I’m not a number, I’m a free man.

Vor einiger Zeit vermochte es Google, seitens Streetview, einen schon länger schwelenden «Konflikt» in das Rampenlicht zu rücken und somit eine Art von Diskurs loszustoßen. Ein Konflikt zwischen «digitaler» und «analoger» Welt, reduziert man denn alles auf eine materielle Ebene. Dies möchte ich hier jedoch nicht tun und auch werde ich nicht explizit mit dem Finger auf die jeweiligen Antagonisten zeigen.

If there is such a phenomenon as absolute evil, it consists in treating another human being as a thing.

Was diese Leute forcieren, ist eine «Digitalisierung» der Welt wie wir sie kennen. Diese Praxis kann der Erbauung dienen, dem Komfort, aber auch der Überwachung, der Stigmatisierung, der Verleumdung usw. Andererseits sind Technologien, abseits aus der Angst geborener Kassandra-Rufe, wertfrei zu betrachten, ebenso wie die transportierten Daten. Einmal entfesselt, herausgerissen aus ihrem angestammten «Habitat», können diese aber ihr Potential entfalten — je nach Gusto, positiver, als auch negativer Natur.

uti, non abuti

Wenn ich zuvor also von einem «angestammten Habitat» sprach, so meine ich damit z.B. in puncto Streetview die Öffentlickeit vor Ort, die vielleicht seitens eines besonderen Anlasses oder ob eines erbaulichen Äußeren Verbreitung in Form einer Fotografie findet. Es ist mehr ein Gefühl, keine wirkliche Definition. Die Öffentlichkeit ist vor Ort gegeben und findet auch Bestätigung in der freien Zugänglichkeit. Allerdings eröffnet die Möglichkeit zur systematischen Aufnahme dieser Daten, bis hin zur maschinellen Verarbeitung dieser, eine völlig neue Dimension. Nicht die Öffentlichkeit per se wird damit zementiert, wie oft von den erwähnten Antagonisten behauptet, sondern man definiert eine «erweiterte Öffentlichkeit». Wir schauten diese Art von Neusprech schon einmal, als es darum ging Krieg in anderen Ländern zu führen. Seit jenen Tagen sprechen wir vom «erweiterten Verteidigungsbegriff» und meinen damit den Umstand, Krieg in fernen Ländern zu führen und dies als «Verteidigung» zu kaschieren. Einmal mehr manifestiert sich ein Déjà-vu, kein bloßes Empfinden, sondern mehr brutale Gewißheit.

homo homini lupus

Es sind jene Leute, die ob biederer Absichten, die Dinglichkeit dem Menschen vorziehen, über diesen stellen. Es sind jene, die diese datentechnische «Zwangsprostitution» legitimieren, dem «digitalen Raubrittertum» Tür und Tor öffnen, dem «digitalen Totalitarismus» den Weg ebnen möchten. Aber wir sind keine Nummern in deren digitalen Meer, hinter diesen Daten stehen Menschen, Menschen wiederum die diese Zeitgenossen ob ihrer Arroganz in den Staub treten.

Wenn wir also die Stimme erheben, so wird damit sicherlich keine «Wegschließmentalität» seitens ausufernder Verbote gefordert, sondern das Gebot, dem Wahn Einhalt zu gebieten. Weniger ist also, wie Eingangs erwähnt, eine Spaltung zu beobachten, zwischen einer «analogen» und «digitalen» Welt, vielmehr schauen wir den Versuch einer Gratwanderung. Einer Gratwanderung jedoch, die dem Menschen die primäre Aufmerksamkeit schenkt. Es ist eine Gratwanderung zwischen dem Wohl des Individuums und dem Wohl der Gemeinschaft. Die von diesen Leuten jedoch vorangetriebe «digitale Enteignung», die willkürliche «Umsiedlung» angestammter öffentlicher Habitate in Datenbanken, ist ein klarer Angriff gegen den Menschen. Man stempelt den Menschen hinter den Daten zur Nummer ab, lobpreist die «Freiheit der Sache» und leitet aus diesem maschinell erfaßbaren «digitalen Striptease» eine «erweitere Freiheit» ab.

cui bono

Wir geben uns nicht willfährig einem oktroyierten Kontrollverlust hin oder lauschen widerstandslos abstrusen Thesen, die biederen Absichten genügen und Schritt für Schritt die Würde des Menschen untergraben. Wir setzen diesen Leuten die Vernunft entgegen. Weniger ist mehr — weniger Daten erwecken weniger Begehrlichkeiten. Warum die Daten zu schützen versuchen, kann man diese doch initial weitesgehend vermeiden? Ignoranz ist kein Argument und der Glaube an die Legitimität des eigenen Handelns, ist Arroganz in Reinkultur und eine Respektlosigkeit, gegenüber seinen Mitmenschen, sondersgleichen.

Wem also gereicht diese Datenflut zum Vorteil, ohne dabei etwaige einhergehende Kollateralschäden außer acht zu lassen? In letzter Konsequenz sicherlich nicht dem Menschen, sondern diversen Konzernen, sowie Individuen, die ihr täglich Brot eben mit der Aus– und Verwertung dieser maschinell nutzbaren «erweiterten Öffentlichkeit» bestreiten möchten. Das geforderte Maß an Toleranz gegenüber dem Allgemeinwohl, setzt ein mindestens ebenso großes Maß an Respekt gegenüber dem Individuum voraus. Es ist nicht die «Angst vor dem Feuer», die zum Verbot treibt, sondern der vernünftige Umgang ist gefordert, ein Rahmen der einen Flächenbrand oder gar Inferno zu verhindern vermag.

Wir sind keine Nummern in der verantwortungslosen Milchmädchenrechnung dieser Krämerseelen!


Zitat 1: John Brunner, The Shockwave Rider
Zitat Titel: The Prisoner
Bild: «La liberté guidant le peuple», Wikimedia Commons

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4 Antworten zu “I’m not a number, I’m a free man.”

  1. Beutelteufel sagt:

    Danke.

  2. […] Analyse nahm ich den kompletten Text von I’m not a number, I’m a free man. Je länger der Text, umso genauer soll das Ergebnis rüberkommen. Immerhin war es bei nur einem […]

  3. […] «Aktivisten», die a la Mark Zuckerberg eine Art von Post-Privacy» herbeizitieren bzw. von einer erweiterten Öffentlichkeit fabulieren, Glauben machen möchten. Es geht um die Verarbeitung, Verknüpfung und Auswertung von […]

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