Nachmieter gesucht

In Berlin wird für eine größere Immobilie ein Nachmieter gesucht. Objekt der Begierde ist natürlich Schloss Bellevue. Der Axel-Springer-Konzern bringt sich schon in Stellung und fordert Joachim Gauck, also den Mann, der die Occupy-Bewegung, also den Kampf für mehr soziale Gerechtigkeit, als albern bezeichnet hat, Thilo Sarrazin mutig nannte und kein Problem mit der Vorratsdatenspeicherung hat, den Atomausstieg gefühlsduselig nannte und die Demonstrationen gegen Hartz IV töricht. Bevor diese unsägliche Person Bundespräsident wird, sollte man lieber Christian Wulff zum Rücktritt vom Rücktritt auffordern. Joachim Gauck ist im Geiste Ziehvater von Gerhard Schröder und seiner Agenda 2010 und mit Margaret Thatcher hätte er sicherlich eine befreundete Gesprächspartnerin. Sozial engagierte und intelligente Menschen werden auch diesmal laut rufen: Wir lassen uns nicht vergauckeln. Joachim Gauck is #notmypresident.

Die Regierungsparteien beratschlagen bereits am heutigen Abend, noch am Wochenende will man mit einem Vorschlag auf Rot-Grün zugehen. Verkehrte Welt: Man kann nur auf die Eitelkeit von Angela Merkel hoffen. Sie musste heute schon die Niederlage eingestehen, dass ihr zweiter Bundespräsident zurückgetreten ist. Würde sie Joachim Gauck nominieren, wäre das medial das Eingeständnis, dass die Opposition bei der Wahl Wulffs mit der Nominierung Gaucks Recht gehabt hat. Aus der SPD sind bereits Stimmen zu vernehmen, erneut auf Joachim Gauck zu setzen. Ich mag es nicht mehr Dummheit nennen, die SPD hat die Union mittlerweile rechts überholt. Ich kenne Menschen, die ticken ähnlich wie ich, die können sich mittlerweile vorstellen, eher CDU zu wählen als die SPD. Natürlich nur, wenn es da kein Hopping zwischen Grünen und Piraten gäbe. 😉

Eine positive Überraschung gab es gerade in der ARD zu beobachten: Eine aktuelle Umfrage der Tagesschau lässt Joachim Gauck als völlig ungeeignet erscheinen. Mit 43% Zustimmen liegt er zwar bei den gehandelten Kandidaten vorne, jedoch gibt es bei seiner Person auch dediziert 42% Ablehnung. Joachim Gauck würde unser Land weiter tief spalten. Gauck darf schlicht und ergreifend nicht Bundespräsident werden. Joachim Gauck wäre ein Rückschritt ins tiefste neoliberale Mittelalter. Die Folge eines Bundespräsidenten Joachim Gauck wäre nicht nur eine weitere Spaltung unseres Landes, sondern eine weitere Zunahme von Politik– und Politikerverdrossenheit.

Angela Merkel hat bereits zweimal ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert. Ich denke, diesmal wird es genauso sein. Wer heute gehandelt wird, wird mit Sicherheit nicht Nachmieter Wulffs auf Schloss Bellevue. Mitglieder des Kabinetts sind per se außen vor, Zensursula wird es also nicht. Norbert Lammert ist der Kanzlerin selbst zu unbequem — warten wir also ab, wen uns der Parteienstaat diesmal ins Nest legt. Allein die aktuellen Stellungskriege, die Stellungnahmen Dörings, Steinmeiers, Trittins und Gröhes belegen schon Eines: Nicht nur Christian Wulff hat das Amt des Bundespräsidenten beschädigt, die Form, wie er gewählt wird und wie CDU, FDP, SPD und Grüne damit umgehen, fast eben so viel.

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9 Antworten zu “Nachmieter gesucht”

  1. An Politikverdrossenheit kann Angela Merkel doch nur höchstes Interesse haben. Wenn immer mehr Leute sagen «ist doch egal, die machen eh was sie wollen» und nicht mehr zu Wahl gehen, muß es sie nicht stören. Hauptsache der Stimmenanteil der noch Wählenden reicht für ihre Macht.

