In Hamburg sagt man Tschüss

«Am morgigen Sonntag wird nicht nur über die Hamburger Schulreform entschieden. Ole von Beust wird morgen Nachmittag als Erster Bürgermeister der Hansestadt Hamburg zurücktreten. Als Nachfolger wird der rechte Hardliner Christoph Ahlhaus gehandelt. Werden die Hamburger Grünen ihn mittragen? Der Rücktritt von Beusts ist der letzte Charaktertest der Hamburger Grünen, die bei uns noch GAL heißen.»

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Laut übereinstimmenden Medienberichten wird Ole von Beust morgen Nachmittag seinen Rücktritt als Bürgermeister der Hansestadt Hamburg erklären. Das ist gut und richtig so. Mit Ole von Beust geht nicht nur einer der beliebtesten Bürgermeister Hamburgs, sondern auch einer der inkompetentesten. Als ich vor acht Jahren in die schönste Stadt der Welt zog, war von Beust bereits Bürgermeister. Ich habe keinen anderen Bürgermeister in unserem Rathaus kennengelernt — als ich mich gerade in Hamburg einlebte, hatte sich die Hamburgische CDU vom Rechtspopulisten Schill mit seiner Gefolgschaft wählen lassen. Eine weltoffene und tolerante Stadt hatte sich in die Fänge von durchgeknallten Rechten begeben.

Das wird heute in aller Regel vergessen, wenn über Ole von Beust gesprochen wird. von Beust gilt als Synonym für die erste schwarz-grüne Regierungsbildung in unserem Land, nicht aber, dass er dem Ansehen der Hansestadt Hamburg massiv geschadet hat. von Beust musste selbst in der Folge feststellen, mit wem er da gemeinsame Sache machte. Als Ronald Barnabas Schill versuchte, ihn zu erpressen, zerbrach die dunkelbraune Zusammenarbeit. Auch hier wird von den Medien ein stückweit Geschichtsklitterung betrieben: allen Ortes heißt es, von Beust sei wegen seiner Homosexualität erpresst worden. Das ist nur der sekundäre Teil der Wahrheit. Schill hatte von Beust erpresst, weil dieser seinen angeblichen Lebensgefährten, Roger Kusch, zum Senator gemacht hatte. Roger Kusch ist heute deutschlandweit als Dr. Tod bekannt.

Ole von Beust fiel es nicht wirklich schwer, sich als Opfer des Ronald Barnabas Schill darzustellen, und so erreichte die CDU in der Folge die absolute Mehrheit. Das war 2004 nicht nur dem Umstand der Rot-Grünen Bundesregierung geschuldet – für Hamburg kann man sagen, dass der beliebte Ole von Beust den Hauptanteil an diesem Erfolg trug, nicht aber weil die Menschen Gerhard Schröder und Joschka Fischer im Bund zum Teufel wünschten. Die BILD jubelte und hatte fortan einen Handlanger im Hamburger Rathaus.

Bei der letzten Bürgerschaftswahl verpasste die CDU dann die absolute Mehrheit, für Rot-Grün reichte es nicht, da die Linken in die Bürgerschaft einzogen, und so wurde an der Alster das erste Schwarz-Grüne Bündnis geschmiedet. Seitdem jagt eine Horrormeldung die nächste. Die Grünen begangen offen Wahlbetrug: im Wahlkampf gingen sie gegen von Beust, die Elbvertiefung und das Kohlekraftwerk auf die Straße, um dann von Beust zu wählen, der Elbvertiefung zuzustimmen und die Ablehnung gegen Moorburg aufzugeben.

Das Prestigeprojekt des Senats, die Elbphilharmonie, entwickelt sich zu einem Desaster sondergleichen: die Kosten explodieren wöchentlich, es ist ein Fass ohne Boden, der Eröffnungstermin musste bereits um ein Jahr verschoben werden, kürzlich erst starb ein Bauarbeiter. Die Elbphilharmonie Hamburgs kann heute als Synonym für eine abgehobene Elite gelten, die bei den Schwachen kürzt um sich selbst ein Denkmal und einen Ort des gesellschaftlichen Zusammentreffens zu  setzen. Die Elbphilharmonie ist Zeuge der unglaublichen Abgehobenheit der Politikerkaste von den Menschen.

