Individuelle Briefe — Ach liebe Linke, wären wir nur bei den Textbausteinen geblieben

Seit heute weiß ich, warum Politiker (zumindest die der Linksfraktion) nur mit Standardtexten antworten. Müssen sie nämlich mal individuell antworten, sprich das Köpfchen anstrengen, dann wird es eng, es endet in Unterstellungen, Ausflüchten, nach der Arbeit, die ich mir gemacht habe, fasse ich es sogar als Beleidigung auf. Doch der Reihe nach. Auf den Standardtext der Linskfraktion antwortete ich:

Sehr geehrte Frau Nier,

vielen Dank für Ihre eMail, auch wenn diese mich nicht im Ansatz zufriedenstellt. Ich stelle mir gerade die Frage, ob für Sie, die Linkspartei, ein frustrierter Wähler der etablierten Parteien so unwichtig ist, dass Sie ihm mit irgendwelchen nichtssagenden Standardtexten, die Sie in Massen verschicken, abwickeln.

Ich hatte gezielt Fragen gestellt, gezielt argumentiert, und dass Sie in Ihrer Antwort so viel wert auf den Datenschutz legen (bzgl. Vorratsdatenspeicherung der Telekommunikationsdaten) zeigt mir, dass sie meine eMail nicht gelesen haben, hatte ich selbst darauf doch eplizit hingewiesen. Auch reichte eine kurze Recherche im Internet, um zu sehen, dass sie diese eMail «des öfteren» verschicken.

Da dieses Thema mir persönlich wichtig ist, habe ich nicht nur die Linkspartei angeschrieben. Hätte ich es blos seingelassen, ob Opposition oder Koaltion, es scheint, als wären für Sie Politiker die Wähler egal, ja sogar lästig, die so schnell wie möglich abgewimmelt werden sollen.

Ich kopiere noch mal meine ursprüngliche eMail unter dieses Schreiben, in der Hoffnung, dass vielleicht doch irgendjemand mich, den Bürger ernst nimmt.

Mit freundlichen Grüßen

Christian S.
Hamburg

Soweit, so gut, ein wenig Frust lässt sich aus meiner Mail herauslesen, aber auch die Aufforderung, sich doch mal bitte mit den Sorgen der Bürger auseinanderzusetzen, und nicht den Standardsatz, wir sind dagegen zu verwenden. Heute bekam ich Antwort, Frau Nier schrieb mir:

Sehr geehrter Herr S.,

Was ist bitte «nichts sagend» an der Festsstellung der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, dass sie dem vorliegenden Gesetzentwurf nicht zustimmen wird? Ich habe Ihnen auch begründet, weshalb. Kurz und knapp, dennoch korrekt. Somit entsprach unsere Antwort sogar Ihrer Forderung.

Die wenigen Fragen, die Sie stellen, sind rein rhetorischer Natur, und die nach der grundgesetzlich festgelegten Verhältnismäßigkeit der Mittel stellt sich für mich nicht, da der Gesetzentwurf grundsätzlich gegen unsere politische Auffassung verstößt.

An den Taten sollte ihr sie erkennen — obwohl ich Atheistin bin, finde ich diesen Spruch sehr zutreffend — sowohl Interessen von PolitikerInnen als auch die Souveränität von BriefeschreiberInnen kann man/frau so erkennen.

Unsere Internetseiten erlauben Ihnen, sich jederzeit unzensiert und ungefiltert über die Politik der Linkspartei und der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag zu informieren.

Falls Sie weitere Fragen haben, schreiben Sie uns. Wir freuen uns über Ihre Post.

Mit freundlichen Grüßen

i. A. Claudia Nier Bereich Medien– und Öffentlichkeitsarbeit Fraktion Die LINKE.
Deutscher Bundestag

Ernsthafte Fragen mit Gegenfragen zu beantworten, da sagte meine Oma schon immer, sowas ist unfreundlich, dann zu argumentieren, man stelle rhetorische Fragen, halte ich gelinde gesagt für eine Unverschämtheit. Ich bin ein wenig überrascht. An der Spitze der Linkspartei steht mit Oscar Lafontaine einer der größten Populisten, es gibt sogar Journalisten in unserem Lande, die meinen mittlerweile, er sei der größte Demagoge unseres Landes, und dann bringen zwei eMails die Linksfraktion so durcheinander? Wo ich mein Kreuz bei der nächsten Wahl mache, das weiß ich noch nicht, aber ganz bestimmt nicht bei der Linkspartei. Was diese Anmerkung sollte, muss mir auch noch jemand erklären, aber zumindest eines habe ich heute gelernt — die Frau Nier ist Atheistin…

Für den gesamten Schriftverkehr bzgl. der Urheberrechtsnovelle habe ich mal eine neue Kategorie angelegt — Textbausteine.


Eine Antwort zu “Individuelle Briefe — Ach liebe Linke, wären wir nur bei den Textbausteinen geblieben”

  1. Oli sagt:

    Da sollte wohl noch irgendetwas wie Gott-sei-Dank folgen 😉

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