Jan Ullrich und die Unschuldsvermutung

Wie Kai nebenan bei rabenhorst muss auch ich sagen, dass mir Jan Ullrich nicht sonderlich sympathisch ist, das Gegenteil ist eher der Fall. Doch darum soll und darf es in diesem Fall nicht gehen. Jan Ullrich hat gedopt, Jan Ullrich ist schuldig, Jan Ullrich wird bald der Justiz vorgeführt — das waren die Schlagzeilen, die man seit Start der Tour de France, und somit seit Ullrichs Suspendierung aus dem Team T-Mobile, lesen konnte. Jan Ullrich wurde von der deutschen Presse beispiellos vorgeführt und vorverurteilt.

Begonnen hat es am 30. Juni, und während in den vergangenen Jahren unsere wunderbare Presse die Tour de France und seine Protagonisten gefeiert hat, schreibt Cai Tore Philippsen frei von der Leber, dass man es doch immer gewusst hätte. Gedopt wurde im Radsport schon immer. Wir halten fest: Jahrelanger Jubel, wenige Doping-Fälle, plötzliche Suspendierungen — eigentlich wussten wir schon immer, dass alle gedopt sind. Wenn dem so ist, frage ich mich, warum hat dann niemand darüber geschrieben.

Im selben Artikel ist von Blutkonserven die Rede, die mit dem Namen Jan gekennzeichnet wurden. Blutkonserven sind ein Indiz — erst recht, wenn nur mit Vorname gekennzeichnet — aber doch kein Beweis (für EPO), unnötig zu erwähnen, dass es im Radsport auch noch andere Jan’s gibt, dass Jan Ullrich während seiner Tour-Starts in den vergangenen Jahren auch immer auf Doping getestet wurde. Eine Fortsetzung des Kommentars von Cai Tore Philippsen bildet der hämische Kommentar von Evi Simeoni. Simoeni feierte den Tag als Freudentag für den Radsport, ganz als wäre sie froh, etwas schreiben zu dürfen — einfach nur zynisch. Nicht zynisch, sondern eher business as usual — der dritte Artikel der FAZ zum Thema am 30. Juni: Ein Blick auf das finanzielle Desaster, auf das Marketing, die Sponsoren — the show must go on.

Im vierten Artikel des Tages lässt die FAZ dann doch schon den Verurteilten Verdächtigen Jan Ullrich zu Wort kommen. Ullrich beteuert seine Unschuld, die FAZ lässt T-Mobile Sprecher Ludwig erklären, warum Ullrich suspendiert wurde (mussten reagieren), das erste Mal wird die mittlerweile schon in unserer Gesellschaft als Allheilmittel angesehene DNA-Analyse gefordert. Dass auf folgenden Satz die Medien nicht reagiert haben, zeigt mittlerweile meiner Meinung nach die ganze Perversität: Eine DNA-Analyse von Ullrich sei laut T-Mobile-Sprecher Luuc Eisenga jetzt eine Möglichkeit, die Unschuld zu beweisen. Ullrich soll also seine Schuld beweisen, nun denn.

Einen Tag später war es dann nicht mehr nur EPO, Ullrich soll angeblich zusätzlich Wachstumshormone und Testosteron genommen haben. Die FAZ fällt hier endgültig auf BILD-Niveau ab. Ullrich wird nur noch eine Opferrolle zugestanden, inwieweit hier bereits eine Vorverurteilung stattgefunden hat, mag der Leser selbst beurteilen — weitere Schlagworte aus dem Artikel: Leichenzug und Abartig diese Blutpanscherei. Einen Tag später wird Ullrich weiter geraten, seine Unschuld zu beweisen: Kann Ullrich seine Unschuld beweisen, möglicherweise mit Hilfe einer DNA-Analyse, wird es ein Gespräch über eine mögliche Rückkehr geben. Wieder einen Tag später lässt die FAZ den Kollegen von Ullrich zu Wort kommen, die unserer Demokratie nicht ganz entsprechend ebenso die Beweislastumkehr anraten wie die FAZ am Tag zuvor. Insbesondere die deutsche Radlegende Rolf Aldag beweist ein unglaubliches Demokratie– und Rechtsverständnis: Wenn in einer 400-Seelen-Gemeinde alle Einwohner zum Speicheltest aufgefordert werden und einer geht nicht — das ist ja dann wohl ein Schuldeingeständnis. Okay, alle Männer, die sich in Dresden weigern, am DNA-Test teilzunehmen, bekennen sich also einer Vergewaltigung schuldig, sehr interessant.

