mach mir mal den Wahlkämpfer

Daß es hier auf unserer Publikation einstweilen recht politisch zugeht dürfte kein Geheimnis darstellen, ebenso wenig der Umstand eines gewissen Bekanntheitsgrades in einigen Gefilden des Netzes. Politisch orientieren wir uns in der Regel an der Aktion, üben gelegentlich Kritik, indem wir Gesagtes bzw. Gewirktes im politischen Alltag aufschlüsseln und auch kommentieren. Darüber hinaus findet sich hier nichts, sprich kein Wahlkampf, keine wirkliche Empfehlung für diese oder jene Partei. Das alles hat auch seine Gründe …

Politisch aktiv ist meinereiner seit ungefähr dem 16./17. Lebensjahr, ich mache auch keinen Hehl daraus, daß man mich äußerst links verorten kann. Zufällig meiner Meinung nach, für mich zählen Dinge wie Menschlichkeit etc. pp. ohne jedwede Kompromisse und dies alles wird eben traditionsgemäß vom linken Spektrum abgedeckt. Auch wenn einige meinen heutzutage den linken Habitus aufbrechen zu können, so a la linke Neoliberaleich bin sozial, weiß aber auch wie man Leute abzockt. Derartiges korrespondiert nicht wirklich und somit kann ich gut damit leben, bezeichnet man mich denn als links. Da bin ich wirklich stolz drauf.

Im Netz verdiente ich meine politischen Sporen auf einem Uni-Server anno ’95/’96 mit ersten politischen Texten, ging recht früh mit Chris gemeinsame Wege — es dürften nun knapp neun Jahre sein, seitdem wir uns kennen — und wir boten auch zusammen immer gerne unsere politische Meinung feil, steckten ebenso gemeinsam Hiebe ein oder verteidigten einander. Nebenher gab es von meiner Seite noch einen langjährigen Ausflug als Moderator des Politikforums eines ehemals sehr großen Forums. Lange Rede kurzer Sinn, wir ticken recht ähnlich und divergieren allenfalls in Details.

Politik ist für mich, für uns, Aktion. Schon früh verabschiedete ich mich vom Wahlkampf trotz damaliger Zugehörigkeit zu der SPD oder heutiger Mitgliedschaft bei den Grünen. Ich halte nichts davon die Intelligenz politisch gebildeter Menschen zu beleidigen mittels irgendwelcher Parolen, Videoclips etc. pp. Vice versa macht es für mich wenig Sinn politisch Unmotivierte kurz vor der Wahl herumreißen zu wollen. Das Armutszeugnis haben sich letztere selbst ausgestellt, ich muß das nicht unbedingt vertiefen. Insofern gibt es von uns das ganze Jahr über Politik, Tenor bei dieser: unsere Meinung, was unserer Meinung nach den Menschen hilft. Ein gute Idee der Linken oder der Grünen findet dabei ebenso mal Erwähnung, wie beispielsweise ein tatsächlich links-politischer Ausreißer bei den Genossen, wenn auch eher als Tropfen auf dem heißen Stein zu sehen. Der Tadel fehlt selbstredend natürlich nie, wo angebracht.

Für meine Person beispielsweise manifestiert sich diese Einstellung im Umstand, daß Aktion vor Parteisoldatentum kommt. D.h. ich bin Mitglied des CCC und der Humanistischen Union, betrachte deren Ziele und Aktionen mit Prioriät, die Partei kommt da zuletzt, an jenen Punkten eben die alleinig auf politischer Ebene machbar sind. Im Zweifelsfall also tangiert mich die Partei keinen Iota, warum ich dieser en detail den Vorzug gebe ist meine persönliche Sache, drum werde ich auch keinem erzählen warum er Partei xyz wählen sollte. Solcherlei Gebaren ist gemäß unserem Gusto, unserer Einstellung zu Politik und den Menschen, absurd.

