Leiharbeit undercover

Arm durch ArbeitDie SZ nennt ihn Wallraffs Zögling, RP Online gar Wallraffs Enkel. Die Rede ist von Markus Breitscheidel. Auf sein neues Buch, Arm durch Arbeit: Ein Undercover-Bericht, hatte ich über den oben verlinkten SZ-Artikel schon hingewiesen. Doch gab es nicht nur das Buch — die ARD hat letzte Woche einen Bericht über den Undercover-Einsatz von Markus Breitscheidel gebracht. Verantwortlich für die Dokumentation zeichnet sich den F!XMBR-Lesern auch nicht unbekannte Julia Friedrichs. Ein Jahr Leiharbeit auf 40 Minuten gepresst — es ist das pure Grauen, die pure Realität, die den Menschen von der Agenda 2010 gebracht worden ist. Menschen wie Gerhard Schröder, Wolfgang «ich weiß von nichts, da muss man gegen vorgehen» Clement und Frank-Walter Steinmeier, die gesamte Täterpartei der SPD zeichnen sich für diese Situation verantwortlich.1 Der PR-Sprecher von Opel im Übrigen war vorher Fernsehredakteur und Moderator beim Hessischen Rundfunk. Zu seinem Spektrum gehörten Auto und Reisen, Automobilsport und Wetter. Bei dieser Verquickung von Politik, Medien und Wirtschaft ist es ein großes Wunder, dass solche Dokumentationen wie die von Julia Friedrichs und Markus Breitscheidel noch zu sehen sind. Aber — man muss sie mit der Lupe suchen. Die Menschen werden zum großen Teil von Politik, Medien und Wirtschaft hinters Licht geführt, verraten und verkauft. Auf Google Video bin ich gerade zufällig auf die Dokumentation gestoßen. Viel Spaß kann ich bei diesem Grauen nicht wünschen…

Günter Wallraff sowieso — aber auch wenn ich solch junge Journalisten wie Julia Friedrichs sehe, engagierte Menschen wie Markus Breitscheidel oder auch Heribert Prantl von der SZ — ganz ist der kritische Journalismus in Deutschland noch nicht gestorben. Zumindest bleibt irgendwo am Abendhimmel diese Hoffnung stehen. Aber — es sind die großen Ausnahmen. Und oftmals auch nur in Büchern zu finden, die nicht die Masse erreichen. Umso wichtiger ist es, selbst aufzuklären. Der eigene Onkel, der FDP wählt, die Familie, die stolz darauf ist, links zu sein, also der SPD das Kreuz schenkt — da draußen im realen Leben, nicht nur per Artikel auf der eigenen Publikation, sei sie noch so gut besucht… 😉

Die Dokumentation wird im Übrigen wiederholt, am 3. November um 05:30 Uhr auf Eins Extra sowie am 17. November um 22.00 Uhr auf WDR. Einschalten, weitersagen…

Markus Breitscheidel — Arm durch Arbeit: Ein Undercover-Bericht
Julia Friedrichs — Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen
Heribert Prantl — Der Terrorist als Gesetzgeber. Wie man mit Angst Politik macht

  1. Und jetzt komme mir keiner mit dem Lügengebilde Arbeitslosenstatistik. []

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8 Antworten zu “Leiharbeit undercover”

  1. Oliver sagt:

    Ich glaube hier manifestiert sich ein Problem mißverständlichster Art. Zwar sind Infos immer das A und O — was würden wir ohne diese auch tun — einige verfehlen aber durchaus ihre Wirkung. Bei derartigen Dingen beispielsweise: ich brauche einen derartigen Film nicht, das Gros unserer Lese hier ebenso wenig. Damit meine ich nicht das dies eine unnütze Information ist, aber die eigentlichen Adressaten kümmerts doch einen Dreck. Nun gut die Verantwortlichen erreicht man ohnehin damit nicht, vielmehr zählt wohl die Breitenwirkung. Aber wen erreicht man letztendlich dort?

    Im Prinzip keinen, sonst hätte Wallraffs Original schon zur Revolution gereichen müssen, Ganz unten bietet gesellschaftlichen Zündstoff en masse. Eine Art Betroffenheitswirkung hatte es auch damals, aber Eigendynamik entwickelte es nie. Im Gegenteil, heute kann man überall ganz unten sein, der Investigativjournalismus ist in vielen Bereichen gar nicht mehr von Nöten. Als mehr dem Linken der Balsam und dem Rest mehr oder weniger nur linke Propaganda?

