Nikolaus Brender – die Geister, die sie riefen

zdf_logo
Bildquelle

Unabhängig, vielleicht auch frech, keiner Partei zugehörig, sich sowohl mit Gerhard Schröder als auch mit Angela Merkel anlegend – das sind die angenehmen Eigenschaften des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender. Diese Eigenschaften reichten aus, um ihn am Freitag mit einer Unionsmehrheit im ZDF-Verwaltungsrat abzusägen und seinen auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern. Und machen wir uns nichts vor – die SPD ist Teil dieses unwürdigen Schauspiels, sie hat Brender nur aufgrund des öffentlichen Drucks in Schutz genommen. Wer die Erklärung Kurt Becks am Freitag gesehen hat, erkennt, dass die SPD glücklich mit der Entscheidung ist, Nikolaus Brender zukünftig nicht mehr als Chefredakteur des Zweiten Deutschen Staatsfernsehens sehen zu müssen. Die Medien, allen voran die Printmedien, schreien selbstverständlich auf. Die Pressefreiheit sei in Gefahr, ist dabei noch der harmloseste Vorwurf. Diese Vorwürfe sind hanebüchen – es sind die Geister, die der Journalismus in Deutschland rief. Der Journalismus in diesem Land ist mittlerweile Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.

Roland Koch wird einmal mehr der Schwarze Peter zugeschoben. Die Absetzung Brenders hatte er bereits früh angekündigt und dann in einem Interview mit der FAZ begründet. Die gleichen Worte verwendete er auch nach der Verwaltungsratssitzung am Freitagnachmittag. Roland Koch? Da war doch was? Richtig – in einer beispielslosen medialen Hetzkampagne wurde Andrea Ypsilanti Anfang des Jahres von den Medien als hessische Ministerpräsidentin verhindert, während FAZ, Springer, Spiegel & Co. mit Genugtuung Roland Koch im Amt bestätigt sahen. Wer das Wirken Roland Kochs, seine Wahlkämpfe beobachtet hat, weiß um den Charakter des hessischen Ministerpräsidenten, seinen Machtanspruch und seine Art, Dinge durchzusetzen – ohne Rücksicht auf demokratische und gesellschaftliche Verluste. Das Verhalten Kochs in der Causa Brender ist keine Überraschung – nachdem er im Wahlkampf gegen Andrea Ypsilanti von der gesamten Presse unterstützt wurde, ist es nachvollziehbar, dass er denkt, er könne sich alles erlauben. Dass Roland Koch gehandelt hat, wie er es getan hat, ist nicht zu verurteilen. Dass er es überhaupt konnte, ist Kern des Problems.

35 renommierte Staatsrechtler haben den Fall Nikolaus Brender und das Verhalten der Unionsmehrheit im ZDF-Verwaltungsrat unter Führung Roland Kochs zu einem Verfassungsrechtsfall erklärt. Das ist sicherlich richtig – die Grünen haben bereits den Gang nach Karlsruhe angekündigt. Doch benötigen sie dafür die Unterstützung von einem Drittel aller Bundestagsabgeordneten, demnach muss sich also auch die SPD für eine Klage entscheiden. Die ehemaligen Sozialdemokraten werden diesen Gang selbstredend nicht antreten, sind es doch sie, die durch unzählige Medienbeteiligungen vom Parteiproporz in Presse, Funk und Fernsehen profitieren. Nicht nur aus diesem Grund ist es mehr als unwahrscheinlich, dass die SPD klagen wird. Es ist zu vermuten, dass Kurt Beck und Kollegen bei eigener Mehrheit um ZDF-Verwaltungsrat Nikolaus Brender ebenso abgesägt hätten – erdreistete sich dieser doch, dem abgewählten Bundeskanzler Gerhard Schröder Kontra zu geben. Das Verhalten der SPD in der Causa Brender ist an Heuchelei nicht zu überbieten.

Die Berichterstattung der ARD zur Entscheidung des ZDF-Verwaltungsrats spricht im Übrigen Bände. Es wird den Menschen vorgegaukelt, als sei der ZDF-Verwaltungsrat bis auf wenige Ausnahmen unparteiisch besetzt. Die Chuzpe, dieses Bild in der 20.00h-Tagesschau derart verzerrt den Menschen zu zeigen, muss man sich erst einmal trauen. Das hat mit Journalismus nichts mehr zu tun – es ist Propaganda und Staatsfernsehen-TV vom Feinsten. Der ARD-Zuschauer wird hier bewusst in die Irre geführt – wenn dieser sich nicht anderweitig informiert hat, wird er glauben, dass ein unabhängiges Gremium den Vertrag des ZDF-Chefredakteurs nicht verlängert hat. Es ist diese Art von Journalismus, die unserer Vierte Gewalt an den Rand ihrer Existenzkrise führt, ihre Legitimation hat sie nicht nur in solchen Fällen schon lange verloren. ARD, ZDF und die Politik spielen sich manipulativ die Bälle zu – zum Schaden dieses Landes.

