Nokia does it right

Nokia StoreIch habe nie ein Nokia-Handy besessen. Vielleicht sollte ich jetzt einmal darüber nachdenken. Knapp 90 Mio. Subventionen und Fördergelder hat das finnische Unternehmen für das Werk in Bochum kassiert. Nachdem die Bindungsfrist Ende 2006 abgelaufen war, hatte man in Helsinki nichts besseres zu tun, als nach einem neuen Standort Ausschau zu halten, wo man wieder neue Gelder kassieren konnte und in Zukunft noch ein wenig günstiger produzieren kann. Diesen Standort hatte man mit Rumänien sehr schnell gefunden und so kündigte man an, den Standort Bochum zu schließen, obwohl dieser schwarze Zahlen schreibt, und die Produktion nach Rumänien zu verlegen. Besonders die Politik empört sich nun, sogar der Präsident der Europäischen Kommission Barroso musste Stellung nehmen, von dem links redenden und rechts abbiegenden Jürgen Rüttgers ganz zu schweigen. Wenn es nicht für Tausende Menschen und deren Familien so ernst wäre und schlimme und katastrophale Folgen hätte, muss man Nokia fast für diese Offenbarung danken.

Da steht gestern inmitten der besorgten und demonstrierenden Arbeiter der Ministerpräsident von NRW und redet salbungsvoll, fast schon dummschwätzig daher. Unanständig nannte er das Unternehmen Nokia, man müsse Gespräche führen, das Wort Subventions-Heuschrecke wurde heute in allen Medien zitiert. Lächerlicher kann man sich nicht machen, wie es Jürgen Rüttgers zur Zeit tut und besonders gestern Abend tat. Und so wurde er auch heute gleich auf Normalmaß zurechtgestutzt. Nokia lässt mitteilen, dass die Entscheidung gut durchdacht sei und man nicht zu verhandeln denke. Lediglich den Betriebsrat werde man empfangen um über einen Sozialplan zu verhandeln.

Die Geister, die ich rief — nichts anderes zeigt sich heute der Politik im Fall Nokia. In den letzten Jahrzehnten haben sich die neoliberalen Zeitgenossen durchgesetzt, ob nun innerhalb der Union oder der SPD ist dabei unerheblich. Alle Macht dem Unternehmen — alles wurde diesem einen Ziel untergeordnet. Immer wieder wurden den Arbeitnehmern, auch im Fall Nokia, schmerzhafte Einschnitte als notwendig verkauft. Mit Blick auf die gesellschaftliche Situation, den Arbeitsmarkt wurden die Arbeitnehmer in vielen Fällen schlicht und einfach erpresst das zu tun, was die Unternehmen wollten — flankiert von deren Lakaien innerhalb der Politik und den Medien. Und seit Jahren wird eines immer und immer wieder behauptet: Wenn es dem Unternehmen gut geht, geht es auch den Arbeitern gut. Dass dies die größte aller Lebenslügen schlechthin der neoliberalen Vordenker ist, wissen kritische Zeitgenossen nicht erst seit gestern.

Nun wird hoffentlich ob der aktuellen Vorfälle an der einen oder anderen Stelle vielleicht einmal ein Umdenken stattfinden. Der Neoliberalismus lebt u. a. davon, den Staat wie ein Unternehmen zu führen. Privatisierungen allen Ortes, im Bereich des Arbeitsmarktes heißt das Zauberwort Flexibilisierung. Was dieses Wort in der Realität bedeutet, muss ich Niemandem mehr erklären. Und genau das hat diese Gesellschaft, das Miteinander schon so gut wie zerstört. Einen Staat wie ein Unternehmen zu führen, ihn zum Partner der Unternehmen zu machen, ihn als Lakaien des Kapitals gegen die Bürger aufzubauen, muss zwangsläufig scheitern. Der Fall Nokia ist nur ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein. Übermorgen ist wieder Wahlkampf in Hessen, Niedersachsen und Hamburg — dann ist das Thema wieder aus den Medien verschwunden. Die Geister, die unfähige und wirtschaftshörige Politiker gerufen haben, werden wir so schnell nicht wieder los. Nokia hat — soweit ich das beurteilen kann — völlig korrekt im Rahmen der Gesetze gehandelt. Und anstelle einmal zu fragen, wer diese schwachsinnigen Gesetze erlassen hat, wird ausschließlich auf die getreten die sich im gesetzlichen Rahmen bewegen. Auch typisch für unsere heutige Zeit.

