Jung von Matt: Nach den Klowänden nun Angriff auf die Meinungs, Presse– und Satirefreiheit?

Und das ganze im Kampf pro Atomkraft, man glaubt es kaum. Ob die Werber von Jung von Matt strahlen, wenn sie morgens in den Spiegel schauen, ist nicht bekannt — dass Jung von Matt deutsche Blogs als Klowände bezeichnet und dann Prügel eingesteckt hat, nicht vergessen. Nun sorgen die Damen und Herren aus Hamburg, ja auch Hamburg hat hier und da seine Tiefpunkte, wieder für Gesprächsstoff. Was ist passiert? Der Verein Urgewald1 hat eine Anti-AKW-Kampagne ins Leben gerufen. Wie das so ist, wird selbst im Jahr 2009 Atomstrom immer noch als ungefährlicher Ökostrom bezeichnet. Verantwortlich sind dafür nicht nur die Energieriesen selbst und Politiker, die nach ihrer Karriere bei den Energiereisen Unterschlupf finden, sondern eben auch Werbeagenturen, bei denen man oftmals das Gefühl hat, die würden selbst die eigene Großmutter und den eigenen Hamster verkaufen. Und so hat Jung von Matt eine Werbekampagne für RWE entworfen. Gemeinsam mit dem One-Hit-Wonder Trio freut man sich auf eine strahlende Zukunft — pro Atomstrom. Folgendes Bildmotiv hat man in Hamburg kreiert:

Bild: Jung von Matt für RWE. Screenshot von Der Klima-Lügendetektor

Urgewald hat dies nun zum Anlass genommen, und ein satirisches Gegenbeispiel entwickelt. Man hat bewusst darauf geachtet, die Persönlichkeitsrechte von Trio nicht zu verletzen, Bildzitat:

Bildsatire: Urgewald

Das sollte es eigentlich gewesen sein. Meiner Meinung nach finden skrupellose Geschäftsinteressen — bis dahin — eine kaum wahrgenommene passende satirische Antwort. Dann aber erhielt Urgewald Post, vom Anwalt Christian Unsinn, der die Interessen von Jung und Matts vertritt. Zusammengefasst: Die Satire würde die Urheberrechte von Jung von Matt verletzen, es folgen die üblichen Hinweise auf Unterlassungs– Auskunfts– und Schadensersatzansprüche (PDF, 2,3 MB). Folgende Worte klingen in meinen Ohren wie der pure Hohn: Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass es uns nicht darauf ankommt, Ihre Vereinsarbeit zu behindern, ihrem Verein die Äußerung einer Meinung zu verbieten oder ihren Verein mit Kosten zu belasten. Es kommt uns ausschließlich darauf an, die JvM zustehenden geistigen Eigentumsrechte zu wahren und Sie bei Ihrer Vereinsarbeit um Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben zu ersuchen bzw. Sie aufzufordern, dabei nicht die Rechte von JvM zu verletzen. wofür wir um Verständnis bitten.

Urgewald hat darauf passend geantwortet (PDF, 35 KB) — schlüssig in meinen Augen. Man kann nur hoffen, dass hier David gegen Goliath besteht — von der Politik selbst, sei es die Union, die SPD oder die FDP kann man nichts erwarten. Aber auch die Grünen sind mit ihrer Festlegung pro Ampel oder pro Schwarz-Gelb, Moorburg, Elbvertiefung hier in Hamburg, nicht mehr glaubwürdig. Die Menschen hatten 1986 nach der Katastrophe von Tschernobyl — oder zuvor schon Harrisburg — die große Chance, sich gegen die Atomkraft zu entscheiden. Leider ist das nicht passiert. Manchmal denke ich, unser Planet wäre ohne den Menschen besser dran und er wird sich darauf freuen können, wenn das Zeitalter des Menschen nur noch eine geschichtliche Randnotiz darstellt.

Atomstrom ist unverantwortlich. Jederzeit kann es zum GAU kommen — und dann müssen sich die Damen und Herren gegenüber ihren Kindern erklären, die sich heute für die Energieriesen verdingen. Hoffen wir für uns, für sie selbst, dass dies nie passiert. Doch diese Hoffnung ist gering, sind es doch auch die, die das Hohelied des Kapitalismus und des Neoliberalismus sangen und immer noch singen. Und wir sehen und erleben gerade, was passiert. Von der Politik werden wir keine Hilfe erfahren können. Die Chancen sind groß, dass wir eine strahlende Zukunft vor uns haben. Wie selbstverständlich wird US-Präsident Barack Obama für seine Vision von einer atomwaffenfreien Zukunft gefeiert. Eine Welt ohne Atomwaffen ist möglich. Atomkraftwerke sollen aber die Rettung unseres Klimas sein? Atomstrom soll Ökostrom sein? Was für eine perfide Schizophrenie!