Am 14. Juli, dem französichen Nationalfeiertag, finden dann neue Beweise für die Schuld Ullrichs in die Öffentlichkeit: Demnach lasse ein von den Fahndern im spanischen Dopingskandal sichergestelltes Dokument die Schlußfolgerung zu, daß Ullrich in der ersten Woche der Frankreich-Rundfahrt 2005 täglich verbotene Substanzen verabreicht bekommen habe. Dabei geht es um Hormone, Insulin, Kortikoide, Testosteron und präpariertes Eigenblut. Wahnsinn, Ullrich muss ein fahrendes Chemielabor sein. Die Frage ist: Reicht dieser Satz aus, einen Mensch zu verurteilen? Der FAZ schon, es wird sich auf die SZ berufen, keine weiteren eigenen Recherchen, keine Dokumente, Bilder, etc. Ich kann dazu nur sagen: Papier ist geduldig.

Heute hat sich Ullrich das erste Mal zu Wort gemeldet:

In einem Rechtsstaat gilt nicht nur für mich, sondern für jeden anderen Menschen auch die Unschuldsvermutung, bis das Gegenteil bewiesen wurde.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Ich habe nur die FAZ herangezogen und zitiert, sie gilt ja in unserem Land als besonders seriös, die gesamte Hetze auf Jan Ullrich lässt sich genauso auf jedes andere Medium übertragen. Ein Mensch ist nicht schuldig, nur weil (s)ein Vorname auf einer Blutkonserve gefunden wurde. Auch ist ein Mensch nicht schuldig, weil er zu den Vorwürfen schweigt — jeder Mensch hat das Recht zu schweigen — und das wird jeder Anwalt seinem Mandanten auch vorerst anraten. Und erst recht muss kein Mensch in unserem Land seine Unschuld beweisen — ihm muss die Schuld bewiesen werden. Ist dies nicht geschehen, gilt jeder Mensch, ob Jan Ullrich oder Hänschen Müller als unschuldig.

6 Antworten zu “Jan Ullrich und die Unschuldsvermutung”

  1. Oli sagt:

    Ich schrieb schon mal damals einen größeren Artikel fürs Best of des DI, meine quintessence damals und da ich genügend Einblicke in den Profisport hatte bzw. habe — gedopt wird überall und recht massiv.
    Jeder hat es, jeder macht es — nur die Dummen werden erwischt. Sich daheim im Sessel ein Bild zu generieren vom sauberen Sport ist schlichtweg Blödsinn. Und die Pharisäer in den Medien bzw. die Herren Funktionäre wissen es auch besser, aber der Schein muß ja gewahrt bleiben.

    Viele Dinge kann man im Profisport einwandfrei wissen, doch nachzuweisen sind sie nur recht schwierig. Insofern gilt jeder als Unschuldig und das ist auch gut so — allgemein gesprochen — im Profisport wirkts aber nur lachhaft :)

    Das einzige was dort zählt, wer findet den besseren Doping-Weg, der keine Spuren hinterläßt — da steckt eine Industrie dahinter, keine Einzelperson.

    Wenn dem so ist, frage ich mich, warum hat dann niemand darüber geschrieben.

    Weil der Konsument es nicht wissen möchte und der Funktionär gutes Geld verdient und die Medien mal «so» und mal «so» aggieren, gemäß der Quote.

  2. Grainger sagt:

    Glauben tue ich dem Jan Ulricvh seine Unschuldsbeteuerungen auch nicht, aber hier geht es schließlich nicht um religiöse Glaubensfragen, sondern um eindeutige und unmissverständliche Beweisbarkeit.

    Zum glauben gehe ich in die Kirche (oder besser gesagt: ginge ich in die Kirche wenn ich kein Atheist wäre) und nicht zur Tour de France. 😀

  3. Oli sagt:

    Der Profisport schießt sich permanent selbst ins Knie, selbst wenn sie schon am Boden liegen. Insofern torpediert man ohne die eigene Glaubwürdigkeit und öffnet einer willigen Vorabverurteilung Tür und Tor.

  4. Grainger sagt:

    Die Leistungen im heutigen Profisport sind doch ohne Doping gar nicht zu erbringen, das geht doch schon ins übermenschliche (und teilweise ins unmenschliche).

    Nur durch verbesserte Trainingsmethoden und abgestimmte Ernährung lassen sich derartige Leistungssteigerungen im Vergleich zu früheren Athleten auch nicht erklären.

    Wer da an was anderes glaubt ist nur grenzenlos naiv.

  5. Oli sagt:

    «Wer da an was anderes glaubt ist nur grenzenlos naiv.» erzähl das mal den Fans 😀

    Schon Chris sagte ich gestern, es geht einzig um die Wahrung eines status quo im Profisport. Die paar wenigen die «auffallen», sind gefällige Bauernopfer um wieder mit einer weißen Weste dazustehen.

  6. MDSS sagt:

    Ich denke dass ihm nichts nachzuweisen ist, solange er den gentest verweigert. Heute war zu lesen dass Jan Ullrich mit dem Discovery rennstall in Verbindung gebracht wird und er erst aufhören will wenn er die Tour gewonnen hat. Meiner Meinung nach geht er wieder nächstes Jahr bei der Tour de France an den Start.

    gruß

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