Post-Privacy oder die Selbstaufgabe

In letzter Zeit vernimmt man desöfteren die Mär, um die sogenannte «Post-Privacy», also diese Zeit «nach der Privatsphäre». Hauptsächlich wird diese von jenen propagiert, die ein existenzielles Interesse an den zu «befreienden» Daten besitzen, diese in eine «erweiterte Öffentlichkeit» überführen möchten — «freie Fahrt, für freie Surfer». Daß in diesem Bereich Journalisten wie Jeff Jarvis federführend sind oder andere gar glauben mit der Diskussion um einen stetigen Kontrollverlust quasi eine selbsterfüllende Prophezeiung losstoßen zu können, ist somit recht einleuchtend.

Der Glaube jedoch an den stetigen Kontrollverlust, ist oftmals nicht mehr als selbstverschuldete Inkompetenz und mündet in der Selbstaufgabe — siehe Post-Privacy, sowie einer Art Vorwärtsverteidigung bezüglich des eigenen «Versagens». Dabei kann man diesem Umstand recht einfach mit Wissen begegnen, Bildung der eigenen Person, Aufklärung anderer, Aktion eben. Kontrollverlust und «Post-Privacy» haben etwas von «höherer Gewalt», doch dem ist nicht so. Wenn man ehrlich gegenüber sich selbst ist, wird man recht schnell erkennen, was selbstverschuldet ist und was oktroyierter Kontrollverlust seitens der Gesellschaft darstellt. Wobei auch hierbei eines klar ist: das Individuum ist ein Teil der Gesellschaft und somit ebenso teilhaftig an dem etwaigen Kontrollverlust der postwendend von dieser diktiert wird.

Delegiert man zuviel, endet dies in einer Art von Unmündigkeit. Wir erleben dies seit einiger Zeit in der Politik, mit unserem Kreuz am Wahltag, stoßen wir nur noch einen Prozeß an, ohne diesen jedoch nachhaltig beeinflussen zu können. Ähnlich sieht man diese Vorgehensweise in wirtschaftlichen Gefilden, wir verteilten und verteilen weiterhin Persilscheine ob Fortschritts und Gewinnsucht und anstatt nun unser Recht einzufordern, geben sich einige der Selbstaufgabe hin und propagieren eine utopische Welt. Man predigt die Vorteile, ohne auf die Nachteile einzugehen, man erzwingt eine «erweiterte Öffentlichkeit» und nimmt einen massiven Kollateralschaden willig in Kauf, ob biederer Absichten bzw. eines hausgemachten Realitätsverlustes.

Der Mensch hatte von jeher ein Bedürfnis nach Privatsphäre, man kann dies gar bis zum Neolithikum zurückverfolgen und selbst im Tierreich ist diese Praxis offenkundig. Privatsphäre ist ein Refugium für den Geist, man kann sich zurückziehen und Kräfte sammeln. Der stetige Ausbau dieser sogenannten «erweiterten Öffentlichkeit» wird irgendwann einen gesellschaftlichen Kollaps heraufbeschwören. Dieses stetige «Vorhandensein», immer irgendwie anwesend zu sein ohne Möglichkeit zum Rückzug, führt letztendlich zum bekannten Burnout-Syndrom. Dies ist nicht nur ein Phänomen der Arbeitswelt, auch die Gesellschaft als solche kennt dieses Krankheit … Datenflut und mangelnde Fähigkeit zum Rückzug sind ursächlich zu nennen.

«Weniger ist mehr», ist daher ein Kredo ganz besonderer Güte in der heutigen Zeit. Weniger Datenflut begrenzt den medialen Überfluß, weniger Datenflut schafft gleichsam auch mehr Refugien für das Individuum, weniger von all den genannten Dingen macht Datenschutz teils redundant, da keine anfallenden Daten auch keine Begehrlichkeiten wecken und somit keines Schutzes bedürfen. Daten in diesem Zusammenhang sind keine abstrakte Größe, hinter jeder dieser Daten stehen Menschen und wenn man diese erst einmal zur Sache abstrahiert hat, erlebt man weniger einen Kontrollverlust, sondern macht sich schuldig gegenüber seinen Mitmenschen.

If there is such a phenomenon as absolute evil, it consists in treating another human being as a thing.

–John Brunner

Bild: «Big Brother», Wikimedia Commons, Public Domain

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7 Antworten zu “Post-Privacy oder die Selbstaufgabe”

  1. plomlompom sagt:

    «Der Mensch hatte von jeher ein Bedürfnis nach Privatsphäre, man kann dies gar bis zum Neolithikum zurückverfolgen» — da würden mich mal mehr Details interessieren! Danke im Voraus.

