Lieber Jakob Augstein

Hier hatte ich bereits über den Verkauf der Ost-West-Wochenzeitung Freitag geschrieben. Ich hatte meine Befürchtungen zum Ausdruck gebracht, dass die Zeitung nun zerstört werden soll. Sie, der offensichtlich nie des Vaters Sohn war, der Herr Detlev Hustedt, ein ehemaliger Springer – das ließt nichts Gutes erahnen. Und wie das so ist, man wird nicht enttäuscht. Sie haben es geschafft. Sie haben die Ost-West-Wochenzeitung Freitag zerstört. Wie fühlt sich das so an, eine der letzten Bastionen humanistischer und kultureller Gedanken in gehobener Qualität auf dem Gewissen zu haben? Wissen Sie, in einem gewissen Rahmen muss man heute mit Werbung leben, auch mit Online-Werbung. Ich kann es als Leser nach wie vor als Belästigung empfinden, aber ich kann auch nachvollziehen, dass Kosten gedeckt werden wollen. Es gibt kleine Banner und es gibt große Banner, es gibt Flash-Werbung, Layer-Ads und so vieles andere, was den Leser ebenfalls belästigt. Was Sie aber heute aus der Ost-West-Wochenzeitung Freitag gemacht haben, spottet jeglicher Beschreibung. Wenn ich freitag.de aufrufe, erscheint quer über den kpl. Bildschirm Werbung, die sich nur über das kleine X schließen lässt – jeglicher andere Klick führt zur Seite des Werbers. Ganz großes Kino.

Eine Webseite kpl. mit Werbung zugeballert, ohne dass man Inhalt sieht? Das ist nun wirklich eine Unverschämtheit, wie man sie selten gesehen hat. Eine Dreistigkeit sondergleichen, ein Angriff auf Ihre Leser, Entschuldigung, ich bleibe in Ihrem Jargon: Ihre Kunden. Herr Augstein, schämen Sie sich. In den Kommentaren meines damaligen Artikels wurde angemerkt, Ihr PR-Sprech beim Kauf der Ost-West-Wochenzeitung Freitag ist der übliche Tod auf Raten. Nun kam der Tod schneller, als man es befürchtet hat. Die schlimmsten Albträume wurden wahr – dank Ihnen und Detlev Husted. Eine der letzten humanistischen und kulturellen Stimmen dieses Landes wurde zum Schweigen gebracht. Eine Stille, ein Vakuum, welches nicht so schnell zu füllen ist und schmerzt. Schlimm, ganz schlimm.

Screenshots: freitag.de

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30 Antworten zu “Lieber Jakob Augstein”

  1. phoibos sagt:

    da hat sich mal einer verkauft. totaler als total. beim aufruf der seite dachte ich, dass ich die seite eines uhrenherstellers aufrief. ist das — schön in schwarz gehalten — die andeutung eines grabsteines, tempus fugit? o tempora, o mores. zumindest der uhrenwerbemensch hat den ?????? erkannt und genutzt. jedenfalls alles sehr bedeutungsschwanger, insofern wirklich keine schlechte werbung. mein respekt an den werbefuzzi. aber keinen respekt an die zeitungsheinis. das ist der verkauf der identität — vielleicht so lukrativ wie ein werbe-tattoo auf der stirn, aber zumindest genauso dämlich (wie würde sich eigentlich so ein mensch fühlen, wenn heute noch auf seiner stirn stünde: kauft sony betamax! und was würden wir lachen?).
    diese vorschaltseite mit werbung ist im übrigen ebenso nervig wie alle anderen introseiten ohne inhalte. im web suchen wir informationen (und nehmen werbung in kauf für diese). eine seite, die um der werbung willen komplett auf inhalte verzichtet, ist tot und die macher haben das internet nicht begriffen. besonders schlimm ist dies für eine zeitung. es wäre in etwa so, als ob der blödmarkt die komplette erste seite der zeit in seinem unnachahmlichen layout kaufen würde — inklusive des headers. jeder würd das als «ist der prospekt heut aber groß» liegen lassen. tja, liebe freitag: ist das nun absicht, seine kunden zu verprellen, oder nur eine bisher ungeahnte dummheit?

    ciao
    phoibos

  2. phoibos sagt:

    bug: unicode für polytonisches griechisch (precombined) kann eure spracheinstellung wohl nicht?

    und an alle anderen, verzeiht das rumgespiele mit der begrifflichkeit zeit: mir war danach.

    tempus fugit: die zeit eilt
    o tempora, o mores: o zeiten, o sitten.
    ?????? (oder im betacode: kai/roj): der rechte zeitpunkt

  3. David sagt:

    Ist dir aufgefallen dass es sonst keine Werbung auf der Seite gibt?

