Ohnesorg, die Stasi und die gleichgeschaltete Presse

Die Polizei war ja mit einer derartigen Brutalität gegen die Demonstranten vorgegangen, es gab hunderte von Verletzten, danach konnte man nicht zur Tagesordnung übergehen. Und dann muss man doch die Gründe für diesen Protest nennen, die nichts mit Stasi-Machenschaften zu tun hatten: der Protest gegen das Schah-Regime, gegen den Vietnamkrieg, gegen die Hochschulstruktur, gegen die Apartheid in Südafrika. Ein Aufbegehren gegen autoritäre Strukturen in der Gesellschaft, die Kritik an entsprechenden Strukturen in der DDR einschloss.

FAZ

Uwe Timm, ein Freund von Benno Ohnesorg, im Gespräch mit der FAZ. Auffällig bei diesem Gespräch: die stoische Beharrlichkeit der Gesprächspartnerin, ja quasi die Fixierung einzig auf den Todesschützen welcher nun als Stasi-Spitzel geoutet wurde. Diese Reduzierung auf allein diese Tat — wenn auch zugegeben ein multiplizierendes Ereignis — kommt schon einer massiven Geschichtsklitterung gleich — betrachtet man insbesondere die Dimension in den Medien: eine beinahe gleichgeschaltete Berichterstattung. Völlig verkannt werden diverse andere auslösende Momente, die gewachsene Bewegung, der hohe intellektuelle Grad dieser und das oben erwähnte brutale Vorgehen der Polizei, die Duldung der Übergriffe seitens der Jubelperser beim Schahbesuch, die abschätzigen Aussagen der Politik gegenüber der Jugend, die Haltung der Gesellschaft per se, der Sumpf des dritten Reiches der auch diese Republik noch bis heute überschattet etc. pp. Ein erzkonservativer Habitus, der auch diese Tage wieder verstärkt zu spüren ist und welchem sich die Medien willfährig unterwerfen.

Vielleicht aber auch war ganz Berlin damals, inklusive dem Polizeipräsidenten, von der Stasi infiltriert. Vielleicht aber auch schauen wir nur Deutschen Sumpf, zweier umenschlicher Zäsuren und das Unvermögen sich adäquat der Geschichte zu stellen. Diese Art von Vergangenhaltsbewältigung wäre u.U. schmerzhafter, als diese Last, diese Bürde, von der der Deutsche nur allzugerne fabuliert, um sich der tatsächlichen Verantwortung zu entziehen. Vielleicht ist man in hundert oder mehr Jahren erst bereit mit bestem Wissen und Gewissen den historischen Pfad zu beschreiten, heute jedoch wird politisches Kalkül gewirkt und hundertausende demokratische Lemminge feiern ihr Grundgesetz, während ein paar Spinner irgendwelche Parolen schwingen und sich ihren Cassandra-Rufen hingeben.

Und die vierte Gewalt? Nun diese gerät mehr und mehr redundant, die Fehlungen werden offenbar, des Volkes Kommunikation erlebt eine Renaissance nach knapp 400 Jahren Meinungsmonopols, eine Emanzipation des Austauschs. Hoffen wir auf mehr, auf mehr Tiefe, mehr Nachhaltigkeit, mehr Freiheit.

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3 Antworten zu “Ohnesorg, die Stasi und die gleichgeschaltete Presse”

  1. Lukas sagt:

    Nach Wiglaf Droste:

    Die pluralistischen Medien funktionieren heute so gut, dass mitlerweile sogar die Anhänger gleichgeschalteter Medien von ihnen überzeugt werden.

    Soviel meinerseits zu unserer Presse.

    Der Wortlaut ist sicher nicht derselbe aber ich kann mich daran erinnern in einer Polemik Drostes in der er über die Einheitliche Berichterstattung einiger Zeitungen über ein bestimmtes Ereignis ( ich meine mich zu erinnern, dass es um den Besuch eines Politikers in Afghanistan ging) schrieb.

  2. rbt sagt:

    ja als diese meldung über die ticker flackerte war schon klar in welche richtung es gehen würde. gerade die bürgerlichen medien nehmen die Entdeckung zum willkommenen Anlass den historischen Kontext auszublenden. Die Tendenz wird wohl klar darauf hinauslaufen (so sie es nicht schon tut) diesen Mord (unbewiesen zwar aber ein solcher war es wohl) als alleinige Ursache für Herbst 77 und co aufzubauen.
    Nicht nur die umstände der demo und das gesellschaftliche Klima waren skandalös, auch die Umständes des Todes von Ohnesorgs selbst. Er wurde erschossen während er gerade von Polizisten verprügelt wurde, Hilfe wurde verweigert (allein dafür hätten ein paar Karrieren über die Klinge springen müssen), das herumkutschieren des Sterbenden durch die halbe Stadt, bis er als Zeuge auch sicher ausfiel …
    Genauso seltsam finde ich dann aber auch solche Sprüche wie die eines mir gerade entfallenen Politikers, der grundsätzlich in Frage stellte, dass die Stasi etwas in diese Richtung unternommen haben könnte. In der heißen Phase der RAF bekam eben jene durchaus massive Unterstützung durch den kleinen Nachbarn. Aber ohne stichhaltige Beweise würde es mir auch im Traum nicht einfallen die Stasi nun für den Tod verantwortlich zu machen.

  3. […] Interesse an der eigenen Stasi-Vergangenheit As I said: Der Fall Kurras hat nichts geändert: Eine ganz große Koalition aus CDU, CSU, SPD und […]

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