Zuletzt wurde in Verbindung mit unserer Hansestadt immer von der Schulreform gesprochen. Auch hier zeigt sich das gesamte dilettantische Vorgehen des Hamburger Senats. Ole von Beust und Christa Goetsch haben es nicht im Ansatz verstanden, ihr Projekt zu vermitteln, zu erklären oder gar schmackhaft zu machen. Als sich Proteste in den elitären und bessergestellten Stadtteilen regte, wurden dieser nicht ernst genommen. Die Gegner der Schulreform haben gezeigt, was Geld erreichen kann und dass man sie ernst nehmen muss. Morgen wird Hamburg in einem Volksentscheid über die Schulreform abstimmen. Die Gegner der Schulreform sind Umfragen zufolge leicht vorne – die Schulreformgegner können nur noch daran scheitern, dass nicht genügend Menschen morgen ihre Stimme abgeben.

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Ole von Beust wird morgen zurückteten – und das ist auch gut so. Ich habe ihn als inkompetent, ohne Rückgrat, als liebsten Schwiegersohn der BILD kennengelernt. Ein Neuanfang kann der Stadt nur gut tun – er wäre in der heutigen Zeit enorm wichtig. Die Grünen müssen sich nun eine Frage gefallen lassen: Quo vadis? Als Nachfolger steht der rechte Hardliner und Innensenator Christoph Ahlhaus bereit. Würden die Grünen, die früher auf der Seite der Demonstranten standen, während der Innensenator den Befehl zum Einsatz der Wasserwerfer gab, Ahlhaus als Bürgermeister mittragen, wäre das ähnlich verwerflich, wie die Zusammenarbeit von Beusts mit Ronald Barnabas Schill. Es ist zu vermuten, dass die Grünen diesen Schritt mitgehen werden – sie haben sich bereits mehrfach meistbietend verkauft.

Der Rücktritt von Beusts ist der letzte Charaktertest der Hamburger GAL.

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16 Antworten zu “In Hamburg sagt man Tschüss”

  1. Norbi sagt:

    Dieter Althaus war doch der skifahrende Ministerpräsi aus Thüringen.
    Christoph Ahlhaus heißt der «gute» Mann aus Hamburg.

  2. Chris sagt:

    Stimmt, mir war heute Nachmittag Lehmanns WM-Zettel von 2006 zugespielt worden, da hatte ich den Namen im Kopf… :D

  3. ach was, Ihr bekommt unseren geliebten Roland Koch, seinen Schuldenminister Weimar nimmt der auch gleich mit an die Küste :D :D:D

  4. Norbi sagt:

    Feine Liste
    Dann sei Dir verziehen :)

  5. markus sagt:

    sry für noch mehr meckerei, aber im teaser heißt der mann immer noch AlThaus und im zweiten Absatz ists wohl eher grün statt gelb. ansonsten wünsche ich den armen hanseaten eine bald hoffentlich cdu-freie regierung.

  6. Chris sagt:

    Kein Problem. Ich bin über jeden Hinweis dankbar. Wir können uns leider kein Lektorat leisten. ;-)

  7. HH-Typ sagt:

    Eine hervorragende Zusammenfassung der Fakten, gratuliere.

    Noch erwähnen können hätte man zwei Punkte:

    - Beusts Funktion als «nette Marionette» und «Hamburger Präsident», der irgendwie über den Dingen steht, während seine in Skandale verwickelten Senatoren im Hintergrund die (schmutzigen) Fäden ziehen

    - Dass der Wahlbetrug der Grünen schon damit losging, dass sie vor der Wahl eine Koalition mit der CDU _ausgeschlossen_ haben — und obwohl das gerade zur Zeit von Ypsilanti war, war das für die Medien überhaupt kein Skandal…

  8. So sehr ich hier mitmeine. Aber angemerkt sei, daß die politische Verfilzung des vorausgegangenen Hamburgs dazu beigetragen hat, diesen blassen Herrn ins Amt zu leuchten. Ich bezweifle, daß er beispielsweise die Schulreform wirklich ernsthaft betrieben hat. Und diese aufstrebenden hanseatischen einstmaligen Grünen, sie wollen nie wieder zurück in den Keller der Machtlosigkeit.

