Horst Köhler und die zweite Wiedervereinigung

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Bild: Agenda 2013

Zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung war Horst Köhler Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Unter seiner Ägide vollzog sich die Währungsunion und die Einheit, die ein ganzes Volk in ein Freudentaumel stürzte. Mit seinem heutigen Rücktritt vereinigt Horst Köhler – sicherlich ungewollt – dieses Land ein zweites Mal. Zumindest bis zum nächsten Morgen. In seltener Eintracht bewerten fast alle Kommentatoren der großen deutschen Tageszeitungen, Magazine und Zeitschriften den Rücktritt des schwarz-gelben Präsidenten. Es gibt keinen Journalisten – oder auch Blogger – der ihm seine heute vorgetragene Begründung wirklich abnimmt.

Heike Göbel spricht in der FAZ von einer Flucht Köhlers und fragt: Erwächst dem Amt nicht mehr Schaden, wenn sein Inhaber es aufgibt, ohne einen auf Anhieb überzeugenden Grund benennen zu können? Göbel weiter: Er hat den Eklat vorgezogen, statt auszuharren, Missverständnisse auszuräumen und zu werben für seine Sicht der Dinge. Köhler hat seine Chance vertan. Selbst Postillen aus dem Axel-Springer-Konzern gehen auf Diszanz zu Köhler. Die WELT spricht von einem beschämenden Abgang, Thomas Schmid: Tief verletzt hat er sein Amt dahingeworfen, sich selbst vom Hof gejagt. Mit Leib und Seele wollte er Bundespräsident aller Deutschen sein, hat mit steter Neugier das Land bereist – und musste am Ende erkennen, dass er am falschen Ort saß. Die BILD titelt gar: Köhler macht den Lafontaine. Nikolaus Blome unverblümt: Der beispiellose Rücktritt des Bundespräsidenten ist eines der ganz seltenen Ereignisse, dessen Motiv man nicht vollständig kennen muss, um es beurteilen zu können: Dieser Rücktritt hat keine Würde. Er hat keinen politischen Stil. Er ist das Gegenteil von politischer Aufrichtigkeit.

Joachim Frank stellt in der Frankfurter Rundschau klar: Aber die Legende, die der Bundespräsident um seinen Rücktritt zu stricken versucht, wird keinen Bestand haben, schon gar nicht in historischer Perspektive. Wenn nicht andere, schwer wiegende Motive Köhler bewogen haben, dann hat er gerade nicht die Würde seines Amtes gegen – ja, was eigentlich, unbotmäßige? – Kritik verteidigt. Vielmehr schadet sein Rücktritt dem Amt in beispielloser Weise: Mitten in der größten Krise des Landes lässt dessen höchster Repräsentant den Staat und die Bürger im Stich. Selbst die FTD stoßt ins gleiche Horn, Kai Beller: So etwas gab es noch nie: Ein Bundespräsident tritt tief gekränkt von seinem Amt zurück. […] Köhler ist kein Monarch und die Kritik an seinen Interview-Äußerungen nach einem Afghanistan-Besuch keine Majestätsbeleidigung. […] Kritik muss auch ein Staatsoberhaupt aushalten können — schließlich herrscht hierzulande Meinungsfreiheit, die selbst für den obersten Vertreter des Staates gilt. So weit müsste Köhler die Verfassung dieses Landes eigentlich kennen.

Walter Bau, Politikchef im Westen, sieht es nicht anders: Diese fast schon beleidigte Reaktion ist nicht angebracht. Zum einen hielt sich die Kritik durchaus in überschaubaren Grenzen und wurde auch nicht in einer Weise vorgetragen, die geeignet wäre, die Würde des Amtes zu verletzen. Und zum anderen muss auch ein Bundespräsident ertragen, dass seine Meinungsäußerungen von Presse und Öffentlichkeit kritisch hinterfragt werden. Und auch die Neue Osnabrücker Zeitung spricht vom beleidigten Präsidenten, Burkhard Ewert: Das gab’s noch nie: Ein Mann tritt von jetzt auf gleich vom höchsten Staatsamt zurück, das es in Deutschland gibt. Und dies nicht wegen gravierender Differenzen um politische oder soziale Fragen, sondern mit der letztlich banalen Begründung, dass er sich in einer Teilfrage unfair kritisiert fühle. Anders gesagt: Horst Köhler gibt auf, weil er beleidigt ist.

Karsten Polke-Majewski in der ZEIT merkt an, dass Köhler unser Land in eine Staatskrise stürzt: Seinem Land, dem er schwor, Schaden von ihm abzuwenden, erweist Köhler einen Bärendienst. Inmitten einer schweren Wirtschaftskrise, zu einer Zeit, da die Bundesregierung wankt, setzt er eine Staatskrise obenauf. Kurt Kister spricht in der SZ gar vom Null-Bock-Horst: Es hat wohl noch nie jemand dem Amt des Bundespräsidenten so großen Schaden zugefügt, wie es Horst Köhler an diesem Montag getan hat. Köhler hat die Präsidentschaft dieses Landes nicht bedächtig niedergelegt, etwa weil ihn Krankheit oder ernste Umstände im Familienkreise dazu gezwungen hätten. Nein, er hat das höchste Amt im Staate hingeworfen, weil er beleidigt ist.

