Lieber Jakob Augstein #2

Dann noch einmal in aller Ruhe. Ich mag den Freitag – wenn ich schreibe, er ist einer der letzten Bastionen humanistischer und kultureller Gedanken, gibt es wohl kaum ein größeres Kompliment. Allerdings habe ich nach der Übernahme des Freitag durch Sie große Befürchtungen gehabt, die sich nun offensichtlich nach und nach bewahrheiten. Kommen wir als Erstes zu der Werbung, die nun auf freitag.de vorgeschaltet ist – der Auslöser, für meinen – zugegeben — nicht ganz ausgeglichenen Rant.

Ich habe es nicht in aller Ausführlichkeit ausgedrückt, aber wie schon in den Kommentaren klar geworden ist, war es für mich unmöglich, freitag.de aufzurufen. Ich surfe in den Weiten des Internets grundsätzlich per deaktiviertem Javascript – erst wenn ich es wirklich benötige (Flash-Video zum Beispiel) und genau nachvollziehen kann, was ich dann starte, wird es – und auch nur für die betreffende Seite – aktiviert. Mir war es nicht möglich, freitag.de aufzurufen. Nach Klick auf dem X landete ich hier. So eine Werbung ist natürlich ein absolutes No-Go. Sie hindert den Besucher daran, die Seite zu betreten – mal völlig davon abgesehen, dass sie mir aufgezwungen wird, selbst mit aktiviertem Adblocker wurde sie angezeigt. Und wenn ich freitag.de nicht aufrufen kann, wie soll ich die Seite dann noch lesen? Darum in meinem Rant die schlichte Feststellung, Freitag war einmal. Warum Javascript problematisch ist, wurde in den Kommentaren dargelegt, hier ein paar zufällige Links: 1, 2, 3, 4, 5, 6.

Ich gebe zu, bei meinen Befürchtungen auch ein wenig durch Pessimismus und vielleicht auch Vorurteile getrieben worden zu sein. Allein in der Personalie Detlev Hustedt hat sich für mich manifestiert, dass nun auch der Freitag völlig dem neoliberalen Mainstream, wenn man es denn mal so ausdrücken will, angepasst wird. In dieser Gesellschaft, in diesem Land gibt es Dinge, mit denen will ich nichts zu tun haben. Dazu gehört Springer. Ich halte den gesamten Springer-Konzern für gefährlich. Gefährlich für unsere Gesellschaft, für unser Miteinander. Dort wird knallharte Politik gemacht – und um die eigenen Interessen durchzusetzen, werden in diesem Land die einzelnen Gruppen gegeneinander aufgehetzt. Studenten gegen Rentner. Arbeiter gegen Beamte. Angestellte gegen Arbeitslose. Ich sage es ganz direkt: Was früher der Stürmer war, hat heute Springer übernommen. So scheint es zumindest, wenn man sich zum Beispiel die Kampagne gegen Andrea Ypsilanti anschaut und die Kampagne pro Roland Koch.

Wissen Sie, in den letzten Wochen gab es mehrere Momente, wo ich beim Freitag schlucken musste. Es war für mich immer ein Erlebnis, Donnerstags freitag.de aufzurufen, zu schauen, was für Texte online stehen, damit ich am Freitag oder Sonnabend eben die Printausgabe kaufen konnte. Wenn mir denn die Texte zusagten — was aber fast Woche für Woche der Fall war. Schon das passiert nicht mehr regelmäßig. So manches Mal gab es auf freitag.de kein Update – dementsprechend kein Kauf der Printausgabe von mir. Dann vermisse ich Autoren, wie zum Beispiel den grandiosen Otto Köhler. Neulich erst habe ich ihn auf der jungen Welt gelesen — aber halt nicht mehr auf freitag.de. Das sind alles Kleinigkeiten, die schlussendlich – bei mir – das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