  9. Hannes sagt:

    Schöner Artikel! Jetzt zähle ich die Stunden ;-)

  10. John Dean sagt:

    Ich nehme an, der Hamburger Haushalt ist inzwischen ausgelutscht und bietet künftig kaum noch Spielraum, in dem sich die Hamburger Baumafia austoben kann. Außerdem könnten die diversen Schattenhaushalte der Stadt Hamburg platzen bzw. noch vor Ende der Legislaturperiode bekannt werden.

    Nun, wenn man seine Schäfchen ohnehin schon längst im Trockenen hat, und auch ohne jegliches Amt ein gern gesehener Gast in den maßgeblichen Kreisen ist, dann verliert sich möglicherweise im Laufe der Jahre die Freude am Bürgermeisteramt.

    Eine andere (allerdings äußerst geringwahrscheinliche) Möglichkeit wäre, dass er für künftige Prozesse seines Freundes Kahrs (angeblich SPD) bereits jetzt einen größeren Zeitvorrat aufspart. Das Band der Sympathie zwischen den beiden hält ja noch immer.

    Aber, wie kann man das schon wissen? Montag jedenfalls, da wird er sich erklären. Ja: Tschüss!!

  11. vert sagt:

    mir ist von beust so mittelegal. tritt er halt zurück.
    aber so einiges andere hier läuft inhaltlich nicht rund.
    ich verstehe nicht, warum rotgrünrot in hessen jetzt ok war und schwarzgrün in hh nicht.

    beides waren machtpolitische überlegungen, die erstere ist — auch zu meinem bedauern — politisch nicht durchsetzbar gewesen.
    in hessen wie in hamburg kann und muss eine halbwegs gefestigte demokratie eine zeitlang damit leben können. wenn nicht, finde ich den umkehrschluss sehr bedenklich.
    in beiden fällen müssen die akteur_innen dafür früher oder später die verantwortung übernehmen; in hamburg wird man bei der nächsten wahl darüber nachdenken können. dessen ungeachtet werden die grünen sich nie wieder von der spd derartig <a href=«http://bani.blogger.de/st.….ot;gerne und offensiv mit dem Tenor [erpressen lassen,] sie seien ihre einzigen Verbündeten.
    nicht nur, dass j. stubenzweig weiter oben völlig zu recht auf die jahrzehnte des roten filzes zuvor verwies, die alternativen sind in hamburg auch keine.

    hamburg ist zudem ein sonderfall: hier ist — wie in anderen städten mit mehr oder minder wichtigen zeitungen — jedes problem oder phänomen in hamburg weltberühmt.
    leider auch hier: der «deutschlandweit» bekannte «dr. tod» ist mit ziemlicher sicherheit nicht nur politisch ein riesen*piep*, aber «dr. tod» ist er wohl nur in bild und stern, die meisten anderen medien schreiben ihn wenigstens mit anführungsstrichen und verweisen in üblicher reißerischer kolportagetechnik, die jetzt bei fmbr angekommen ist, darauf, dass er in anderen medien so gennant wird.
    Dr. Tod ist immer noch aribert heim und nicht mal die titanic mag kusch so nennen, obwohl die ja bekanntermaßenwenig auslässt. weil es sogar ihnen zu geschmacklos wäre — oder eben einfach nur falsch.

  12. HH-Typ sagt:

    «Kahrs (angeblich SPD)» — der war ganz gut… ;)

  13. Christian sagt:

    Ich kam vor drei Jahren nach Hamburg und hatte mich recht schnell in die politischen Themen der Stadt eingelebt. Vor rund zwei Wochen habe ich Hamburg verlassen, aber mich bisher noch nicht zum neuen Wohnort umgemeldet, nämlich aus dem Grund, um als (noch) offizieller Hamburger den Rücktritt erleben zu dürfen.

    Nun ist es getan. Ich wünsche euch viel Glück, hoffe aber, dass weder Ahlhaus, Schira oder Wersich die Nachfolge von Beust antreten. Das wäre am Ende nicht besser.

  14. phoibos sagt:

    ich sach jetzt schon mal tschüss und trete — es scheint ja grad modern zu sein — ebenfalls zurück, da ich mehr zeit für meinen usa-urlaub brauche. sobald ole ganz wech is, bin ich auch wieder da :)

  15. […] F!XMBR war vor kurzem zu lesen: Würden die Grünen, die früher auf der Seite der Demonstranten standen, […]


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