Lieber Harry Potter

Mit meinen 34 Jahren kann ich schlecht sagen, dass Du der Held meiner Kindheit warst. Und doch hab ich schon ganz früh angefangen, Dich zu lesen — der Hype war zumindest in Deutschland noch nicht ausgebrochen. Ich habe jedes einzelne Buch von Dir in meinem Regal stehen, dazwischen findet sich sogar ein Harry Potter-Lexikon. Aber ich bin unschuldig, ehrlich, meine Familie ist schuld — den letzten Band hat meine Ma mir rübergeschickt, nachdem sie ihn gelesen hat. Auch sie hat alle Bände gelesen. 7 Bände liegen nun hinter uns, 7 Bände, die Joanne K. Rowling zu einer der reichsten Frauen Europas gemacht haben — und jetzt wieder in der Versenkung verschwinden lassen. Sie ist und bleibt Deine Schöpferin — und wenn der Erfolg ihrer nächsten Bücher ausbleibt, wird sich zeigen, wie standhaft sie bleibt und ob nicht doch ein 8. Band folgt.

Alles fing mit dem Stein der Weisen an. Erinnerst Du Dich? Als Hagrid Dir offenbarte, dass Du ein Zauberer bist, dachte ich an die Szene mit Darth Vader und Luke Skywalker. Ich bin Dein Vater. Harry, Du bist ein Zauberer. Luke, Leia und Han waren die Helden einer ganzen Generation und sind es bis heute. Den gleichen Part für die Jugend von heute nehmen Du, Harry und Deine Freunde Ron und Hermine ein — und lasse mich eines vorweg nehmen, der größte Held im letzten Teile war für mich der unbeugsame Neville: Der Punkt ist, es hilft, wenn Leute sich gegen die wehren, es gibt allen Hoffnung. Als Du das erste Mal in den Zug nach Hogwarts stiegst, lerntest Du bereits Freund und Feind kennen, die Dich durch alle Bände, durch Dein Leben, begleiten sollten. Schon im ersten Band musstet Ihr Eure Stärken beweisen, Deinen unbeugsamen Mut, Ron musste das Schachspiel seines Lebens absolvieren und Hermine musste im Angesicht des Todes ihre Logik beweisen. Am Ende stand der Fund des Steins der Weisen. Schon damals kamt Ihr nicht annähernd in Versuchung, diesen zu missbrauchen. Gut gegen Böse, das Gute hatte obsiegt, Professor Dumbledore gratulierte und Gryffindor gewann den Hauspokal. Und wie immer am Ende eines Bandes, ging es zurück zu Deiner Familie, den Duryleys.

Der zweite Band führte Dich in den Kammer des Schreckens, zum ersten Mal wurde die Verbindung zwischen Dir und Tom Riddle offenbar — Harry Potter ist ein Parselmund. Dobby versucht Dein Leben zu retten — so, dass Du ihn am Ende bittest, das nie wieder zu tun. Dieser Band führt uns erstmals vor Auge, dass nichts so ist, wie es scheint. Die Schule wendet sich zwischenzeitlich größtenteils gegen Dich, Du solltest angeblich der Erbe Salazar Slytherins sein. Nur auf wenige Menschen kannst Du Dich verlassen — und wieder steht Ihr am Schluss als Sieger über das Böse da. Im dritten Band erfährst Du, dass der Gefangene von Askaban aus dem Zauberergefängnis geflohen ist — Sirius Black ist nicht nur Dein Pate, sondern auch angeblich der Verräter Deiner Eltern, die Tom Riddle nur ermorden konnte, weil ihr Geheimnisverwahrer sie schändlich verraten hat. Auch wenn Du, Ron und Hermine am Ende Sirius’ Unschuld beweisen könnt, bleibt ein fader Nachgeschmack, kann die Unschuld doch nicht offiziell gemacht werden, die Dementoren machen weiterhin Jagd auf Deinen Paten, der am Ende fliehen muss.

Im Vierte Band gewinnst Du beim Trimagischen Turnier zwar den Feuerkelch, doch hattest Du auch ungewollte Hilfe und musstest Dich das erste Mal in einem Duell mehreren Todessern und Tom Riddle direkt stellen. Ron und Hermine können beim Endkampf das erste Mal nicht an Deiner Seite stehen — das erste Mal trifft Dich die schwarze Macht Tom Riddles direkt, Cedric Diggory stirbt direkt neben Dir, Adava Kedavra trifft Dich und den Leser das erste Mal mit ganzer Macht. Im fünften Band trifft dieser tödliche Fluch Deinen Paten Sirius Black — wir folgen Dir in den Orden des Phönix, die direkte Verbindung zwischen Dir und Tom Riddle wird immer stärker, Du und Deine Freunde, Ihr steht mit Euren 15 Jahren zum Schluss einer Horde Todesser gegenüber, bevor die restlichen Mitglieder des Phönixordens einschreiten können. Du erfährst von der Vorhersagung von Dir und Tom Riddle — Keiner kann leben während der andere überlebt. Am Ende bist Du wieder allein, auch wenn Ron und Hermine weiter an Deiner Seite stehen, die Schwelle des Erwachsenwerdens musstest Du früher überschreiten als andere. Der Tod ist fester Begleiter Deines Lebens.

