In einer Zeit in der alle dem Technik-Gott hörig sind, dem omnipotenten Mittel Arbeitsplätze zu schaffen und die Wirtschaft anzukurbeln, wirken Dinge wie Geschichte, Philosophie, diverse Sprachwissenschaften etc. für das Gros der Bevölkerung wohl eher deplaziert.
Was die Technik an sich nie schaffte und auch nie zu schaffen vermag, das perpetuum mobile, setzte die Politik geschickt um, die Mär vom Fortschritt als omnipotenten Motor, als sich selbst erneuernde Antriebskraft für die Aufgaben unserer Zeit. Gleichermaßen versteht man es hervorragend die tatsächlich, schon oben genannten, Triebfedern einer jeden Kultur drastisch zu kürzen, sie gar teils ad absurdum zu führen, so das Teile des Volkes inzwischen tatsächlich glauben nur was wirtschaftlich ist bringt auch etwas auch für die Zukunft.
Wo wäre heute das Wissen eines Blaise Pascal, einer Ada Lovelace oder das eines Universalgelehrten wie Gottfried Wilhelm Leibniz, wenn nicht aufbewahrt bzw. wiedererschlossen durch Historiker. Warum gingen Menschen wie Leibniz in die Geschichte ein, leisteten hervorragende Dinge in allen Bereichen? Sie vermochten über den Tellerrand zu blicken und erkannten die immense Wichtigkeit interdisziplinärer Arbeit. Profan als Universalgelehrte tituliert, bildeten sie in ihrem Kopf einen Schmelztigel der diversen Disziplinen und vermochten so Kultur, Fortschritt gleichermaßen vorranzutreiben.
Der Informatiker heute, der Ingenieur usw. all jene leben teils in ihrer Arroganz quasi die Krönung der Schöpfung darzustellen. Worauf fußt das? Es ist eine Hilfswissenschaft par excellence, selbstredend auch wichtig, ein Bindeglied zw. den Disziplinen, oft ein Katalysator für andere Wissenschaften. Damit möchte ich keineswegs derartige Disziplinen in Frage stellen, sie sind wichtig und besitzen ihren Stellenwert – jedoch neben all den anderen, gleichwertig, nicht über diesen. Die postulierte größere Relevanz entstammt einzig und allein einer politischen Kakophonie, dirigiert von Inkompetenz.
Braucht der Mediziner z.B. tatsächlich hightech? Nein, Medizin funktionierte auch schon zu Großvaters Zeiten ohne diese Dinge – wie gesagt Technik verbesserte bestimmte Praktiken, ermöglichte eine bessere Diagnose … als Katalysator von bestehenden Techniken. Erst aber Historiker, Archäologen oder auch Philosophen ermöglichten es doch Wissen unserer Altvorderen wiederzuentdecken, so das der Mathematiker erst seinem Handwerk nachgehen und sich darauf im Laufe der Zeit die Disziplin Informatik herauskristallisieren konnte.
Grundwerkzeug der technischen Wissenschaften(nebenbei auch vieler Geisteswissenschaften) ist die Logik, diese brachten die Philosophen, deren Wissen wiederum basiert auf den Erkenntnissen der Historiker und Archäologen. Den Herren Technikern wird wohl der Satz des Thales ein Begriff sein? Nun dieser Thales von Milet lebte etwa 624 v.Chr., Geschichtsbewußtsein der Menschen überlieferte dieses Wissen, Archäologen/Historiker entdeckten es wieder und machten es nutzbar. Menschen wie Pythagoras von Samos, heute verkannt als profane Mathematiker, leisteten viele Dinge, die in vielen Bereichen auch heute noch maßgeblich sind.
Wo wären wir heute ohne diese? Ein Beispiel, für Dinge die heute erst 50 Jahre zurückliegen bedarf es schon teils der Fachleute aus den Bereichen Geschichte/Archäologie um diese Dinge aufzubereiten. Wissenschaftler arbeiten i.d.R. immer logisch, jedoch nur in ihrem eigenen Umfeld, allenfalls noch in ihrem historischen Kontext – die Wissenschaftler aus den Geisteswissenschaften setzen diese Bruchstücke wie ein Puzzle zusammen, damit andere Disziplinen auch zukünftig davon profitieren können. Ein Beispiel wo auch heute Archäologie ihre Anwendung findet, ein trauriges Kapitel deutscher Geschichte, Buchenwald.
Die Technik liefert uns das Mittel mit gewonnenem Wissen besser umzugehen, Disziplinen miteinander zu verknüpfen etc. alleine betrachtet ist sie aber völlig wertlos und eine ausschließliche Ausrichtigung, gar Hörigkeit, fatal für eine jede Kultur bzw. der ihr inne wohnenden Gesellschaft.
