Ich gebe auf

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Foto: F!XMBR

Liebes Web 2.0,

ich war ja schon immer ein Internet-begeisterter Mensch. Ich habe schon viel Gutes, viel Quatsch und auch schon weniger schöne Dinge mitgemacht. Das Internet ist eines meiner liebsten Hobbys geworden. Früher waren die technischen Möglichkeiten noch beschränkt, heute schreiten sie in atemberaubender Geschwindigkeit fort. Vom Mond wird bald getwittert, die Geolocation von Atlantis ist nur noch eine Frage der Zeit und bald habe ich mit meinen Identi.ca-Mitlesern Ashton Kutcher mit seinem kleinen Account auf Twitter überholt. Als wir hier auf F!XMBR anfingen war die Situation noch überschaubar, ein paar Blogs gab es damals schon, andere Dinge waren eher Randnotiz – auch wenn Robert wöchentlich The next big Thing ausrief. 😉

Heute sind viele Blogs dazugekommen, auch wenn die Verlinkungen untereinander abnehmen – viele Perlen da draußen warten darauf, entdeckt zu werden. Doch nicht nur Blogs werden gelesen, geschrieben, geliebt und auch gehasst – das so genannte Microblogging hält die Welt in Atem. Twitter habe ich mich bisher (fast) verweigern können – dafür tippsel ich hier und da ein paar Dinge auf Identi.ca. Auf Identi.ca geht es noch sehr familiär zu – für mich eher der abendliche Chat unter Menschen, die man schon länger liest oder gar persönlich kennt. Außerdem mag ich Evan, eine nicht nur sehr freundliche und aufgeschlossene, sondern auch beeindruckende Persönlichkeit. Mehr kann man zu Identi.ca kaum schreiben.

Den so genannten Social Networks konnte ich mich lange Zeit verweigern. StudiVZ war auf F!XMBR schon ein Thema bevor der große Hype begann – und Facebook? Wtf is Facebook? war lange meine Devise. Heute bin auch auch dort zu finden – Kontakt zu ehemaligen und aktuellen Kollegen und den gleichen Nasen mit denen ich schon auf Identi.ca in Kontakt bin. Sollte der mehr oder weniger wahrscheinliche Fall eintreten, dass ich eine Information nicht mitbekomme, finde ich sie ganz bestimmt nebenan. Verwirrend, oder?

Natürlich bin ich auch auf den Videoportalen registriert, YouTube und Sevenload lassen grüßen. Leider bin ich absolut unbegabt, was das Erstellen oder Remixen von Videos angeht – eine Kunst, die mir bisher verborgen blieb, synonym zu meinen Chemie– und Physikkenntnissen. An mir ist wahrlich kein Sauerländer verloren gegangen. Mit flickr bin ich irgendwie nie warm geworden, dafür veröffentliche ab und an ein paar Fotos auf 23.

Was Oliver sein Akephalos und sein from hades ist, ist mein lallus.net – unsere kleinen Wohnzimmer. Für die kleinen Hinweise, Anmerkungen und Tipps, die zwischendurch anfallen und im manchmal vorhandenen Noise von F!XMBR untergehen würden. Viele unserer Stammleser vermissen unsere Linktipps – einfach dort vorbeischauen. In unserem Wohnzimmer ist immer Zeit für eine Tasse Kaffee.

Google Buzz nennt sich das neue Spielzeug der Netizens – und natürlich findet man mich auch dort. Von Fehlstart zu sprechen, wäre noch harmlos ausdrückt. Und doch – Google hat schnell reagiert und die bösesten Patzer rund um Datenschutz und Privacy gefixt. Mit Google Buzz wird das typische Geschäftsfeld Googles in ein eigenes Social Network integriert. Man kann seine anderen Profile integrieren und der Content wird übernommen. Dazu bietet Google Buzz die Möglichkeit, eigene Texte zu verfassen, Bilder und Videos einzufügen – ohne Zeichenbeschränkung. Google Buzz ist nicht nur das wahre Microblogging, es wird The next big Thing. Ohne Zweifel. Nur Google kann es sich erlauben, ein halbgares Produkt zu veröffentlichen und von den Usern entwickeln zu lassen. Wie man mit Google Buzz schon eindrucksvoll arbeiten kann, beweist zum Beispiel Mashable. Allerdings fehlt für Google Buzz noch der letzten, entscheidende Schritt: Es muss ein eigenständiges Social Network werden, nicht unter dem Dach von Google Mail. Diesen Geburtsfehler sollte Google schnellstens korrigieren.

