In den Tod geschickt

Ich komme gerade aus der Ausstellung In den Tod geschickt im Hamburger Kunsthaus. In der Ausstellung geht es um die Deportation von Juden, Sinti und Roma aus Hamburg in die Konzentrationslager während des Zweiten Weltkrieges. Insgesamt wurden 7.692 Menschen vom ehemaligen Hannoverschen Bahnhof aus deportiert. Die Ausstellung ist sehr persönlich gehalten, Einzelschicksale machen das unvorstellbare Grauen erst greifbar. Immer wieder wird bewusst, wie akribisch der deutsche Staatsapparat den Völkermord buchhalterisch erfasst und begleitet hat. Es wird wieder einmal klar, dass die Deutschen sehr wohl gewusst haben, was während der Zeit geschehen ist. Sei es durch die einfache Bewerbung um die Wohnung des Juden, der gerade umgezogen ist oder durch die Spontan-Versteigerung der Haushaltsgegenstände, die nach dem Umzug zurückgeblieben sind.

Mitten in der heutigen Hafencity verübten die Nationalsozialisten vor mehr als 60 Jahren Gräueltaten – so der Hamburgische Bürgermeister Ole von Beust am Montag bei der Eröffnung der Ausstellung. Falsch, es waren Deutsche, es waren Hamburger. Ich denke, wenn wir uns gerade das immer wieder bewusst machen, ist die Chance höher, dass solche Gräueltaten nie wieder in unserem Land geschehen, dass wir alles menschenmögliche dafür tun, dass weltweit solche Taten verhindert werden. Wer die Ausstellung besuchen möchte, sollte ein wenig Zeit mitbringen, es gibt viele Texte zu lesen, zum Beispiel das Protokoll der Wannseekonferenz, insbesondere die fassungslos machenden Familienschicksale, aber auch Audio– und Video-Material, Interviews mit Überlebenden. Der Eintritt kostet für Erwachsene 4,- Euro, für Kinder und Jugendliche ist der Eintritt frei. Ein Rahmenprogramm gibt es ebenso. Nach dem Besuch dieser Ausstellung werden dann auch die eigenen Prioritäten wieder neu geordnet.

Die Eigentümer der hier ausgestellten Gegenstände haben die nationalsozialistische Verfolgung sehr wahrscheinlich nicht überlebt.

Foto: Familie Böhmer, undatiert
Die Böhmers aus Hammerbrook wurden am 16. Mai 1940 verhaftet und nach Belzec deportiert. Insgesamt waren es acht Geschwister. In der Ausstellung berichtet Regine Böhmer von der Deportation. Sie flüchtete, wurde wieder gefangen genommen und im Frauen-KZ Ravensbrück, später im KZ Bergen-Belsen inhaftiert. Auf dem Foto sind Emma und Julius Böhmer mit ihren Kindern Hedwig, Christian und Robert zu sehen.
Quelle: Privatbesitz

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3 Antworten zu “In den Tod geschickt”

  1. Cartagena sagt:

    Dein Artikel benennt ein scheinbar kleines Detail, dass ich sehr wichtig finde. Nämlich dass von Beusts Worte falsch sind, und es schlichtweg Deutsche waren, die diese und andere Gräuel verübt haben.
    Meines Erachtens ist das ein sehr wichtiges Detail. Solange wir von DEN Nationalsozialisten reden, die den Holocaust zu verantworten haben, genau solange können wir sagen: «Ja, das war damals, DIE haben das gemacht. Was betrifft mich das? Zu denen gehöre ich nicht.» und solange wird unsere Pseudo-Aufklärung über diese Zeit auch andauern. Und mindestens genau solange werden wir solche und ähnliche Ausstellungen und Mahnmale brauchen. Ansonsten wären wir uns über die Abscheulichkeit und das Ausmaß der damaligen Geschehnisse auch ohne bewusst.

  2. Eine entscheidende Klarstellung das, das »wir« und nicht »die«.

    (s.a. Peter Longerich, »Davon haben wir nichts gewusst«, Panteon, 2007)

  3. Dieser kleine richtige Punkt mit den Nationalsozialisten ist deswegen bedeutsam, weil damit auch der Argumentation ‘Ich bin nicht verantwortlich. Ich war damals nicht dabei.’ deutlich besser begegnet werden kann.

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