Mein Coming-out

Desert InnIch danke Euch allen, dass Ihr hier zu meiner schriftlichen Pressekonferenz gekommen seid. Ich hatte 1999 das erste Schockerlebnis. Es war so, dass das CC-CB Geld brauchte, und so wurde ein Banner eingebaut. Ich wurde darüber informiert, kam auf das Board, und dann sah ich ihn auch schon. Ich habe erst später festgestellt, dass dem Banner zusätzlich ein Affiliate-Link hinterlegt worden war. Es war ungefähr so, als wenn ich die Zeitung aufschlage und dort eigene Werbeanzeigen drin lese. Das war der schlimmste Tag in meinem Online-Leben.

[Tiefes Durchatmen im Publikum]

Nach den harten Diskussionen zwischen Usern und Boardführung, lief das Boardgeschehen normal weiter. Ich hab den Leuten, die mit mir gepostet habe, ein klares Nein zu jeglicher Werbung gesagt. Ich hatte natürlich in der Anfangszeit Angst vor jeder Grafik oder vor jedem Link im Board, weil ich immer dachte, wenn das verunreinigt ist, das will ich nicht noch mal erleben.

[Ungläubiges Staunen im Publikum]

So ging es über die Jahre weiter bis 2006 auf unserem eigenem Forum, dem Desert Inn. Es gab Gerüchte, dass man gar nicht Geld einnehmen kann, ohne Werbung. In meinem Fall war es dann so, dass ich mich kurz vor Schließung noch dazu entschlossen habe, Adsense einzubauen. Das war ein Test, es war einmalig und ich habe es kurze Zeit später beendet. Ich habe es beendet, weil ich mit den Nebenwirkungen erhebliche Probleme hatte, Google hatte uns den Account gekündigt.

[Gelächter im Publikum]

Ich habe dann mit demjenigen, der mit mir das Forum betreut hat, es war in dem Fall Oliver, enschieden, wir stoppen die Sache und wir beenden das und wir beenden das für immer. Seit dieser Zeit habe ich das natürlich auch in jeder Äusserung zur Werbung immer wieder verneint, negiert, abgestritten, habe gelogen. Es tut mir leid.

[Betroffenheit im Publikum]

Warum ich heute hier sitze und mich jetzt hier oute und offenbare ist Folgendes. Heute, erst recht nach dem Start dieses Werbedingens, ist meine Vergangenheit kurz davor, aufzufliegen. Mir ist natürlich klar, dass diese Position, die ich vertreten habe, nicht mehr zu halten ist. Ich habe dann auch mit Oliver darüber gesprochen.

[Kopfschütteln im Publikum]

Es ist aber noch ein anderer Punkt, der mich dazu bringt, die Wahrheit zu sagen. Ich habe immer gehofft, dass sich die Szene selber reinigt, dass wir alle Hilfe bekommen, die wir so dringend brauchen. Auch schon 2006, denn schon damals waren die Werbeeinnahmen lückenhaft, das Werbesystem, die Situation ist heute nicht viel anders. Mein Sohn wird mal selber publizieren. Wenn ich daran denke, dass er vielleicht mal ein Barcamp besucht, dass schreibende Freunde ihn besuchen, möchte ich nicht, dass die Jungs das Publizieren in eine ähnliche Situation bringen. Wenn ich von meinem Sohn erwarte, dass er ein guter Mensch wird, kann ich über meine Werbevergangenheit nicht länger schweigen.

[Tränen im Publikum]

Ich habe monatelang geschwiegen und ich möchte mich dafür entschuldigen, möchte mich auch bei den Kollegen entschuldigen und wenn es natürlich so war, dass ich dort einen moralischen Vorteil errungen habe, dann bin ich auch bereit die Konsequenzen zu tragen. Ich danke Ihnen.

[Standing Ovations im Publikum]

Disclaimer: Dieser Text ist selbstverständlich reine Fiktion und frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Begebenheiten oder anderen Publikationen sind nicht gewollt und wären rein zufällig.

3 Antworten zu “Mein Coming-out”

  1. Oliver sagt:

    Hey die Sau lebt noch (also das Banner) 😀 hab ich ja damals extra fürs DI gebastelt. Das war noch nicht unter CC, das is © *g*

  2. mitleser sagt:

    Sehr schön :-)

  3. Matthias sagt:

    Ahh, ein F!XMBR-Brennpunkt 😉

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