Informationspanne – der Rücktritt Jungs

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Der deutsche Krieg am Hindukusch hat nun sein erstes prominentes Opfer gefunden: Franz-Josef Jung ist heute als Minister zurückgetreten. Der Rücktritt ist selbstverständlich richtig, doch kommt der Rückzug des heutigen Arbeitsministers knapp drei Monate zu spät. Franz-Josef Jung hätte bereits Anfang September die Konsequenzen ziehen müssen, nicht erst nach einem monatelangen Tauziehen, welches jedes Vorurteil über so genannte Pattex-Politiker, die an ihrem Stuhl kleben, bestätigt hat. Nicht die heute auch von den Medien verniedlichend genannte Informationspanne war und ist das Problem. Deutschland trägt die Verantwortung für den Tod unschuldiger Zivillisten, darunter Kinder und Jugendliche.

Die Nacht in Kunduz auf den 04 September wird die deutsche Politik noch lange beschäftigen. Die Opposition beharrt trotz Jungs Rücktritt auf einen Untersuchungsausschuss. Der Minister hat nicht die Wahrheit gesagt, schallt es aus den Mikrofonen von SPD, Grünen und Linken, Franz-Josef Jung wird der Lüge bezichtet. Die Informationen, die gerade in den letzten Tagen an die Öffentlichkeit geraten sind, scheinen diese Vorwürfe zu bestätigen. Was aber der Öffentlichkeit hier vorgespielt wird, ist das typische Schauspiel der Politik. Es wird – im Gesamtzusammenhang gesehen – über Nichtigkeiten gestritten, die Medien nehmen die Bälle bereitwillig auf und spielen dieses unwürdige Spiel mit. Jedes neue Interview bedeutet eine neue Schlagzeile – der deutsche Journalismus verkommt auch hier zum Boulevard.

Wenn beispielsweise die Zeit in einem Kommentar den Rücktritt Jungs fordert, und dies moralisch begründet, dann muss man sich schon fragen, wieso ein Wolfgang Schäuble weiterhin im Kabinett Merkel seinen Dienst verrichten darf. Warum muss ein niederländischer Journalist die Frage stellen, die eigentlich deutsche Journalisten stellen sollten? Wenn man dann sieht, dass Maybrit Illner brutalst möglich nachfragt, muss man konstatieren, dass der Politbetrieb in Berlin und der Hauptstadtjournalismus eine Symbiose eingegangen sind. Polemisch gesagt: Wenn Moral ein Maßstab sein soll, müsste die gesamte Bundesregierung zurücktreten – und der deutsche Politikjournalismus sollte gesenkten Hauptes folgen. Moral ist und war in dieser Debatte nicht das Problem – gerade Hauptstadtpolitikern und –journalisten darf man diesen hehren Anspruch nicht mehr widerspruchslos zubilligen.

Deutschland befindet sich am Hindukusch im Krieg – die Mehrheit des Deutschen Bundestages hat diesen Einsatz beschlossen. In Umfragen wird dieser Krieg angeblich überwiegend von der deutschen Bevölkerung abgelehnt – jedoch ist die Entscheidung des Deutschen Bundestages von der Bevölkerung gerade erst bei der Bundestagswahl bestätigt worden. Andere Dinge waren den Menschen offensichtlich von größerer Relevanz. Dementsprechend ist der Krieg kein Einsatz des Parlamentes oder ein Freundschaftsdienst an die USA – es ist ein durch die Mehrheit der deutschen Bevölkerung legitimierter Krieg. Ohne Wenn und Aber.

Der Oberbefehlshaber der Streitkräfte hieß bis zur Bundestagswahl Franz-Josef Jung. Dementsprechend war und ist er heute noch für das Bombardement auf die Tanklastzüge in der Nacht zum 04 September in Kunduz verantwortlich. Bei diesem Einsatz wurde nicht nur dem Ansehen Deutschlands erheblich geschadet, auch das ist angesichts der Tragik für die Opfer unerheblich. Unschuldige Zivilisten sind tot, darunter Kinder und Jugendliche. Dafür trägt Deutschland und sein Oberbefehlshaber der Streitkräfte die Verantwortung. Der Tod Unschuldiger hätte bereits zum Rücktritt Franz-Josef Jungs führen müssen.

