Paid Content funktioniert

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Foto: F!XMBR

Kai Diekmann hat einmal das «kostenlose Internet» einen «verfluchten Geburtsfehler» genannt. Unzählige Beispiele zeigen mittlerweile, dass diese Aussage und der Kampf der Verleger falsch ist und sie sich auf einem Irrweg befinden. Paid Content funktioniert, allerdings nicht so, wie es sich Verleger und Contentindustrie vorstellen und «uns» aufzwingen wollen. Das Internet revolutioniert die Kommunikation und unsere Demokratie. Noch nie war es einfacher, an Informationen zu kommen und selbst Informationen zu senden. Im neuen Informationszeitalter ist jeder Teilnehmer des Internets nicht nur schlichter Empfänger, sondern auch Sender. Allein dies zu akzeptieren, wird bei Verlagen und Contentindustrie sicherlich noch einige Zeit dauern — es steht zu befürchten, dass sie dies nie verstehen werden und weiter Druck auf die Politik ausüben, damit diese die Kontrolle über das Internet endlich herstellt. Dass dieser Kampf nicht zu gewinnen ist, werden sie irgendwann lernen müssen — bis dahin werden noch viele Zeitungen und Zeitschriften mit der Ausrede «das Internet sei schuld» eingestellt werden. Doch ist es nicht die Schuld des Internets, das Internet bevölkert nicht in erster Linie Raubkopierer, sondern Menschen, also potentielle Kunden. Wenn es Verleger und Contentindustrie nicht endlich schaffen, die Bedürfnisse der Kunden zu befriedigen, werden sie weiter einen langsamen und qualvollen Tod sterben.

Verleger und Contentindustrie sollten sich einmal die Frage stellen, warum Unternehmen wie Apple, Amazon, Paypal oder auch Steam bei aller berechtigten und notwendigen Kritik so erfolgreich sind. Die Unternehmen sind bereits in frühen Zeiten auf die Bedürfnisse und Wünsche der Kunden eingegangen — und der entscheidende Punkt: sie haben die Transaktionen zwischen Unternehmen und Käufer vereinfacht. Per Mausklick kann der Kunde heute «die Welt» kaufen.

Egal, ob man das Beispiel Apples iTunes nimmt, Amazon, Paypal oder Steam: ein Account ist schnell erstellt, vielleicht noch eine Überweisung getätigt, ab dem Moment reicht ein Mausklick zur Bezahlung und Bestellung der gewünschten Ware, manche Unternehmen bieten sogar Kauf auf Rechnung an. Der Kunde muss kaum noch nachdenken, einmal registriert, und schon kann er sich weltweit die gewünschten Artikel kaufen, ohne wochenlang warten zu müssen, bis sie vielleicht beim örtlichen Elektronikhändler zu haben sind. Das Internet ist nicht nur virtuell, es ist real, selbst Pizza lässt sich heute per Mausklick bestellen.

Bei Software ist es am einfachsten, direkt nach dem Bezahlen folgt der Download — sicherlich auch ein Grund für den Erfolg von «The Humble Indie Bundle» und anderen Indie-Games, neben der Sympathie für die kleinen Underdogs. Bis heute hat kein Verlag oder die Contentindustrie ein ähnliches Verfahren etablieren können — zähneknirschend, himmelhochjauchzend und doch zu Tode betrübt arrangiert man sich mit Apple, ob wohl dort eher Distanz als Partnerschaft angebracht wäre. Der eigenen Unfähigkeit geschuldet hat man ein Pakt mit dem Teufel geschlossen — und wundert sich, warum dieser nun die Seele einfordert.

«The Humble Indie Bundle #2″ hat derzeit für 5 Indie-Games knapp 1,8 Mio. Dollar eingenommen, die erste Aktion hat für 5 +1 Indie-Games knapp 1,4 Mio. Dollar eingebracht. Der Schwede Markus Persson hat bereits knapp 900.000 Lizenzen seines Spiels Minecraft verkauft, obwohl sich das Spiel noch in der Entwicklung befindet und noch nicht veröffentlicht wurde. Überspitzt gesagt: das Internet macht Millionäre, nicht nur im Großen, wie immer an den Beispielen Google, Facebook, Apple & Co. gezeigt wird — täglich werden Unsummen im Internet umgesetzt.

Die Menschen bezahlen gerne, sogar freiwillig, wenn es nicht einmal gefordert wird, für gute Inhalte im Internet — ein weiteres Beispiel ist der Erfolg mancher Blogs mit flattr. Verleger und Contentindustrie haben es bis heute nicht geschafft, die Kunden, die User mitzunehmen, ihnen ein einfaches System anzubieten. Seit Anbeginn wird das Internet und die User beschimpft. Wie soll so ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden? Der Beruf des Journalisten wird mittlerweile so abschätzig behandelt und angesehen, wie noch nie zuvor. Sicherlich auch eine Folge des Kampfes der Verleger und Redakteure gegen das verhasste Internet.