Dies hält jedoch nicht wenige ab, wenigstens ab und an, doch mal an unsere Tür zu klopfen gemäß dem Motto könnt ihr nicht mal für uns den Wahlkämpfer mimen? Und ebenso wie wir jegliche Werbung kategorisch ablehnen, so lehnen wir auch diese politische Werbung ab. Anders herum gefragt, wer der werten Leser informiert sich vor dem Kauf eines Produkts anhand der Werbeaussagen? Es hat auch etwas mit Glaubwürdigkeit zu tun. Sicherlich dem linken Spektrum per se lassen wir uns gerne zuordnen, solange bei diesem der Mensch, das Miteinander, die Freiheit usw. im Vordergrund steht, in einer Partei hingegen lassen wir uns ungern verorten. Und mag auch für einige just politisch Erwachte meine offen propagierte Parteizugehörigkeit Aussage genug sein, so ist es diese in der Realität eben nicht. Andere Dinge haben für mich Priorität, ansonsten hätte ich Probleme des morgens in den Spiegel zu schauen. Chris ergeht es nicht wirklich anders, obwohl er ausgesprochener Parteiverweigerer ist und dieser oder jener von Fall zu Fall seine Stimme zusichert.

Wenn hier jetzt nun, ob unsere Bekanntheitsgrades im kleinen Kreis oder auch seitens unseres linken Habitus, Anfragen aufschlagen bezüglich eines Wahlkampfes, einer politischen Bloggeraktion etc. pp. so können wir nur herzlich darüber lachen. Einerseits haben diejenigen sich nie wirklich mit unserer Publikation bzw. den dahinter stehenden Personen auseinandergesetzt, zum anderen hat man keinen Respekt vor dem Wähler, den man mit solchen Aktionen vor der Wahl betören möchte.

Wir, Chris und meine Person, sind Nerds, politisch aktiv, aber wir sind auch Menschen durch und durch. Gleichermaßen sind wir weder Linke, Grüne, Konservative usw. wenn es denn gilt den Mensch per se, Freiheit etc. zu verteidigen. Insofern gibt es hier auch keine wirkliche Wahlempfehlung, Kritik en masse, Hilfe/Ideen zu online/offline-Problemen, Alltag, was uns bewegt — was andere vielleicht bewegen kann, wenn es diese denn interessiert. Wer sich zum Wahlkämpfer macht, kann sich auch stante pede die Narrenkappe überstreifen und damit durch die Innenstadt rennen, vielleicht kann dieser ebenso einige Narren bewegen — politisch aktive Mensche belustigt dies allenfalls. Und wer meint er habe keine Zeit dafür — für Quellenkritik, politischen Diskurs, Informationsakquise, der muß auch nicht im Nachhinein über den Scherbenhaufen klagen. Freiheit und Demokratie setzen Aktivität vorraus, Parteisoldaten, Wahlkämpfer, Mitläufer, den netztechnischen me too–Mob braucht kein Mensch.

Insofern unsere Bitte, verschont uns mit diesem crap. Es wirft ein schlechtes Licht auf ansonsten intelligent handelnde Personen und führt deren einstmals Gesagtes augenblicklich ad absurdum.

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17 Antworten zu “mach mir mal den Wahlkämpfer”

  1. Oliver sagt:

    >oder an einem Infostand steht.

    Hat was von Staubsaugerverkäufer …

    >Gerade für neue oder kleine Parteien ist letzteres doch die einzige Möglichkeit, um von Ottonormalmensch überhaupt wahrgenommen zu werden.

    Im Wahlkampf? Man kann auch mittels Aktionen bei diversen Gelegenheiten auffallen ohne mit Worthülsen etwas verkaufen zu wollen. Einen Namen kann man sich machen indem man das Gesagte lebt, Werbe-foo jedweder Natur ist und bleibt das Metier von Narren.

    >Nun, Wahlkämpfer allgemein als Narren zu bezeichnen, das hätte ich jetzt auch von euch nicht erwartet.

    Warum nicht, ich habe mich selbst viele Jahre zum Deppen gemacht. Ich habe es bei den Grünen auch abgelehnt und gleiches gesagt.

  2. no sagt:

    Ich kann deine bzw. eure Position nachvollziehen, ebenso wie die des Spiegelfechters und der anderen, die eine «Wahlempfehlung» abgegeben haben (diese Gruppe ist übrigens nicht die einzige). Meine Position ist die, dass man lieber kritisch informieren und kommentieren sollte und Wahlempfehlungen letztlich irrelevant sind. Mündige Menschen wissen, wie man sich selbst ein Urteil bildet. Irritierend fand ich aber folgendes: Oliver, du verwendest häufig den Begriff «Aktion» und grenzt diesen vom «Wahlkampf» ab. Es wird aber nicht klar, was du unter «Aktion» verstehst.