In Band 6 erfahren wir viel über den Halbblutprinzen Severus Snape. Dieser, so scheint es, begeht am Ende den größten Verrat und tötet Deinen großen Mentor und letzten großen Vertrauten — Albus Dumbledore. Ginny entwickelt sich zu Deiner großen Liebe und doch ist dieser Band eher der schwächste der Reihe, vielleicht neben Deinen Kampf um den Feuerkelch. Das Tempo, welches Rowling anschlägt, ist unstimmig, alles nur auf den letzten Teil ausgerichtet, es scheint als ginge Rowling die Luft aus. Nach dem 6. Band hieß es lange warten, bis nun endlich der letzte Band erschien ist. Und doch war ich nicht mehr so gespannt wie am Anfang, irgendwo war ein kleiner Bruch zu verspüren — die letzten Teile waren an manchen Stellen eher gezwungen, es schien, als wäre Rowling getrieben, neue Dinge einzuführen, man muss das Publikum ja auch unterhalten und bei der Stange halten. Und doch habe ich es mir nicht nehmen lassen, in den letzten Tagen Band 7 zu lesen — man will ja doch wissen, wie es dann ausgeht.

Lange Zeit habe ich mich während des Lesens drauf vorbereitet, die Heiligtümer des Todes zu verreißen — über das unsägliche letzte Kapitel legen wir am besten den Tarnumhang, der Anfang ist zäh, ja fast schon langweilig, Ron, Hermine und Du auf der Suche nach den Horcruxen und noch im letzten Teil muss eine neue Person eingeführt werden — Xenophilius Lovegood. Das meiste in den ersten beiden Dritteln des letzten Bandes ist unnötig. Erst, als sich alle in Hogwarts treffen, fühlt man sich selbst wieder zu Hause. Hogwarts zieht in den Kampf, das Haus Slytherin muss sich entscheiden, wem die Treue gehört, Fred, Tonks und Remus und viele andere fallen — erst der letzte Teil des Buches hat alles aus den vergangenen 6 Bänden, Freundschaft, Schmerz, Kampf und ein ganz großes Ende. Die Spannung ist greifbar als Du und Tom Riddle, als Ihr Euch gegenübersteht, Du davor bereits das zweite Mal den Adava Kedavra überlebt hast. Tom versteht immer noch nicht und fällt zum Schluss wie viele vor ihm. Der Mythos Lord Voldemort fällt in sich zusammen, die Herrschaft des Grauens hat ein Ende gefunden.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich vom letzten Teil halten soll — er zieht sich zu Beginn arg zäh dahin, es folgt die Schlacht von Hogwarts, Dracos Mutter begeht Verrat, warum eigentlich und die absolut größte Schwäche des Buches: Warum stirbt Severus Snape durch Nagini und nicht durch den Adava Kedavra? Gut, er durfte nicht sofort sterben, musste Dir schließlich noch die Wahrheit mit auf Deinen Weg geben, doch passt das überhaupt nicht zu Tom Riddle und die Geschichte rund um den Elderstab. Tom Riddle hätte Severus schon selbst töten müssen, um der neue Herrscher über den Elderstab zu werden. Dass Nagini zubeißt, passt schlicht und ergreifend nicht, auch nicht zum Spaß Tom Riddles, andere Zauberer mit eigener Hand zu ermorden — auch wenn Du später das Denkarium nutzt um die Wahrheit über Severus, Deine Mutter und schließlich Albus Dumbledore zu erfahren. Nicht nur streckenweise Langeweile, auch inhaltliche Schwächen werden das erste Mal eklatant offenbar.

Band 7 war der letzte Teil, so hat es Joanne K. Rowling versprochen. Man kann wirklich nur hoffen, dass es dabei bleibt. In den letzten Teilen gab es große Schwächen, die man nur mit dem Mythos Harry Potter entschuldigt hat. Die Serie begann stark und schloss immer schwächer ab. Nichtsdestotrotz habe ich Dich gerne gelesen — ich steh als Krebs ja auf solchen sensiblen, emotionalen Kram, am dem am Ende das Happy End steht. Wenn auch mit Schwächen, so habe ich mich von Dir und Deinen Freunden gut unterhalten lassen — doch als nächstes muss etwas mehr Tiefgang her. Vielleicht Machiavellis Fürst, den ich seit Jahren auf meiner Liste stehen habe, der Platz im Regel aber, ist immer noch leer. Harry Potter werde ich als feine Serie in Erinnerung behalten, die mich unterhalten hat, nicht mehr und nicht weniger. Doch eines mag man Joanne K. Rowling zurufen wollen: Bitte keinen 8. Band, bitte nicht übertreiben, bitte nicht den Mythos Harry Potter zerstören. Sie mag sich selbst ein Denkmal gesetzt haben. Das haben schon andere getan — und andere haben dieses Denkmal selbst wieder eingerissen. Möge ihr das nicht passieren.