  2. Nun, man muß sich als erstes davon lösen, daß die Menschheit sich entlang einer Skala entwickelte. Sprich heute hochentwickelt, damals gerade mal «jenseits vom Affen». Dies ist schlichtweg falsch und eben völlig veraltetem Wissen geschuldet, welches als sogenannte «Standardwerke» seit 100–150 Jahren immer noch im Lehrmaterial auftaucht und die Basis für weitere Arbeiten liefert. Derart alte Zöpfe, vielleicht nicht immer in dieser Größenordnung, kennt wohl jede Disziplin.

    Natürlich lebten Menschen zusammen, der Mensch braucht die Nähe — damals wie heute — und dennoch mag er sich zeitweise zurückziehen. Das Paläolithikum kannte beispielsweise die Wohnhöhlen, in welchen der gesamte Stamm lebte, dennoch kennt man aus in situ gefundenen Höhlensystemen «Wohnecken» (just entdeckt gar farbliche Differenzierung an den Wänden), man bildete also womöglich kleine Gruppen innerhalb dieser. Im Neolithikum wiederum kannte man z.B. die typischen Langhäuser (auch Rundhäuser bzw. Variationen in anderen regionalen Ausprägungen), die zwar ebenso größere Gruppen beherbergten (Großfamilien?), dennoch Raumtrennungen kannten und natürlich in einer Siedlung aus mehreren solcher Gebäude bestand. Gemeinsame Nekropolen wurden gepflegt etc., aber es sind auch Zäune belegt. Selbst eine Art Erbrecht ist zu vermuten, da nicht selten Grenzen der Gehöfte und der darauf stehenden Bauten über Generationen eingehalten wurden (heute durch Pfostenlöcher, sprich «Grundrisse» erkennbar).

    Last not least, das Neolithikum oder das Paläolithikum gibt es nicht. Dies ist eine Art «Größe» für den Zeitraum einer ähnlichen Entwicklung in diversen Regionen, technologisch teils ähnlich und doch verschieden, zeitlich oftmals getrennt (siehe Europa und heutiger Orient usw.).

    Es wäre natürlich vermessen, ob fehlenden schriftlichen Überlieferungen, hier alles einfach mal gemäß dem eigenen Gusto hineinzuinterpretieren. Aber man kannte die Abgrenzung im kleinen Rahmen. Man ist fast versucht, dies mit «Hippie-Kommunen» zu vergleichen, die wiederum oberflächlich alles teilten und dennoch auch ihre Refugien kannten bzw. kennen, wenn auch gemäß anderen Maßstäben und nicht derart restriktiv. U.U. ist auch ein Vergleich mit heute lebenden Ureinwohnern möglich, hierbei muß man jedoch beachten, daß teils trotz äußerster Abgeschiedenheit dieser vom Rest der Welt, eine Beeinflussung schon dadurch stattfand, indem wir Kenntnis von diesen erlangten und Kontakt aufnahmen.

    All dies sind natürlich Annahmen, doch der Gedanke an eine Art Paradies, in welchem alle glücklich nebeneinander lebten in riesigen Kommunen, jener Gedanke kann zumindest widerlegt bzw. in keinster Weise positiv untermauert werden. Nicht, daß mir dieser Gedanke fremd wäre … eine Art Post-Privacy wäre schön, sofern die Basis stimmt. Ansonsten zäumt man den Gaul von hinten auf und das geht auf Dauer nicht gut.

  3. «Der stetige Ausbau dieser sogenannten erweiterten Öffentlichkeit wird irgendwann einen gesellschaftlichen Kollaps heraufbeschwören.»

    Das mal in Beziehung gebracht zur anstehenden Abkehr vom Rechtsstaat in Neuseeland, wo Filesharern die Unschuldsvermutung in Prozessen genommen werden soll. Ganz klein, in einem fernen Land, fängt es an mit einem Rechtsbereich, in dem gesetzestreue Bürger nur applaudieren können — um irgendwann die Einführung der Beweislastumkehr im gesamten Rechtsleben zu fordern.

    Irgendwann stehen die total angepassten Einzelnen im Kreis, sonnen sich in ihrer übertransparenten googletwitterfacebooköffentlichkeit und schreien zusammen nach harten strafen für abweichler vom normverhalten: denn wir haben ja nichts zu verbergen.

  4. s. sagt:

    Erstmal muss ich zustimmen, ja, es stimmt das ohne Privatsphäre es eben nicht geht. Eine Nach-Privatsphären-Zeit ist ziemlich unwahrscheinlich, vermutlich sogar unmöglich. Wenn aber Jeff Jarvis und andere in diese Richtung drängen, dann — so zumindest meine Hoffnung — gleichen sie das Drängen der anderen Richtung aus, die Teile der Öffentlichkeit privatisieren wollen (z.B. Straßenansichten, Grundwasser, Natur etc.). Mit anderen Worten: So wie’s ist, ist recht.