Bildsatire: F!XMBR

Zum Schluss ein paar Linktipps:

.ausgestrahlt: Gemeinsam gegen Atomenergie
Der Klima-Lügendetektor
Wir Klimaretter
Atomausstieg selber machen

Wikipedia: Katastrophe von Tschernobyl
Wikipedia: Störfälle in deutschen Atomanlagen
Freitag: Kernschmelze der Glaubwürdigkeit

English Russia: Lost City of Chernobyl

(via Julia Seeliger)

  1. Eigenbeschreibung: Wir vertreten die Interessen von Menschen, die unter den Folgen globaler Umweltzerstörung leiden. Wir engagieren uns für brasilianische Kleinbauern, deren Land von Zellstoffplantagen besetzt ist, für kanadische Indigene, die gegen die Kahlschläge in ihren Wäldern durch große Holzkonzerne kämpfen oder für Dorfgemeinschaften in Indien, die sich gegen ihre Vertreibung für große Staudämme zur Wehr setzen. []

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6 Antworten zu “Jung von Matt: Nach den Klowänden nun Angriff auf die Meinungs, Presse– und Satirefreiheit?”

  1. […] 2.0: Satire geht nicht, und schon gar nicht wenn es Satire auf die »Öko-Werbung« für Atomstrom ist. Ist ja schlimm, wenn den dreisten Lügen wenig informativen Verbrauchinformationen von RWE […]

  2. menschometer sagt:

    Ich bin ganz deiner Meinung, die Atomkraftwerke werden immer noch blind weiter betrieben, ohne sich über die Konsequenzen Gedanken zu machen.

  3. Manu sagt:

    Vorab, ich bin sicherlich kein Befürworter von Kernkraftwerken in jetztiger Form, doch müssen die angesprochenen Konsequenzen auch in die andere Richtung betrachtet werden. Kernenergie nimmt einen großen Anteil in der Stromversorgung ein, in Deutschland in der Größenordnung von ca. zwanzig Prozent.
    Wenn der Energiebedarf weiterhin deartig hoch bleibt (worin ich das eigentliche Problem sehe), ist es unausweichlich, diese Versorger zu ersetzen. Ein Umstieg in dieser Größenordnung bedeutet auch bei regenerativen Quellen einen enormen ökonomischen wie ökologischen Aufwand. Der Emission würde «lediglich» die Gefahr von Seiten der Radioaktivität (inklusive der berühmten GAUs) genommen.
    Sofern der Energiebedarf nicht gesenkt wird, bleibt der komplette Ausstieg wohl eher utopisch. Rein von der Energiebilanz her ist er zwar möglich, doch kalkuliere ich den Faktor Mensch und seine ökonomischen Interessen hier mit ein.

    Mich würde jetzt interessieren, wie ihr zum Thema Fusionsreaktoren steht.
    Theoretisch zumindest einmal besser als Spaltungskraftwerke, doch auch daran hängt natürlich der unsausweichliche Rattenschwanz.

  4. Oliver sagt:

    >Vorab, ich bin sicherlich kein Befürworter von Kernkraftwerken in jetztiger Form

    So dachte ich ebenso einmal vor langer, langer Zeit und träumte von «sauberer» Atom-Energie.

    >Faktor Mensch und seine ökonomischen Interessen hier mit ein.

    Exakt Faktor Mensch und das Problem in der «Nähe» von Atomkraftwerken zu leben. Und zuviele leben dort. Die ökonomischen Interessen verpuffen da bei mir plötzlich völlig.

    >Mich würde jetzt interessieren, wie ihr zum Thema Fusionsreaktoren steht.

    Klasse Sache, habe ich mich einmal eingehend damit beschäftigt — aber davon sind wir leider Lichtjahre entfernt, um uns selbst Träumen diesbezüglich hinzugeben.

  5. Dexter sagt:

    […] eben auch Werbeagenturen, bei denen man oftmals das Gefühl hat, die würden selbst die eigene Großmutter und den eigenen Hamster verkaufen.

    Ich weiss ja nicht, ob es daran liegt, dass ich nicht im Kapitalismus aufgewachsen bin, aber mir dünkt, dass es nun gerade der ureigenste Job von Werbeagenturen ist, mir eine Großmutter als Hamster zu verkaufen.
    Ich bin immer wieder erstaunt, dass dieser perfiden Branche auch von Hirnbesitzern immer wieder indirekt eine positive gesellschaftliche Funktion unterstellt wird. Tzzz…

  6. Alex sagt:

    es gibt nicht «die Werbebranche» und JvM ist ein krasses Beispiel.

    Schön 39,90 gesehen und gegen Werber bashen. So bitte nicht. Die Kritik an JvM ist allerdings mehr als berechtigt.

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