Pflicht für Informatik in der Schule?

Die Mehrheit der Eltern und Schüler in Deutschland spricht sich für die Einführung eines Pflichtfachs Informatik in den Schulen und für einen stärkeren Einsatz des Computers im Unterricht aus.

silicon.de

Nichts dagegen einzuwenden, meinereiner kannte den EDV Unterricht schon als Pflicht in den 80ern. Aber damit der Nachwuchs nicht teils ein ebensolch ärmliches Bild wie seine Altvorderen abgibt, sollten Kultur fördernde Fächer ebenso gleichsam behandelt werden. Diese einseitige Fixierung auf Technik und die teils Abstrafung von Geistes– als auch Naturwissenschaften ist mitunter verantwortlich für diese in Deutschland andauernde Bullshit-Ökonomie, ob welcher unsere achso lieben, fordernden Bundesgenossen doch täglich so stöhnen. Auf gut Deutsch: Computer sind geil, aber ohne Anwendung einfach nur eine Hilfswissenschaft. Damit Computer sinnvoll beschäftigt werden brauchts Natur– u. Geisteswissenschaften, sprich *Anwendungen*. Man kann natürlich auch mit dem Computer rein zum Selbstzweck andere Computer verwalten und wenn man das gut genug verteilt, fällts gar keinem mehr auf. Die fehlende Sinnhaftigkeit in derlei Forderungen ist schon eine Folge dieser herrschenden Monokultur. Drum meine Forderung, einfach mehr Qualität in den gesamten Unterricht, dann müssen Schüler auch kein Bullshit-Bingo spielen und die Gesellschaft geht nicht jammernd den Bach hinunter. Zweite Forderung, imho die wichtigste, wenn eine Regelung, dann eine bundesweite Regelung und die Abschaffung der Länderhoheit bei Bildung. Denn genau diese inkompetenten Krämerseelen, ja außerhalb von Berlin tun sich erst recht Abgründe auf, sorgen für das babylonische Bildungsgemenge in Deutschland. Aber wie ich das so sehe wird eh nichts draus, gefragt sind rudimentäre Kenntnisse in Mathe, Deutsch und Technik, damit man sich einigermaßen zu artikulieren weiß und die mittels Technik-Hype eingeheimsten Gewinne des Abends zählen kann.

Btw. das Gros der heutigen Schüler hat Computer technisch ohnehin mehr auf dem Kasten, ein Lehrer zerstört da mehr, als er denn fördert. Und diejenigen die partout kein Faible für die Materie besitzen wird auch der Unterricht kaum Wunder wirken, Beispiel: Mathe etc. pp.

11 Antworten zu “Pflicht für Informatik in der Schule?”

  1. calypso sagt:

    Ein Beitrag, den ich so absolut unterschreiben kann, vor allem der Abschnitt mit der Sinnhaftigkeit von Computern finde ich sehr gelungen. Man sieht schließlich immer öfter, dass der Computer nicht mehr als «Rechner» gebraucht wird sondern als reines Portal zu diversen Web-2.0-Anwendungen (u.a. die ach so tollen «sozialen Netzwerke»). Von Textverarbeitung am PC mögen die meisten zumindest schon gehört haben, doch selbst die Recherche zu bestimmten Themen beschränkt sich doch nur noch auf Ausdrucken des entsprechenden Wikipedia-Eintrags. Von mathematisch-naturwissenschaftlichen Anwendungen, wobei gerade die Naturwissenschaften doch sooo gefördert werden, dagegen hat kaum jemand auch nur die leiseste Ahnung, ganz zu schweigen vom Erlernen einfacher Scriptsprachen zum Erstellen eigener Funktionen oder Ähnlichem.
    Umso erstaunlicher finde ich, dass es doch ein Großteil der Schüler realistischer zu sehen scheint als ihre Eltern und den Informatikunterricht, wie er mit vorhanden Lehrkräften geboten werden könnte, als nicht «Pflichtfach-würdig» einstuft. Ob man allerdings bei ca. 501 Schülern (Quelle: heise.de) von einer representativen Umfrage sprechen kann, wage ich auch wieder zu bezweifeln.

  2. Oliver sagt:

    Im Grunde genommen spiegelt es nur die Maxime der Politik wieder, denn Technik ist Fortschritt und Fortschritt bedeutet arbeit. Und mit dieser Formel gewinnt man die nächste Wahl.