Weißt Du, Web 2.0, ich habe mich lange gegen Dich gewehrt. ich gebe auf. Du hast mich in Deinen Fängen. Doch soll ich Dir Etwas verraten? Ich bin froh und glücklich, dass ich ebenso noch die etablierten Medien lese, wie beispielsweise die hervorragenden Kommentare des Heribert Prantl in der SZ. Heute Abend war ich erst mit wunderbaren Menschen schlemmen, auch für Aktivitäten, sollte der Rechner einmal ausgeschaltet sein, ist gesorgt. Dass ich mich durchaus umschaue, ob das Restaurant vielleicht WLAN anbietet, verrate ich Dir jetzt nicht. Du musst ja nicht alles wissen.

Einen großen Teil meiner Internet-Aktivitäten nimmst mittlerweile Du ein, liebes Web 2.0. Ich bin nicht gefangen in der Angst, die viele Journalisten und alte Gatekeeper in sich tragen — ich bin in Dir und Deiner Freiheit gefangen. Paradox, nicht? Lange habe ich gesagt, diesen Quatsch mache ich nicht mit, heute kann dieser Quatsch nicht groß genug sein. Ich gebe auf, Du hast mich – und doch wirst Du mich nie bekommen. Grandios, nicht?

Und irgendwann heirate ich dann Sacha Lobo.

Dein Chris

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20 Antworten zu “Ich gebe auf”

  1. Maschinist sagt:

    Ne Tüte Reis habe ich immer parat für die Jungvermählten.
    Ich freu mich wirklich sehr für Euch! 😉

  2. phoibos sagt:

    ist denn schon der erste april? *schnellnachschau*

  3. Sisyphos sagt:

    Bitte das Hochzeitsfoto auf F!XMBR veröffentlichen!! :-)

  4. Stefan sagt:

    interessante Selbstreflexion und noch interessantere Bildungsreise durch die Welt der Web 2.0 — Anwendungen — galant verquickt ! Am interessantesten jedoch die Selbstbehauptung am Schluss — Glückwunsch dazu (wenns denn wirklich stimmt 😉 ) !

    Eine Frage, die mir nach der Lektüre kam: Ist nach dem «immer größer des Quatsches» eine Art Backlash zu erwarten, so in Richtung «neue Einfachheit» oder wird der Hype andauern ?

  5. phoibos sagt:

    deine visitenkarte (hübsch ist sie), lieber chris, erinnert mich fatal an eine zu schreibende tragödie im antiken stil: der vernetzte mensch.

    held: chris
    deusexmachina: gtcd für fixmbr
    handlungsorte: bekannte und unbekannte weiten des webzwonull
    teiresias: oli
    kassandra: chris’ alter ego
    chor: kommentatoren

  6. Tom sagt:

    Aber muss man denn wirklich überall mitmachen? Dabeisein ist alles? Ich mochte Sport ja noch nie. 😉

  7. Chat Atkins sagt:

    Igitt — dann hast du immer diese roten Haare auf dem Kopfkissen!

  8. Marc sagt:

    Und wo bleiben delicious, Mister Wong und Co.? Eine unvollständige Hochzeitsgesellschaft möchte ich meinen 😉

    Zum Hochzeitsfoto: Gehe ich recht in der Annahme, dass ein Hochzeitsfoto auf Facebook eine Liebesheirat bedeutet? Hingegen bei Flickr doch nur eine Zweckehe ist?