Und wenn ich mir dann noch diesen Artikel der WELT durchlese, auch dann werden meine Befürchtungen bestätigt. Laut den Kollegen haben Sie gesagt: Freitag war manchmal ganz schön weit draußen. Jetzt kreuzt er wieder in Sichtweite der Küste. Damit bestätigen Sie ja schon, dass sich etwas geändert hat. Was bedeutet denn in Sichtweite der Küste? Ich sage es Ihnen: Es ist der neoliberale Einheitsbrei der Mainstream-Medien. Sie wollen den Freitag wieder zu einem links-liberalen Blatt machen? Dann haben Sie mich als Leser sowieso schon verloren. Liberal bedeutet bei uns mittlerweile knallharte Lobbypolitik für die Besserverdienenden in diesem Land. Steuersenkungen à la Guido Westerwelle. Der wirklich liberale Geist eines Burkhard Hirsch oder eines Gerhart Baum zum Beispiel, die mittlerweile bei jedem der sogenannten Sicherheitsgesetze für unsere Bürgerrechte nach Karlsruhe ziehen, ist nur noch das Feigenblatt derer, die behaupten, sie seien liberal. Der Spiegelfechter hat es perfekt ausgedrückt: Der Freitag ist links-intellektuell – aber er ist und darf es auf keinen Fall (wieder) werden, links-liberal. Aber auch das sind nur Begrifflichkeiten. Der Inhalt ist wichtig. Und auch dazu nur eine Kleinigkeit: Früher habe ich auf F!XMBR den Freitag regelmäßig verlinkt, es waren dort grandiose Texte zu finden. Heute ist das nur noch selten der Fall. Mal fernab aller Begrifflichkeiten: Ich persönlich kann hier nur mein Empfinden und meine Erfahrungen der letzten Monate wiedergeben. Und irgendetwas passt nicht mehr. Schwer, in Worte zu fassen.

Für mich bedeutet der Online-Auftritt einer Zeitung sehr viel. Er ist das Aushängeschild einer Zeitung. Er ist praktisch der Empfang, der erste Eindruck. Stimmt dieser, kaufe ich mir regelmäßig die Printausgabe des betreffendes Blattes. freitag.de war schon immer spartanisch – doch war es mehr oder weniger egal, famose Inhalte waren dort wöchentlich zu finden. Den Freitag zudem als kostenloses PDF-File anzubieten bringt viele Pluspunkte hinzu. Wenn nun Werbung geschaltet werden muss, sollte dringend darauf geachtet werden, dass Werbung geschaltet wird, die die Menschen nicht verärgert und – das ist sehr wichtig – sie muss durch Adblocker abschaltbar sein. Dem Leser, dem Besucher muss die Möglichkeit gegeben werden, ob er nun die Werbung mitbekommen will oder nicht. Wird dem hoffentlich zukünftigen Kunden etwas aufgezwungen, was ihn nervt, wird es kein Kunde werden. Auf Zwang reagiert jeder Mensch allergisch – auf zwangsweise Werbung noch viel mehr. Gerade das ist besonders in den Kreisen der Fall, die der Freitag anspricht, ansprechen will.

freitag.de wird – wenn nun regelmäßig Werbung geschaltet werden soll – kpl. neu gestaltet werden müssen. Wichtig dabei wird zum Beispiel sein, endlich einen RSS-Feed anzubieten. Ich könnte mir freitag.de sehr gut dreigeteilt vorstellen. Links weiterhin die Kategorien wie Politik, Kultur, Internes, mittig der Content mit jeweiliger Überschrift de Artikel, ein Teaser (mind. erster Absatz vom Artikel), links weiterführende Informationen, auch Werbung. Schauen Sie sich mal das eine oder andere Blog an. Das Auge isst mit. Gerade im Fall eines Nischenproduktes ist es wichtig, auch den Zufallsbesucher in den Bann zu ziehen. Ihn dazu zu bringen, dass er freitag.de in seine Bookmarks legt und wiederkommt – um dann Leser der Printausgabe zu werden. Dem Artikel der WELT zufolge planen Sie auf freitag.de Großes – man kann nur hoffen, dass es wirklich dazu kommt. Ein guter Online-Auftritt führt zu mehr Verkäufen im Print-Bereich. Werfen Sie ein Blick rüber zu den Kollegen der NachDenkSeiten. Albrecht Müller Und Wolfgang Lieb leisten dort mit ihrem Team Grandioses. Und lassen Sie den Guardian Guardian sein – diese Ein-Satz-Teaser verursachen bei mir Augenkrebs. Machen Sie es besser. Viel besser.

Lieber Herr Augstein, lassen Sie mich zum Schluss Danke sagen, dass Sie sich überhaupt der Auseinandersetzung stellen. Das ist nicht die Regel – im Gegenteil. Es ist die Ausnahme, normalerweise werden private Publikationen kleingeschrieben oder gar per Anwaltsbrief belästigt. Allein dies kann Grund zur Hoffnung sein. Ich mag den Freitag ja noch immer. Doch die Leidenschaft, mit der ich ihn früher gelesen habe, die ist verschwunden. Zu viele Kleinigkeiten haben das Fass ein wenig überlaufen lassen. Und eines sei noch angemerkt: Die FAZ ist garantiert keine Vorbild. Sie steht mittlerweile auf einer Stufe mit den Partnern der BILD und der WELT. Sicherlich haben Sie recht, wenn Sie davon sprechen, dass im Feuilleton durchaus die eine oder andere Perle zu finden ist – doch was bringt dies, wenn in den Leitartikeln und im politischen Ressorts die Kampagnen aus der Springer-Zentrale fortgesetzt, manchmal sogar mit initiiert werden? Bei allem Respekt, ich fürchte fast, unsere Wege werden sich trennen. Meine Beobachtungen der letzten Monate, Ihre Äußerungen in der WELT – viel spricht nicht dafür, dass der Freitag mich als Leser binden kann. Das ist verdammt schade – war der Freitag doch in meinen Augen eines der letzten Sturmgeschütze der Demokratie.