  3. boxxar sagt:

    Du hast nicht ganz unrecht, aber bei dem letzten Absatz muss ich dir wiedersprechen.

    Viele Schüler kennen sich zwar am PC ein bisschen aus, aber die Kenntnisse beschränken sich dann doch auf das neuinstallieren von Windows und das Zocken von Computerspielen. Von Büroanwendungen haben viele nur wenig Ahnung, und den richtigen Umgang mit Word und co. lernt man nicht durch ausprobieren. Man findet vielleicht raus, wie man einen Text Fett macht, aber typografisch korrekte Interpunktion ist dann doch ein Problem (das kriegt ja nichtmal meine Deutschlehrerin hin). Es schadet den Schülern eben nicht, wenn man sie ein paar Grundsachen gelehrt bekommen, denn wer liest schon freiwillig in seiner Freizeit Bücher über Word?

  4. Oliver sagt:

    >Viele Schüler kennen sich zwar am PC ein bisschen aus,

    Ich bin ein gutes Stück über 30 ;-), habe eine extrem technische Bildung hinter mir und gelangte über den zweiten Bildungsweg in die Geisteswissenschaften hinein. Was ich dazwischen sah sind Leute die wollen und können und Leute die nicht wollen. Beide Gruppen wurden *immer*, Ausnahmen bestätigen die Regel, mit inkompetenten Lehrern geplagt. Und man müßte und man könnte …, wie ich es selbst oben formulierte, ist nicht mehr als ein Wunschtraum. Das beste Modell für taugliche Schulen sind imho noch z.B. technische Gymnasien (bzw. die entsprechenden Wirtschaftspendants oder auch FOS), dort hat man die richtige Mischung in der Regel raus und packt dennoch eine allgemeine Hochschulreife (bzw. fachgebunden im Fall der FOS).

    Meine Erfahrung zeigt zudem, das einige nur daddeln, andere etwas auf dem Kasten haben und das sind definitiv keine Ausnahmen. Ich kenne z.B. 16jährige die am Linux-Kernel mithelfen, die fantastische Software schreiben oder die 1a Server auf die Beine stellen. Ich habe auch nichts dagegen, wenn man grundlegende Dinge in der Schule vermittelt, kontextsensitive Spezialisierungen hingegen sind imho PITA.

    >Man findet vielleicht raus, wie man einen Text Fett macht, aber typografisch korrekte Interpunktion ist dann doch ein Problem (das kriegt ja nichtmal meine Deutschlehrerin hin).

    Ja weißt du das habe ich auch nie gelernt, das hieß damals mal Wordstar und war für den ernsthaften EDV-Unterricht ebenso uninteressant. Wir lernten Pascal und dBase. Mit letzterem arbeitete ich noch Anfang der 90er, dann war es ebenso PITA. Aber grundlegende Dinge, z.B. in Pascal waren weitaus essentieller, auch wenn diese Sprache quasi einer Art Mode unterworfen war, man lernte jedoch entsprechend zu denken.

    Als ich damit begann meine Arbeiten zu schreiben verwendet ich schon recht früh StarOffice damals, später ebenso, irgendwann kam der Wechsel zu TeX. Staroffice «brachte ich mir selbst bei», alles was man für das tatsächliche Schreiben benötigt und das ist bei 50–200+ Seiten wissenschaftliche Arbeit weniger als man denkt. Praktisch umgesetzt heißt das, warum soll ich den Schüler mit derlei nonsense nötigen, wenn er Sekretär bzw. Sekretärin werden möchte kann dieser jene Dinge später immer noch lernen. Zudem meist besser als in der Schule.
    Logik zu vermitteln wäre ein weitaus besserer Ansatz, aber das könnte man ebenso gut in Philosophie oder auch Mathe, beide würden noch einen Mehrwert vermitteln und dennoch auf die technische Welt grundlegend vorbereiten.

    Weniger ist mehr, das spricht nicht gegen einen *durchdachten* Informatikunterricht, aber wohl gegen stupide Spezialisierungen, die dem kurzlebigen Zeitgeist unterworfen sind.

  5. der_tom sagt:

    Wichtig dazu wären entsprechende Lehrkräfte.
    Ich kenne den Informatikunterricht noch als Wahlfach, den halt ein Mathelehrer gegeben hat, der sich privat mit Computer beschäftigt hat.
    Sowas hilft absolut null, und daran, dass sich die Schulen Dozenten aus der freien Wirtschaft zukaufen oder anwerben glaube ich nicht.