Machs gut Harry.

10 Antworten zu “Lieber Harry Potter”

  1. Oliver sagt:

    >Machs gut Harry.

    Ich hoffe es doch 😀

    Ich lese ja recht viel und Fantasy ist meine ganz große Schwäche, Tolkien, Tanith Lee etc. aber auch mal Robert Howard (*Conan*), Tiefgang/Niedergang ist also nie wirklich ein Problem gewesen. Potter hingegen, na was soll ich sagen, eine gewisse Zeit hielt ich durch, Bücher, Filme auch das erste Spiel damals 😉 aber auf Dauer wurde mir der Ball zu flach gehalten, allzu flach. Durchschaut man erst einmal die vermurxte Nomenklatur ist eigentlich imho alles offenbart. Aber wers halt mag, ich werf da nicht mit Steinen … 😀 😉

  2. Volker sagt:

    Jaja, der gute alte Harry, bin eigentlich wegen meiner Tochter zu Harry & Co gekommen. Bis Teil 4 ging es imho bergauf mit der Qualität, danach nur noch bergab. Teil 7 liegt hier rum und will irgendwann gelesen werden, aber es gibt noch so viel andere Bücher, die warten und mir fehlt etwas der Drang HP7 gerade jetzt zu lesen (habe deinen Part zum Teil7 daher auch überlesen 😉 )

  3. Grainger sagt:

    Mit geht es da ähnlich wie Ollie, obwohl ich eigentlich eher SF bevorzuge habe ich auch so manches aus dem Fantasybereich gelesen.

    Allerdings habe ich bei HP nur den ersten Band gelesen, und selbst den nicht ganz. Das kommt bei mir selten vor (allerdings geht es mir bei Stephen King-Romanen ähnlich), ich versuche eigentlich Bücher, die ich einmal begonnen habe, immer zu Ende zu lesen. Habe ich aber nicht geschafft, ich war ehrlich gesagt zu gelangweilt.

    Und den ersten Film habe ich gesehen, alle weiteren habe ich mir erspart.

    Ich will HP nicht schlecht machen, das ist halt nur absolut nicht mein Ding.

  4. Ohne Sorgen sagt:

    Hmm, HP hat schon was gewisses, jedenfalls damals als der Hype noch nciht da war, wie erwähnt, die Filme jedoch waren einfach nur billig und sollten Leute ins Kino locken, nicht mehr und nicht weniger .… ^^

  5. Grainger sagt:

    Nun ja, in gewissem Sinne soll wohl jeder Film die Leute ins Kino locken, das ist ja der Zweck des Ganzen. 😉

  6. cabi sagt:

    Wenn wir schon im Star Wars-Vergleich sind … wie wäre es mit den Bänden 1–7 mit den Geschichten von Harrys Vater und die ersten Tage des ‘Orden des Phoenix’? *g*

  7. Chris sagt:

    Ich hab ja die ganze Zeit darauf gewartet, dass Voldemort ihm sagt: Harry, ich bin Dein Vater… 😀

  8. Filzo sagt:

    Ich kann förmlich schon die Horden von kleinen Mädchen riechen die hier bald Dinge schreiben werden wie: IHR SEID JA BLOS NEIDISCH AUF JOANNE K. ROWLING, WEIL DIE SO GUTE BÜCHER SHCRFEIBEN KANN UND IHR NICHT

    H4rry izz total süzZ!

    *SCNR*

  9. Chris sagt:

    Und genau das ist das Problem — als es komplex wurde, hat die gute Frau versagt… 😉

  10. tontechniker sagt:

    So siehst aus … ich hab gestern wieder einige Kapitel in der Mitte des Buches gelesen und hatte das Gefühl Joanne K. Rowling hatte keine Idee wie sie möglichst spannend die ganze Geschichte weiterführt. «Und so zogen sie weiter, und es wurde Herbst, und sie zogen weiter …» — da hätte ich doch wesentlich mehr erwartet. Ich hoffe sie bekommt schnell die Kurve, ansonsten wird das Buch wohl wesentlich weniger schnell gelesen werden als die anderen Bände (bei denen ich einen solch komischen Eindruck eindeutig noch nicht hatte).

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