    So deute ich dann auch deinen Eintrag hier: Der Versuch, das Tauziehen um die Privatsphäre im Kräftegleichgewicht zu halten.

  5. […] für Aufregung sorgt, wie es uns jene «Aktivisten», die a la Mark Zuckerberg eine Art von Post-Privacy» herbeizitieren bzw. von einer erweiterten Öffentlichkeit fabulieren, Glauben machen möchten. Es […]

  6. Anonymaus sagt:

    Ich sehe schon einen gewissen nicht wirklich selbstverschuldeten Kontrollverlust.

    Ich habe kein Fratzenbuch, ich habe auch sonst keine Profile mit Privatsachen im Netz. Trotzdem findet man den Klarnamen natürlich in diversen Mailinglisten zu verschiedenen Themen.

    Wenn jetzt aber ein Arbeitskollege mit Fratzenbuch meine Telefonnummer samt Anschrift auf seinem Handy speichert, vielleicht noch samt Foto von der letzten Betriebsfeier, und das dann schön mit seinem Googlekalender synchronisiert so landen die Daten vielleicht doch beim Zuckerberg, etc, ohne das ich Einfluss oder Kontrolle hätte.

    DAs soll natürlich kein Grund sein, seine persönlichen Daten überall freiwillig zu hinterlassen — aber echte Kontrolle hat man schon jetzt nicht (mehr).

  7. >Ich sehe schon einen gewissen nicht wirklich selbstverschuldeten Kontrollverlust.

    Es gibt einen Kontrollverlust, klar Sache. Man kann sich damit aber auch das Leben recht einfach machen, weil man z.B. bequem ist, ignorat oder die nötige Bildung fehlt … dann ist dies aber kein Kontrollverlust mit welchem da ein Blogger hausieren geht, sondern selbstverschuldete Barrieren, Gefahren, usf.

    >Wenn jetzt aber ein Arbeitskollege mit Fratzenbuch meine Telefonnummer samt Anschrift auf seinem Handy speichert

    Von diesem Beispiel ausgehend wäre das ganze Leben ein einziger Kontollverlust. Warum also eine Theorie schaffen für etwas, daß gemäß der eigenen Logik sowie das ist, was ich gemeinhin als Leben bezeichne? Absurd also …

    Soll ich hier und jetzt den Begriff Freund erklären? Ich habe vielleicht drei oder vier echte Freunde. Menschen die ich seit Jahren kenne, denen ich blind vertraue, gegenüber allen anderen kontrolliere ich den Informationsfluß, etc. Ist das so schwer? Wer redselig ist, wer meint Hundertschaften von «Freunden» zu besitzen, ja derjenige erlebt einen waschechten Kontrollverlust, welchen er jedoch selbst herbeiführte.

    >aber echte Kontrolle hat man schon jetzt nicht (mehr).

    Warum nicht? Weil dir es ein paar Leute herunterbeten, die damit ihren Lebensabend in ferner Zukunft absichern möchten? Es gab und gibt auch Leute die wissen wann die Welt untergeht … es gibt heute auch noch Menschen die daran glauben. Who cares?

    Ein anderes Beispiel: die Gemeinde verjubelt deine Daten. Nun ein gewisser Blogger, der da im Trüben fischt, würde nun einen Kontrollverlust schauen. Auf den ersten Blick ist das okay. Aber bei der näheren Betrachtung manifestiert sich hierbei ebenso ein von der Gemeinschaft verursachter Kontrollverlust. Man delegierte zuviel, weiß die demokratischen Mittel nicht zu nutzen, ist bequem, das gleiche Lied wie zuvor.

    Je höher die Instanz, welche einem diesen Kontrollverlust auftischt, desto geringer die Einflußmöglichkeit des _Einzelnen_. Aber diese Fälle sind für das Gros der Leute nicht von unmittelbarer Bedeutung und könnten sich dennoch langfristig gemeinsam beheben lassen.

    Es existieren gewisse Variablen im Leben eines jeden Menschen, daß ist nun einmal so. Da einen Kontrollverlust hereinzudichten, ist ähnlich mit dem Hinweis auf einen runden Kreis. Diesen dann noch zu erweitern nach Gutdünken, ist dann aber eher Ausdruck mangelnder Erfahrung bzw. Reife.

    Your mileage may vary. Ich will keinem die Butter vom Brot nehmen, wenn mspr0 davon leben kann … who cares? Er schadet ja kaum einem, sprich der Kolateralschaden ist eher gering. Das Klientel ist wohl bei näherer Betrachtung teilsweise identisch mit jenem von Lobo. Good riddance–

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