  3. Oliver sagt:

    >Es wird aber nicht klar, was du unter “Aktion” verstehst.

    Ist das so schwer? Während die Grünen sich z.B. im Schlagabtausch üben mit den politisch Erwachten und etwas von Internetpartei fabulieren, würde ich dort lieber Aktion sehen. Aktion in puncto echter parteiübergreifender Maßnahmen, Aufklärung, Hilfen etc. pp. Das wären wiederum Howtos, Softwarebundles, Analyse von Vorgängen in der Republik usw. Natur/Umwelt ist für mich ebenfalls die tatsächliche Maßnahme, meinetwegen — nur um eine Hausnummer zu nennen — die Errettung eines Biotops, die Blockierung eines Atomkraftwerks, was-auch-immer.

    Drum liegt mein Hauptaugenmerk auch auf Organisationen wie HU oder CCC und selbst Greenpeace sah schon mal eine Spende von mir bzw. ehrenamtliche Aktivität — all jenes was ich mir bei einer Partei dreimal überlegen würde.

  4. derliebewolf sagt:

    Danke! :-)

  5. Sven sagt:

    Ich persönlich gebe eigentlich nur noch die Empfehlung ab, überhaupt zur Wahl zu gehen. Und wenn nur der Stimmzettel ungültig gemacht wird. Ist aber eine Meinungsäußerung. Die Partei der Nichtwähler wird sonst nur wieder von den gefühlten Gewinnern vereinnahmt. Aber das nur nebenbei.

    Ansonsten kann ich deine Meinung nur teilweise verstehen. Verstehen, weil Fähnchen– und Gummibärchenverteilen nichts mit Wahlkampf zu tun haben und das schnelle Wort am Stand nur eine Halbwertszeit bis zum bewußten Sonntag hat. — Nicht verstehen, weil Wahlkampf schon sein muß, im Sinne von Überzeugen zum Wählen und Engagieren für Ziele. Aber das «Wahlkämpfen» nur ein paar Wochen lang degradiert mich zum Stimmvieh. Wer sich 3,5 Jahre lang um mich nicht bemüht, braucht es kurz vor ultimo auch nicht mehr zu tun.

  6. Oliver sagt:

    >Nicht verstehen, weil Wahlkampf schon sein muß

    Das überzeugen mittels Aktion sehe ich nicht als Wahlkampf an, das ist politische Arbeit.

  7. […] Einige sind dagegen, Wahlempfehlungen auszusprechen, andere nehmen sich die Zeit, ihre Wahlempfehlung im […]

  8. tschill sagt:

    Zustimmung. Der Parlamentarismus ist eine realiätsentkoppelte Parallelwelt, die sich primär um sich selbst dreht. Sieht man schön an Frau Yps mit Ilanti und auch an unser aller hoffnungsschwangeren Neopartei. Während markus von netzpolitik.org gerade daran scheitert, irgendeine relevante Protestbewegung gegen die Abschaffung der Netzneutralität im Europaparlament zusammenzukriegen, sind Die Piraten damit beschäftigt, an sich rumzuspielen ihr Logo auf ein Getreidesilo zu strahlen oder den Rechtsauslegern von den Freien Bürgern die Zunge in den Hals zu stecken. Ja, wirklich, sehr themenorientiert, ihre Arbeit.

  9. phoibos sagt:

    zum thema wahlkampf:

    die meisten wahlkämpfer, denen ich begegne sind aufdringlicher als zeugen jehovas. wohltuende ausnahme bisher sind die piraten. lächelnde, junge menschen, die ihre flyer gezielt (!) unter die leute bringen. ganz anders als diese arroganten rotzlöffel in kahrs– oder ilkhanipour-spd-polohemden (natürlich mit hochgeklappten kragen), die mir sogar noch hinterherrennen, wenn ich ihnen ein freundliches «nein danke» zum feilgebotenen propagandamaterial plus giveaway (gut, die gummibärchen haben mich schon gereizt, die kulis hingegen nicht). die fdp hatte ein paar hypsche mädels an die ecke gestellt, aber die wirkten auf mich wie eingekauft. und die cdu? ja, die grauen panther oder die rentner haben mehr action verbreitet. zur spd noch mal: es gibt noch die variatio mit bierbäuchigen kleingartenbesitzern, die mich aber auch nicht reizt. die linke und die gal glänzen mit voll normalen menschen, die freundlich lächeln, initiativ auf menschen zugehen und aussehen wie du und ich.

