sache. Hier wird meines Erachtens aus der Unfähigkeit der eigenen Redaktion, die eigene, teils durchaus verständliche, Wut, auf das gesamte Internet übertragen. Sehr schade.

Der Artikel auf jetzt.de hatte echtes Potential — nur leider wendet er sich im Hauptteil einem Nebenkriegsschauplatz zu. Vielleicht ist es die Angst vor der eigenen Courage gewesen, Abstand davon genommen zu haben, Stefan Niggemeier und Thomas Knüwer mal so richtig die Meinung zu geigen — selbst schuld. Der nachfolgende Text lässt sich unter typisch ängstlicher Journalismus, an der Realität vorbei einordnen. Gerade in Deutschland ist es kaum noch möglich, seine Meinung direkt zu äussern — jedes einzelne Wort will überlegt sein, sonst steht eine Gerichtsverhandlung an. Gerade bei Bloggern ist dies immer und immer wieder der Fall. Und vielleicht sollte Johannes Boie mal die eigene Rechtsabteilung fragen: Publizieren wird in Deutschland immer mehr zum Vabanquespiel — auch die Kollegen Niggemeiers der FAZ sind da mit dem Instrument einstweilige Verfügung schnell bei der Hand.1

Die Blogger als anonyme Masse hinzustellen, ist schlicht und ergreifend falsch und ich denke auch bewusst gelogen um ein bestimmtes Bild zu skizzieren. Anders sieht es naturgemäß mit den Kommentatoren aus — doch auch da reicht es, den Blogbetreiber positiv in Kenntnis zu setzen. Der muss dann reagieren. Trotzdem wir hier rigide durchgreifen, ist mir das auch schon passiert. Und wenn man im eigenen Haus das Kommentar-Problem nicht in den Griff bekommt und sich einfach auch ein stückweit lächerlich macht, dann kann ich auch nicht weiter helfen. In einem Arbeitszeugnis würde nun stehen: Herr Boie hat sich bemüht. Leider blieb es dabei. Aber vielleicht folgt noch ein weiterer Artikel — zum Beispiel über die Methoden und Ausführungen mancher A-Blogger. Die werden in unserem Land viel zu unkritisch gesehen. So ein Artikel hätte Potential. Angst vor der eigenen Courage, Herr Boie? 😉

Bild: Open Clip Art Library

  1. Ist eigentlich überliefert, wie Stefan Niggemeier über seine Kollegen denkt. Und ja, dies war eine rhetorische Frage… []

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15 Antworten zu “Potential verfehlt”

  1. Oliver sagt:

    Operation Heiße Luft, ein recht lesenswerter Artikel auf Telepolis, der unsere Vermutung bezüglich «des KiPo Skandals» bestätigte. Einer laber Müll und der Rest der «professionellen» Witzfiguren schreibt ab und fügt gar noch «Details» hinzu, die der ureigenen Fantasie entsprangen. Diese Enten, gibts mehrmals im Jahre, in der Wissenschaft würde man derlei «Recherche» mit Verachtung strafen. Dumm leider nur das die Bevölkerung immer noch diesen Schmierfinken Glauben schenkt. Diese unsäglichen Tiraden, insbesondere von der Sueddeutschen, zeigen nur eines: man ist fertig und die Legion von Praktikanten sucht sich besser einen anderen Job.

    Kurzum auf gut Deutsch: wenn Blogs scheiße sind, dann kopieren sie nur diese Vorbilder der alten Medien und da kann ehrlich gesagt nichts bei rum kommen.

  2. Ich habe mir den Text durchgelesen. Also diesen UND den von Herrn Boie. Wenn da nicht dieses Sache mit der angeblichen Anonymität des Bloggers wäre — ein guter Text. Er enthält viele Punkte, die, sofern Selbstkritik als Bestandteil des Bloggens vorhanden, als sehr treffend verstanden werden können. Ich glaube auch, dass Bloggersdorf viel wohnlicherer und für Nichteinwohner interessanter wäre, wenn diese permanente Selbstzerfleischung der Blogger nicht Tag für Tag ihre Hauptmahlzeit wäre. Aber vielleicht muss ja auch so sein. Als D-Blogger bin ich der Sache wahscheinlich intellektuell nicht unbedingt gewachsen. Ansonsten: Alles Gute für 2008.

  3. Oliver sagt:

    >wenn diese permanente Selbstzerfleischung der Blogger nicht Tag für Tag ihre Hauptmahlzeit wäre

    Ich denke wenn man diese Umfeld sucht, wird man es auch finden — mein Kontext ist es nicht.

    Ich denke einfach Herr Boie u.a. haben zu tief in den Spiegel geschaut. Und Bloggersdorf ist nicht mehr als das Netz, ein Teil der Gesellschaft.

  4. Dem stimme ich zu.

  5. Wallenstein sagt:

    Ihr verhindert auf diesem Blog durch das Löschen aller unliebsamen Kommentare jegliche kontroverse Diskussion. Das ist, meiner Meinung nach, auch keine Lösung des «Kommentar-Problems».

  6. Chris sagt:

    Blödsinn. Auf diesem Blog gibt es zig kontroverse Diskussionen. Nur setzen wir auch einiges voraus. Niveau zum Beispiel. Menschsein insbesondere. Wenn das nicht klappt — dann klappt es auch meist nicht mit dem Kommentar. Eigentlich ganz einfach. Unser Wohnzimmer, unsere Regeln. Wenn es nicht gefällt, oben rechts ist das X.

  7. Oliver sagt:

    Chris, die Leute kennen nur die Kiddie Blogs mit den 100 Lesern pro Woche und den üblichen 10 Kommentatoren, da macht das Löschen von Kommentaren schon was aus in puncto Gehalt. Aber bei uns können wir einfach Zahlen sprechen lassen, so wie jedes größere Blog:


    Blogstatistik

    Es gibt zur Zeit 3,789 posts und 17,581 comments in 31 categories und 10 tags.

