Krimi 2.0 – Über das Ende eines Projekts

«Michael Jäger und sein Team hatten eine großartige Idee: Krimi 2.0. Nun haben sie es beerdigt. Ich hoffe, dass sie die Kraft finden, es neu zu starten.»

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Bild: Daniel Y. Go | CC-Lizenz

Der Schauspieler Michael Jäger war mir bisher entfernt aus dem Marienhof bekannt. Auf Identi.ca jedoch erschien er durch Retweets von Twitter immer wieder auf meiner Timeline. Michael hat sich sehr gegen Ursula von der Leyen und die Netzsperren engagiert und hat der Bewegung ein weiteres bekanntes Gesicht gegeben. Ich folgte ihm dann auf Twitter, er folgte mir, es wurde gemeinsam gegen Zensursula gewettert, der Lauterer Michael Jäger und der alte Osnabrücker Chris freuten sich über die Auslosung zur ersten Runde des DFB-Pokals, wir stritten uns kurz bei der Bundespräsidentenwahl, sprich: Michael Jäger war für mich nicht mehr der Schauspieler, den ich aus dem TV kannte, sondern eine belebende Größe in meiner Timeline. Sein Blog habe ich in meinem Feedreader  — insbesondere die Geschichten rund um Frau Huber waren schlicht grandios, mitten aus dem Leben gegriffen. Frau Huber wird jetzt von oben schauen und die Daumen drücken.

Warum Daumen drücken? Nun, Michael Jäger hat das Internet, das Web 2.0 mit all seinen Möglichkeiten und Stolpersteinen verstanden und angenommen. Und so kam er auf eine grandiose Idee: Krimi 2.0. Die Idee war großartig, neu, Ketten sprengend: Wir machen uns den Krimi, wie er uns gefällt. Wir produzieren den Krimi 2.0. Dies wird der erste Krimi sein, der nur aufgrund der Ideen und Wünsche der Zuschauer gedreht wird. Von der ersten Minute an werdet Ihr, die zukünftigen Zuschauer, mit einbezogen. […] Denn ihr seid nicht nur aufgerufen, das ganze Drumherum zu gestalten. Ihr sollt auch mitarbeiten! […] Es ist Zeit, zu beweisen, dass das Internet kein Hort des Bösen ist, sondern im Gegenteil ein riesengrosser Raum voll kreativer Gehirne, die gemeinsam Gutes tun können.

Doch heute musste Michael Jäger leider die Reissleine ziehen. Als unüberwindlicher Stolperstein erwiesen sich die Bewerbungen der Schauspielerriege. Klare, unmissverständliche Vorgaben, für das Projekt Krimi 2.0 unumgänglich, wurden nicht eingehalten: Wir haben, wie gestern schon über Twitter und Facebook mitgeteilt, bis gestern 35 Bewerbungen von Schauspielern bekommen. 33 davon mussten wir wegen Nichteinhaltung der Vorgaben wieder ablehnen. […] Es werden alte Showreels geschickt, die zeigen sollten, was der– oder diejenige schon gemacht hat. Es wird über die Email-Adresse angefragt, wo die DVD oder das Demoband hingeschickt werden kann. Links zu Showreels werden geschickt, die mehrere Minuten zum Laden brauchen. Danach haben wir nicht gefragt, und ich bezweifle, dass diejenigen sich ernsthaft vorstellen, dass ein Produzent oder Caster mehrere Minuten auf einen Stream wartet, wenn er eine andere Vorgabe gegeben hat.

Das heißt: Kaum ein(e) Schauspieler(in) hat verstanden, worum es geht, es wurde sich nicht ansatzweise mit dem Projekt beschäftigt. Im Web 2.0 kann man durchaus von Spam reden. Wie oft finden wir Kommentare unter unseren Artikeln, die nichts mit dem Artikel zu tun haben und nur den Zweck haben, einen Link zu hinterlassen. Überspitzt gesagt: Michael Jäger und sein Team wurden von menschlichem Spam überhäuft – und haben nun das Projekt Krimi 2.0 (vorerst) beendet.

Ich finde das sehr schade. Ich glaube nicht, dass man es komplett beerdigen muss. Ich denke, man sollte nun zwei Schritte zurückgehen um dann neu zu starten. Das kann aber auch nur Michael Jäger mit seinem Team entscheiden – schließlich wird das Projekt privat finanziert, alle Beteiligten arbeiten am Krimi 2.0 in ihrer Freizeit, ohne Bezahlung. Es scheint, als sei die große Anzahl der Schauspielerriege in Deutschland für so ein Projekt noch nicht bereit. Die Frage sollte also sein, wie man ihnen das Projekt näher bringt. Ich glaube schon, dass in den meisten Agenturen einfach nur das Wort Casting/Ausschreibung auf dem Schreibtisch gelandet ist. Sprich: Niemand wusste wirklich, worum es ging.

Wie dem auch sei. Ich wünsche Michael, dass er die Kraft uns Inspiration findet, das Projekt neu zu starten. Sollte es dazu kommen, wird es wahrscheinlich unumgänglich sein, erst einmal bei den Kolleginnen und Kollegen, den Agenturen und allen anderen, die angesprochen werden sollen, Aufklärungsarbeit zu leisten. Was ist das Web 2.0? Was kann es bewirken? Was hat man für Vorteile, was sind die Nachteile? Michael Jäger ist der Beweis, dass es funktionieren kann – vielleicht ist er aber auch einfach seiner Zeit ein stückweit voraus. Schade, sehr schade. Ich würde einen Neustart befürworten. Lass Dich nicht unterkriegen, Michael. Auch nicht, wenn der VfL den FCK in der ersten Runde aus dem Pokal schießt. Zum Abschluss das Videostatement von Michael, dass das gesamte Projekt in seiner Sympathie zeigt:

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Eine Antwort zu “Krimi 2.0 – Über das Ende eines Projekts”

  1. Michaela sagt:

    Hallo,

    ich fand die Projektidee zu Krimi 2.0 auch sehr interessant und habe es verfolgt. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das Projektende durch falsche Bewerbungen verursacht worden ist. Wer online Castinggesuche veröffentlicht, sollte wissen, dass sich immer wieder Bewerber melden und interessieren, die nicht genau das geforderte Castingmaterial übersenden und viele Fragen haben. Es gibt sicherlich einige gute Castingagenturen, die bei solch einem Projekt — um Chaos zu vermeiden — ihr Fachwissen einbringen und helfen würden, ehrenamtlich. — In einem recht aktuellen Bericht der Merkur online wird das Ende des Projektes übrigens komplett anders dargestellt.

    LG Michaela

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