Ja, ich würde 1 Mio. Menschen sterben lassen

Zur Zeit herrscht Aufgeregtheit in unserem Land. Auf der einen Seite heulen die konservativen Wölfe mit Verteidigungsminister Jung und Innenminister Schäuble, auf der anderen Seite die Liberalen und die (ehemaligen) Sozialdemokraten, die SPD Seite an Seite mit den Grünen, von den Linken ganz zu schweigen. Verteidigungsminister Jung hat angekündigt, dass wenn ein Flugzeug von Terroristen gekapert wird, er dieses mit der Begründung übergesetzlicher Notstand abschießen lassen würde. Als wenn diese Ankündigung nicht genug wäre, sickerte durch, dass für diesen Fall schon Soldaten Gewehr bei Fuß stehen, die keine Skrupel hätten, dieses verfasungswidrigen Befehl auszuführen, Verteidigungsminister Jung also praktisch seine Privatarmee installiert hat. Diese Idee, diese Ankündigung verstößt ohne Wenn und Aber gegen unsere Verfassung, gegen unser Grundgesetz.

Das Rot-Grüne Luftsicherungsgesetz wurde in einer Deutlichkeit abgeschmettert, das Gott sei Dank keine politischen Freiräume lässt. Es ist fatal, dass große Teile der Konservativen (und auch Teile der SPD) in den letzten Monaten dazu übergegangen sind, Urteile des Bundesverfassungsgerichtes zu ignorieren oder gar als Aufforderung verstehen, unser Grundgesetz zu ändern. Unsere Verfassung, unsere Werte, die uns unsere Grundungsväter aus gutem Grund, aus der Erfahrung des Dritten Reiches heraus, mit auf dem Weg gegeben haben, werden so immer mehr ausgehöhlt. Es wird nicht mehr lange dauern und allein aus den Diskussionen heraus, welche (politisch) geführt werden, und unser Grundgesetz wird eine Karikatur seiner selbst.

In den Diskussionen der letzten Tage kristalisieren sich zwei unterschiedliche Auffassungen heraus: Die Konservativen, denen Recht und Gesetz völlig egal zu sein scheint, die Menschenleben gegeneinander aufwiegen würden, den Befehl für den finalen Todesschuß eines Flugzeuges geben würden sowie die SPD, die Liberalen, die Grünen und die Linken, die die Lehren aus dem Desaster des Luftsicherheitsgesetz gezogen haben und ohne Wenn und Aber den finalen Todesschuß ablehnen, teils gar die Diskussion als schädlich für unser Land, unsere Demokratie und unsere Verfassung ansehen.

In diesen Diskussionen wird — typisch zynisch konservativ — immer eine Frage gestellt, die man positiv gesehen als rhetorische Frage abtun kann. Wenn man selbst diesem Zynismus der Konservativen verfällt könnte man auf die Idee kommen, sie würden sich wünschen, dass es passiert, damit sie Recht behalten und nur sie für Sicherheit und Ordnung in unserem Land stehen. Was wäre, wenn… Diese Frageform ist die beliebteste der letzten Tage. Was wäre, wenn ein entführtes Flugzeug auf einen Kindergarten zusteuert? Von der Machbarkeit mal abgesehen, es gibt Menschen, die stellen diese Frage tatsächlich. Was wäre, wenn ein entführtes Flugzeug auf ein gut besuchtes Fußballstadion zusteuert. Und sogar Zahlenspiele — und gerade diese zeigen doch die gesamte Perversität dieser Diskussion, dieses Aufrechnen von Menschenleben, wer will da wo eine Grenze ziehen. Was wäre, wenn 1 Mio. Menschen getötet werden würden, aber nur 20 Unschuldige im entführten Flugzeug sitzen — das ist so ziemlich die größte Spanne, die ich heute lesen durfte. Und auch wenn diese Fragen zynisch und pervers sind, sie sollen die Gegenseite in eine Ecke drängen, in die sie nicht reingehören, kann ich sie doch ein stückweit nachvollziehen — bei manchen spürt man dann doch eine Ohnmacht, eine Hilflosigkeit, die diese einfach nicht akzeptieren wollen.