    Von diesen knapp 18.000 Kommentaren müssen ja logischerweise entweder die meisten von uns stammen oder aber das sind alles loyale Jünger 😀 Ach ja und für die bald 4000 Artikel haben wir extra Angestellte.

    Ein klarer Fall also das hier nur in puncto Niveau gefiltert wird, rechte Deppen, Grundschüler etc. dürfen anderswo spielen — bei uns eben nicht. Lohnt sich auch nicht zu diskutieren, wenn die Wissensbasis fehlt.

  8. Jetzt muss ich aus dem Urlaub doch mal kurz was einwerfen. Ich hab keine Probleme, wenn mir jemand «die Meinung geigen» möchte (Wobei ich mich frage, weshalb Sie so erpicht darauf sind. Haben wir ein Krösken miteinander?) Aber bitte nicht mit dieser Geschichte. Ich habe einen Kommentar abgelassen, der einfach schlecht und übertrieben war. Und nachdem ich das eingesehen habe, habe ich Herrn Niggemeier gebeten, diesen zu löschen. Das ist kein Skandal, sondern Selbsterkenntnis und ich würde jederzeit wieder so handeln. Und eigentlich sollte das auch normal sein, oder übersehe ich irgendwas?

  9. XiongShui sagt:

    Was (ganz allgemein) vielen Artikelschreibern und Kommentatoren nicht einzugehen scheint, ist die Tatsache, daß das, was im Netz veröffentlicht wird, genauso zu sehen ist, wie ein öffentlicher Vortrag auf dem belebtesten Platz einer Stadt zur Hauptverkehrszeit. Mit dem kleinen Unterschied, daß man im Netz noch mehr Menschen erreicht.

    Das alle diese Adressaten des öffentlichen Auftritts wohl gesonnen, verständig oder auch nur gutwillig sind, kann wohl niemand ernsthaft voraussetzen. Daraus ergibt sich, daß jeder, der eigene Texte veröffentlicht, sich darüber klar sein muss, «Öl in das Feuer zu gießen in dem er selbst gegrillt wird» (Zitat: Terry Pratchett). Wer dann mit Larmoyanz reagiert, so wie Herr Boie im hier diskutierten Text, hat kein Mitleid verdient.

    Es wäre eine Gelegenheit gewesen, sich sachlich und, um zu zeigen es besser zu können, fundiert mit der kritisierten Praxis und evtl. deren Protagonisten auseinanderzusetzen. Diese Chance ist vertan. Stattdessen das übliche Kindergartenspiel: «Meine Förmchen sind schöner als Deine». Schade.

    Das Ganze wieder ein Lehrstück darüber, daß in der Blogszene noch reichlich Entwicklungspotential vorhanden ist; sowohl bei den «reinen» Bloggern, als auch bei den Bloggern mit «journalistischem Hintergrund». Das alles völlig unabhängig davon, ob es im Netz nun Anonymität gibt, oder nicht.

    p.s.
    Zitat aus dem «Handbuch des erfolgreichen Bloggers»: «Der kluge Mann sucht sich diejenigen, von denen er sich beleidigen lässt, sehr sorgfältig aus.»

  10. Chris sagt:

    @Thomas: Ich habe Deinen Kommentar nicht verurteilt. Im Gegenteil. Lesen bildet. Manchmal reicht da schon der ganze Artikel. 😉 Und ja, ich mag «leicht» angefressen sein ob Deiner Praktik mit unliebsamen Kommentaren umzugehen. Ich hab überhaupt kein Problem damit, wenn ein Kommentar gelöscht wird — das passiert hier auch schon mal. Aber, so wie Du es machst, den Text zu löschen, da selbst irgendwas von Beleidigung reinzutippseln, Name, Verlinkung stehen zu lassen. Das gefällt mir gar nicht. Das muss ich mir nich antun. Das aber nur am Rande. Wenn Du oben noch einmal in Ruhe liest, wirst Du feststellen, dass die Reaktion auf jetzt.de auf Deinen Kommentar IMHO völlig übertrieben ist. In einem hat Johannes aber recht: Schreibt irgendwer auf der SZ, der FAZ, dem FKK oder sonstwer über die ach so tolle Blogosphäre, ruft das bei Dir den Pawlow hervor… 😉

    @XiongShui: Was für ein Geschwurbel. Das hätte man auch in einem Satz zusammenfassen können… 😀 Aber: D’accord…

  11. XiongShui sagt:

    @Chris:

    Ist das jetzt der Betatest meiner Bereitschaft, selbst gegebene Ratschläge zu befolgen? 😉

    Natürlich hätte man das in einem Satz sagen können — ich hätte auch garnichts sagen müssen, allerdings lebt der Dialog von Beiträgen. Und wenn wir das Netz und die Blogosphäre insgesamt als Social Network begreifen, müssen wir gelegentlich schwurbeln oder Geschwurbel ertragen…

    p.s.
    Zitat aus dem «Handbuch des erfolgreichen Bloggers»: Lasse Dich niemals unter «man» subsummieren, bestehe immer auf eigenständiger Existenz.»

  12. […] XiongShui: @Chris: Ist das jetzt der Betatest meiner Bereitschaft, selbst gegebene… […]

  13. Chris sagt:

    Nur ein kleiner Witz, ich gehe ja d’accord… 😉

  14. […] Oberflächlichkeit” schreibt Johannes Boie für jetzt.de. Dazu kommentieren F!XMBR (”Potential verfehlt“), die Schnipseljagd (”Anonymes Grundrauschen“), Deutschland-Debatte (”Die […]

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