Offener Brief an Ole von Beust

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Sehr geehrter Herr von Beust,

mit großer Fassungslosigkeit nehme ich Ihre Einlassungen bezüglich der Finanzen der schönsten Stadt der Welt, unserer Hansestadt Hamburg, zur Kenntnis. Lassen Sie mich ein wenig zurückblicken. 2001 ließen Sie sich von den CDU, der FDP und der so genannten Schill-Partei zum Bürgermeister wählen. Die tolerante und weltoffene Hansestadt Hamburg wurde damit zur Geißel einer rechtspopulistischen, in Teilen rechtsradikalen Partei – unter Ihrer Führung. Heute fällt Ronald B. Schill nur noch durch verschnupfte YouTube-Videos auf, Roger Kusch wird als Senator Tod in die Geschichte eingehen und unter Führung von Dirk Nockemann wurde ein Hamburger Landesverband der Deutschen Zentrumspartei gegründet. Das sind Namen, die von Ihnen in das Hamburger Rathaus geholt und zu Ministern gemacht wurden. Folgerichtig platzte die Koalition durch einen Erpressungs– und Sexskandal, der in Deutschland bis heute seines Gleichen sucht.

Sie verstanden es in der Folge nahezu perfekt, sich als Opfer darzustellen – und mit Unterstützung der Springer-Medien errang die CDU bei den darauffolgenden Neuwahlen die absolute Mehrheit. Als kritischer Beobachter konnte man schon die Frage stellen, inwieweit die Springer-Medien Einfluss auf Sie und somit die Politik unserer wunderschönen Stadt hatten und haben. Herr von Beust, lassen Sie sich einen Ratschlag geben: Bild & Co. haben es in der Vergangenheit immer wunderbar verstanden, die eigenen geschaffenen Superstars bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit fallen zu lassen. Um nur einen Namen zu nennen: Ronald B. Schill. Ich würde Ihnen das nicht wünschen, jedoch wären das genau die Geister, die sie selbst riefen.

Bei der letzten Bürgerschaftswahl reichte es für Sie und Ihre CDU dann nicht mehr zu einer absoluten Mehrheit. Daraufhin gingen Sie eine Koalition mit den Grünen ein, die in der schönsten Stadt der Welt noch GAL heißen. Diese Koalition steht am Scheideweg, die Chance ist groß, dass Schwarz-Grün an der so genannten Schulreform scheitern wird. Diese steht im Juli per Volksentscheid den Bürgerinnen und Bürgern zur Abstimmung. So richtig und notwendig eine Schulreform ist, so amateurhaft wurde sie bisher von Schwarz-Grün den Eltern  vermittelt und von der Politik vorbereitet. In Hamburg gibt es Gerüchte, dass Sie zurücktreten werden, sollte die Schulreform mehrheitlich abgelehnt werden.

Lieber Herr von Beust, tun Sie den Menschen in unserer Stadt einen großen gefallen: Treten Sie sofort zurück, besser heute als morgen. Zu den Finanzen Hamburgs haben Sie laut Ihrer Hauspostille, der Bild, zu Protokoll gegeben: Wir haben einen schonungslosen Kassensturz gemacht. Die Dramatik der Zahlen war bisher unbekannt. Da muss man sich schon fragen, was Sie die letzten 9 Jahre als Erster Bürgermeister der Hansestadt Hamburg getan haben. Seit 9 Jahren sind Ihnen die Finanzen unserer Stadt unbekannt? Darf ich fragen, was Sie über die schönste Stadt der Welt überhaupt wissen? Gut, eine rhetorische Frage – aber berechtigt.