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25 Antworten zu “Lieber Jakob Augstein #2”

  1. Dein Leser sagt:

    Eine kurze Abhilfe wäre (in Adblock+):
    freitag.de#div(id=container_uhr)

    Wenn den das wirkliche Problem auch so leicht lösbar wäre…

  2. slowcar sagt:

    Ich lese den Freitag gerne eben weil er weit vor der Küste schwimmt — und nicht in den Lügengebilden der Mainstreampresse herumirrt.
    Bürgerlich-Konservative Kommentare will ich da nicht lesen — da gibt es mehr als genug in der Presselandschaft. Linksintelektuell (wenn es zu viel wird guck ich eben die Bilder an 😉 ) und kreuzt gegen die Bertelsmann-Institute.

    Ich finde es gut das Jakob Augstein sich hier direkt zu Wort gemeldet hat und werde den Freitag nu — wo ich es mir leisten kann — direkt mal abonnieren. Dann kann ich ihn auch wieder kündigen wen es wirklich in die seichten Plantschbecken geht.

  3. FloG sagt:

    Auch auf die Gefahr hin als Klugscheißer abgestempelt zu werden, der Springer-Verlag ist NICHT der Verlag der die BILD, die Welt usw. herausgibt. Der Springer-Verlag ist einer der bedeutendsten Verlage für wissenschaftliche Literatur und hat mit dem Axel-Springer-Verlag (der mit der BILD) nichts zu tun. Er ist auch älter als der Axel-Springer-Verlag.
    Ich bitte doch darum, dass diese Unterscheidung gemach wird, denn stellt euch einfach mal vor euer Blog würde fälschlicherweise mit dem Axel-Springer-Verlag oder eines seiner Medien gleichgesetzt, würdet ihr das wollen? D:

  4. dakira sagt:

    Ach ja.. die ewige Suche nach einer guten Wochenzeitung. Ich mag freitag auch sehr. Am Ende bin ich aber Abonnent der Jungle World geworden und kaufe freitag nur ab und an am Kiosk. In der Jungle World wird das tagespolitische Geschehen Deutschlands im Grossen und Ganzen aussen vor gelassen. Das passt fuer mich hervorragend aus Gruenden die vor laengerer Zeit in der freitag genannt wurden.

    Zugegeben, das Blatt hat den Ruf in der Antideutschen-Ecke zu stehen. Wenn allerdings Artikel aus der Ecke kommen (was selten ist), werden ihnen immer Gegenmeinungen gegenuebergestellt. Meistens beschraenkt es sich aber ohnehin auf Kommentare zu antisemitischen Aeusserungen von «Junge Welt»-Autoren. Ich lese das Blatt wegen seiner ausgezeichneten Reportagen und des meist komplett lesenswerten Feuilltons.

    Die plakativen Titelblaetter sind noch mal das Sahnehaeubchen und immer wieder gibts ne Ausgabe fuer Nerds.

    Naja.. ich wollte garnicht Werbung machen, sondern nur zum Ausdruck bringen, dass es noch andere lesenswerte Wochenzeitungen gibt.

  5. Chris sagt:

    Die Jungle World hat mich noch nie auch nur im Ansatz angesprochen. Nichtmal einen Artikel habe ich dort bis zum Ende durchgehalten. Und mit sogenannten Anti-Deutschen hatte ich schon zu tun. Die stehen auf gleicher Stufe wie die NPD-Deppen…

  6. Jakob Augstein sagt:

    Lieber Chris!
    OK. Danke für diesen ausführlichen Text. Damit kann ich etwas anfangen. Das sind klare Argumente. Damit kann ich mich auseinandersetzen. Vieles davon teile ich. Nicht alles. Die grundsätzliche Richtung ist meine. Die Begriffe sind anders.
    Fangen wir mal mit dem Artikel in der Welt an.
    Mir ist schon klar, dass meine Formulierungen dort ziemlich kontrovers waren, vielleicht ein bisschen sehr zugespitzt.
    Mir kam es darauf an, eine klare Botschaft zu vermitteln: Die Botschaft, dass der Freitag sich öffnen muss, und sich
    geichzeitg treubleiben. Dass er seine Identität und seine Existenz nur wahren kann, wenn er sich auch an neue Leser wendet. Und dass er seine publizistische Aufgabe nur erfüllen kann, wenn er unverwechselbar bleibt, und einzigartig und eben nicht mainstreamig.