    Es ist nicht einmal Kritik an dem was hier steht, warum auch? Vielmehr ein kurzes Innehalten? Heute, exakt in dieser Zeit ist es nicht unbedingt die schlimmste aller Epochen — keineswegs. Aber heute schauen wir die bestmögliche Informationslage aller Epochen. Heute kann ich die Leute mit derlei Infos nicht nur gelegentlich wachrütteln, nein ich kann sie gar damit erschlagen. Ich kann jedes menschenverachtende Argument seiner Substanz berauben und auf immer im Keim ersticken. Und dennoch bewirkt es heutzutage nicht einmal mehr jene Betroffenheitsstimmung, die bei Ganz unten zumindest noch offenbar war.

    Damals zu wenig der Information, heute Informationsflut? Vielleicht, andererseits denke ich mehr vielen ist es heutzutage einfach egal. Klar werden nun einige das Gegenteil behaupten, wenn sie denn diese Zeilen lesen — Gegenfrage: warum lest ihr hier? Exakt, gewiß nicht um tatäglich eine gegensätzliche Meinung zu vernehmen. Und euer Freundeskreis setzt sich gewiß ebenso wenig aus menschenverachtenden Individuen zusammen. Ergo muß man sich umschauen und da nichts, aber auch gar nichts positiv bewirkt wird, ist auch bei der Majorität kein Interesse da. Und nur diese Majorität könnte etwas bewegen.

    Nützt es also aufzuklären? Kaum noch — dieses gewisse etwas, also Menschlichkeit, hat man oder man hat es eben nicht. Betroffenheit ist beschämender Voyeurismus, die Aktion ist gefragt in kleinem wie im großen Stil. Und diesen humanistischen Habitus erkennt man im Leben eben ob der Handlung und nicht ob der getragenen Kleider.

    Kurzum ich kenne SPD-Leute, die durch und durch Menschlichkeit wirken, mehr als mancher Pseudolinke der mitunter jene pauschal auf Demos etc. anprangert, ich kenne vice versa andere desselben Vereins die ahm … na ja sind, um es höflich auszudrücken. Selbst bei der Union kam und kommt mir dies unter — nicht wahr, kann nicht sein? Nun Oberflächlichkeit ist aller Laster anfang. Tendenziell wird man in entsprechenden Gefilden eher diese na ja-Leute schauen, pauschal jedoch keineswegs. Oft schaut man mitunter viele Leute die Menschlichkeit wirken und in der falschen Ecke sitzen? Warum? Nun diese reden sich etwas ein, erliegen einer falschen Loyalität, Tradition etc. pp.

    Kurzum mehr und mehr denke ich, man muß den Leuten zeigen was Leben ist, was Leben sein kann, damit sie a) wissen für was sie da eigentlich kämpfen (einige zumindest) und b) warum es wichtig ist dieses Leben in seiner ganzen Vielfalt zu schützen. Daraus ergibt sich der Rest, dann erst wird man Minderheiten schützen, dann erst wird das Leben lebenswert.

    Indem ich polarisiere — muß gelegentlich auch mal sein — schrecke ich aber auch ab, ziehe tiefe Gräben, mauere. Ich bin dann der linke Arsch, der mit seiner Propaganda ebenso extrem die Wahrheit überfährt wie der Rest. Keineswegs muß man zum linken Neoliberalen mutieren oder Brainfuck wie Links 2.0 postulieren, aber viele Linke biegen auch gerne die Wahrheit für einen guten Zweck, etc. Ich betrachte zwar auch die Wirtschaft — gesehen als abstraktes Gebilde — als unmenschlich, nicht jedoch die darin wirkenden Menschen. Das Differenzieren geht mehr und mehr verlustig und in der gesamten Flut heutzutage finden sich meist nur noch Voyeuere ein.

    Cassandra-Rufe sind oftmals angebracht, diese verhallen jedoch mehr und mehr, wenn der Mensch nicht mehr weiß was Mensch eigentlich ist.