Roland Nelles spricht im SPIEGEL vom unglücklichen Präsidenten: Was ist das für ein seltsamer Moment? Was für eine unwirkliche Minute in der deutschen Geschichte? […] Nach der Schreckminute muss die nüchterne Analyse folgen. Sie offenbart eine harte, aber einfache Wahrheit: Das Amt und Horst Köhler passten nicht zusammen. Sie waren nicht füreinander gemacht. Für die Tagesschau herrscht nun poltische Panik, Birgit Wentzien: Horst Köhler verlässt das Amt, wie er Amt und Posten immer verstanden hat: Unbequem, nicht kalkulierbar. […] Sein letzter öffentlicher Termin war einer in eigener Sache: in einer düsteren, fast finsteren Atmosphäre im Schloss Bellevue. Es regiert nur Panik, kaum Überblick, geschweige denn Führungskunst.

Horst Köhler hat mit seiner Fahnenflucht das geschafft, was keinem Politiker zuvor gelang. Er hat die Medien, das Land vereint. Rechts wie links, konservativ wie liberal. Diese Leistung wird so schnell nicht zu toppen sein. Und wenn auch nur bis zur nächsten Schlagzeile, so hat Horst Kühler heute seine Einzigartigkeit bewiesen. Wie ein geprügelter Hund schlich er von dannen, die Schuld anderen Menschen zuweisend. Dabei lag die Schuld einzig allein bei der Person, die Horst Köhler morgens sieht, wenn er in den Spiegel schaut. Köhler war von Anfang an eine lame duck – nicht wegen der politischen Verhältnisse, er war der falsche Mann im falschen Amt. Nun ist er gegangen. Leider viel zu spät. Besonders das Wie beschädigt das Amt des Bundespräsidenten, wie noch nie ein Politiker zuvor ein Amt beschädigt hat. Da nützt auch eine zweite Wiedervereinigung relativ wenig — wenn auch lustig anzuschauen. Das Thema ist einfach zu ernst.

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3 Antworten zu “Horst Köhler und die zweite Wiedervereinigung”

  1. ZEITungsleser sagt:

    Bin gerade am Überlegen, ob es wohl möglich sein sollte, den von Chris gestern per Twitter erwähnten, und von mir sofort für exzellent, als Nachfolger in Köhlers Amt, befundenen Hans-Jürgen Papier auf die gleiche Art und Weise in die öffentliche Diskussion zu bringen, wie dies mit Köhlers Aussagen im dradio gelungen ist. Aber vielleicht arbeitet ja Chris schon an einem Artikel :-)

    Gruß ZEITungsleser

  2. Anonymous sagt:

    @ZEITungsleser: es gibt alternativen: freitag.de, dasdossier.de (man müsste das nicht schreiben, wenn die ZEIT wirklich ihrem auftrag nachkommen würde und sich nicht so wehrlos «herrschenden kreisen» andienen würde )

    es werden mit allzu lockerer hand machtansprüche abgesichert, wie zuletzt hier .

  3. ZEITungsleser sagt:

    @Anonymous

    Da bist du ein bisserl zu schnell. Nur weil ich das ZEITungsleser so schreibe, bedeutet dies nicht, dass ich diese Postille in irgendeiner Art und Weise hervorheben möchte. Ich gebe allerdings zu, dass wenn ich mal ‘ne aktuelle Lektüre auf totem Baum gedruckt benötige, dann greife ich am Kiosk sehr gerne zur ZEIT. Was allerdings wiederum auch nicht bedeutet, dass ich mit allem was dort geschrieben steht konform gehen würde. Gibt genügend Artikel aus der Vergangenheit wo ich mir auch die Frage nach den wahren Absichten des Autors stelle.
    Allerdings um’s mit dem Pseudonym aufzuklären. Gesucht war damals ein Name, der nicht wirklich durch reines Suchen mit einer Suchmaschine verfolgbar ist, jedoch gleichzeitig einen Wiedererkennungswert besitzt. Nun ja, «Zeitungsleser» ist ein Begriff der wohl im Web Millionenfach Verwendung findet, jedoch wird er durch die Schreibweise wiederum recht unverwechselbar. Da mir aber bisher unbekannt ist, dass Suchmaschinen die Groß-/Kleinschreibung in ihren Indizes berücksichtigen, fällt es somit heute noch schwer, maschinell zu schauen, wo ich überall mit diesem Pseudonym kommentiert habe.
    Also, nicht immer gleich das vermeintlich Offensichtliche als Argumentationsgrundlage verwenden. 😉

    Viele Grüße
    ZEITungsleser

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