    Also mir ist eine Intro-Layer lieber als dass ich beim Lesen eines Artikels ständig von einer Werbung am Rand abgelenkt werde. Ich wage zu behaupten, dass es keine andere deutsche Zeitung gibt, die ihre Artikel kosten– und werbefrei im Netz hat. Und dass auch der Freitag Geld von etwas leben muss, steht ja wohl außer Frage.

    Finde es schwach, dass du deine VorUrteile durch ein Layer Ad bestätigt fühlst aber keinerlei Inhaltlichen Bezug zu den Artikeln nimmst. Vielleicht sind diese ja doch nicht schlechter geworden?

    Nachdenklich Grüße
    David

  4. Chris sagt:

    *himmel*

    Ist dir aufgefallen dass es sonst keine Werbung auf der Seite gibt?

    Nein, ich bin blind…

    Also mir ist eine Intro-Layer lieber als dass ich beim Lesen eines Artikels ständig von einer Werbung am Rand abgelenkt werde. Ich wage zu behaupten, dass es keine andere deutsche Zeitung gibt, die ihre Artikel kosten– und werbefrei im Netz hat.

    Nein, andere Werbung wird gefiltert. Dieser Mist kommt vorgeschaltet durch.

    Finde es schwach, dass du deine VorUrteile durch ein Layer Ad bestätigt fühlst aber keinerlei Inhaltlichen Bezug zu den Artikeln nimmst. Vielleicht sind diese ja doch nicht schlechter geworden?

    Inhaltlich kann ich nur sagen, dass die Artikel früher regelmässig hier verlinkt wurden. Mittlerweile kaum noch. Von daher…

    … war was?

  5. phoibos sagt:

    die mopo gibts auch in einer gesponsorten auflage bisweilen, bei der die gesamte erste seite mit werbung überdruckt wurde. find ich auch bei echten printmedien mist. wird auch nur genutzt, um dem pizzamann mehr gepäck an die rechnung zu tackern oder studenten in der oe-einheit das leben zu erleichtern.

    diese vorschalt seite ist kein layer-ad, sondern eine echte vorschaltseite im sinne von webeinsnull-willkommen-seiten. und inhaltlichen bezug auf artikel? welche artikel oder inhalte denn? im allgemeinen ist der erste eindruck der wichtigste. und der ist der, dass unter freitag.de schweizer uhren verhökern. erst wenn bzw. falls ich realisiert habe, dass das eine vorschaltseite ist, komme ich zu inhalten. und jedes klicken auf start führt nicht entweder zu der ersten inhaltsseite, nein, es führt jedesmal zu den schweizern. das kann nicht sinn einer effektiven werbung sein. ich bin kein grundsätzlicher feind von werbung, doch es gibt dinge, die sind schlicht zuviel. werbung in redaktionellen kontexten bspw. hier haben wir das gegenteil, nicht die werbung wurde den redaktionellen teilen angepasst, sondern die werbung hat die identität übernommen.

  6. derhans sagt:

    Uiuiuiuiui… ohne aktiviertes javascript werd ich den kram nicht mal mehr los, da ich keinen sinn sehe freitag.de javascript zu erlauben, gibts für mich keine inhalte, nur werbung, daher auch keinen grund mehr freitag.de zu besuchen. schade… sehr sehr schade

    inhaltlich schließe ich mich Chris und dem Kommentar von Phoibos soweit an…

    schade schade schade :(

  7. derwanderermitstock sagt:

    Moin,
    laut ivw liegt die Zeitung in der Gesamtauflage ca. 3,5% unter Vorjahr (3. Quartal) . «Die Zeit» hat nur 1,8% Verlust. Oh je, wie schlimm muß da der Inhalt geworden sein, wenn die Verkaufszahlen so einbrechen!

    Ich schließ mich David an und versteh nicht, wie Ihr euch an solchen Kleinigkeiten hochziehen könnt…

    VG mit Stock.

  8. David sagt:

    Ich identifiziere mit dem Freitag eine gedruckte Zeitung und weniger den Online Auftritt, so haben wir vielleicht andere Perspektiven auf ihn.

    Da ich ihn schon lange abboniert habe und mir der große Wandel nach dem Verkauf eben nicht aufgefallen ist kann ich die Kritik nicht verstehen. Oder kannst du definieren welche Themen jetzt fehlen, bzw. welche Art der Berichterstattung gestrichen wurde?

  9. David sagt:

    PS: Denn es ist ja eine ziemlich harte Sache den Tod einer Zeitung auszurufen.

  10. Schick ist das nicht, aber es gibt schlimmeres. Ich hab den Freitag eh abonniert, und lese ihn weiterhin sehr gerne. Tot ist er jedenfalls noch nicht.

