Pervers

Vorgestern mit sehr guten Freund telefoniert, der sagt: Weißt, was die uns Abeitslosen jetzt in einem von der ARGE finanzierten «Fortbildungs»-Kurs anraten? Ehrenamtliche Tätigkeiten, damit wir auch mal was Vernünftiges tun. Gestern diesen Artikel gelesen. Heute in der Hamburger U-Bahn diese Werbung gesehen. An diesen Artikel zurückerinnert. Von langer Hand vorbereitet? Ich geh kotzen.

11 Antworten zu “Pervers”

  1. Oli sagt:

    Ich helfe gerne und auch überall, aber ehrlich das betrachte ich schon eher als Nötigung. Ehrenamt oder einfach die Hilfe «einfach so» finde ich gut, halt ne «Ehrensache». Aber bitte, im Moment ist es wohl usus derlei soziale Praktiken zu parodieren, indem man diese hemmungslos ausnutzt?!

    Ist das gleiche wie neulich mit der Zivlicourage/Denunziantentum — ersteres ist eine gute Sache und auch oft praktikabel, das andere soll der Polizei Arbeit abnehmen.

    Der Staat zerhackstückt die Republik und der Bürger soll für lau die Scharten im sozialen Gefüge wieder rausschleifen. Klar da markiert man den Moralapostel in der Politik und ist selbst im Prinzip der letzte Dreck, das Abziehbild eines Menschen — klar das ist Vorbild, da mach ich mit. Scheiß drauf, mit solch einer Einstellung wirbt man mich nicht, da stößt man mich ab.

  2. Chris sagt:

    Perfekt ausgedrückt Oli. Ich wollte damit auch nicht die vielen ehrenamtlich tätigen Menschen lächerlich machen, das liegt mir nun wirklich fern.

    Aber dieser rote Faden ist ja mehr als offensichtlich. Gleich nach Einführung der 1-Euro-Jobs wurden die 0-Euro-Jobs gefordert. Sie werden kommen.

  3. Falk sagt:

    Hmm und wer kümmert sich derweil um meine Kinder, wenn ich ein «Ehrenamt» ausfüllen darf? Oder sollte ich mal anfangen für jede Stunde fürs Kindererziehen (gesellschaftlich enorm wichtig) und fürs Radio (Kultur) einen Euro vom Staat verlangen? Ich komm da locker auf ca. 120 Stunden und mehr pro Woche 😉

  4. Oli sagt:

    Falk was ist ein Ehrenamt? Im Prinzip hilft man anderen auf diese oder jene Weise. Man könnte selbst bei deiner Seite sagen, da er hilft er den Leuten teils alternative Wege zu entdecken oder auch recht profan gibts da mal legale Musik für lau. Im Prinzip auch eine soziale Geste 😉

  5. Falk sagt:

    Ich hab doch nur den Begriff aus dem Artikel gekürzt wiedergegeben *g* Und ja, auch für mich ist es normal, anderen zu helfen *ohne* danach zu fragen, was ich selbst davon habe. Denke aber letzteres ist *DER* Unterschied dabei.

  6. Grainger sagt:

    Ein «richtiges» Ehrenamt setzt imho doch ein gewisses Maß an persönlichen Engagement voraus und wird im Normalfall gar nicht bezahlt (im Maximalfall gibt es Aufwandsentschädigungen für Benzingeld oder einen Fahrkostenzuschuss).

    Klassische Beispiele dafür sind doch Jugendarbeit, Tierschutz, Umweltschutz, usw.

    Ich finde, man tut derartigen Institutionen mit zwangsverordneter Ehrenarbeitern keinen Gefallen, ich will keinem was unterstellen, aber die Motivation und das Engagement (die imho für solche ehrenamltichen Tätigkeiten unerläßlich sind) dürfte doch bei den unfreiwilligen Helfern sehr leiden.

    Nicht verwechseln darf man das mit den «offiziellen» Ehrenämtern, ein ehrenamtlicher Bürgermeister erhält zwar offiziell auch «nur» eine Aufwandsentschädigung, aber die Höhe ist nicht unebdingt trivial.

    Da sind je nach Gemeindegröße (

  7. Grainger sagt:

    Ein Teil wurde «verschluckt», also geht es hier weiter:

    Da sind je nach Gemeindegröße (

  8. Grainger sagt:

    Noch ein Versuch:
    Da sind je nach Gemeindegröße (weniger als 200 bis max. 2.000 Einwohner) Beträge von 428 Euro bis 2.744 Euro genannt (monatlich).

    Also falls wir hier Betroffene dabei haben meldet euch doch freiwillig für ein Ehrenamt als ehrenamtlicher Bürgermeister, da kommt wenigstens ein bißchen was an Kohle rüber. 😉

  9. Falk sagt:

    Zwangsverordnetes soziales Engagement ist schon aus Prinzip und aus den von mir oben schon angeführten Gründen alles andere als sinnvoll. Wo monetäre Interessen dahinterstehen (welche ich niemandem absprechen möchte), bleibt der eigentliche Zweck auf der Strecke. Deswegen ists an sich auch wieder nur dummes Gelaber, weil man sonst nichts anbieten kann. Diese ganze Rechtfertigungs-Meinungsmache, ala «…dann fühlen sich die Menschen wieder gebraucht» ist doch das Perverse daran. Weils im Grunde großartiger Blödsinn ist und nur darüber hinwegtäuschen soll, das einige wieder Sklaven in Deutschland einführen wollen.

  10. Euro sagt:

    Leserbrief neulich in der Lokalpresse.
    Da schreibt ein ALG II-Empfänger, der ein Ehrenamt bekleidete. Für einen gemeinnützigen Verein. Betreuung alter Menschen. Er ist der Häme der Gesellschaft ausgesetzt, weil er für seine Bezüge nicht arbeitet (Ehrenamt zählt nicht). Dann kommt die Agentur und gibt ihm einen Ein-Euro-Job: Betreuung alter Menschen. Bei einem privatwirtschaftlichen Unternehmen. Das Unternehmen bekommt monatlich über 600,- Euro, er bekommt etwa 400,- Euro ab (nagelt mich jetzt nicht auf die Zahlen fest). Sein Ehrenamt ist flöten. Der gemeinnützige Verein guckt in die Röhre. Die Kosten für die Solidargemeinschaft sind raufgegangen. Er macht das gleiche wie vorher. Aber: Keine Häme von der Gesellschaft mehr, weil er ja arbeitet für sein Geld. Und das private Unternehmen lacht sich ins Fäustchen.
    Aus dem Gedächtnis nacherzählt. Leserbrief Neue Westfälische.
    Ist noch was im Magen? Raus damit!

  11. Falk sagt:

    Keine Häme von der Gesellschaft mehr, weil er ja arbeitet für sein Geld.

    Wenn das nicht so bitter wäre, dann müsste man schlichtweg drüber lachen. Denn genau *das* ist es ja, was mich permanent so ankotzt. Sicher kennt jeder mindestens einen, der eine Schwester hat, deren Freund einen Arbeitskollegen kennt, welcher vom Nachbarn schonmal vom schwarzarbeitenden HIV-Empfänger von seiner Frau gehört hat. Aber das man die Ausnahmen mit Hilfe der Medien zur Regel stilisiert und damit solche Dinge wie soziale Ächtung legitimiert, ist ja das eigentlich Schlimme. Und noch besser ist ja — wenn wir von sozialversicherungspflichtigen Bürgern sprechen, dann reden wir hier in Deutschland von einer *Minderheit* von ca. 26 Millionen Bürgern. Alles andere Sozialschmarotzer? Coole Sache das…

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