Podcast des Tages: SR 2 — Fragen an den Autor, Günter Wallraff — 13 unerwünschte Reportagen vom 01.02.1970

PodcastIch war gerade ein wenig unterwegs und habe dabei einen ganz grandiosen Podcast gehört. Wobei Podcast die falsche Bezeichnung ist. Es ist eine Aufzeichnung einer Sendung des Saarländischen Rundfunks. Dort läuft wöchentlich die Sendung Fragen an den Autor. Anders als bei Kerner, Beckmann & Co. wird hier mit dem Autor über sein Buch gesprochen, kontrovers diskutiert, der Hörer wird mit eingebunden, mit Mails, mit Anrufen — eine ganz tolle Sache, über die ich (leider) kürzlich erst beim Spiegelfechter gestolpert bin. Es liegt in der Natur der Sache, dass dem Einzelnen nicht jedes Buch interessiert — und doch, wenn nur entfernt Interesse an der Thematik besteht, sollte man sich die einzelnen Podcasts anhören — der Saarländische Rundfunk bietet sie nämlich als Podcast (Achtung — Feed) zum Download an. Der Spiegelfechter hat aktuell Christoph Butterwegge — Kritik des Neoliberalismus (Mp3, 26,6 MB) empfohlen, wer nach diesen Einsichten dem Guido seine Partei wählt, ist selber schuld. Neben den aktuellen Sendungen, baut der Saarländische Rundfunk eine kleine Datenbank mit schon älteren Sendungen auf, wobei wir dann gleich zu meiner heutigen Empfehlung kommen.

Ausgewählte Klassiker (Achtung — Feed), so die offizielle Bezeichnung. Da ich Günter Wallraff sehr schätze, habe ich im Feedreader gestern Abend einfach auf Download gedrückt (Mp3 — 28,8 MB), ohne auf das Datum zu achten. Ich war dann doch sehr erstaunt, als das erste Thema des Gespräches von den Notstandsgesetzen der ersten Großen Koalition handelte. Womit wir gleich schon mitten in einem der beiden Thematiken sind, die ich kurz ansprechen möchte, um die Sendung schmackhaft zu machen. 1968 wurden mit Stimmen der Großen Koalition die Notstandsgesetze verabschiedet. Günter Wallraff hat im Vorfeld, also vor Verabschiedung der Gesetze, in deutschen Großunternehmen recherchiert. Damals wurden die Notstandsgesetze vorweg von Unternehmen angewandt, deutsche Großunternehmen gründeten eigene Söldnertruppen, wenn ich das mal so sagen darf. Es ging um die Verquickung des Werkschutzes mit sogenannten Werkselbstschutzeinheiten, die damals zum Beispiel gegen steikende Arbeiter eingesetzt werden sollten. Diese Einheiten waren bewaffnet, mit scharfer Munition, alles gedeckt durch die nachfolgenden Notstandsgesetze. Die unglaubliche Geschichte um Ministerialrat Kröver kann man bei der Zeit nachlesen. Wenn man dies dann auf die heutige Zeit überträgt, in der die Notstandsgesetze fortgeführt, präzisiert werden, der Überwachungsstaat ist allgegenwärtig, muss man konstatieren, dass diese Gesetze, angeblich zum Schutz gegen den Terror, in erster Linie gegen die Bevölkerung eingesetzt werden. Sind diese Gesetze erst einmal da, sind sie jederzeit gegen jede einzelne Person anwendbar, nicht nur gegen die Talibans in den Höhlen Afghanistans. Auch wenn Politiker nicht müde werden zu behaupten, es gehe gegen Terroristen und Schwerstkriminelle — die Realität sieht anders aus.

Der zweite Punkt, den ich ansprechen möchte, ist die grundsätzliche Kritik Wallraffs am Journalismus. Er sagt in der Sendung:

Ich bin kein Journalist. Der Deutsche Presserat hat sich erklärtermaßen mal von mir distanziert und gesagt, ich gehöre gar nicht dem Verband an. Das trifft zu. Ich finde, der Journalist in der heutigen Zeit hat sich den Interessen des Blattes zu unterwerfen für das er schreibt. Das heißt, er ist gezwungen, eine Art Zweckschreibe zu betreiben. Seine persönliche Freiheit hört spätestens da auf, wo das Interesse der Großanzeigekunden oder der politischen Partei, die ein Blatt unterhält, beginnen. Ich kenne zum Beispiel Journalisten, die jetzt über meinen Prozess berichteten, die über den selben Sachverhalt bis zu 20 Artikel verfassten, die teilweise in ihrer Aussage und politischen Intention total entgegengesetzt waren, die also von der Frankfurter Rundschau, wo sie einigermaßen progressiv und links sich gaben bis zum Passauer Volksblatt wo sie über den selben Sachverhalt dann faschistoid reaktionär berichteten. Und das gibt meiner Ansicht nach zu denken. Es zeigt sich also, dass die Pressefreiheit kontrolliert, bewacht wird von Konzernen, dass der schmale Grad des Einzelnen zwar noch im Nachtprogramm, zwar noch in dritten Fernsehprogrammen gewährleistet ist, aber damit auch eingefroren wird, da die breiten Massen natürlich auf die BILD-Zeitung, auf andere Medien angewiesen ist.