Dass Menschen von Unternehmen geliebt werden möchten, ist sicherlich Utopie — doch sie können zu Recht erwarten, ernst genommen zu werden. Verleger und Contentindustrie leben genau das Gegenteil vor. Zeitungen und Zeitschriften in einem durchdachten, einfachen System online zu kaufen, wäre sicherlich von großem Vorteil — für alle Beteiligten, Kunden wie auch Verleger, man ist nicht mehr auf Apple oder die werbeüberfrachteten und boulevardesken Online-Seiten angewiesen. Seit 1,5 Jahrzehnten tummle ich mich nun im Internet — die meisten Seiten deutscher Zeitungen und Zeitschriften lassen sich noch immer mit alten Blinkzappeldiwink-Zeiten auf Geocities vergleichen. Nur die Technik hat sich weiterentwickelt — und da beruht vieles auf Open Source.

Für Verleger und Contentindustrie ist es noch ein verdammt weiter Weg. Wenn die BILD iPhone– und iPad-Nutzern den Zugang zu bild.de verwehrt und die Nutzer in den App Store verweist, dann ist dies eine Beleidigung an die Kunden, die Besucher der eigenen Webseite. Allein an diesem Beispiel zeigt sich, dass Springer seine Leser nicht ernst nimmt, er ist nicht einmal Kunde, sondern nur Melkkuh für die Aktionäre des Axel-Springer-Verlages. Und jetzt bitte nicht die Ausrede, es ist nur Springer mit seinem Boulevarddreck — es ist ein Beispiel aus der Mitte der deutschen Verlegerlandschaft, das Kind könnte auch einen anderen Namen tragen.

Wenn Verleger und Contentindustrie eine Zukunft haben wollen, dann ist viel zu tun. Zuerst einmal müssen sie wieder Vertrauen herstellen, das wird sicherlich nicht einfach werden und ist die schwierigste Aufgabe. Zu viel Porzellan wurde zerschlagen, zu viele Lügen verbreitet, zu viel Hass in unzähligen Artikeln verbreitet. Dann muss endlich akzeptiert werden, dass die Menschen im Informationszeitalter nicht nur Empfänger sind, sie sind auch Sender. Nicht mehr Leitartikler allein bestimmen heute das Meinungsbild und die öffentliche Meinung — eine kleine Nachricht auf einem noch kleineren Privatblog kann morgen schon weltweit Diskussionen auslösen und zum Politikum werden.

Im letzten Schritt kann dann vielleicht ein System geschaffen werden, in dem per Mausklick der Nutzer seine Zeitung oder Musikdownload bezahlen kann. Das eine oder andere Unternehmen hat dies mittlerweile verstanden. In manchen Bereichen des Internets fehlt mittlerweile für die Nutzer eine Alternative. Wenn das Internet überhaupt einen Geburtsfehler hatte, dann ist es der, dass «wir» zugelassen haben, dass hier und da ein Unternehmen ein Monopol geschaffen hat. Deswegen ist es umso wichtiger, dass es Alternativen gibt. Identi.ca mag «unter ferner liefen» laufen, es ist aber ein Zeichen an Twitter, die User nicht zu sehr zu verärgern. Diaspora mag ein Reinfall werden — und doch wird die Entwicklung im Hause Facebook sicherlich sehr genau verfolgt werden.

Verleger und Contentindustrie haben sicherlich kaum noch eine Chance — doch genau diese müssen sie nutzen, wenn sie nicht bald eine Fußnote in der Geschichte sein wollen. Es gibt dabei drei ganz einfache Punkte zu bedenken, dann könnte es vielleicht in Zukunft etwas werden:

Vertrauen.
Transparenz.
Einfachheit.

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7 Antworten zu “Paid Content funktioniert”

  1. Na ja, ob Paid Content funktioniert? Für die Masse gewiß, geht man jetzt rein nur von Usability aus. Aber ich habe schon mit Paybal Bauchschmerzen, das geht jedoch in Ausnahmefällen, Kreditkarten hingegen sind für mich ein No-Go und darüber läuft alternativlos der Paid Content. Vertrauen geht da bei mir auch anders. Dazu kommt noch der ganze DRM-Crap, die Verquickung mit der jeweiligen Hardware, das Fehlen eines physischen Mediums, etc. pp. Es gibt Ausnahmen, sicherlich, einige wenige zumindest. Ich nutze auch Steam, erfahre damit aber auch gewaltige Einschränkungen. Das ganze Konnzept, ob nun beim Produkt selbst oder bei der Darreichungsform als physisches Medium bzw. Paid Content, basiert auf dem Mißtrauen gegenüber dem Kunden. Krankhafte Paranoia trifft es da wohl eher.

