Hey Du! Bleib doch mal stehen!


Foto: langtimoalexCC-Lizenz

Die letzten beiden Abende habe ich mal wieder auf dem Kiez verbracht. Die Seele baumeln lassen, das Treiben beobachten, gute Freunde treffen, quatschen und die eine oder andere Cola trinken. Gestern habe wieder etwas dazugelernt, ist der Kumpel, mit dem ich unterwegs war, doch schwul.

  • Es gibt auf dem Kiez Schwulenkneipen, die ins Metrosexuelle gehen (Originalzitat).
  • Wenn man an den Mädels vorbeischlendert, der Kumpel sich schon etwas weiter bis nach vorne durchgekämpft hat, man selbst noch weiter hinten in Diskussion verstrickt ist, kann es sein, dass die nächste Dame ohne weitere Umschweife eine geile Prostatamassage anbietet. Mein Ar*** bleibt Jungfrau ist dann auch nicht wirklich die passende Erwiderung, folgt darauf doch ein bestens, dann kannste ja mitkommen.
  • Es gibt nur eine wahre Cola: Jever.

Wie der Zufall so spielte, musste ich beide Abende die Davidstraße einmal rauf und runter. Die Davidstraße geht rechts neben der weltberühmten Davidwache hoch (siehe Foto), führt Richtung Hafen, und ist zudem bekannter Straßenstrich. Matt Wagner hat das hier wunderbar aufgeschrieben — kein Vergleich zu den Drogengerippen auf dem Steindamm, bei denen man sich schon etwas wegholt, wenn man schon auf der anderen Straßenseite vorbeigeht. Da stehen teilweise wunderhübsche Mädels, bei denen man sich wirklich fragt, warum sie da stehen. Das ist teilweise wirklich unglaublich. Aber immerhin stehen sie dort, noch so gut in Schuss, beschützt, amtlich registriert — Dinge, die in dem Gewerbe, auch im Jahr 2009, nicht selbstverständlich sind.

Im Gegensatz zu Diskussionen auf Blogs, gehe ich im realen Leben kaum einer Diskussion aus dem Weg. Und jedes Mal, wenn ein Kiezbesuch ansteht und eine Dame ruft, hey du, bleib doch mal stehen, dann bleib ich natürlich stehen. Schließlich wurde ich zum Gentleman erzogen. Was Diskussionen angeht, bin ich wirklich hart gestählt, beruflich, wie auch privat — die eine oder andere (politische) Diskussion war mitunter Härtetest für den Zusammenhalt der Familie — selbstredend, dass sie diesen bestanden hat. Die Mädels aber sind wirklich absolute Profis. Da muss selbst ich manchmal echt schlucken — also jetzt bildlich gesprochen. 😉

Wie Matt Wagner schon geschrieben hat, auf jede Antwort, und sei sie noch so im Scherz, salopp, frech, fragend — wer mich privat kennt, weiß, was ich meine, ich kann da durchaus manchmal sehr direkt sein — es gibt immer eine Antwort, immer ein Lachen, die eigene Aussage wird immer ins Gegenteil gekehrt. Die Mädels sollten alle bloggen — wie das Streetgirl. Ehrlich gesagt mag ich diese Diskussionen. Es macht einfach Spaß. Ich bin noch nie mit so einem Mädel mitgegangen — Antwort: dann bist Du auch kein richtiger Hamburger — werde es auch nie tun, aber die Diskussionen würde ich mir niemals nehmen lassen. Auf der einen Seite ist da schon manchmal ein schlechtes Gewissen, schließlich leben sie davon, mich mitzuziehen, ich denke da aber gar nicht dran, mitzukommen. Auf der anderen Seite: That’s Hamburg live.

Und doch ist uns, mir und meinen Kumpels unabhängig voneinander, eines klargeworden. Der Kiez ist nicht mehr der Kiez. Der alte Charme ist völlig verlorengegangen. Zeiten ändern sich, klar, doch ist dieser Kiez nicht mehr das, was ihn einmal ausgemacht hat. Mir fehlen da die richtigen Worte für — wahrscheinlich können nur Hamburger nachvollziehen, was ich damit sagen will. Das ist wirklich sehr schade, irgendetwas fehlt — aber auf die nächste Diskussion freue ich mich jetzt schon. 😀

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4 Antworten zu “Hey Du! Bleib doch mal stehen!”

  1. phoibos sagt:

    ach ja, die nuttensperre… sie hindert wie ein minengürtel das unbeschwerte durchkommen zum hans-albers-platz. aber was wäre der kiez ohne seine huren? ich mag sie, ich habe mich schon das ein oder andere mal wirklich interessant mit den menschen hinter den geschminkten fassaden gesprochen. sie haben einen harten, wenn nicht den härtesten job (freudianer, verkriecht euch in eure höhlen!), stehen da bei wind und wetter und verkaufen sich. was ich nicht mag, ist angefasst werden, aber auch das gehört irgendwie dazu. wenn ich mal geld habe, werde ich fragen, ob mich eine auf einen kaffee begleitet. diese berufswahl nötigt mir eine menge respekt — aber auch irgendwie mitleid — ab.