    Ja, Sie haben Recht: Die Küste, das ist in meiner Metapher der Mainstream. Wenn wir außer Sichtweite sind, um mal in meinem Bild zu bleiben, dann sind wir nicht mehr Teil der Gesellschaft. Dann sind wir so weit draußen, dass unsere Ansichten zur Gesellschaft irrelevant werden.
    Weil wir uns selber nicht mehr als zugehörig begreifen.
    Ich glaube nicht, dass man auf dieser Grundlage guten Journalismus machen kann. Das ist meine Überzeugung.

    Wenn wir aber in Küstennähe (!) sind, sind wir Mainstream. Das dürfen wir nciht sein. Und wollen es auch nicht.

    Wir müssen Abstand haben zum Mainstream. Aber in Sichtweite sein, um noch verstehen zu können, was dieser Mainstream denkt. Warum er so handelt, wie er es tut. Und dann können wir dagegen anschreiben.

    Es müssen im Freitag weiterhin Positionen zu lesen sein, die anderswo nicht zu finden sind. Das sehe ich genauso
    wie Sie. Und wenn Sie sich den aktuellen Leitartikel von Lutz Herden zu Gaza angucken, dann werden Sie das
    bestätigt finden. Ich habe Herrn Herden für diesen Text ausdrücklich gedankt, da ich ihn hervorragend finde und
    er eben in keiner anderen deutschen Zeitung so erschienen wäre.

    Was Ihre Einschätzung der FAZ angeht unterscheiden wir uns. Ich halte die FAZ für die beste deutsche Zeitung. Sie ist konservativ. Das bedeutet, das ich die meisten der dort vertretenen politischen oder gesellschaftlichen Ansichten inhaltlich nicht teile. Aber ich lese die Texte gerne, denn sie sind sehr oft sehr gut geschrieben. Und ich respektiere die Autoren, wenn sie sauber argumentieren. Und ich bewundere die Zeitung für ihre Freude am Experiment und ihre blattmacherische Phantasie. Ich will den Freitag so entwickeln, dass man das alles auch von uns sagen kann. Als linker Zeitung.

    Ihnen gefällt der Ausdruck linksliberal nicht. OK. Ich habe keinen besseren. Mir kommt es darauf an, dass wir nicht im Ideologiegeschäft tätig sind. Eine Zeitung ist keine politische Partei. Keine Kirche. Journalismus muss aus einer festen Haltung heraus kommen. Und dann ist er ein Handwerk. Ideologie passt nicht dazu — und Ideologie ist, wenn man immer schon vorher weiß, dass man selber Recht hat und die anderen alle Unrecht.

    Der Freitag ist mal von einem Mann wie Günther Gaus geprägt worden.
    Der hat sich selbst als links verstanden. Und als konservativ. Und für ihn war das gar kein Widerspruch (ich verstehe mich nicht als konservativ. Überhaupt nicht. Ich will nur aufzeigen, wohin die Begriffe gehen können.)
    Aber wer Gaus kannte, weiß, dass er nun wirklich alles andere als mainstreamig war. Der ganze Mann war das Gegenteil von Mainstream. Der hatte eine ganz klare Haltung. Aber dazu gehörte auch die Nachdenklichkeit. Die Skepsis. Die Bereitschaft zum Selbstzweifel.

    Das ist mir wichtig. Ich würde den Freitag gerne wieder dahin bringen, wo er bei Gaus stand. (Übrigens gerne auch was die Auflage angeht. Denn die war damals praktisch fünfmal so groß wie heute!)

    … ist jetzt eine lange Antwort geworden.
    Habe ich was übersehen?

    Ihr Jakob Augstein

  7. PZK sagt:

    Guten Morgern Herr Augstein,

    jetzt noch ein RSS — Feed und Sie hätten einen weiteren Leser, der regelmäßiger vorbei schaut um zu schauen, wie Sie ihr Verhältnis zum Mainstream halten wollen. :)

  8. Chris sagt:

    Lieber Herr Augstein,

    vielen Dank für Ihre Antwort, mit der ich in großen Teilen sehr gut leben kann und die für die Zukunft des Freitags wirklich hoffen lässt.