Dass sich seit September Regierungskoalition, Opposition und Medien um eine angebliche Informationspanne in Spiegelfechtereien üben, zeigt die gesamte Verkommenheit des Berliner Politbetriebes. Deutschland hätte schon im September die Verantwortung für den Tod unschuldiger Menschen übernehmen müssen. Ein Rücktritt Jungs aus diesem Grund wäre ein richtiges und positives Signal an Verbündete und die Menschen in Afghanistan gewesen. Dadurch, dass er und die Medien seinen heutigen Rücktritt mit einer Informationspanne begründen, wird das Bombardement und seine Folgen verniedlicht. Die Opfer der Nacht zum 04. September in Kunduz sind heute zum zweiten Mal Opfer geworden  — Opfer eines Berliner Politbetriebes, dem jegliche Moral abhanden gekommen ist.

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Bilder: Agenda 2013

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19 Antworten zu “Informationspanne – der Rücktritt Jungs”

  1. Jim sagt:

    #stummes dasitzen & applaus#
    Die Analyse trifft den Nagel auf den Kopf, den Tanklaster im Tank.

    Hast du/habt Ihr eigentlich mal probiert, eure besten Artikel in die «respektablen» Medien zu bringen, Zeit, Süddeutsche, etc?
    Wäre nämlich ein Gewinn.

    Jim

  2. Oliver sagt:

    Wer möchte schon freiwillig seine Texte entwerten? Wer F!XMBR möchte bekommt dies auf F!XMBR.

  3. Anonymous sagt:

    Danke @Chris. Der Begriff «Informationspanne» als Synonym (oder Euphemismus) für Tote in der Zivilbevölkerung Afghanistans hat mich auch sehr wütend gemacht.
    Inhaltlich ist dieser Artikel sehr interessant:

    US-Strategie für Afghanistan

  4. Antje sagt:

    Der Beitrag um 15:51 war von mir :-)

  5. Tom sagt:

    Ich denke, die Mehrheit der Deutschen hat auch was dagegen, dass ihre Bankdaten nach Amerika geschickt werden. Und es wird trotzdem gemacht. Was die Bevölkerung will oder eben nicht interessiert doch niemanden in der Regierung wirklich.

  6. Oliver sagt:

    >Was die Bevölkerung will oder eben nicht interessiert doch niemanden in der Regierung wirklich.

    Woran bemerkt man dies? Weil _alle_ etwa Zeter und Mordio brüllen gen Berlin? Oder bemerkt man vice versa eher die Biedermänner, da letztendlich, wie üblich in Deutschen Landen, sich einzig «drei Seelen» in Kassandrarufen üben und der Rest schweigt bzw. auf ein Stück vom asozialen Kuchen hofft?

  7. Roboter sagt:

    @Anonymous(Antje): Der Begriff “Informationspanne” als Synonym für brutalstmögliche Aufklärung!

    So wie es aussieht braucht Deutschland MEHR “Informationspannen” in der politischen Elite.

    MfG
    Roboter

  8. Andreas K sagt:

    sehr schön fand ich das brutalst möglich nachgefragt

    echt bitter, dass die damen und herren viel zu oft davon kommen.. es ist imho ein beschissener job politiker zu sein, aber gezwungen wird dazu doch keiner.. und wer sich dazu entscheidet, sollte das kleine bischen ehrlichkeit und moral besitzen, spätestens bei massivem betrug oder zig toten wahrheitsgetreu auszusagen und den eigenen ruhm/geschichtsbucheintrag/whatever zu ignorieren..

  9. Captain sagt:

    Unschuldige Opfer. Mitten in der Nacht. An einem Platz der nicht in der Nähe von Ortschaften ist. Wo Thaliban-Kämpfer sich aufhalten. Wo Diebesgut der Thaliban sich befindet. Unschuldig? Ich weiß ja nicht …

  10. Jim sagt:

    @Oliver

    > «Wer möchte schon freiwillig seine Texte entwerten?«
    rofl

    Mein Gedankengang: Eure Kommentare zum Zeitgeschehen sind inhaltlich sagenswert und argumentativ gut. Außerdem sind sie wichtig und sollten einem breiteren Publikum zugänglich — im Sinne höherer Verbeitung — sein.
    Außerdem wären solche Kommentare geeignet, die Auseinandersetzung von Blogosphäre versus etablierten Medienhäusern qualitativ aufzubessern.

    War nur eine Anregung, keine Empfehlung. Beide Gedankenmodelle sind IMHO sinnvoll. :-)
    LG
    Jim

  11. Oliver sagt:

    @Captain: solcherlei infantile Gedankengänge fußen wohl auf der «europäisierten Weitsicht»? Warst du schon einmal in Ländern fernab dieser Breitengrade und nicht als Urlauber? Hast du den Schimmer einer Ahnung was Menschen so treiben, die in einem derartigen Land leben und die wohl keine Gedanken an den Stress im Job oder eine ausgeglichene Ernährung verschwenden? Nein, ich denke wohl kaum, du bist dir deren Nöte und Ängste in keinster Weise bewußt — wir wissen es zwar ebenso wenig, was denn im Detail nun ablief, aber wir wissen zumindest, daß dort vieles anders ist und das wir hier von Menschen reden in einem völlig anderen Kulturkreis, in einem völlig anderen Kontext. Dort herrscht Krieg!