Ich kann verstehen, dass sich kein Politiker vor die Kameras stellt, und sagt, ja, ich würde die Menschen sterben lassen. Der betreffende Politiker wäre einen Tag später politisch am Ende — dafür würden die netten Konservativen, der politische Gegner sorgen. Dementsprechend bleibt in all den Diskussionen immer nur die Antwort, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, und dass in unserem Land keine Menschenleben gegeneinander aufgewogen werden dürfen. Diese Antwort, und das ist eigentlich schon schlimm genug, genügt manchen Zeitgenossen aber nicht. Wie bereits erwähnt, kann ich das ein stückweit nachvollziehen.

Und auch, wenn niemand ein Recht auf diese Antwort hat, so muss sie vielleicht doch mal gegeben werden. Ja, ich würde 1 Mio. Menschen sterben lassen. Wenn schon nicht die Menschenwürde als Grund für manche Kreise ausreichend ist — man weiß nie, was die vielleicht letzten Minuten bringen. Die Attentäter können überwältigt werden, man kann nie wirklich wissen, was sie vorhaben. Die Hoffnung stirbt ganz einfach zuletzt. Kein Mensch kann in die Zukunft schauen. Ich habe für so einen Fall natürlich auch keine Patentlösung. Ich sehe hier unseren Rechtsstaat an einer Grenze stehen, die er nicht überschreiten darf — die dann aber auch im Fall der Fälle viele Opfer bedeuten würden. Ich bin der Meinung, dass unser Rechtsstaat diese vielleicht mal sehr große Opferzahl eingehen muss, damit wir unsere Freiheit bewahren. Wenn wir unsere Freiheit weiter aufgeben, haben die Terroristen gewonnen — wenn dies nicht sogar schon der Fall ist. Wenn der Staat selbst zum Mörder von unschuldigen Menschen wird, sind wir keinen Deut besser als die von uns zurecht verachteten Terroristen. Ja, ich würde 1 Mio. Menschen sterben lassen — vielleicht wird das mal der Preis für unsere Freiheit sein. Ein unglaublich hoher Preis, für unzählige Familien mit unendlich viel Leid verbunden — und doch sollte gerade unser Land mit seiner grausamen Geschichte als Vorbild für die Weltengemeinschaft gelten, wenn es um die Freiheit geht. Zivilisten umzubringen um (viel) mehr Zivilisten zu retten — damit würden wir nicht unsere Freiheit verteidigen, wir würden uns zur Geisel eines jeden Terroristen machen, den es auf dieser Welt gibt. Wir würden uns auf eine Stufe mit den Terroristen stellen. Wir würden unsere Freiheit und unsere Unschuld, die wir uns in den letzten 60 Jahren aufgebaut haben, wieder aufgegeben, verlieren. Ich hoffe, dass dies nie passsiert, ebenso wie ich hoffe, dass ein Verteidigungsminister niemals in eine solche Situation gerät.

Wer grundlegende Freiheiten aufgibt, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu gewinnen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit. (Benjamin Franklin)

Nochmal zwei Lesetipps, Lesebefehle:

Spiegelfechter — Zwei Minister im Notstand

24 Antworten zu “Ja, ich würde 1 Mio. Menschen sterben lassen”

  1. Oliver sagt:

    Ack, braucht man nichts hinzuzufügen.

  2. maternus sagt:

    Daß im übrigen mit diesem absurden Konstrukt des «übergesetzlichen Notstandes» bzw. dessen Begründung auch jede Art der Folter gerechtfertigt werden kann, ist in der gegenwärtigen Debatte noch gar nicht bemerkt worden.

  3. Oliver sagt:

    Die Absurdität ist schon seit vielen Jahrzehnten im GG verankert, recht schwammig und daraus leitet ein findiger Jurist seine «Absurditäten» ab.

    http://dejure.org/gesetze.…./35.html
    http://dejure.org/gesetze.…./10.html
    http://dejure.org/gesetze.…./11.html
    http://dejure.org/gesetze.…./37.html

  4. Ryo sagt:

    Bravo!
    Ein guter Artikel! Ich hab mehr Angst vor den Politikern die im Moment lauthals fordern, als vor den Phantom-Terroristen.

  5. Martina sagt:

    das Ganze gewinnt noch an Brisanz, wenn man bedenkt, dass es sich bei den beiden Ministern Jung und Schäuble um Juristen handelt, die eigentlich aufgrund ihres Studiums das alles besser wissen müssten.