    Mir ist natürlich bewusst, dass man immer in Nähe der Küste schwimmen muss. Sonst ertrinkt man. Man will ja auch ganz bestimmt nicht außerhalb demokratischer Gefilde tauchen, sondern sich dem stellen, was an der Küste auf einen wartet. Man will Menschen überzeugen, mitnehmen, die wunderschöne Weite des Korallenriffs zeigen. Dementsprechend kann ich mit Ihrer Präzisierung nun sehr gut leben. Für F!XMBR drücke ich es immer so aus: Wir erfinden uns immer wieder neu, bleiben uns selbst aber immer treu. Wir bieten unseren Lesern immer wieder Überraschungen, setzen uns mit unterschiedlichen Themen auseinander, bleiben aber immer wir selbst. Es gehen mal Leser verloren, es kommen aber auch immer wieder neue dazu. Diese Politik, wenn man es so nennen will, hat F!XMBR zu einer der meistgelesenen privaten, nicht-kommerziellen Webseiten im deutschsprachigen Raum gemacht. Wenn ich das auf den (neuen) Freitag übertrage, ist der Pessimismus doch nicht mehr so groß, wie er gestern noch war. Zudem hat mir das Update dieser Woche wieder sehr zugesagt.

    Bei der FAZ werden wir nicht auf einen Nenner kommen. Ich habe große Vorbehalte gegenüber dem Herausgeber Frank Schirrmacher. Ich denke da zum Beispiel an die unsägliche Laudatio für den Scientologen Tom Cruise oder wie er vor ziemlich genau einem Jahr Roland Koch beiseite gesprungen ist und mit rassistischen Ressentiments gespielt hat. Das Dreigestirn Diekmann/Schirrmacher/Aust war nicht gut für unser Land. Diese Freundschaft, wenn man es so nennen will, war und ist — trotz des Ausstiegs von Stefan Aust — Gift für die Meinungspluralität in dieser Gesellschaft. Sie haben Doppelpass miteinander gespielt, der Spiegel mit der FAZ, die FAZ mit der BILD — sie bieten nicht mehr unterschiedliche Sichtweisen an, sie ergänzen sich mittlerweile nur noch. Aber mann muss nicht immer gleicher Meinung sein — unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen zeichnen eine Demokratie aus. Ich respektiere und akzeptiere, wenn Menschen die FAZ als beste deutsche Zeitung ansehen. Sie hat Großes geleistet und leistet es in gewissen Ressorts immer noch.

    Eine Zeitung ist keine politische Partei. Keine Kirche. Journalismus muss aus einer festen Haltung heraus kommen. Und dann ist er ein Handwerk. Ideologie passt nicht dazu — und Ideologie ist, wenn man immer schon vorher weiß, dass man selber Recht hat und die anderen alle Unrecht.

    Günter Gaus war ein großartiger Journalist — eines der großen Vorbilder, nicht nur zu seiner Zeit, sondern noch heute. Ein Freitag in der Tradition eines Günter Gaus wäre ein Fels in der medialen Brandung der Bundesrepublik Deutschland. Ich würde mich darüber sehr freuen.

    Lieber Herr Augstein, die letzten Tage haben mir unglaublich viel Spaß gemacht, ich habe ob unser beider Texte sehr viel gelernt. Dafür meinen großen Dank.

    Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende — und jeden Erfolg, den Sie sich selbst für den Freitag wünschen. Vor allen Dingen aber, bleiben Sie gesund. Nachdem ich sich Sie hier die letzten Tage erlebt habe, mache ich mir um den Freitag keine großen Sorgen mehr — ich hoffe wirklich, dass sich das in Zukunft auch auf die Leserzahlen auswirkt. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein — das ist mir durchaus bewusst. Ich denke, dass mit Ihnen an der Spitze das Fingerspitzengefühl vorhanden ist, wie nah man den Schönheiten an der Küste kommen darf, mit ihnen flirten darf, man gleichzeitig aber Distzanz wahren muss.

    Christian Sickendieck

  9. Thersites sagt:

    Jakob Augstein stellt sich mir hier als eine charismatische und integere Persönlichkeit dar; mehr noch, wir Leser dieses Blogs sind sicherlich ohne Ausnahme sehr positiv überrascht, dass er hier an der Diskussion auf Augenhöhe partizipiert (gab es überhaupt schon einmal in Deutschland den Fall, dass ein Macher einer angesehenen Zeitung an einer Blog-Diskussion über seine Zeitung teilnahm?).
    Dennoch sollte Jakob Augsteins persönliches Verhalten und sein Charisma nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Freitag einen radikalen Wandel durchmachen muss. Die Uhr, die immer noch auf der Eingangsseite der Website des Freitag erscheint, kostet ziemlich genau 895 EUR. Welche Leserschaft wird da als potentieller Käufer dieser Uhr angesprochen? Wer von den Mitarbeitern des Freitag kann (und will) sich solch eine Uhr leisten? Und: welche Strukturen kehren jetzt ein beim Freitag in der Organisation der Mitarbeiter und in der Führung? Wie z.B. passt ein ehemaliger Anzeigenleiter aus dem Axel-Springer-Verlag zusammen mit einer Zeitung, die sich eine freie, kritische und linke Position erhalten will? Auf solche Fragen ist eine vage Metapher von Ozean und Küste keine Antwort, und selbst ein Hinweis auf Jakob Augsteins integere Persönlichkeit und sein Fingerspitzengefühl bleibt strukturell dürftig.