  12. Conny sagt:

    Vielen Dank Chris [auch] für diesen Artikel!

    Oliver @ «Wer möchte schon freiwillig seine Texte entwerten?» = großartiger Kommentar!

  13. Chris sagt:

    Hier schluckt keine Software Kommentare. Selten dämliche Kommentare wie, die Zivilisten in Afghanistan sind selbst schuld, dass sie an diesem krieg teilnehmen, muss ich hier nicht haben. Und nun geh Deines Weges, aber bitte geh…

  14. Captain sagt:

    @Chris

    Ich finde es ehrlich gesagt ein wenig unfair. Die von dir in kursiv geschriebenen Wörter stehen in meinem Kommentar nicht so wortwörtlich da und verdrehen etwas meine Aussage. Denn meine Meinung ist es nicht, dass die Menschen in Afghanisten daran schuld sind, dass sie an dem Krieg teilnehmen. Das wäre sehr vermessen und oberflächlich.

  15. Chris sagt:

    @Captain:

    Und gerade weil dort Krieg herrscht, ist es die Entscheidung der Zivilisten selbst, an diesem Krieg teilzunehmen oder nicht. Wenn ich nicht dran teilnehmen will, meide ich möglichst jeden Kampfverband, egal von welcher Seite

    Wir werden nicht mehr zueinander finden. Das passiert halt mal — dann geht man sich aus dem Weg und gut. Tschö…

  16. Oliver sagt:

    >Und gerade weil dort Krieg herrscht, ist es die Entscheidung der Zivilisten selbst, an diesem Krieg teilzunehmen

    Yes Sir, wer nicht am Krieg teilnehmen möchte bleibt diesem einfach fern. Wir schmeißen uns jetzt vor Lachen erst einmal hinter den Zug … omfg

  17. Udo sagt:

    Kompetenz scheint bei der Frage der Nachfolge im Amt eines Bundesministers offenbar keine Rolle mehr zu spielen. Wir sind Papst! »Du bist Bundesminister!« Anders ist nicht zu erklären das Jungs Nachfolge ausgerechnet wieder eine völlig Unbeleckte wird, der Jung ja bis vor ein paar Tagen selbst noch war, damals genoss er Merkels vollstes Vertrauen, jetzt seine neu gewonnene Freiheit, und demnächst wahrscheinlich einen Aufsichtsratssitz in der Rüstungsindustrie. Und woher zum Teufel wird die Nachfolgerin gezaubert, etwa aus dem reich gefüllten Personalpool der Partei, gefüllt mit sachkompetenten Fachpolitikern bis unter das Dach des Konrad-Adenauer-Hauses? Nein, die Nachfolgerin wird die Glücklose aus dem Familienministerium, ohne einen einzigen Punkt in ihrer Leistungsbilanz aus den letzten vier Jahren, den sie selbst verursacht hätte. Warum? Natürlich des Proporz wegen, schließlich kommt die Nachfolgerin der Nachfolgerin Jungs aus keinem anderen Bundesland als Hessen, dessen Landesverband wegen Roland Kochs Verbleib in der Landespolitik einen ewigen Joker in der Hinterhand behält. Yes, we can!

  18. Captain sagt:

    @ Chris

    Das ist richtig. Aber einen ganzen Kommentar nicht zulassen, weil er der eigenen Meinung nicht entspricht, naja.

    @ Oliver

    Ja, das war falsch formuliert. Gebe ich zu. Ich bin auch nicht perfekt und habe die falschen Worte benutzt. Nachdem ich die Reaktion von euch gesehen habe, ist mir das aufgefallen. Sorry für die falsche Formulierung. Ich bin nur in der Wortwahl «Krieg» hängen geblieben. Wenn ihr wirklich aufgeschlossen seid und diskutieren wollt, dann kann ich das richtig stellen.

  19. whoami sagt:

    Afghanistan: Chronologie eines Luftschlages

    ich weiß immer noch nicht, was ich von der ganzen Sache halten soll, jedenfalls bringt die ganzen Diskussion und der Rücktritt von Jung/Schneiderhan unseren Soldaten rein gar nichts; anstatt dass mal über bessere Ausrüstung und eine Aufstockung der Truppen (dann hätte man vielleicht hinfahren können, anstatt eine Bombe abzuwerfen) debattiert wird… aber das bringt wahrscheinlich weder Stimmen bei der nächsten Wahl, noch glückliche Leser…

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