    Gruß, Frosch

  2. FF sagt:

    Ja, bitte Gauck! Weil er der einzige gelernte DDR-Bürger auf Gottes weiter Welt aka Universum ist, der 1989 begriffen hat, was «Freiheit» bedeutet. (Und seither unentwegt drüber redet.) Vielleicht ist er überhaupt der einzige. Wäre möglich.

    Ich höre mir auch gern die eine Rede, mit deren Auswendiglernen er die letzten zwanzig Jahre zugebracht hat, noch weitere 500 000 Mal an. Minimum! Überhaupt kein Ding.

    Vielleicht fällt diesem fabelhaften Gauck sogar irgendwann einmal ein Satz zur Welt nach 1989 ein. Wer weiß das heute schon.

    Vielleicht gegen Ende seiner zweiten Amtszeit? Nein? Dann aber sicher in seinen Memoiren, Gauck, zweiter Teil, die dann im Herbst 2030 erscheinen. Postum. Titel: «Was Freiheit bedeutet…»

  3. Gaston sagt:

    «Nicht nur Christian Wulff hat das Amt des Bundespräsidenten beschädigt, die Form, wie er gewählt wird und wie CDU, FDP, SPD und Grüne damit umgehen, fast eben so viel.»

    Dem ist nichts hinzuzufügen.
    Ich habe bereits vor der Wahl Wulffs, die Art der Wahl und der Kandidatenfindung als «Farce» bezeichnet.
    Was jetzt abgeht, seit gestern um 11:05 Uhr ist nichts anderes. Nur die Worte nach Außen sind etwas anders gesetzt.
    Kam nur einem die Worte «Volk», «Souverän» in den Mund?
    Ich hörte nur Koalition, Regierungsparteien, Opposition und CDU, CSU, FDP, SPD und Grüne.
    Nicht mal den Ansatz einer Idee mal das Volk, den Souverän zu hören.

    Bei Gauck kann ich nur Hoffen, das er nicht auch sein Geschwätz von gestern als uninteressant bewertet. Schließlich hatte er einer neuerlichen Kandidatur schon eine Absage gemacht.

    Und was soll das eigentlich, das zu einer «Wahl» ein Konsenz gesucht wird?
    Wäre es nicht viel besser, wenn die Politik, solange das System der Wahl so gesetzlich verankert ist, eben möglichst verschiedene Vorschläge macht und die Bundesversammlung entscheiden lässt? Man sucht einen Konsens-Kandidaten? Der soll dann «gewählt» werden? Was ist das für eine «Wahl», bei einem (ernst zu nehmenden) Kandidaten?
    Man will also das Volk wieder verarschen!
    Nichts hat sich geändert!

  4. Finmike sagt:

    von mir aus jeden — nur bitte nicht das Ursel von der Leyen.

  5. @Gaston: Die CDU hat’s nicht so mit echter Demokratie. Die ist so unbequem.

    Wenn wir einen richtigen Verfassungsschutz hätten …

    Ja, wenn.

    Gruß, Frosch

  6. Stefan sagt:

    In einem Forum nannte jemand Gauck einen Religiotenspinner. Eines sehr passende Beschreibung.

  7. Grainger sagt:

    Irgendwie machen mich die meisten Namen, die momentan so als Nachfolger gehandelt werden, nicht so richtig glücklich.

    Frau von der Leyen ganz sicher nicht und Herr Gauck auch nicht (die Pfarrerstochter reicht, da brauchen wir nicht auch noch einen Pfarrer mit all seiner betulichen Wort-zum-Sonntag-Mentalität).

    Einen Bundespräsidenten, der in Tiefgaragen Geldkoffer entgegen genommen hat, brauche ich ganz sicher auch nicht (wobei sich für mich persönlich Herrn Schäuble deswegen ohnehin für jedes politische Amt disqualifiziert hat).

    Aber vielleicht ziehen sie überraschenderweise doch noch einen Kandidaten aus dem Hut, bei dem sich mir nicht gleich die Zehennägel vor Entsetzen hoch klappen.

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