  6. BlackVivi sagt:

    Informatikunterricht der über das Sitzen vor einem Computer und dem stupiden eintippen hinaus geht, wäre wohl sinnvoll. Aber der Informatikunterricht an staatlichen Schulen ist so grausam, dass es lächerlich ist…

    Wie gesagt, an der staatlichen Schule hatte ich 3 Jahre Informatik, 2 Jahre Wahlpflichtkurse und ein Jahr AG. Die armen Schüler haben überhaupt nichts gelernt dort. Der Lehrer war vollkommen überfordert, ich gab mein bestes um was aufzuschnappen. Bis zu meinem Besuch an einer Privatschule hatte ich mir all’ mein kleines Computerwissen selbst angeeignet, trotz aller Müh’ an einer Staatlichen Schule.

    Mehr vom momentanen Informatikunterricht oO? Darauf kann man auch verzichten. Informatikunterricht von’r ersten Klasse bis zur 13, wo der Stoff in’r 10 Klasse schon anspruchsvoll ist, was es ja dann auch sein darf?… Gern’.

  7. Falk sagt:

    Und über allem schwebt der dämlichste Satz ever: «Du musst!» — und genau daran krankt unter anderem dieses Bidlungssystem.

  8. […] lässt sich drüben bei F!XMBR mal kräftig über die Forderung von Informatik als Pflichfach an deutschen Schulen aus, kennt selbst den guten alten EDV Unterricht, meint man sollte anstatt […]

  9. Rudy sagt:

    Das hat eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Forsa im Auftrag des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) ergeben.

    Ähemm. Auf dieses Umfrageergebnis würde ich nicht allzu viel geben. Siehe Auftraggeber. Das ist pure PR.

    Viel wichtiger fände ich da ein Fach, das z.B. den kritischen Umgang mit Informationen im Allgemeinen und dem Internet im Besonderen zum Gegenstand hat — und dabei für alle anderen Fächer wirklich dienlich sein kann. Dabei können nebenbei ein paar technische Grundkenntnisse vermittelt werden, aber mehr muss da nicht sein. Die Inhalte sind viel wichtiger.

    Von dem Versuch einer (zwanghaften) technischen Spezialisierung im Alter von 11–15 hat keiner was, auch die Freaks nicht — schon gar nicht bei dem Unterricht, wie wir ihn kennen.

    Zu diesem Thema hat sich übrigens Joseph Weizenbaum schon früh sehr fundiert und ausführlich geäußert. Lesetipp! (leider nicht online)
    («Computer und Schule» [freie Rede] in «Computermacht und Gesellschaft», Suhrkamp 2002 S.80–97)

  10. Oliver sagt:

    Auf die Umfrage gebe ich auch nicht viel, nur kenne ich auch das Geschehen vor Ort, ebenso aktuell. Es dient dem Hype und Eltern tickern nun mal auf Hype an, wenns sich um irgendwelche zukünftigen, hypothetischen Vorteile ihrer Sprößlinge dreht. Würde man alles was unlogisch daher kommt verneinen können, wäre die Welt wohl oft eine bessere, so aber schafft man sich nur einen ureigenen Mikrokosmos.

  11. derhans sagt:

    >Die Mehrheit der Eltern und Schüler in Deutschland
    >spricht sich für die Einführung eines Pflichtfachs
    >Informatik in den Schulen und für einen stärkeren
    >Einsatz des Computers im Unterricht aus.

    Die Mehrheit der in der Studie befragten Eltern und Schüler haben offensichtlich keine Ahnung was Informatik überhaupt ist. Ein bischen mit Officeprogrammen rumspielen und in der Wikipedia «recherchieren» jedenfalls nicht. Und was ein angehender Bäcker, Arzt, Verkäufer oder was auch immer mit Normalisierung und Sortieralgorithmen soll, erschließt sich mir nicht ganz. Wichtiger als irgendwelche toll klingenden Fächer zur Pflicht zu machen, wäre ein sehr viel individuellere Förderung von Schülern hinsichtlich ihrer Stärken, Schwächen und, ganz wichtig, Interessen.

    Mal abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass so viele pozenzielle «echte» Informatiklehrer verfügbar wären.

RSS-Feed abonnieren