Heribert Prantl — auch die vermeintlich Guten bekennen ab und zu Farbe und zeigen ihr wahres Gesicht

Das Wasser scheint der SZ bis zum Hals zu stehen. Die Angriffe auf das böse und gefährliche Internet nehmen kein Ende — Oliver hatte hier mal einen Text von Johannes Boie in der Luft zerrissen . Seit Monaten ist immer und immer wieder davon zu lesen, wer wie wo die SZ übernimmt — es scheint, als würde diese Diskussion die Redakteure besonders motivieren, den vermeintlichen Feind, das Internet, die Blogs, das Web 2.0 anzugreifen. Wie schrieb Oliver es schon — eine Angstpsychose. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach liebe SZ — liefert qualitativ guten Inhalt, und schon wird kein Weblog in irgendeiner Weise mit Euch konkurrieren können. Es liegt an Euch — vielleicht lasst für einen Neuanfang einfach mal die lächerlichen Bildergallerien weg, dann unterhalten wir uns über die Qualität der von Euch geschriebenen Artikel. Ich mein, wenn Heribert Prantl über den Terror, den Polizeistaat und George Orwell schreibt, ist ja durchaus großes Potential zu erkennen — doch abseits dieses Themas, oh graus, oh graus. Schuster bleib bei Deinen Leisten, will man Euch zurufen. Hans Leyendecker ist auch nur noch ein Schatten seiner selbst.

Da nimmt der gute Heribert Prantl sich des Themas Diätenerhöhung an, und das am Tag der Abschlußkundgebungen der Demonstrationen gegen die Vorratsdatenspeicherung. Das ist schon ungewöhnlich und sollte aufmerken lassen. Wenn Heribert Prantl dann aber schreibt, dass die geplanten Diätenerhöhungen maßvoll sind, und dass bei einer Erhöhung, die das doppelte des Hartz IV-Satzes eines Monats [sic!] ausmachen — er massiv das Internet angeht, die Lamentatoren, wie er schreibt, angreift, diese würden die Politiker an den Pranger stellen — ohne dass diese das verdient haben und somit die Lamentatoren der Demokratie ein Misstrauen entgegenbringen, dann muss man schon mal fragen: In welchem fernen Elfenbeinturm leben Sie derzeit, Herr Prantl?

Natürlich ist die deutsche Politik durch und durch mit Korruption und Unfähigkeit durchzogen. Ich würde keinem Politiker in diesem Land mehr uneingeschränkt vertrauen. Nennen Sie mir einen Politiker, der dieses Vertrauen verdient hat. Diese Herrschaften üben ihren derzeitigen Job nur aus zwei Gründen aus: Macht und das spätere Auffangbecken Wirtschaft — über Geld muss sich keiner der Damen und Herren mehr Sorgen machen. Wer dies verneint, verkennt die Realitäten in diesem Land. Und bei einer Diatenerhöhung, lieber Herr Prantl, geht es auch im Augenmaß, um Gerechtigkeit. Es gibt in unserem Land eine immer großer werdene Armutsschicht, Kinderarmut steigt stetig an, Familien verwahrlosen — und Sie sind allen Ernstes der Meinung, die, die dafür verantwortlich sind, handeln noch mit Augenmaß?

Ihr Angriff auf das Internet ist doch nur ein Nebenkriegsschauplatz. Er soll Ihren Lesern mal wieder zeigen, wie böse doch Blogger und andere Publizisten sind. Ihr Artikel endet in der schon fast bodenlosen Frechheit, dass sei behaupten, diese Art der Pressefreiheit — und lieber Prantl, es läuft nicht auf Pressefreiheit heraus, sondern auf Meinungsfreiheit — sei eine Gefahr für unsere Demakratie. Ich sag Ihnen was, Herr Prantl: Die Gefahr für unsere Demokratie kommt aus einer ganz anderen Ecke. Es sind Wirtschaftsmagnaten, für die Menschen nur noch Produktionseinheiten sind. Es sind machtgeile und unfähige Politiker, die schon zu Politikerzeiten in Lohn und Brot der Industrie stehen und gegen die Interessen des Landes entscheiden. Und nicht zuletzt ist es insbesondere die ehemals vierte Gewalt in unserem Land, die ihrer Berufung schon seit Jahren nicht mehr nachkommt. Die vierte Gewalt ist längst verkommen zum Lakai der Politik und der Wirtschaft — es gibt in unserem Land kaum noch einen Journalisten, den ich dieses Attribut noch zugestehen würde.

