Julia Friedrichs — Gestatten: Elite

Gestatten: EliteBis letzte Woche war mir Julia Friedrichs nur entfernt ein Begriff. Ich hatte irgendwann mal einen Artikel über ihr neues Buch gelesen: Gestatten: Elite — es aber nicht weiter beachtet. Das war ein Fehler. Mein letztes Buch hieß dann beraten & verkauft von Thomas Leif. Ein sicherlich interessantes Buch über die Bluffs und Buzzwords der Beraterbranche und ihren Einfluss (nicht nur) auf die Politik. Der Höhepunkt des Buches war jedoch ein Bericht von eben Julia Friedrichs über das Auswahlverfahren bei McKinsey — dem weltweit mächtigsten Beratungsunternehmen. Die erste Einladung McKinsey’s — und Julia Friedrichs findet sich mit anderen Bewerbern am Mittelmeer wieder. Reichtum, Elite, Europas Spitzenleute vereint, nur um die neuesten Bewerber von McKinsey zu beeindrucken und an das Unternehmen zu binden. Work hard, party hard — der Leitsatz von McKinsey wird ihr immer und immer wieder eingebläut. Drei Bewerber bleiben zum Schluss übrig — unter ihnen Julia Friedrichs, die trotz einem chronisch überzogenen Konto eine 67.000 Euro-Offerte zuzüglich anderer Annehmlichkeiten ablehnt. Eine Parallelwelt, die nicht die ihre ist — Oberflächlichkeiten wohin das Auge blickt, verpackt in hippen Ausdrücken und PowerPoint-Präsentationen Slides. In gekürzter Form ist der Bericht hier nachzulesen.

beraten und verkauft ist, wie schon erwähnt an manchen Stellen sehr langatmig. Darum war ich mehr als dankbar über den Bericht Julia Friedrichs. Sie ist einsame Klasse — immer sachlich gegenüber den Eliten, den Meckies, und doch immer pointiert für den Leser. Was die zukünftigen Herrscher dieses Landes sicherlich als normal bezeichnen würden, lässt uns lachend über den Boden rollen — manchmal aber auch fassungslos zurückbleiben. Julia Friedrichs beweist einen ganz feinen, eigenen Humor, der nicht vielen Menschen gegeben ist. Es sind nicht so sehr die Erlebnisse selbst, die überraschen — wenn man all seine Vorurteile und Erlebnisse zusammenpackt, in einen Sack steckt, diesen über dem eigenen Kopf kreisen lässt, dann wieder öffnet, kann man ungefähr ahnen, wie unsere Elite tickt, arbeitet und über den Rest der Gesellschaft denkt. Vielmehr ist es der Schreibstil von Julia Friedrichs, der mich so begeistert und gefesselt hat. Das erste Mal im Leben habe ich mir nun ein Buch gekauft, weniger aufgrund des Inhalts, sondern wegen der Autorin und ihrer unvergleichlichen Schreibe. Man kann wirklich nur froh darüber sein, dass Julia Friedrichs das Angebot McKinsey’s abgelehnt hat, und somit weiter ihrer Berufung, dem Journalismus, nachgeht.

Nach Ihrem Erlebnis mit McKinsey, ließ sie das Wort Elite, die Elite nicht mehr los und so machte sie sich auf, diese zu ergründen. Sie besucht die Eliteschmieden dieses Landes, trifft auf Macher und Nachwuchs — recherchierte in einem Paralleluniversum, welches nur Gewinner und Verlierer kennt, eine Welt, in der selbst die Termine mit den eigenen Kindern festgesetzt sind, in der 70-Stunden-Woche Normalität sind und jegliche Transferleistung des Staates verschmäht wird. Wer erfolglos ist, ist in dieser Welt selbstverständlich selbst schuld — wie die Antilope, die in der Savanne Afrikas nicht schnell genug war und vom Löwen gerissen wurde. Neinsager, Kritiker, Eliten, die auch mal Hinterfragen — auch die hat Julia Friedrichs gesucht. Ob sie die gefunden hat, müsst Ihr schon selbst nachlesen. Julia Friedrichs ist für mich eine der größten (Nachwuchs-) Hoffnungen des Journalismus in Deutschland. Hoffentlich bewahrt sie sich ihre Unbekümmertheit und ihren feinspitzigen Humor. Ganz große Klasse.