    zu dem «der kiez ist nicht mehr das, was er mal war». ja, das stimmt. und ich finde, diese aussage hat auch nichts mit einer früher-war-alles-besser-romantik zu tun. der kiez ist mir zu sauber, zu geleckt, zu stylish. hamburger berg, silbersack, etc. das ist kiez, wie ich ihn kennen– und lieben lernte. gut, die boutique bizarre ist stylisch, aber auch ein echter gewinn für den kiez. ganz im gegensatz zu den pornoaldis und –lidls, diese world of sex, hartes neonlicht, sterilität wie in einem abdeckerraum. widerlich. muss der kiez denn eddelig sein, oder darf auch sauber sein? ja klar, darf er sauber sein, aber müssen das amüsiertempel ala spielhölle oder perverserperserladen (ihr wisst schon, dort, wo man diese endgeilen hintergrundbeleuchteten plastikvergoldedmadonnen mit vorgesungenen suren (sic!) und holographischen 3d-hintergrund kaufen kann oder allerlei sinnfreies, welches sich ideal zum verschenken eignet (auch wenns nur ein kleiner teppich für zehn öcken zum frühstück bei muddern ist)) sein? telephonläden? auf hochglanz polierte tabledance-schuppen? wo sind die shows abgeblieben? das salambo? uniformiertes leben allen ortens. vom beginn der großen freiheit um funky pussy ein und derselbe mainstreambrei, die 36 auch nichmehr das, was es mal war. das grünspan rockt weiterhin, wer kennt aber den kleinen laden daneben, das indra, mit dem tlw. wirklich überraschend guten programms? der kiez scheint mir zu einer amüsiermeile für ausländer, also all diejenigen, die nicht hamburger sind, zu verkommen. die hamburger gehen derweil woanders hin. die hinteren seitenstraßen des kiezes, die verbindung von schanze zum kiez, st. georg, schanze, den letzten rest des karo-viertels, ottensen, … für jeden gusto findet sich etwas. schade dabei ist, das hier erneut gewachsende stadt kaputtgeplant wird und zu einer menschenleeren zone verkommt (jenseits der geschäftszeiten). egal ob mö um zwei uhr morgens, industriegebiet montag nach 22h oder kiez mittags um 11, es ist total tote hose. lebendige, atmende viertel, wie wir sie kannten, wird es demnächst nicht mehr geben. seid in letzter zeit mal den eppendorfer weg runtergegangen? früher eine straße voller kneipen und restaurants. wird doch jetzt immer segmentierter.

    ciao
    phoibos

  2. dakira sagt:

    Wenn du schon 2x die Davidstrasse rauf und runter bist, waerste ja fast bei mir in der Bar gelandet 😉 (Ahoi). Interessant finde ich ja, an was die Damen es fest machen, ob sie einen ansprechen oder nicht. Seit nem Jahr werde ich im Grunde garnicht mehr angesprochen (obwohl sich an meinem Aeusseren nichts geaendert hat). Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die sich merken das ich da fast taeglich langlauf. Vielleicht hat sich ja mein Gesichtsausdruck geaendert.

    Witzig finde ich uebrigens auch ein Spiel, was ich vor nem halben Jahr kennengelernt habe… Nuttenbingo. Man sitzt in einer WG mit Panoramablick auf den Hans-Albers-Platz und schliesst Wetten darauf ab, welche Dame als naechstes «geht» 😉

    Ich persoenlich halte mich uebrigens seit Jahren von diesen Kietz-Touri-Ecken fern. Entweder unter der Woche unterwegs gehen (sofern moeglich).. da ist es noch richtig muckelig.. oder eben in der Hafengegend.

  3. Chris sagt:

    @dakira: Deine Bar? Gibt es da auch Jever? 😀

    @phoibos: Japp, der Kiez ist zu einer Touristenmeile geworden und bietet den Hamburgern selbst gar nichts mehr. Natürlich war er schon immer Touristenattraktion — aber heute geht es nur noch ums schnelle Geld, den Urlaubern das selbige aus der Tasche zu ziehen. Aber, die Mädels nötigen mir echt Respekt ab…

  4. Kim Peter sagt:

    Ja, einen harten Job haben sich die Mädels da herausgesucht. Was dakira bezüglich dem angesprochen werden sagt, ist mir auch schon aufgefallen. Ich bin Wahl-Hamburger und wurde anfangs auch häufiger angesprochen; jetzt garnicht mehr. Scheint als würden die Mädels einem ansehen, dass man öfters da ist und kein Interesse hat. Ich werde mal eine zum Kaffee einladen und fragen.
    Was die Diskussion angeht: Ich habe das auch schon gemacht, schäme mich mittlerweile sogar ein wenig dafür. Wie mir eine sehr nette und interessante Professionelle einmal erklärt hat, richten diese ewigen Verhandlungen um des Gespräches Willen in der Summe für immensen Schaden durch die verlorene Zeit. Aber wie oben richtig gesagt ist Mann ja Gentleman und geht nicht einfach Wortlos weiter wenn man angesprochen wird, sondern antwortet höflich, knapp und unmissverständlich 😉

    Wir sehen uns…aber nicht am Wochenende — zu viele Kiez-Touris..

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