    Mein Wort zum Pseudo-Sonntag …

  2. Fabian sagt:

    Es mag jeder von Leiharbeit halten was er mag. Ich selbst sehe gewisse Aspekte ebenso kritisch. Aber, auch ohne das Buch gelesen zu haben (ich tue es aber noch ;-)) muss ich mich doch fragen: Was will uns dieses Buch Neues sagen? Ausbeutung findet man nicht nur bei der Leiharbeit. Aber das wissen wir doch alle. Man hört es regelmäßig in den Nachrichten: es sind immer zuerste die Leiharbeiter, die gehen müssen wenn es einem Unternehmen schlecht geht. Und das obwohl von ihnen die gleiche Arbeit verrichtet wird, wie von den regulär beschäftigten Arbeitskräften. Aber um diese Situation aufzuheben braucht es ein generelles Umdenken. Ein Umdenken, was sicher nicht durch einen weiteren reißerischen Bericht eingeleitet wird, der sowieso nur einen eng begrenzten Ausschnitt der Wirklichkeit zeigt. Der Otto-Normalbürger wird sich aufregen und anschließend wieder seinem täglichen Geschäft nachgehen. So verpufft die sicherlich hehre Absicht im Nichts. Wir werden sehen .…

  3. Grainger sagt:

    Aber um diese Situation aufzuheben braucht es ein generelles Umdenken.

    Um diese Situation zu ändern, müsste man zuerst einmal die arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen ändern.

    Denn das sich ein Arbeitgeber im Bedarfsfall erst mal von den Arbeitnehmern trennt, deren Freisetzung ihn nichts kostet (keine Sozialpläne, keine Abfindungen, kein Auseinandersetzungen mit dem Betriebsrat, usw.) ist doch vollkommen logisch.

    Das trifft nicht nur auf Leiharbeitnehmer, sondern auch auf die die im Rahmen des Teilzeit– und Befristungsgesetzes befristet eingestellten Arbeitnehmer zu. Deren Verträge werden dann eben einfach nicht mehr verlängert.

    Die Politik will aber gar keine größere soziale bzw. arbeitsrechtliche Sicherheit für Arbeitnehmer, in den letzten ~20 Jahren wurden Kündigungsschutz und Befristungsregelungen doch systematisch aufgeweicht und die Zeitarbeit wurde als der goldene Weg aus der Massenarbeitslosigkeit propagiert.

    Das Arbeitgeber (und zwar vom kleinen Handwerksbetrieb bis hin zur Großindustrie) die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu ihrem Vorteil nutzen sollte niemanden verwundern.

  4. bismodo sagt:

    hauptsächlich zum 1. kommentar (von oliver):
    warum so resigniert? ich jedenfalls nutze nicht die verschiedenen seiten kritischen informierens + denkens, denen ich in diesem und anderen blogs begegne, um meine meinung wiederzufinden oder bestätigt zu sehen. wie oft bemerke ich nicht, dass ich eine reihe aspekte ausser acht gelassen habe! wieviele dinge erfahre ich nicht überhaupt erst auf solchen seiten!
    und da ich nun wirklich nicht nur mit leuten meiner eigenen denke zu tun habe (wüsste eigentlich keinen, der von vornherein, ohne austausch + gespräch, mit mir übereinstimmte — und da komm ich dann auch wieder klüger raus, selbst wenns keine übereinstimmung gegeben hat…) halte ich die überlegungen auf diesen seiten für unabdingbar. ohne sie würde ICH resignieren. ich hole mir hier nicht meine meinung ab, nehme aber ernst, was andere zu sagen haben. und eigene denke werden wir alle sicherlich bald gut gebrauchen können.

  5. Detlef sagt:

    So. da ich die Sendung leider verpasst hatte, wollte ich mir heute um 5:30 Uhr genüsslich die Wiederholung reinziehen.
    Aber wo war sie denn? Warum wurde sie nicht gesendet? Hat da vielleicht Frau Merkel die Hände mit im Spiel?

  6. Chris sagt:

    Ich hoffe mal, das mit Merkel war ein Scherz. Eine Seite für dumpfe Verschwörungstheoretiker sind wir nicht…

  7. […] Dazu kommen noch steigende Ungleichheiten in der Bevölkerung: Vorstandsgehälter werden mächtig erhöht, während es unverschämt ist, dass Arbeitnehmer mehr Lohn wollen. Während der Finanzkriese wurde Geld regelrecht verbrannt, aber anstatt die Verantwortlichen zu bestrafen steht der Staat für die Schulden ein. In immer mehr Unternehmen werden Leiharbeiter eingestellt, die modernen Sklaven. […]

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