Julia Friedrichs — Gestatten: Elite

7 Antworten zu “Julia Friedrichs — Gestatten: Elite”

  1. Oliver sagt:

    Ansprechend verfaßt, aber da lehne ich mich lieber wie Signore Alfonso mit einem hochgeistigen Werk zurück und genieße, das in meinem Fall imaginäre, Glas Rotwein und das doch real existierende Gepäck exklusiver Natur 😀

    Außerdem finde ich es nicht sehr fein das du mir mit diesem Text einen feinen Rant geraubt hast, würde ich diesen nun Posten wäre der geistig tieffliegenden Blogelite wohl Wasser auf die brüchigen Mühlen gegossen, die mit der oft vorherrschenden geistigen Dualität ohnehin meist hoffnungslos überfordert ist *g*

    Aber dennoch bringe ich ihn hier gerne unter quasi als Gegenbeispiel zum Rant der Zeit, denn dieser Text dort oben beweist eindeutig das Gegenteil von profaner Bauchkritik, wie es die Zeit hier in diesem Pamphlet offeriert. Die dargebotene Pauschalität ist selbst beim Bauchgefühl widersinnig, sofern ich den Lese-Habitus des Bauchfühlenden einigermaßen kenne. Schöngeistiges Gerede gepaart mit zahllosen Referenzen, die selbst mancher Fachmann nicht verifizieren kann ist auf gut Deutsch erst Recht ein Griff ins Klo, die wissenschaftliche Bemessung von Literatur auf diese Art und Weise ein weiterer.

    Insofern mehr Bauchgefühl und gut gemacht Chris, denn trotz Deinteresse bezüglich der Materie(!) las ich den Text zum Text gerne :)

  2. rob sagt:

    off topic:
    Warum verlinkst Du eigentlich amazon und nicht bookzilla? Gibt es dafür einen Grund?
    Ich kaufe nach Möglichkeit immer bei bookzilla.

    Rezensionen gibt es natürlich bei amazon mehr.

  3. Chris sagt:

    Weil das völlig schnurz ist — den zweiten Laden kenne ich gar nicht. Und nein, fühle Dich nicht animiert, nun nen Link zu hinterlassen.

    Ich kaufe meine Bücher eh in einer Buchhandlung — also da draußen im richtigen Leben…

  4. Oliver sagt:

    Dank Buchpreisbindung in deutschen Landen eh Geschmackssache und eher abhängig davon wer das meiste bietet.

  5. Julius sagt:

    Sehr guter Tip℗, thx.

  6. christian sagt:

    Zu dem Thema gibt es auch eine Sendung vom ZDF nachtstudio. Die Autorin war auch dort. Ist evtl. noch in der Mediathek zu finden, falls es jemanden interessiert.

  7. Marion Bretländer sagt:

    Vier Jahre später. Bis vor zwei Wochen war mir Julia Friedrichs völlig unbekannt. Habe ihre Ideale zufällig entdeckt und verschlungen. Chris, ich bin hundertprozentig deiner Meinung, Julia ist genial. Ich werde wohl das nächste Buch auch schon deshalb lesen, weil es von ihr ist. Sie hat wirklich einen ganz besonderen Stil, der sehr unterhaltsam ist. Nachdem ich das Buch durch hatte, habe ich mir gedacht, schau doch mal im Internet nach,was da so über sie steht. Dieser Kommentar ist das erste, was ich über sie gelesen habe. Gefällt mir wirklich ausgesprochen gut. Und Julia soll bloß so weiter machen.

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