  6. Falk sagt:

    Mal angenommen, es käme jetzt nach den Aussagen zu genau diesem Fall. Genau dann kann sich doch der Herr Minister gar nicht mehr auf einen übergesetzlichen Notstand berufen. Er hat ja klar und deutlich die Entscheidung angekündigt, aktiv töten zu wollen, um nicht passiv Tote verantworten zu müssen.

  7. Samthammel sagt:

    Schöner Beitrag, den ich so unterschreiben würde.

  8. […] Lesebefehl -> Ja, ich würde 1 Mio. Menschen sterben lassen   […]

  9. siggi sagt:

    Wie würde sich der Herr Jung entscheiden wenn das entführte Flugzeug ein Sonderflug der Luftwaffe ist in dem der Minister sitzt. Würde er sich selbst opfern um uns alle zu retten? Ich glaube nicht…

  10. […] Update IV: Auch Chris von FixMBR hat einen sehr lesenswerten Artikel zu diesem Thema verfasst: Ja, ich würde 1 Mio. Menschen sterben lassen. […]

  11. Oliver sagt:

    >Würde er sich selbst opfern um uns alle zu retten? Ich glaube nicht…

    Ich glaube nicht das er entscheiden würde, bei der Verweigerung damals (Bund) mußte man übrigens ähnlich dämliche Fragen beantworten. Ach sie sind also Pazifist, gut und was würden sie tun wenn ihre Freundin überfallen wird?. Das sind diese Art von Fangfragen, die einem im Moment überumpeln, mit eine wenig Logik aber kann man auch diese leicht ad absurdum führen.

    Ich würde mal so ganz frech behaupten, würde ein derartiger Fall eintreten, hoffen wir das es nie der Fall sein wird, so wäre kein Diktator Chef der Entscheidung, sondern mehrere demokratisch gewählte Vertreter.

    Aber eine weitere dumme Frage des gleichen Schlags, nehmen wir an das Flugzeug würde ungefähr dort einschlagen, wo deine Familie wohnt und diese hätte keine Zeit mehr aus der Reichweite zu fliehen, ein Abschuß dort aber könnte die Bevölkerung retten, wärst du dann immer noch gegen den Abschuß? :-)

    Wie man sieht sollte man sich *nie* Politpropaganda zu eigen machen, man begibt sich damit auf argumentatorisches Glatteis …

  12. siggi sagt:

    Also bitte so dumm war meine Frage auch nicht.Und um die Freiheit zu verteidigen müssen Opfer gebracht werden, d.h. die Menschen im Stadion müssen sterben und die im Flugzeug dürfen nicht getötet werden! «Der Baum der Freiheit muss ab und zu mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen getränkt werden.» die Menschen im Stadion wären dann Patrioten…

  13. Oliver sagt:

    >Also bitte so dumm war meine Frage auch nicht.

    Natürlich war sie dumm, weil es eben diese Art von Fragen sind, die andere zermürben, bloßstellen sollen. Und ja ich finde die Logik im obigen Text theoretisch korrekt und nein ich würde das Flugzeug runterholen wollen könnte ich damit Familie retten und ja ich würde das Flugzeug schützen wollen, wäre Familie darin. Das ist meine grundehrliche Meinung dazu. Das nennt man dann auch Befangenheit und alles weitere ergibt sich daraus …

  14. Grainger sagt:

    Das man im Zweifelsfall Entscheidungen ganz anders treffen würde, wenn man selbst oder die eigene Familie betroffen, ist liegt in deer Natur der Sache.

    Ich persönlich bin auch gegen einen möglichen Abschuss von zivilen Flugzeugen durch unser Militär, bestünde die Gefahr das die Maschine in einen Kindergarten oder in eine Schule mit meinen eigenen Kindern stürzt würde ich vielleicht trotzdem selbst den Feuerknopf drücken.

    Das ich möglicherweise in der Lage bin, in Streßsituationen Entscheidungen zu treffen, die bei sachlicher Betrachtung gegen meine Überzeugungen verstoßen, rechtfertigt doch diese Entscheidungen noch lange nicht.

    Außerdem wird hier von politischer Seite doch sehr viel mit Annahmen, Vermutungen, Unterstellungen und Spekulationen gearbeitet.

    Noch wurde in Deutschland kein Flugzeug entführt, um dieses gezielt abstürzen zu lassen.

    Und selbst wenn dies in den USA täglich passieren würde wäre das immer noch nicht unser Problem, sondern das der Amerikaner.

