Kritischer Journalismus? Die PR-Abteilungen der Politik

Man stelle sich mal vor, ein Journalist einer seriösen Zeitung versucht, bei einem Parteivorsitzenden ein Interview-Termin zu bekommen. Auf seine Anfrage erhält er die Antwort, dass es in den letzten Monaten zu viele negative Publicity für die Partei und den Parteivorsitzenden selbst gegeben hat. Da die Zeit des Parteivorsitzenden knapp bemessen ist, muss dem Journalisten leider absagt werden. Natürlich ist das Schreiben sehr freundlich gehalten — in der Politik gibt man sich keine Blöße. Und dennoch wirkt es für unseren Journalisten wie der blanke Hohn. Man stelle sich mal vor, diese Geschichte sei wahr — müsste sie nicht sowohl die Politik als auch den freien Journalismus nachdenklich stimmen? Wer übt hier Druck auf wen aus?

Solche Geschichten passieren, Tag für Tag, in jeder Redaktion, mit jeder etablierten Partei. Albrecht Müller hat gerade erst mit ein paar (rhetorischen) Fragen als Replik auf die Beta-Blogger des SPIEGELS darauf hingewiesen. Und natürlich wird kein Journalist solche Vorgehensweisen öffentlich machen oder sich gar an seine Kollegen wenden. Er wird selbstverständlich das nächste Mal schreiben, was und wie es gewünscht ist. Wie seine Kollegen, werden auch seine Artikel zukünftig wieder den gleichen Inhalt haben, wie die Veröffentlichungen der Partei selber. Dass sich oftmals die Headlines der Parteien und der Medien gleichen, zumindest ergänzen, interessiert unseren Journalisten nicht. Wer will es ihm vorwerfen? Die Kollegen, die ebenso verfahren?

Selbstständiges Denken? Die vierte Gewalt?

Ähnliche Fälle gibt es im Übrigen auch im Verhältnis der Unternehmen zu den Journalisten. Erst wenn man den Deckel nicht mehr zuhalten kann, und man förmlich gezwungen ist, ein paar Zeilen zu schreiben, wird auch kritisch berichtet. Beispiele in der Vergangenheit gab es zuhauf — an die Telekom, ganz frisch, sei erinnert.

Dieses gegenseitige Händereichen wird von Bloggern immer wieder angeprangert — sowohl im politischen Bereich, als auch im unternehmerischen. Diverse Politiker sind dafür bekannt, nur handverlesene Journalisten vorzulassen — diverse Unternehmen dafür, Anzeigen zu stornieren, sollte ein Journalist mal über die Strenge schlagen.

Möglicherweise wird sich das Problem aber in Zukunft selbst lösen. Wir leben im Informationszeitalter — jegliche Information ist mittlerweile im Internet kostenlos abrufbar. Mit diesen neuen Möglichkeiten etablieren sich alternative Informationsquellen — Blogs, Foren, private Webseiten, das gesamte Netz ist ein großer Fundus, in dem man jeden Tag neu eintauchen kann. Dann gilt: Wer wie die etablierten Medien nicht mehr glaubwürdig daher kommt, wird bald von den Lesern ignoriert. Die Urteile der Leser sind in der Regel knallhart. Sie sind nicht mehr auf eine Quelle angewiesen — ihnen stehen unzählige Möglichkeiten offen. Sie werden dies in Zukunft immer mehr entdecken. Die abhängige Presse wird am unabhängigen Leser ersticken. Und das ist auch gut so.

Dieser Text entstand aufgrund dieses bigotten Artikels der SZ. Vielleicht sollte man erstmal in den Spiegel schauen, bevor man den Musik– und Computerspieljournalismus anprangert. Wann folgt wohl die nächste Huldigung für die CSU? Naja, erstmal muss dieses Land von dem linken Gesocks befreit werden… 😉

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5 Antworten zu “Kritischer Journalismus? Die PR-Abteilungen der Politik”

  1. cefeu sagt:

    Zur Bigotterie bzw. Heuchelei des «freien & seriösen» Journalismus hier ein recht finsteres Beispiel:

    Verärgerte Politiker, Medien und Journalisten

    Verursacher war wieder (*) einmal dieses üble SPD-Gummigeschoss:

    Nicht die Zeit für ahnungslose Vorschläge

    (* «Was soll denn der Scheiß?» — Klick — )

  2. Chris sagt:

    Wobei man da die Stellungnahme der Zeit nicht unterschlagen sollte:

    Anmerkungen zum Fall Edathy

    Der Fall sieht bei Licht betrachtet ein wenig anders aus…

  3. cefeu sagt:

    Okay; dieser Artikel war mir entgangen (weshalb das Abstellen Deiner «Unterschlagung«s-Schuhe vor meiner Tür etwas wunderlich anmutet).
    «Onkel Brumm«s Zeilen nun erwecken aber eher Eindrücke wie «Na bei diesem Druck ist (bzw. war) der Deckel nicht mehr zu halten»…
    Wie dem aber sei, die Wahrnehmung der politischen Figur Edathys bleibt (zumindest [auch] für mich) unverändert; ja, durch den Zeit-Online-Artikel wird sie auch bestätigt.
    («[…] Denn insbesondere hatte [Edathy] moniert, er sei nicht richtig zitiert worden. Da steht aber Aussage gegen Aussage: Wolfgang Blau schreibt “In dem Gespräch mit Herrn Greven konnte Frau Härpfer die Vorwürfe Herrn Edathys, ihn falsch zitiert zu haben, nicht widerlegen.” – Schröder hingegen “Was genau an den Zitaten falsch sei, vermochte Edathy auch auf Nachfrage nicht [!] zu benennen.”)

  4. […] einen Treffer zu landen. Hat das wirklich noch was mit Datenschutz, Verhältnismäßigkeit zu tun?Kritischer Journalismus? Die PR-Abteilungen der PolitikGeld als Mittel gegen unabhängige Presse Terror-Fragebogen: Leben unter GeneralverdachtDie EU hat […]

  5. […] Nachtrag, 26. Juni 2008: SZ. Nachtrag, 29. Juli 2008: Die SZ greift das Thema nochmal auf, F!XMBR findet den Artikel bigott. Disclosure: 4P ist bekanntermaßen mein Arbeitgeber, aber das ist hier mein privates Blog mit […]

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