  11. Chris sagt:

    Das Gesamtpaket ist wichtig. Ich liebe es, in der S-Bahn zu sitzen, die Zeitung zu lesen, während neben mir BILD oder die Mopo verschlungen wird. 😉

    Der Online-Auftritt war schon immer spartansich. Aber mit dieser vorgeschalteten Seite — das ist nicht mehr und nicht weniger Springer-Niveau. Du kannst Kameldung mit Gold bemalen, es bleibt Kameldung. Ähnlich verhält es sich mit Springer-Mitarbeitern.

  12. slowcar sagt:

    Habe schon seit längerem vor freitag zu abonnieren, warte aber erstmal ab wie sich der Besitzerwechsel auswirkt.

    Stimmt schon das so ne Werbung no-go ist, aber etwas überzogen davon auf die Qualität des Printproduktes zu schliessen, da habe ich schon besser argumentierte Kritiken gehört.
    Bin erleichtert zu lesen das die Abonennten keine Veränderung der Qualität feststellen können.

  13. wannaberoot sagt:

    @David:

    Ich kann die Seite nicht Benutzen, wenn ich die Werbung schließen möchte komme ich auf die Seite http://freitag.de/contain.….er_uhr , welche aber nicht auf dem Server vorhanden ist. Und wenn die Hauptseite/Portal einer Online-Seite nicht gepflegt wird ist sie Tod.

  14. Jakob Augstein sagt:

    Hallo lieber fixmbr!
    Ich verstehe ja, dass die Layer-Anzeige Sie nervt.
    Und ich verspreche Ihnen, dass eine solche Anzeige die absolute Ausnahme ist. Ich finde auch, dass wir darüber streiten können und müssen, wie es mit dem Freitag und freitag.de weitergehen soll. Gerne.
    Aber ich verstehe jetzt ehrlich gesagt noch nicht so ganz, warum ich den Freitag zerstört habe. Jetzt schon? Geht das so schnell? Mit einer Anzeige im Netz? Das kann unmöglich Ihr Ernst sein.
    Schreiben Sie mir. Die Auseinandersetzung ist wichtig.
    Viele Grüße,
    Ihr Jakob Augstein

  15. Chris sagt:

    Lieber Herr Augstein,

    ich werde mich morgen noch einmal ausführlich äußern. Für eine gepflegte Diskussion reicht der Rant da oben bestimmt nicht aus. 😉

  16. Carlos sagt:

    Es kann so unglaublich schnell gehen, Leser loszuwerden! Eine Seite, die beim öffnen einen browsergroßen layer positioniert, den man nur mit klick auf das X wieder los wird, und bei der man dann im nirgendwo landet weil man kein javascript angeschaltet hat, die besuche ich normalerweise genau einmal… und dann nie wieder!
    Und da ich bestimmt nicht der einzige bin, dem das so geht kann ich nur sagen: «Herzlichen Glückwunsch zu dieser tollen Aktion!»

  17. Jakob Augstein sagt:

    @Carlos:
    … außerdem ging es uns ja auch darum, darauf hinzuweisen, dass wir in soundsoviel Tagen alles neu machen! Darum die rückwärtslaufende Uhr.
    (Und eine Frage: wieso ist bei Ihnen Javascript deaktiviert? Hat das Vorteile?)
    Viele Grüße,
    Ihr JA

  18. Oliver sagt:

    >Hat das Vorteile?

    Sicherheit! Daneben auch Stabilität des Browsers … Scriptsprachen im Browser eröffnen oft Einfallstore ob diverser Fehler. Bestenfalls äußern sich derartige Fehler in massiver Ressourcenverschwendung, sprich der Browser «hängt» — schlimmstenfalls wurde ein Passwort entwendet etc. pp. Der Fantasie sind beinahe keine Grenzen gesetzt.

  19. Carlos sagt:

    @Jakob Augstein:
    Javascript ist bei mir grundsätzlich deaktiviert… das aktiviere ich nur auf seiten, denen ich irgendwie vertraue! Und eine seite, die mich gleich mit einer layerwerbung enpfängt und auf der dann nicht zu sehen ist ohne javascript, gehört nicht unbedingt zu den seiten, denen ich vertraue!
    Aber mal ab von meinen gründen sollte es sich doch herumgesprochen haben, das die meisten internetsurfer mittlerweile extrem allergisch auf layerwerbung reagieren? Ich würde mal sagen, layerwerbung, die sich nicht per werbeblocker ausschalten lässt ist ein sicheres mittel, um kunden, klicks und leser zu verlieren!