  10. Seine Leser ernst nehmen…

    Wenn ich den Freitag mal in gedruckter Form lese, tu’ ich das normalerweise mit Freude an einer erfrischend mainstreamfernen Sicht der Welt. Kommt aber selten vor, weil ich es immer schade finde, eine ganze Zeitung zu kaufen und dann nur Zeit für die…

  11. Philipp sagt:

    Die wirklich bemerkenswerte und sehr lobenswerte Teilnahme von Herrn Augstein an dieser Diskussion hat mich soeben dazu gebracht, ein Probeabo des Freitag zu bestellen — und das trotz der wirklich nervigen Uhrenwerbung 😉

    Übrigens: Auch für Zeitungen dürfte das Gesetz zum Fernabsatz gelten — die Probeabobestellung kann man laut freitag.de aber nur eine Woche lang widerrufen. Ich hoffe, die dafür verantwortlichen bemerken den Fehler vor den Abmahnanwälten.

  12. Karsten sagt:

    «Zusammengehörigkeitsgefühl und Chauvinismus sind zwei Seiten einer Medaille. Beide basieren auf derselben Emotion und einer Abwertung des Fremden — Der gute Patriot

    Warum gilt das nicht auf für die Haltung zur FAZ. Im Netz hat die FAZ ohnehin nicht viel zu melden.

    Ich gebe zu, ich habe das Zitat verkürzt. Lassen wir es so sagen: Freitag bedient eine bestimmte wohldefinierte Leserschaft mit Vorverständnissen. Sie sieht sich abseits des Mainstreams und überlässt damit die Definitionsmacht, was der Leitstrom zu sein habe anderen. Teil des Leserglaubens ist es: das Feindbild und der Chauvinismus. Man will Minderheit sein. Das muss bedient werden.

    «Doch eine solche Zweiteilung der Menschen ist politisch motiviert — sie dient dazu, Patriotismus als wünschenswerte Eigenschaft propagieren zu können. Eine empirische Basis für die Trennung zwischen Vorzeige– und Schmuddelbürgern gibt es nicht.»

    Und das gilt natürlich auch für die treue Leserschaft des Freitag, und die kruden Argumente gegen den Liberalismus, dabei Herrn Westerwelle die Herrschaft über den Liberalen Gedanken überantwortend. Eine Verhärtung des herrschenden ideologischen status quo.

    Wäre es nicht spannender den Mainstream zu «hacken»? Bei Patriotismus fällt mir nebenbei die Patriotische Gesellschaft ein. Traditionsbeladen und liberal am Gemeinnutzen interessiert.

    Freitag ist extrem langweilig, wenn es Lesererwartungen erfüllt. Es stösst keine Debatten an, es regt nicht auf. Wie beim Simmel, das weiss man was man kriegt. Jeder Hollywoodschund zeigt mehr Facetten. Valium für die kritische Klasse.

  13. Angenehm ist zunächst einmal, dass ein Zeitungsmacher den Dialog mit dem kritischen Leser sucht und in einem Blog argumentiert. Schade finde ich, dass die hier genannten Vorbehalte und Kritikpunkte am eventuellen neuen Kurs, den Augstein fahren will (oder schon fährt?) mit den Schablonen fast gewohnter, idiosynkratischer Befindlichkeitslyrismen daherkommt.

    Ja, es ist extrem gewöhnungsbedürftig beim Klicken auf die Webseite von einer bildschirmgrossen Werbung penetriert zu werden. Dabei ist es mir persönlich lieber, es ist eine Werbung für eine Uhr als für irgendwelche Mediamärkte oder Flachbildschirme. Aber vielleicht kommt das noch. Die Seite selber ist bei mir werbefrei gewesen, was nicht selbstverständlich ist. Es wäre nicht schlecht, wenn das so bleiben würde, aber andererseits habe ich den Eidnruck, dass einigen Kommentatoren das «in Schönheit sterben» lieber ist als das mit einigen Narben weiterleben.

    Werbung ist immer ein zwiespältiges Schwert, weil sie mindestens indirekt auch Inhalte verändern kann. Gerade für linke Gesinnungen ist sie vermutlich als der Keim des drohenden Unheils. Die Alternative wäre, dass Zeitung und/oder Online-Auftritt teurer bzw. kostenpflichtig wird. Ich wäre sofort dabei, aber vermutlich auch nur, weil ich es mir (im Moment) leisten kann.

