Lieber Volker Beck,

ich mag Sie, wirklich. Sie wären für mich noch einer der wenigen Gründe, die Grünen zu wählen. Ich bin nicht Mitglied irgendeiner Partei, habe lange Zeit SPD gewählt, dann die Grünen, nun sind es die Piraten. Gestern waren Sie und Christopher Lauer in der Fernsehsendung ZDF log in zu Gast. Sie behaupten: Piratenwähler würden Angela Merkel die Macht sichern.

Das empfinde ich als Beleidigung und kehrt die Tatsachen ins Gegenteil um. Nicht Piratenwähler sichern die Macht der CDU, eine Große Koalition scheint ja 2013 sicher, sondern es ist die Unfähigkeit der SPD und die Unfähigkeit der Grünen, also auch Ihre. Haben Sie dem Studiogast, Vanessa Giese, nicht zugehört?

Ich empfehle folgende Lektüre. Zitat: Nun, da wir seit zehn oder fünfzehn Jahren im Berufsleben stehen und gerne mal ankommen, sesshaft werden, eine Basis haben möchten, erkennen wir, dass nichts sicher ist. Immer noch nicht. Wir haben keine sicheren Arbeitsplätze. Wir leben von Zeitarbeit und Zeitverträgen, von außertariflichen Regelungen, von immer neuen Einstiegsgehältern – nach jedem Jobwechsel, nachdem wieder einmal ein Zeitvertrag ausgelaufen ist, müssen wir uns bewähren. Viele von uns ziehen oft um, der Arbeit hinterher.

Lieber Herr Beck, das sind die direkten Folgen rot-grüner Politik. Das sind die Folgen der Agenda 2010, die Folgen der Liberalisierung der Zeitarbeit und unzähliger anderer Entscheidungen, auch unter Ihrer Zustimmung. Knapp zusammengefasst: Eine ganze Generation, unsere nachfolgende Generation lebt in Unsicherheit, nicht weil Schwarz-Gelb unseren Sozialstaat, unser Miteinander hat erodieren lassen, sondern Rot-Grün und damit auch Sie.

Gerade Sie, Herr Beck, sollten den Piraten danken. Jeden Tag. In anderen europäischen Ländern wandern Stimmen ins rechtspopulistische und rechtsextreme Lager. Die Piraten haben Probleme mit einigen rechten Spinner, das haben sie beim ZDF gut und richtig angesprochen, aber unterm Strich sind die Piraten eine demokratische Alternative.

Einem Piratenwähler aber vorzuwerfen, er würde Angela Merkel die Macht sichern, grenzt fast an politischen Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Machen Sie es besser! Dann werden Sie und die Grünen auch wieder gewählt. So einfach ist das. Ich lasse mich als politisch Unabhängiger ungern beleidigen.

Sie befinden sich mit den Piraten in einem demokratischen Wettbewerb. Glauben sie wirklich, sie werden diesen gewinnen, wenn sie ehemalige Grünenwähler beleidigen? Es liegt doch an den Grünen, den Menschen ein Angebot zu machen, dass Sie wieder gewählt werden. Würde es nur um Menschenrechtspolitik gehen, hätten Sie ohne Wenn und aber meine Stimme sicher.

Doch das Gesamtpaket ist derzeit bei den Piraten am Stimmigsten. Dabei verwahre ich mich gegen die Behauptung, Piratenwähler würden Angela Merkel die Macht sichern. Die eigene Unfähigkeit der vergangenen Jahre, lieber Herr Beck, lässt viele ehemaligen Grünenwähler zu den Piraten wechseln.

Nicht wir sind schuld, dass Angela Merkel uns auch über 2013 als Kanzlerin beglückt, Sie, die Grünen und die SPD sind schuld. Sie haben es nicht im Ansatz geschafft, den Menschen das Gefühl zu geben, mit SPD und Grüne gäbe es eine schlagfertige Opposition, eine Alternative zu Schwarz-Gelb. Ich empfehle dazu auch folgende Lektüre.