    die plakate mit den üblichen hackfressen und slogans wie «deutschland kann mehr/kann es besser» (wer hat bloß diese herrlich subversiven claims den parteien verkauft? ein held!) sind ja nur augenkrebsige umweltverschmutzungen. inhalte findet man hier nur bei gal, linke und piraten.

    fernsehen gucke ich nicht, radio höre ich kaum, dazu kann ich also nichts sagen.

    in toto: die wahlkämpfe der gal, linke und piraten sind mir am sympathsischsten.

  10. Klabauter sagt:

    Hi,
    ich finde deine Einstellung im Grunde richtig und auf dieser aktiven Ebene muss auch noch viel mehr passieren. Jedoch versteh ich die Initiative nicht als Wahlwerbespot für Die Linke, wie es hier dargestellt wird, sondern als klares Bekenntnis zum Opponieren. Es fällt reichlich schwer, zu zu sehen, wie den etablierten Parteien immer mehr Handlungsspielraum eingeräumt wird. Und was auf dem Spiel steht muss ich hier ja nicht erklären.
    Hier gilt es diesen Prozess auszubremsen und dafür lässt sich Die Linke nun mal bestens instrumentalisieren. Ich verstehe das ganze als Aufruf zum taktischen Wählen.

  11. Oliver sagt:

    @Klabauter: die «Innitiative», wie du diese bezeichnest, ging anders auf uns zu und formulierte den Anspruch sehr direkt. Aber es war uns ist auch nicht die einzige Anfrage im Laufe der Zeit gewesen. Solch klare Wahlempfehlungen sind Unsinn und führen einstmals bzw. zukünftig Gesagtes ad absurdum. Wenn ich hingegen sage ich empfehle wählen zu gehen, dann hat das etwas. Ich habe weiterhin großen Respekt vor jenen die sich Gedanken machten und letztendlich den Stimmzittel ungültig machen.

    Beispiel gefällig wie dumm viele sind die hier aufschlagen? Nun nach meiner Erwähnung meiner Mitgliedschaft bei den Grünen schlugen die Wogen hoch bei den Twitter-Nazis, fortan bezeichnet man Chris als Grünen, der Hetzjagden gegen die Piraten pflegt. Er wählte beispielsweise bei der Europawahl jene Piraten und erwähnte mal nebenher ein eventuelles Kreuz bei den Grünen. Großer Fehler gegenüber der Macht der Netz-Idiotae, die Kritik an einer Partei mit Diffamierungskampagnen gegenüber einzelnen Personen beantworten. Auch dies kennt man in dieser Vehemenz sonst nur von rechten Kreisen.

  12. Yuggoth sagt:

    danke :)

    du beschreibst sehr gut die breschnewisierung und sukzessive nekrose der parlamentarischen demokratie.

  13. Antje sagt:

    @Oliver
    Die ersten 2/3 deines Artikels sind für mich das Beste, was du seit langem geschrieben hast. Im letzten Drittel verfällst du leider in das, was ich schon mehrfach hier kritisiert habe «Alle doof außer ich». Schade.
    Trotzdem insgesamt guter Beitrag.

  14. Oliver sagt:

    >“Alle doof außer ich”. Schade.
    Trotzdem insgesamt guter Beitrag.

    Nun wir haben weder den Anspruch everybodies darling zu mimen, noch allgemein, pseudoobjektiv zu schreiben und später den Lesern beispielsweise eine Wahlempfehlung unterzujubeln, wie es just einige Publikationen taten. So ist das eben mit einer echten Meinung, diese schmeckt nicht jedem. Aber eine etwaige Erwartungshaltung anderer ist auch nicht unser Problem.

  15. Antje sagt:

    >So ist das eben mit einer echten Meinung, diese schmeckt nicht jedem. Aber eine etwaige Erwartungshaltung anderer ist auch nicht unser Problem. >

    Ganz deiner Meinung. War ja auch nur mein Statement. Auch eine «echte» Meinung.

    Kannst mich übrigens auch gerne @Antje ansprechen :-)

  16. […] Oliver es auch schon hat anklingen lassen, sind sogenannte Wahlempfehlungen im Allgemeinen doch eher […]

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