Als der große Verlierer im Streit um Nikolaus Brender wird der ZDF-Intendant Markus Schächter angesehen. Noch im Vorfeld der Verwaltungsratssitzung hat er versucht, mit einem Kompromiss die Wogen zu glätten. Sein Vorschlag, den Vertrag Brenders vorerst um 22 Monate zu verlängern, wurde abgelehnt. Nebenan hatte ich es wie folgt ausgedrückt: Lieber Herr Schächter, um es wie Oliver Kahn zu sagen: Wenn Sie Eier in der Hose hätten, würden Sie zurücktreten. Damit ist eigentlich alles gesagt. Wenn der Intendant des Zweiten Deutschen Staatsfernsehens nicht mehr über das von ihm gewünschte Personal entscheiden kann, ist seine eigene Position überflüssig geworden. Er hätte noch am Freitag zurücktreten müssen – und nicht butterweiche Erklärungen abgeben sollen. An Markus Schächter zeigt sich, wie wenig Rückgrat Medienmacher in Deutschland besitzen. Der Vierten Gewalt wurde in den Stunden vorher, möglicherweise gegen die Verfassung verstoßend, gegen das Schienbein getreten – und Schächter sucht bereits Minuten nach der Sitzung einen Nachfolger für Nikolaus Brender. Wollen wir hoffen, dass sich kein neuer ZDF-Chefredakteur findet. Die Hoffnung stirbt zuletzt – es ist aber eher zu vermuten, dass ganz schnell ein so genannter Journalist die Karriereleiter aufsteigt und selbstverständlich seine Unabhängigkeit betont. Business as usual.

nikolausbrender
Solidaritätsbrender vom unvergleichlichen Bulo… 😀

Die Tränen, die in den Medien vergossen wurden, sind falsche Tränen. Der Journalismus ist in unserem Land schon lange nicht mehr unabhängig von der großen Politik – wenn er es denn jemals war. Ich habe es mal so ausgedrückt: Der Journalismus in Deutschland ist mit der Politik eine Symbiose eingegangen, es herrscht ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Kritischer Abstand ist nicht mehr zu erkennen, das Gegenteil ist der Fall. Politiker wie zu Guttenberg werden zu Politstars erklärt, weil diese sich medial sehr gut verkaufen. Nicht mehr das Tun und Handeln ist wichtig – die Quote ist das alles beherrschende Thema in diesem Land. Die Politik, in diesem Fall Roland Koch, handelt, weil sie es kann und im Regelfall völlig unbehelligt von der Presse agiert. Oftmals handeln Politik und Medien gemeinsam, anstatt Distanz zu wahren. Politik wie auch Journalismus sind zu einer reinen PR verkommen. Ein gemeinsames Ziel verbindet – auf Kosten unserer Demokratie. Die deutschen Erstunterzeichner der Europäischen Charta für Pressefreiheit sollten sich schämen Das Verhalten der Politiker allgemein, es sind die Geister, die unser Journalismus rief.

Roland Koch ist der Geist der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht des deutschen Journalismus.

, , , , , , , , , ,

10 Antworten zu “Nikolaus Brender – die Geister, die sie riefen”

  1. […] (UPDATE:) F!XMBR: Nikolaus Brender – die Geister, die sie riefen […]

  2. canesco sagt:

    «Der Journalismus in Deutschland ist mit der Politik eine Symbiose eingegangen, es herrscht ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Kritischer Abstand ist nicht mehr zu erkennen, das Gegenteil ist der Fall.»

    Deshalb ist es so wichtig, dass es Weblogs gibt wie dieses und AutorInnen, die sich um ein Höchstmaß an kritischer Distanz zum wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Establishment bemühen!

  3. Tja, jetzt haben wir endlich das Staatsfernsehen, das wir verdienen: das ZtaaDsFernsehen.
    Habe bei mir mal einen Aufruf prominent unter obigem Logo gestartet:
    «Liebe GfK-TV-Quoten-Haushalte: Bitte bis Neujahr kein ZDF gucken! Zeigt der CDU, daß Bürger freie Medien wollen! Danke.«
    – und ein ‘Tweet This’ dahintergesetzt.

    Muß mal DWDL ansprechen, ob die das nicht tracken wollen, sobald es oft genug in den TweetCharts oben ist (Michael Spreng ist da ja Gesellschafter oder so.)
    Wäre doch cool, bekäme man da Bewegung rein …

  4. […] Nikolaus Brender – die Geister, die sie riefen […]

  5. Yuggoth sagt:

    Ach Chris,
    ich weiß garnicht, warum du solche Vorgänge immer so skandalisierst.