  9. Gaston sagt:

    Ich frage mich ja, warum man sich das alles antun will.
    Wenn ich im Zug sitze und dann die Menschen verzweifelt mit Ihren Telefonen hantieren sehe, diese Drehen, drauf rumpatschen usw., dann denke ich immer mir geht es gut.
    Was mache ich? Ich machen im WeltWeitenWeb eigentlich (subjektiv) eine ganze Menge. Ich tingle durch ein paar Foren, wo ich versuche Menschen zu helfen die in emen selbigen ärger bekommen haben (Allgemein «Verbraucherschutz» genannt). Selbigen plus dem einen oder anderen politischen Statement mache ich in meinem Blog. Ansonsten dient mir das Web als Infoquelle für mich privat und Arbeitstechnisch.
    Das nimmt genügend Zeit in Anspruch. Da brauche ich kein Twitter oder andere Netze. Ich bin damit zufrieden, wenn ich mich mit Leuten mal zum Essen oder auf ein Bier treffe, telefoniere und vor allem genieße ich es, mich abends hinzusetzen, einen Tee oder/und einen guten Single Malt daneben und die Kerzen rechts und links neben mir an und in einem guten Buch schmökern. Ersatzweise ein paar nette Menschen um mich herum, die entweder auch schmökern oder mit denen man nette Gespräche und Diskussionen pflegt.
    Das ganze unterstützt dann auch noch den Brain 2.0 😉

    Das ich ein SMS-Verweigerer bin, hat mir bis jetzt auch nicht geschadet. 😉

    Woher nehmt Ihr nur die Zeit?

  10. Chris sagt:

    @phoibos: Helden mochte ich noch nie. 😉

    @Chat Atkins: Nix da, die Haare kommen dann ab und es gibt einen Seitenscheitel… 😀

    @Marc: Den Sinn von diesen Social-Bookmark-Dingern habe ich auch heute noch nicht verstanden… *g*

    @Gaston: Woher nimmst Du die Zeit, zu bloggen? 😉

  11. In Hamburg sagt man Tschüß… Dat heißt auf Wiedersehen 😉 Tschüß meen Jung 😉

  12. Gaston sagt:

    > @Gaston: Woher nimmst Du die Zeit, zu bloggen? 😉

    Das ist eine gute Frage!

    Und gute Nacht! Der PC wird aus gemacht. 😉

    (Habe mir gerade den Rest eines Oban Fassstärke eingegossen und suche mir einen Schmöker aus dem Regal)

  13. […] Ich gebe auf Christian heiratet Sascha Lobo und gibt den Wiederstand gegen das Web 2.0 auf. Glückwunsch, sie […]

  14. Anonymous sagt:

    Ob Sascha Lobo heiraten sone gute Idee ist…

  15. Luca sagt:

    Bin auch so ein Web 2.0-Verweigerer.

    Die twittern doch schon vom Mond
    .

  16. Christian Alexander Tietgen sagt:

    Der Sascha ist doch ein lieber.

  17. Micxs sagt:

    Ich hab Twitter nur zum lesen, einen verwaisten formspring.me Account, einen deaktivierten Facebook und Xing Account, VZ Gedöns hab ich nicht. Buzz werde ich mir nicht mal anschauen, das hast du ja getan 😉 Der einzige Account wo ich einigermaßen aktiv bin ist der bei identi.ca.

    Ich bin auch langsam der Meinung das sich das Internet nicht durchsetzen wird (Scherz). 12 Jahre intensive Nutzung sowohl privat als auch beruflich haben ihre Spuren hinterlassen. Ach früher war alles besser (blöder Spruch)

  18. vera sagt:

    schöner text. genau so isses.

  19. HarryB sagt:

    so viele Buchstaben so dicht beieinander ! Das ist gefährlich ! Das kann die Sinne verwirren.… Ich kann zwar nicht lesen, aber das habe ich oft genug gehört
    !)
    Nee, ganz klasse geschriebenes Essay, Chris !
    Auf solche Perlen freuen wir uns immer gern.
    Wir, die Typen wie Goebbels und sein Nacheiferer Westweller nicht ab können !(
    Grüße

  20. mjhp sagt:

    Es hat sich etwas verschoben. Was vorgestern Mailinglisten und gestern Foren waren sind heute Facebook und Twitter. Ich sehe da in meinem Nutzerverhalten oder in der Zeit die ich im Netz verbringe, den Informationen die ich mir hole kaum einen Unterschied.

    Alles so schön bunt hier.

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