  2. Klar, das ist alles unbestritten. Aber wenn apple mit Milliarden zugeschmissen wird, Paypal als eines der Standardzahlungsmittel gilt, Steam über 30 Mio. Kunden hat, dann funktioniert es. Das ändert natürlich nichts daran, dass man es auch kritisieren muss. Aber selbst diese Dinge, mit den Kritikpunkten, bekommen Verleger (und Contentindustrie in Deutschland) nicht hin…

  3. […] übrigens, ihr da von der Content-Industrie: »Paid Content« funktioniert… […]

  4. Sicher, rein pragmatisch betrachtet ist dies okay. Abgesehen davon hängt der Erfolg aber auch vom Inhalt ab. Die Versuche z.B. Zeitungsinhalte zu monetarisieren, existieren schon en masse seit der dot com Blase. Danach kommt der anvisierte Preis und bei iTunes mitunter eine gehörige Portion Dummheit bzw. eine devote Haltung Apple gegenüber. Alles nicht zu bestreitende Faktoren.

    Steam beispielsweise liefert einen Pool von Anreizen, sprich Angebote, Verfügbarkeit und eine Auswahl selbst älterer Titel, bis schwer im Einzelhandel erhältlicher Titel. Was aber soll eine Zeitung beispielsweise anbieten? Primär hakt dort der Leserschwund doch an der Qualität der Inhalte, der Vertrieb im Netz selbst gerät da eher sekundär. Dann kommen schon die überzogenen Preisvorstellungen im Angesicht diverser Einsparungen wie Druck und Vertireb und last not least die Umsetzung per se. Ich sehe also keine Lösung für jene, Paid Content mag als Konzept funktionieren, läßt sich aber nicht als Schablone für alles und jeden einsetzen. Vielleicht unterschätze ich aber auch den Kunden, denn wenn Apple Zeitungen verkauft, dann funktioniert ist. Insofern trifft aber auch die Kritik des Inhalts nicht mehr zu und die Schablone paßt, zumindest wenn Sender und Empfänger eine gewisse geistige Haltung einnehmen. Ich denke also Paid Content kann funktionieren, nur hängt dieser eben stark von der Zielgruppe ab. Da müßten großangelegte Langzeitstudien herhalten, aber wer möchte sich mittels dieser schon entsprechende Merkmale bescheinigen lassen?

  5. drudi sagt:

    Bitte diesen schönen Text ausdrucken und an Verlage und Firmen schicken. Das ganze muss sich leider biologisch ausregeln.
    Wer selber nicht ins Internet kommt soll auch nicht versuchen dort was zu regeln.

    Drudi

    «Geht hallt sterben»

  6. Solarix sagt:

    Paid Content kann schon funktionieren, es kommt eben auf die Art des Angebots an und auch auf die Art des Zahlungsmittels.

    Bei Abbuchung hab ich persönlich weniger Bauchschmerzen als bei Kreditkarten oder Paypal. Wobei ich nicht mal einen Paypal Account habe. Itunes zum Beispiel finde ich als Konzept jetzt nicht wirklich attraktiv, da wäre mir persönlich das Amazon Modell lieber, aber objektiv ist das von mir sicher nicht. Das ist die rein subjektive Wahrnehmung. Gut, ich schätze eben das Ritual eine DVD, CD oder eine Vinylscheibe zu öffnen und auch die Texte zu lesen. :)
    Vor kurzem musste kurzfristig eine Software her berufsbedingt und dort wurde dann auch mit Kreditkarte bezahlt, aber wirklich gern hab ich das auch nicht getan, es ging rein um die Schnelligkeit des Angebobtes. Grüße. :-)

  7. Oliver sagt:

    Mich persönlich ärgert weniger die Art des Angebots, sondern viel eher die Qualität des selben. Das fängt bei der Musik an, geht über Filme weiter und endet beim Journalismus. Die guten Filme im letzten Jahr kann ich an einer Hand abzählen, die guten Alben kamen ausnahmslos von kleinen Labels und wirklich guten Journalismus findet man noch bei den Nachdenkseiten oder beim Spiegelfechter.

    Ich habe überhaupt kein Problem damit für Content zu bezahlen (btw. hab ich natürlich auch das «Humble Indie Bundle 1+2″ gekauft) aber ich habe ein Problem damit mit schlechtem Content verarscht zu werden. Bei der Welt ist das die Hartz IV Hetze, beim Stern die Terrorpanik und bei Bild der durchgehend besch.ssene Content.

    Und für 138. Abschrift der dpa Meldung vom Hintertupfinger Stadtanzeiger brauch ich nicht zu bezahlen, weil der gleiche schlecht recherchierte Mist auch in allen anderen Blättern steht.

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