    Verschränkungen und Verflechtungen zwischen den 4 Gewalten, den Kapitalträgern und den Think Tanks\ Parteien sind im Kapitalismus nicht nur völlig normal, sondern systemimmanent. Das System kriegt uns alle, ohne Ausnahme, es sei denn, wir wollen mit unserer Tätigkeit keinen Lebensunterhalt erwirtschaften — und leben wie Öff Öff im Wald.

    Die Pressefreiheit ist genau so ein Papiertiger wie die Menschenwürde oder die Freiheit der Bildung. Die Brenderaffäre ist kein Skandal sondern systemisch, die gesamte Marktwirtschaft ist skandalös.

    Das du den Zeigefinger hochhälst, ehrt zwar deine Prinzipientreue und dein Rückgrat; zeigt aber auch mal wieder den fehlenden Gesamtkontext, die fehlende Systemfrage.

  6. Oliver sagt:

    >Das du den Zeigefinger hochhälst, ehrt zwar deine Prinzipientreue und dein Rückgrat; zeigt aber auch mal wieder den fehlenden Gesamtkontext, die fehlende Systemfrage.

    Mit Verlaub, der Gesamtkontext tritt durch diese Publikation per se zu Tage. Ich kenne Chris nun seit beinahe einem Jahrzehnt und die Gesamtproblematik, das System, war immer Kern unserer Gespräche. Vielleicht desöfteren mehr im Hintergrund, aber einen Systemumbruch über Nacht erreicht man nur mit einer Revolution, die Systemänderung mit Nachhaltigkeit jedoch seitens vieler kleiner Stationen. Das Problem das sich hier aber mehr oder weniger offenbart, ist die Unfähigkeit vieler an den dargelegten roten Faden anzuknüpfen. Zugegeben in Anbetracht der fülle der Informationen auf dieser Publikation kein leichtes Unterfangen, aber wer behauptete je, daß Wissenakquise ein Spaziergang sei? Und von unserer Seite her würde es schlicht den Rahmen sprengen in jedem Artikel mit Alpha zu beginnen und Omega zu enden — führt letztendlich auch die Art dieser Publikation ad absurdum.

  7. Über die Krise des Journalismus… :: Ändert sich was? Durch wen oder was? Eben: Es wird immer schlimmer. Pessimimus ist auch in diesem Falle wieder eher Lebenserfahrung als Aufgeben.

  8. sportinsider sagt:

    Richtig überraschend war die Personalie Brender ja nicht mehr. Das per Zwangsgebührenfinanzierte Fernsehen war in meiner Erinnerung noch nie frei und unabhängig. Da werden jetzt eine Menge Krokodilstränen fließen.

    Rückblick. Deutschland, 2005. Das «Duell» nach der Shclacht. Gerhard Schröder ist ..ja was ist er eigentlich an dem Abend..Zumindest kein Gentlemen gegenüber Frau Merkel. Bender greift ein. Ja, das war bemerkenswert. Bender wird jetzt aber nicht ins uferlose fallen. Netzwerke sind auch bei ihm vorhanden. Irgendwann gibt es vielleicht oder so gar bestimmt ein Büchlein von ihm im gut sortierten Buchhandel. Er wird irgendwo eine Kolumne schreiben. Es darf auch ein österreichisches Blatt sein. Das wird schon.

  9. Schluckimpfung: Technologiekritik, Geschwindigkeit, Geist des Nikolaus…

    01 — «Standardsituationen der Technologiekritik», Kathrin Passig. 02 — «Die Welt dreht sich schneller — mit und ohne Web», Jörg Wittkewitz. 03 — «Nikolaus Brender — die Geister, die sie riefen», fixmbr. «Get off the Lawn», Jeff Jarvis. Zu Nikol…

  10. […] Daß aus der Pfalz mehr oder weniger nur Unsinn stammt, dies wissen wir spätestens seit Kohl. Daß Beck in Berlin nichts zu bewegen vermochte — schwamm drüber, da waren Intriganten am Werk … so zumindest die Pfälzer Folklore. Jetzt aber hat es Beck in seiner Funktion als Vorsitzender der Rundfunkkommission der Länder auch auf das Netz abgesehen, welches er gekonnt inkompetent mit einem ganz und gar gestrigen Regelkatalog zugrunde richten möchte. Wir kennen bereits seine Weltfremde in puncto öffentlich-rechtlicher Kultur und dem seiner Meinung nach gebührenden Kopfgeld für diese staatlich propagierte Ohnmacht. […]

RSS-Feed abonnieren