  15. Falk sagt:

    Und um die Freiheit zu verteidigen müssen Opfer gebracht werden

    Es gibt nur ein einziges Opfer, welches zulässig ist. Das des eigenen Lebens.

  16. Lernziel sagt:

    […] die wir uns in den letzten 60 Jahren aufgebaut haben, wieder aufgegeben, verlieren. […]

  17. siggi sagt:

    @ Oliver >ich würde das Flugzeug runterholen wollen könnte ich damit Familie retten und ja ich würde das Flugzeug schützen wollen, wäre Familie darin. Das ist meine grundehrliche Meinung dazu. Man kann aber nicht beides haben! Angenommen der Fall tritt ein und der Minister lässt das Flugzeug abschießen, und nach ner Weile kommt dieser Minister bei einem Anschlag, der von einem Familienangehörigem eines Flugzeuginsassen ausgeführt wurde, um.

    Dann würdest du auch um den Minister trauern, obwohl du ihn vorher verteufelt hast..

  18. Chris sagt:

    siggi, ich habe hier zu Was wäre wenn… oben weiß Gott genug geschrieben. Das ist IMHO pervers und zynisch, was Du hier weiter von Dir gibst. Und Du gehst noch eine Stufe weiter wie oben wenn Du nun die Familie mit einbeziehst. Geh einfach woanders spielen, danke.

  19. Oliver sagt:

    >Außerdem wird hier von politischer Seite doch sehr viel mit Annahmen, Vermutungen, Unterstellungen und Spekulationen gearbeitet.

    @Grainger, ack, aber es wird nicht besser, bedient man sich einer identische Rethorik. Die Glatteis-Logik ist so gut wie gebucht, fängt man erst einmal damit an.

    >Und selbst wenn dies in den USA täglich passieren würde wäre das immer noch nicht unser Problem, sondern das der Amerikaner.

    Drücken wir es mal anders aus, viele Probleme werde wandern ob früher oder später. Ganz einfach weil wir den gleichen Bullshit-Tango tanzen wie unser großer Bruder. Mögen die Diskussionen auch rein theoretischer Natur sein, die Schreckgespenster nur Hirngespinste, über kurz oder lang wird etwas kommen. Die Amis spielten zuvor auch nur Krieg im Ausland und waren letztendlich geschockt, das der Terror mal rüber zu ihnen schwappte.

    >Noch wurde in Deutschland kein Flugzeug entführt, um dieses gezielt abstürzen zu lassen.

    Ich bin mir ziemlich sicher, das 90% der Bevölkerung «Abschuß» schreien würde, wäre der Fall vor Ort präsent. Erfreuen wir uns also der Tatsache auf beiden Seiten noch frohen Mutes theoretisieren zu können.

  20. Oliver sagt:

    @Chris

    Das sind eben Leute die keine Familie haben oder nicht wissen was Familie bedeutet. Imo machen mir nicht nur Leute mit solchen Ideen wie von dir oben aufgezeigt Angst, sondern auch Leute die mit solch einem Stumpfsinn durch die Gegend ziehen. Wahrscheinlich noch ein Peneler.
    Denn eben das möchte man doch diesen Ministern entgegenhalten *Menschlichkeit* und zur *Menschlichkeit* gehört nicht Stumpfsinn.

  21. […] eben gefunden und absolut lesenswerte Zukunftsvision: “Gewissensfragen” und “Ja, ich würde 1 Mio. Menschen sterben lassen”. Ich werde weitere Artikel mit hier aufnehmen, wenn ich noch ausgezeichnete zu diesem Thema finde, […]

  22. truetigger sagt:

    Ack. Danke für die offene und deutliche Antwort auf die bekloppte Frage. Denn wenn man keine Menschenleben gegeneinander abwiegt, dann wiegt man sie eben NIE gegeneinander ab.

    Seltsam, dass so viele Menschen — eben die Masse, in denen die Konservativen nach typischer Stammtisch-Manier nach Stimmen fischen — damit ihre Probleme haben.

  23. […] und Forendienste. Mehr hierzu: The incredible Return der Internet-Foren. Vom selben Autor. Ja, ich würde 1 Mio. Menschen sterben lassen, sein Meinungsbeitrag zur laufenden Diskussion, Terroranschlag per Flugzeug, Abschuss […]

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