Unsere Damen und Herren Politiker von heute sind nichts anderes als Dummschwätzer-Heuschrecken. Mit jeder ihrer Entscheidungen knabbern sie für andere Interessen gegen das Volk, gegen die Bürger mehr vom Sozialstaat ab. Werden sie dann abgewählt, ziehen sie in die freie Wirtschaft weiter, wo ein warmes Bett auf sie wartet. Und wenn die soziale Landschaft kahlgefressen wurde, ein Unternehmen völlig legal das soziale Miteinander aufkündigt, stellen sie diese Herrschaften noch hin und spielen die Empörten, man müsse jetzt etwas tun, das gehe so nicht. Ganz ehrlich: Ich erwarte von einem Unternehmen in heutiger Zeit gar nichts anderes mehr, wie das Verhalten Nokias. Von daher — who cares. Aber — und das ist der entscheidende Punkt: Die Kritik, die Wut, die Empörung der Menschen müsste sich eigentlich in Richtung der Politiker wenden. Diese haben aktiv dazu beigetragen, dass diese Machenschaften möglich sind. Die Gesellschaft, in der wir heute leben, wurde von diesen Politikern entworfen und umgesetzt. Die Kritik der Menschen muss sich an die Politik richten und nicht in erster Linie an Nokia. Und wenn sich diese Erkenntnis dann erstmal durchsetzt, dann kann man im Folgenden vielleicht einmal darüber nachdenken, wer diese Herrschaften gewählt hat und vielleicht um Fall Roland Koch, die Faust nach oben, geifend unterstützt. Ein russisches Sprichwort sagt: Die dümmsten Kälber unterstützen ihre Schlachter selber. Dem ist nichts hinzuzufügen. Nokia — die Geister, die diese Gesellschaft rief.

Bild: krazykritter unter dieser Creative Commons-Lizenz stehend.

4 Antworten zu “Nokia does it right”

  1. Frank sagt:

    Ein bisschen radikal klingt das schon, aber ich denke Du hast recht. Es ist traurig für jeden der seinen Job verliert, aber wenn Onkel Rüttgers marktradikal rumsalbadert, darf er hier nicht den gönnerhaften Kapitalismuskritiker markieren, zumal Industriesubventionen seiner Ideologie schon per Definitionem widersprechen. Entweder / Oder. Freie Märkte mit menschlichem Antlitz gibt es eben nicht, wenn die Leute es doch bloß endlich kapieren würden …

  2. Grainger sagt:

    Die Bindungsfrist der Subventionen ist ausgelaufen, Nokia hat seine Gewinne gemacht und die Karawane zieht weiter.

    Mir kann keiner erzählen, dass das der Politik nicht schon länger bekannt gewesen ist, die momentan gezeigte Betroffenheit ist doch nichts anderes als pure Heuchelei.

    Und obwohl die EU-Kommission es bestreitet (allerdings kommen aus Brüssel widersprüchliche Aussagen): ich bin mir sicher, das auch für das neue Werk in Rumänien Subventionen geflossen sind (und vermutlich noch fließen).

    Da die BRD mit weitem Abstand der größte Nettoeinzahler in den EU-Haushalt ist, haben wir also (mittelbar durch unsere Beteiligung am EU-Haushalt) diese Subventionen auch mitgetragen.

    Wir lassen uns den Ast absägen, auf dem wir sitzen und zahlen auch noch dafür.

    Aber zugegeben: Länder wie Rumänien wären ja auch schlecht beraten, wenn sie diese unsere Blödheit nicht nutzen würden. Deren Regierungen machen das schon richtig.

    Stellt sich die Frage, was (und warum) macht unsere Regierung falsch?

  3. […] Nokia und kein Ende. Jürgen, ich rede links und biege scharf rechts ab, Rüttgers präsentiert sich glatt als Arbeiterführer. Naja, auch andere sind sich nicht zu blöd, sich vollends lächerlich zu machen. Der Podcast zum ARD Presseclub lässt sich hier herunterladen (Mp3, 40 MB) — unglaublich, dass sich solche Informationen so gut wie nie (in den etablierten Medien) finden lassen… […]

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