Wie gesagt, die Sendung ist nicht von heute, sondern aus dem Jahre 1970. Man mag es gar nicht glauben. Aktueller denn ja das Thema. Das Gespräch, die Sendung lebt auch, insbesondere durch die Gesprächsführung von Heinrich Kalbfuß. Manchmal verständnisvoll, fast links, überwiegend aber, heute würden wir sagen, konservativ, das Enfant Terrible spielend. Hier einmal als Beispiel die Einleitung, die — hoffentlich — bei Euch Lust auf mehr macht.

Meine Damen und Herren, unser heutiger Gesprächspartner Günter Wallraff stand noch vor 2 Monaten vor einem Frankfurter Schöffengericht. Und jetzt sitzt er in Köln, aber nicht etwa im Gefängnis, sondern in einem Studio des Westdeutschen Rundfunks. Günter Wallraff ist 28 Jahre alt und Journalist. Warum wurde er angeklagt? Als Ministerialrat Kröver vom selbst erfundenen Zivilausschuß des Bundesinnenministeriums hatte Wallraff 1967 verschiedenen Großbetrieben telefonisch Einzelheiten über einen nicht legalen Werkselbstschutzaufbau entlockt, über Schießübungen und Waffenlager. und dabei stieß er auf eine erschreckend militante Blockwartideologie. Wallraff wurde vom Bundesinnenministerium angezeigt, nicht wegen Verleumdung, denn am Wahrheitsgehalt von Wallraffs Vorwürfen zweifelte auch im Gerichtssaal kaum niemand. Sondern, er wurde angezeigt wegen Amtsanmaßung und unbefugten Titelführens. Nach den Paragraphen 132 und 132a, die pikanterweise 1935 durch die Nationalsozialisten ins Gesetzbuch kamen.

Ich würde die Sendung, das Gespräch nicht als Podcast bezeichnen, das würde ihr nicht gerecht werden. Es ist viel mehr, es ist eine zeitgenössisches Dokument, ein geschichtliches Dokument unserer Republik — aus heutiger Sicht steht man fast ungläubig daneben, und doch werden die Gesetze angewandt, gegen die Bevölkerung, gegen die Menschen in diesem Land. Diese Gesetze wurden nicht zurückgenommen, im Gegenteil, seit 2001 erleben wir eine Renaissance — sie werden fortgeführt, auf ihnen wird aufgebaut, sie werden präzisiert. Dieses Gespräch sollte zur journalistischen Grundausbildung gehören — ganz grandioses Kino, was Heinrich Kalbfuß und Günter Wallraff dort geleistet haben. Wer sich die Sendung Fragen an den Autor, Günter Wallraff — 13 unerwünschte Reportagen vom 01.02.1970 (Mp3, 28,8 MB) anhören möchte, sollte ein wenig Zeit, eine knappe Stunde mitbringen.

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11 Antworten zu “Podcast des Tages: SR 2 — Fragen an den Autor, Günter Wallraff — 13 unerwünschte Reportagen vom 01.02.1970”

  1. Oliver sagt:

    Ja SR2 ist der einzige brauchbare Radio-Sender im Saarland und bietet gute Qualität, die leider nicht mehr zum Mainstream paßt.

  2. Chris sagt:

    Nicht zum Mainstream — passt perfekt zu uns… 😉

  3. Oliver sagt:

    Ich poste so Dinge normalerweise nicht, weil dann werden die letzten guten verbleibenden Dinge des Saarlands so schnell abgenutzt 😀

  4. Chris sagt:

    Hey, das Saarland überlebt auch Dich… 😛

    *duck und wech*

    *versteckt sich hinter ottfried fischer*

  5. Oliver sagt:

    Wenn er sich jetzt hinsetzt, dann .… 😛

  6. Chris sagt:

    … dann bin ich platt … 😀

  7. Oliver sagt:

    Ja okay, das wollte ich erreichen — denn nun back to topic, es geht ja um den Inhalt 😀

  8. Laura sagt:

    Guter Tipp, danke!

  9. dakira sagt:

    Ganz grosses Tennis. Danke dafuer.

  10. […] gemacht wurden, ist heute nun das interne Video geleakt worden. Gerüchten zufolge hat sich Günter Wallraff in die Clap-Redaktion eingeschleust und das nachfolgende schockierende Video gedreht. Bitte, schaut […]

  11. […] diese Berufsbezeichnung wie kaum ein Kollege. Zudem hat er Eines nie vergessen: Das Menschsein. Hier hatte ich schon ein Gespräch zwischen ihm und Heinrich Kalbfuß entsprechend gewü… — zeitlos, auch heute noch Tipp des Tages. Günter Wallraff hat der SZ ein Interview gegeben. […]

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