Bei den Piraten ist wahrlich nicht alles perfekt. Doch wenn ich diese Unzulänglichkeiten dieser jungen Partei dem gegenüberstelle, was ich von Rot-Grün zu erwarten hätte, dann setze ich seit der Europawahl 2009 mein Kreuz bei den Piraten. Dabei genießen die Piraten sicherlich einen Vertrauensvorschuss — diesen jedoch hat Rot-Grün in der Zeit von 1998 bis 2005 auf Jahre hinaus verspielt.

Lieber Volker Beck, nicht ich als Piratenwähler bin daran schuld, dass Angela Merkel auch nach der nächsten Bundestagswahl jubeln wird. Wie gesagt, würde es mehr Politiker innerhalb der Grünen wie Sie geben, hätten die Piraten zumindest bei mir und auch meinem Freundeskreis einen gleichwertigen Mitbewerber. Es bleibt aber dabei: Wenn die Grünen einen Blick in den Spiegel werfen, dann sehen sie den Grund, warum die Piraten derzeit so erfolgreich sind und fast schon als einzige Oppositionspartei wahrgenommen werden.

Zum Abschluss ein kleiner Hinweis: Sie mögen vielleicht mit Ihrer Argumentation den einen oder anderen Protestwähler dazu bringen, doch SPD oder Grüne zu wählen. Doch ich sage Ihnen, dass Wählerbashing noch nie konstruktiv war: Sie werden erkennen müssen, dass sie mit dieser Art und Weise die Piratenwähler an die Piraten binden und somit dauerhaft Rot-Grün unmöglich machen. Schuld daran sind in erster Linie SPD und Grüne. Und wenn Sie Ihre Argumentation weiter verfolgen, lieber Herr Beck, auch Sie ganz persönlich.

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2 Antworten zu “Lieber Volker Beck,”

  1. Anonymous sagt:

    Ich habe nirgends gelesen, dass Herr Beck ein Problem damit gehabt hätte, einen Bundespräsidenten zu wählen, dem er durch Unterschrift unter diese Erklärung (http://defendinghistory.c.….on/29230) implizit vorwirft, «den Holocaust dadurch zu relativieren, dass er dessen Einzigartigkeit in Frage stellt und ihn für gleich, ähnlich oder gleichwertig mit dem Kommunismus hält, wie dies in der Prager Erklärung von 2008 suggeriert wird» («to obfuscate the Holocaust by diminishing its uniqueness and deeming it to be equal, similar or equivalent to Communism as suggested by the 2008 Prague Declaration»). Zu den Unterzeichnern der von Beck kritisierten Prager Erklärung zählte nämlich auch Gauck. So lange Herr Beck seinen eigenen antifaschistischen Standpunkt nicht wirklich sortiert bekommt (oder den Überblick verliert, was er wann wo mal unterschrieben hat), sollte er vielleicht doch mal zumindest gelegentlich die Füße stillhalten.

  2. Lieber Christian, danke sehr für diesen Beitrag. In der letzten Zeit habe ich die Blogs sehr viel weniger intensiv verfolgt, deshalb hinke ich mit meinem Kommentar etwas hinterher. Du hast die Gründe für das Versagen von Rot-Grün und für den Aufstieg der Piraten gut auf dem Punkt gebracht. Rot-Grün hat durch ihre verachtende Politik eine ganze Generation von politisch denkenden jungen Menschen verloren. Und Tiefrot war dazu niemals eine Alternative. Also kommt nun Orange zum Zuge. Das wirkt alles immer noch etwas chaotisch, wenn man die Aufzeichnungen vom letzten Parteitag auf YouTube sieht. Aber es ist ein Aufbruch und gleichzeitig ein Protest gegen die unhaltbaren politischen Zustände. Ich glaube auch, daß die nächsten Wahlen schon entschieden sind. Die Piraten versammeln den Teil der Gesellschaft, die ihre Zukunft noch vor sich hat und die nicht gleichgültig zuschauen wollen, sie machen ihre Teilhabe geltend. Trotzdem vermisse ich weiterhin eine klare politische Verortung. Ohne das wird es nicht gehen. Die Piraten müssen ihren Standpunkt klar ins Verhältnis zu demjenigen der anderen politischen Parteien setzen. Sonst sind sie auch nur «irgendwie kritisch» oder «irgendwie liberal» oder «irgendwie links» – das hatten wir an anderer Stelle schon mal.


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