    Ich weiss, dass diese Art von Konsequenzen bei vielen schon als falsche Kompromisslerei ausgelegt wird. Sei’s drum. Auf die Inhalte kommt es an.

    Und da aus den Äusserungen Augsteins schon Angst um die Ausrichtung der Zeitung zu haben — das zeugt meines Erachtens nicht nur von einer gewissen Kleinkariertheit, sondern auch von Egoismus. Und ist nicht aus der Empörung der Ankündigung der Öffnung der Zeitung hin zum «linksliberalen» Milieu (etwas, was mir sehr gut gefallen würde) auch die Angst vor dem Wegnehmen eines so lieb gewordenen Spielzeugs enthalten? Ist diese Angst vor einer evtl. Öffnung des Meinungsspektrums nicht auch Furcht vor der politischen Auseinandersetzung, die dann im Blatt geführt würde?

    (Übrigens: den Begriff «liberal» und «neoliberal» als wirtschafts– bzw. marktradikalistisch zu interpretieren, greift zu kurz und ist schlichtweg falsch.)

    Natürlich wäre es Unsinn, den Freitag als (linkes) Mainstream-Medium (à la TAZ) zu verändern. Man würde nicht nur grosse Teile der bestehenden Leserschaft verlieren, sondern sich mangels Unterscheidbarkeit von anderen, ähnlichen Medien, keine neuen Leser gewinnen.

    Augsteins Credo, eine Zeitung sollte nicht ideologisch sein, finde ich lobenswert und essentiell. Es ist leider ein bisschen unmodern geworden (übrigens auf beiden Seiten des Meinungsspektrums).

  14. Thersites sagt:

    Das ist doch genau der Punkt: Wenn man sich die Veränderungen beim Freitag «nicht ideologisch» anschaut, sondern pragmatisch und sach-orientiert, so sieht man, dass plötzlich ganz pragmatisch Luxus-Uhren-Anzeigen extrem prominent positioniert werden. Dadurch wird doch ein wichtiges linkes Thema, Konsumismus nämlich, exakt mit einem der Instrumente des Konsumismus, einer Statusobjekt-Werbung, unterlaufen. Und dazu hat doch Jakob Augstein hier nicht viel gesagt, oder?
    Beim Freitag werden also konkrete Strukturen aufgebaut, die eher, sagen wir: herkömmlich sind, und über die nicht geredet wird, die aber durchaus Auswirkungen auf den Inhalt und die Leseerfahrung des Freitag haben (das wird klassisch als Ideologie bezeichnet) — und trotzdem möchte man irgendwie links bleiben.
    Natürlich ist das ein spannendes Experiment!

  15. Jakob Augstein sagt:

    Die Frage ist doch:
    Was ist die Aufgabe des Freitag in der deutschen Medienlandschaft. Ich habe dazu eine Meinung: Provokant sein. Fragen stellen, die andere schon für beantwortet halten. Nach Machtstrukturen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sich nicht abzufinden mit der Resignation, dass alles so ist, wie es halt sein soll. Dazu stehe ich auch. (So hat das auch Günther Gaus damals gesehen, glaube ich wenigstens.)
    Das heisst aber nicht, dass wir die Antworten haben. Sondern dass wir das Forum zur Verfügung stellen und unsere eigenen Ansichten — aber nicht mehr. Eine Zeitung ist eben keine Partei und keine Kirche. Wir wollen Orientierung geben. Das ja. Aber dabei bleiben wir skeptisch. Auch unseren eigenen Überzeugungen gegenüber.

    Das ist nun mal unser aller Fluch: Die Zeitalter der Gewissheit sind vorüber. Hierzulande wenigstens.

  16. phoibos sagt:

    Das ist nun mal unser aller Fluch: Die Zeitalter der Gewissheit sind vorüber. Hierzulande wenigstens.

    ich würde das keineswegs als fluch interpretieren wollen. nichts ist lähmender als gewissheiten. wir wären sämtlich nicht dort, wo wir heute sind, wenn nicht vor uns leute gegeben hätte, die bereits wussten, dass sie nicht wussten. gut ist auch der ansatz, sich nicht mit einem refero relata zu begnügen, auch der eigene standpunkt, bei aller irrtumsmöglichkeit, ist ein interessanter und macht lektüre so zu etwas spannendem.

  17. […] 7. Bereits nominiert ist zum Beispiel das herrliche Bloggespräch zwischen Chris/F!XMBR und Jakob Augstein über deaktiviertes JavaScript und die Zukunft des in einer Woche gerelaunchten »Freitag« (Teil 1, Teil 2). […]

  18. Zwischen «links-liberal» und richtig linksliberal bestehen erhebliche Unterschiede…

    P.S.
    Ich teile viele Sichtweisen von Chris. Manchmal sogar alle. Und gerade darum. Darum? Ja, zum Beispiel darum bezeichne ich die rechtsliberale Einheitsfront mitunter auch als: neo«liberal».