  20. Carlos sagt:

    @Jakob Augstein:
    Noch ein hinweis zu javascript, werbung, flash und so… erstens möchte ich mir nicht von (egal welchen) seitenbetreibern vorschreiben lassen, was ich in meinem browser alles aktiviert haben muss… kann ich eine seite so, wie ich browse, nicht sehen, fällt sie halt raus… pech für den, der mich für irgendetwas interessieren will!
    Und, etwas was viele seitenbetreiber vergessen oder unter den tisch fallen lassen: die masse der surfer surft im netz NICHT mit der neuesten hardware, mit anderen worten, eine javascript oder flash«verseuchte» seite kann evtl. ewig brauchen, bis sie mal geladen ist! Und das dann «nur» für eine flash– oder javascriptwerbung!
    ach ja, selbst bei neuester hardware soll es vorkommen, das bei flashanwendungen die cpu-last auf 100% geht… noch ein grund mehr, scripte auszuschalten!

  21. phoibos sagt:

    moin jakob,

    ich bin ebenso überrascht wie erfreut, dass du dich hier zu wort meldest. für die publizierenden kann ich nicht sprechen, doch ist für mich es als einfach nur so dahinkommentierenden ein novum, dass auf kritik reagiert wird. dafür gibt’s gleich mal ein respekt. auch dass du den dialog suchst, spricht für dich.
    natürlich ist das ende einer zeitschrift, die ihren schwerpunkt nicht in der virtualität sucht, nicht da, wenn sie anzeigen schaltet. jedoch vergiss nicht, dass heute viele mit mehreren tabs gleichzeitig surfen (ich tu es zumindest) und so die aufmerksamkeitsspanne auch immer kürzer wird. und da ist ein leser verloren, der von einem tab auf den nächsten weiterschaltet, eine schwarze (in unserer kultur ein zeichen für vergänglichkeit) werbung sieht und keine inhalte, also irgendwas unerwünschtes, was er schnell schließen wird. und das sollte weder dein interesse sein, noch das deiner zielgruppe. für den werbenden mag das ja in ordnung gehen, doch für den flüchtigen besucher ist die domain quasi verbrannt. kannst du dir vorstellen, dein komplettes titelblatt schwarz zu drucken mit einer werbung zuzukleistern und irgendwo unten rechts in 6 punkt und hellgrauer schrift zu schreiben, die zeitung fängt heute auf der nächsten seite an? vielleicht funktioniert’s, doch ich glaube das nicht (ich mag sowieso keine komplett schwarzen titelblätter, weil die so bedeutungsschwanger sind). mein einwand bezog sich also nicht auf werbung an sich — mit deren existenz habe ich mich längst abgefunden. sondern nur auf den imageverlust. unter freitag.de erwarte ich eine nachrichtenpublikation und keine uhren. zumindest sollte die, wie man heute im deutschen sagt, corporate identity erkennen können.

    ciao
    phoibos

  22. Boudisa Speccalot sagt:

    Ich schaue da lieber auf den Inhalt.

  23. […] Dann noch einmal in aller Ruhe. Ich mag den Freitag – wenn ich schreibe, er ist einer der letzten Bastionen humanistischer und kultureller Gedanken, gibt es wohl kaum ein größeres Kompliment. Allerdings haben sich nach der Übernahme des Freitag durch Sie große Befürchtungen gehabt, die sich nun offensichtlich nach und nach bewahrheiten. Kommen wir als Erstes zu der Werbung, die nun auf freitag.de vorgeschaltet ist – der Auslöser, für meinen – zugegeben — nicht ganz ausgeglichenen Rant. […]

  24. Chris sagt:

    So, hier dann noch einmal in aller Ausführlichkeit…

  25. Übersehen sagt:

    Ohne das ganze zu werten, kann ich nur sagen: Ich hatte anfangs gedacht, der Freitag wäre vorübergehend offline (auch wegen der Zeitangabe). Dann dachte ich, gut, die Domain ist wohl verscherbelt worden und der Freitag hat sich woanders hin verkrümelt, und er flog aus dem Newsticker raus.

    Daß es sich um vorgeschaltete Werbung handelt — man nenne mich doof — hatte ich erst kürzlich überhaupt bemerkt. Und in meinen Newsticker kommt er jetzt auch erstmal nicht mehr rein.

  26. […] über deaktiviertes JavaScript und die Zukunft des in einer Woche gerelaunchten »Freitag« (Teil 1, […]

  27. […] Lieber Jakob Augstein #1 und Teil #2 :: Eine Diskussion zum […]

  28. annalist sagt:

    Was hat die Finanzkrise mit der Blogosphäre zu tun?…

    In drei Wochen findet in Berlin eine Veranstaltung der Linken Medienakademie statt: Das Comeback der Überzeugungen. Ich bin eingeladen, mit vier (Ex-)ChefredakteurInnen von Zeitungen über das Verhältnis zwischen linken Medien und der Fin…

  29. […] Fixmbr malt den Teufel an die Wand […]

  30. […] war ich dann allerdings, das, nachdem Chris von F!XMBR einen Kommentar über das neue aussehen der Internetseite des Freitag veröffentlichte, bzw. zu einer ganzseitigen […]

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