Das soll nicht als Plädoyer gegen Technik verstanden werden, ganz im Gegenteil ich mag Technik in allen Bereichen, doch diese Fixierung auf einen speziellen Bereich ist auf lange Sicht unser aller Untergang. Alle Disziplinen profitieren voneinander – es braucht weniger Spezialisten, die nur als Fachidioten eher den tatsächlich Fortschritt hemmen – mehr braucht es Universalgelehrte, respektive überhaupt Menschen in allen Disziplinen die in der Lage sind miteinander anstatt gegeneinander zu arbeiten.
Die angebrachten Beispiele Informatik, der Ingenieur an sich, der Historiker usw., sollen auch nur als solche betrachtet werden. Grundlegend ist der Gedanke Technik vs Geisteswissenschaften, der fatalerweise immer mehr an Universitäten einzug hält und in der Gesellschafft schon weit verbreitet ist. Diese Blockade-Wissenschaftler findet man in allen Disziplinen ob Technik oder Geisteswissenschaft und sie haben allesamt nicht diesen Titel verdient!
Kultur ist mehr als nur auf deutsche Tugenden zu pochen, Kultur durchwirkt unser aller Leben und ermöglicht auf Dauer erst Fortschritt. Damit erreiche ich natürlich kaum die angesprochenen Wissenschaftler oder Politiker, diese stehen mit ihrer Arroganz über diesen Dingen und würden mich allenfalls mit Verachtung strafen. Vielleicht aber denkt der eine oder andere Leser mal drüber nach. Die Kultur bildet sich aus der Gesellschaft heraus, nicht Politiker oder Wissenschaftler bauen diese – sie tragen allenfalls dazu bei, positiver als auch negativer Natur.
Ein von mir in letzter Zeit gerne zitierter Spruch Fontanes,
Die meisten Menschen sind in Kleinheit befangen und gönnen dem anderen nichts.
Das Bild Platons entstammt der Wikipedia.




26. April 2006, 13:48 Uhr @
Du bringst es auf den Punkt.
Auch in der Schule ist mir das schon des öfteren aufgefallen. Ich kenne in der ganzen Oberstufe niemanden, der in Englisch, Informatik, Wirtschaft und Musik gleichermaßen gut ist.
Schulnoten sollte man zwar nicht überbewerten, aber im Prinzip sind gute Noten in allen Fächern mit den gleichen grundsätzliches Methoden zu erreichen. Die scheinen einfach zu fehlen.
Viele Schüler sind nicht in der Lage sich sinnvoll zu fragen “Was will ich erreich?” und “Wie kann ich das erreichen?”, sondern sie arbeiten planlos und beschränkt an etwas herum.
Ohne über den Tellerrand zu blicken wundert man sich dann über schlechte Noten. Aber das ist kein Wunder, ohne etwas Weitblick verliert man schnell die Relationen.
26. April 2006, 14:27 Uhr @
Grandios.
Das Problem ist, die wirst nicht ignoriert oder gar verachtet – die Herren Politiker haben davon keinen Plan – die beten nur das nach, was die Herren Industriebosse ihnen vorbeten.
26. April 2006, 22:43 Uhr @
heiratest du mich?
brillianter aufsatz!
26. April 2006, 23:05 Uhr @
Ihr seit euch schon im klaren darüber, das ihr recht seltsam rüber kommt, wenn ihr euch immer alle gegenseitig heiraten wollt?
26. April 2006, 23:14 Uhr @
*rofl*
In diesem Fall spiele ich nur den Trauzeugen.
27. April 2006, 00:59 Uhr @
wie ich grad gelesen habe, bist du eh vergeben, oli
und ausserdem bist du mir sicherlich zu unkuschelig
egal, wieder zurück zum thema: ich empfinde die technisierte analsyse der welt häufig zu kurz greifend. techniker denken zu häufig in festen, definierten bezugsrahmen, die numerisch aufgelöst werden können. weswegen ich letztlich auch große probleme ob der fehlenden ganzheitlichkeit mit der schulmedizin habe. wie foucault schon trefflich in “überwachen und strafen” analysierte, muss das individuum messbar und relativ zum bezugsrahmen auf einer skala eingeordnet werden. dieser unfug, imo ein problem unserer postaufklärerischen zeit, dieser künstlichen antithese von ratio und emotio, dieser antagonistische dualismus, muss aufgebrochen werden zugunsten einer welt, in der alles fließt.
ciao
phoibos