    Ein sich lediglich Wirtschaftsinteressen berücksichtigender FDP-«Liberalismus», welcher die Mehrheit der Bevölkerung von Freiheitsgütern und auch Wohlstand faktisch auszusperren sucht, beispielsweise durch eine systematische Umverteilungspolitik von unten nach oben, ist kein Liberalismus mehr, sondern lediglich — im Wesentlichen — der Ausdruck der Sonderinteressen von besser– und bestsituierten Kreisen, von Privilegierten, kurzum ein Ausdruck von Klientelismus, noch kürzer: FDP.

    Als Linksliberaler ist die FDP für mich keine liberale Partei,
    egal, wie häufig und egal, wie beharrlich sie dies vorgibt, sondern sie ist lediglich eine Klienteltruppe mit einem dümmlichen politischen Programm — es handelts sich um einen pseudoliberalen politischen Verein, welcher bei jeder sich bietenden Gelegenheit «Steuern runter» kräht, während er an den Schalthebeln der Macht reinweg Privilegierten– und Konzerninteressen verfolgt — und dies durchaus zum Schaden der Übrigen. Uns.

    Insofern möchte ich Chris herzlich darum bitten, aus begrifflichen und inhaltlichen Gründen, das Wort vom Liberalismus für Neo«liberale» und FDP-Klientelisten tunlichst zu unterlassen! Die [Schimpfwort bitte einsetzen] von der FDP und ihre Lobbyistenfreunde und «bürgerlichen» Politiker-Kumpels in CDUSPD haben es weder verdient, in eine Reihe gestellt zu werden mit den Liberalen im unmittelbaren Gefolge der 1848er Revolution, noch mit solchen, welche gemeinsam mit Linken und der Sozialdemokratie Bürgerrechte erstritten und erkämpft haben.

    Kurzum: Neoliberal ist nicht liberal.

  19. Chris sagt:

    Den letzten Satz würde ich sogar unterstreichen. Jedoch wirst du mir überlassen müssen, was ich schreibe und was nicht. Das wäre ja noch schöner. [Leserbeschimpfung hier nach Wahl einsetzen] 😉 Unsere Gesellschaft, die Politik, die FDP hat das Wort liberal aber genau dahin gebracht, wo es heute ist. Sprich: Es hat sich genau dahin entwickelt, wo ich es (im Moment) sehe.

    Du wirst mir zustimmen, dass es mit dem Wort Sozialdemokratie ähnlich ist. Da bewerten wir ja auch den Ist-Zustand. 😉

    Sprich: Nicht wir missbrauchen die Wörter für unsere Kritik. Der Ball liegt im Spielfeld der Politiker. Die Worte sind nur noch Phrasen der Politik, keine WERTE mehr, wie es früher mal der Fall war. That’s the point.

  20. […] komme ich bis hierher zu einem insgesamt positiven Ergebnis, im Gegensatz zum sehr lesenswerten F!XMBR , der gute Kritik geäußert hat und auf die Jakob Augstein auch schon persönlich geantwortet hat. […]

  21. Wir sollten uns die Wörter nicht stehlen lassen. Und schon garnicht von Klientelisten oder dem in der Politik aktiven Lobbyisten-Gewürge. Nicht zuletzt: Jedes Mal, wo man von rechts«liberal» schreibt, da dringt ein spitzer Pfeil ins pseudoliberale Fleisch.

    Einer mit Widerhaken.

    (Chris, was Deinen Sprachgebrauch betrifft, da bin ich selbstredend liberal — ich mache nur Vorschläge 😉 )

  22. […] Lieber Jakob Augstein :: Eine Diskussion zum […]

  23. annalist sagt:

    Was hat die Finanzkrise mit der Blogosphäre zu tun?…

    In drei Wochen findet in Berlin eine Veranstaltung der Linken Medienakademie statt: Das Comeback der Überzeugungen. Ich bin eingeladen, mit vier (Ex-)ChefredakteurInnen von Zeitungen über das Verhältnis zwischen linken Medien und der Fin…

  24. […] er die Zeitung führen will, hat Eigentümer Augstein neulich bei den Kollegen von FIX!MBR in einem Kommentar erläutert. Und das klang mMn auch schon ziemlich vielversprechend. Und da es auf der bisher eher […]

  25. […] Richtung gehenden Artikel vom Spiegelfechter eingekauft hat, ist indes keine Überraschung. Mein erster Eindruck war korrekt. Ich würde mich freuen, wenn Jörg Tauss im Rahmen seiner Tätigkeit und Recherche […]

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