Doch mit Ihrer Unwissenheit ist es nicht getan. Laut Bild sagten Sie weiter: In den letzten Jahrzehnten wurde eine sehr kreative Buchführung gemacht, in der Hoffnung, die Probleme könnten durch Wirtschaftswachstum überwunden werden. Kreative Buchführung ist bestenfalls eine Verharmlosung, in Wahrheit haben Sie meiner bescheidenen Meinung nach die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt jahrelang betrogen und belogen. Lieber Herr von Beust, Sie haben Rechtspopulisten ins Rathaus geholt. Ihre Politik gleicht einem Trümmerhaufen. Sie haben offen zugegeben, dass Sie keine Ahnung haben und eine kreative Buchhaltung führen. Sie haben die schönste Stadt der Welt an den Abgrund geführt, gesellschaftlich wie auch politisch, der Lächerlichkeit preisgegeben. Machen Sie einmal in ihrer politischen Karriere etwas richtig. Tun Sie den Menschen unserer Stadt einen großen Gefallen:

Treten Sie zurück!

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13 Antworten zu “Offener Brief an Ole von Beust”

  1. phoibos sagt:

    moin,

    nicht zu vergessen, dass er selbst das geld mit vollen händen ausm fenster warf:
    – aufwertung bereits wohlhabender stadtteile
    – jungfernstieg
    – ole-von-beust-gedächtnisleuchtturm aka elbphilharmonie
    – u4 und stadtbahn
    – hsh-nordbank
    – krampfhafter versuch, ein stadtviertel im hafen zu generieren
    – lbk-verkauf

    meine muddi, eine der sorte beust als liebster schwiegersohn (ja, in hamburg kann man wahlen durch sein äußeres gewinnen), ist fast an ihrer wut erstickt, als sie im ndr jene aussagen von beusts hörte — direkt vor der meldung, dass gerade mit geladenen ehrengästen richtfest des leuchtturms zelebriert wird.

    ciao
    phoibos

  2. kaputnik sagt:

    Einverstanden.
    Aber kannst du bitte diesen Radio Hamburg-Blödsinn mit der «schönsten Stadt der Welt» lassen. Ich kann ‘ne Menge zu Hamburg sagen und es gibt, immer noch, wirklich allerschönste Ecken. Aber soll das alles sein?

    Von der «besten Stadt» — von wo auch immer — ist Hamburg auf jeden Fall weit entfernt. Das offizielle Hamburg weiß jedenfalls nicht, was eine Großstadt ausmacht.

  3. Chris sagt:

    Was ich über Hamburg schreibe oder nicht, überlässt Du dann doch bitte mir. Oben rechts, das X ist die Tür. Danke. :)

  4. phoibos sagt:

    @kaputnik:

    da muss ich doch auch noch mal meinen senf zugeben: hamburg ist nicht die schönste stadt der welt — das ist imo nauplion — aber hey, der mix macht’s (scnr :P): und damit ist hamburg für mich die beste stadt der welt (so ich sie denn kenne).

  5. Neumühlen, Gängeviertel, Großneumarkt, Hafenbahnhof, IKEA, Höffner, Fischmarkt, Hafencitty, St.Pauli, Willitown, Spielbudenplatz, Schanze, Medienbunker, Punkerplatz Gaußstr., Guckt Euch nur die Hamburger Innenstadt an. Und vergleicht mit wirklichen Metropolen. Kotz! … Es wird weiter gehen. Hamburg verliert sein Gesicht. Der Hamburger verliert sein Gesicht. Seit vielen Jahren. Traurig.

  6. Robert B. sagt:

    Ach ja, „kreative Buchführung“ in der Hoffnung auf zukünftiges Wachstum – wieso muss ich da gerade an ein südöstliches €-Land denken? Und während dafür wohl bald Universitäten geschlossen werden (!), könnte mal jemand auf die Idee kommen, Bailouts für Bundesländer vorzubereiten.

    Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass es 2010 noch eine ganz andere Agenda geben könnte … die WM naht und die Marktwirtschaft wird mit immer mehr virtuellem Geld und Durchhalteparolen versucht am Leben zu halten …

  7. Meisenfrei sagt:

    «Laut Bild sagten Sie weiter: In den letzten Jahrzehnten wurde eine sehr kreative Buchführung gemacht, in der Hoffnung, die Probleme könnten durch Wirtschaftswachstum überwunden werden. Kreative Buchführung ist bestenfalls eine Verharmlosung, in Wahrheit haben Sie meiner bescheidenen Meinung nach die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt jahrelang betrogen und belogen.»

    Und wir Wähler? Konnten wir nicht seit Jahrzehnten wissen oder zumindest ahnen, dass wir auf Pump lebten? Dass wir die angeblichen «Wahlgeschenke» der Politik eines Tages würden bezahlen müssen?
    Wenn sich doch mal ein Politiker dazu durchringt die volle Wahrheit zu sagen, wird er von uns Wählern in die Wüste geschickt. So ist es Gerhard Schröder ergangen, so wird es jetzt — vielleicht — Ole von Beust ergehen. Schuld sind eben immer die anderen…

  8. […] Umland II: Offener Brief an Ole von Beust…F!XMBR […]

  9. […] Auch wenn die Realität meistens anders aussieht.Sinnvoll: Chris von FIXMBR hat einen  offenen Brief an den Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg geschrieben. Der Brief endet mit einer Aufforderung: Machen Sie einmal in ihrer politischen […]

  10. phoibos sagt:

    @Meisenfrei:

    wir, die nichtvermögenden, wissen und wussten schon immer, dass wir die steuergeschenke zu bezahlen haben. schließlich sind wir nicht die nutznießer. nur irgendwann ist bei uns gar nichts mehr zu holen und dann müssen die gemolken werden, die sonst immer nur geerntet haben. langsam, aber sicher, muss auch bei der einkommenspyramide bei den besserverdienenden abkassiert werden. und ganz zum schluss sind dann die reichen dran. das lässt man aber lieber den politischen gegner machen, das ist fürs image besser.

  11. Hase sagt:

    Halten wir von Ole, was wir wollen — aber bitte nicht auf Kosten der Schulreform. Ebenso: Amateurhaft oder nicht — wir benötigen diese Reform dringend, weil das jetzige Schulsystem derart veraltet und ungerecht ist, dass alles andere eine Verbesserung ist. Erstmal etwas in Gang setzen und weiterhin für Veränderungen und Korrekturen sorgen. Sonst geschieht das nie.

    Randbemerkung: Andernfalls machen auch die erwähnten «Springers», namentlich BILD, Abendblatt und Radio Hamburg mit ihrer einseitigen Anti-Kampagne der letzten Monate sowie Scheuerls Eliten-Wahrer durch diverse Falschinformationen den Sack zu. Und das ginge mir auf den Letzteren.

    Straft Ole bei der nächsten Bürgerschaftswahl ab — diese Volksabstimmung hat damit nichts zu tun.

    Prosit!

  12. Chris sagt:

    Immer diese Werbekommentare. Sie werden hinterlassen und der Werber kommt nicht wieder. Wenn das der Geist der neuen Schulreform sein soll, ist sie abzulehnen…

  13. Hermann sagt:

    @Chris Deinen Artikel finde ich gut. Aber einen Kritiker (@kaputnik) die Tür zu weisen, da halte ich es wie Loki Schmidt:«das tut man nicht».

    Hamburg hat viele Bürgermeister gehabt, gute und schlechte. Ole ist sicher in der Mitte anzusiedeln. Er hat vieles gemacht, was ich nicht gemacht hätte (Elbphilharmonie). Aber wirtschaftlich hat er einige Dinge angeschoben, die finde ich gut.

    Aber es gibt eben unterschiedliche Interessen, Meinungen, Forderungen, Wünsche…

    Obwohl ich seit einem Jahr in Görlitz lebe, ich bin und bleibe im Herzen Hamburger, der schönsten Stadt Deutschlands.

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