Herr Prantl — Schuster, bleib bei Deinem Leisten. Das würde in Ihrem Fall bedeuten, schreiben Sie ein wenig über die Terrordebatte, die Versuche der Politik, hier einen Überwachungsstaat zu initiieren, andere Artikel lassen den sonst so guten Eindruck schnell schwinden. Auch wenn unsägliche, ja lächerliche Angriffe auf das Internet in Ihrem Haus anscheinend zur Firmenpolitik gehören — denken Sie das nächste Mal einfach nach, bevor Sie lostippen. Ich sage Ihnen hiermit klipp und klar: Je weniger unkritisch über das Handeln der deutschen Politik geschrieben wird, desto größer die Gefahr, dass die Demokratie endgültig zu Grabe getragen wird. Sie wollen dafür die Menschen verantwortlich machen, die wenigstens den Mut aufbringen, den Mund aufzumachen, die sich auch den negativen Begleitumständen des sogenannten Web 2.0 stellen um vielleicht den einen oder anderen Menschen zu erreichen und zum Nachdenken zu bewegen. Schauen Sie einfach mal in den Spiegel, Herr Prantl.

SZ — Lob den Politikern

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6 Antworten zu “Heribert Prantl — auch die vermeintlich Guten bekennen ab und zu Farbe und zeigen ihr wahres Gesicht”

  1. Santi sagt:

    «Die Partei, die Partei, die hat immer Recht…» damit’s nicht wieder darin endet braucht es nunmal kritische Berichterstattung von außen. Je öfter ich deinen Artikel lese, umso mehr rege ich mich über die ganze Sache auf, angefangen bei herrn Prantl.
    Was mir dazu noch einfällt, bevor ich zur Vorlesung muß:
    Viele Köche verderben den Brei, bringen selbigen jedoch auch auf ein der Allgemeinheit im Durchschnitt bekömmliches Niveau. Zwar würde es bei einigen wenigen durchaus besser schmecken, doch anders als in der Küche finden sich in der Politik die fähigen Leute nicht am Herd, sondern außerhalb…

  2. Wolf-Dieter sagt:

    Obwohl ich deinen Grimm verstehe: keine Zustimmung.

    Die Diäten mögen uns den Hut hoch gehen lassen. Aber sie dienen diesem Zweck: sie sollen den Parlamentarier in die Lage finanzieller Unabhängigkeit versetzen. Andernfalls bestünde die Gefahr von Korruption.

    Falls dennoch Korruption stattfindet, so ist diese nicht durch Unterbezahlung systematisch angelegt, sonderen ein verfolgbarer Straftatbestand.

  3. Samthammel sagt:

    Am Besten fand ich die Stelle, wo Prantl argumentiert, daß die Politker ja schließlich Geld verdienen wollen, weil in der Gesellschaft nicht das Ideal des armen Menschen vorherrscht. Sicher möchte keiner arm sein, aber diese Schere die zwischen den Diäten und manchem Arbeiterlohn aufklafft ist nicht mehr schön. So viel mehr Wert kann Leistung irgendwann nicht mehr sein — meine Meinung.
    Danach geht er dann völlig ab, daß die Politiker, laut Volkes Meinung, «uneigennützig» sein sollen, weil man dies auf sie projiziert und selber nicht verwirklichen kann? Geht es noch? Ich verlange mit Sicherheit nicht daß die Politiker umsonst arbeiten. Aber immer mehr muß ja auch nicht. Knapp 7K im Monat sind schon ordentlich…

  4. Chris sagt:

    Ach, es könnten auch 20k sein, das Problem sind die ganzen Begleitumstände… Da kommen ja unsägliche Beträge noch dazu — eine Überversorgung, die einem Selbstbedienungs-laden gleichkommt…

    Einen hohen Grundbetrag würde ich nicht als problematisch ansehen…

  5. varzil sagt:

    1.) zum GBI (großen bösen Internet):
    Die Furcht vor dem GBI geistert nicht allein durch die SZ. Die FAZ beschäftigt eine Reihe Journalisten mit ähnlichen Ängsten.
    Und wenn ich so meine Kinder sehe, zu Recht: keines der vier Kinder liest eine Tageszeitung, geschweige denn gar regelmäßig. Und dabei lesen sie durchweg gerne, und nicht nur Harry Potter. Zeitungen sind inzwischen wohl was für Alte. Und Heribert Prantl oder Frank Schirrmacher können zwar gut schreiben, schreiben, sind aber eben nur einzelne Leuchtfeuer im Dunkel einer für die Jugendlichen nur langweiligen Zeitung. Die informieren tatsächlich bei der bösen Konkurrenz, im GBI.

    2.) Die Diäten:
    Es ist billig, auf der Diätenerhöhung herumzuhacken. Klar verdient ein Abgeordneter mehr als ein Hartz-IV-Empfänger. Soll er auch. Schließlich hat er es geschafft, entweder die Mehrheit eines Wahlkreises (so ca. 250.000 menschen) von sich zu überzeugen oder die Mehrheit einer Landespartei. Beides ist nicht einfach.
    Jedenfalls soll jeder Abgeordnete sich genügend Gummibärchen leisten können und nicht die Bundesbahn/meine Grundrechte/den Rechtsstaat für eine Tüte Gummibärchen an den erstbesten Haribo-Inhaber verkaufen.

  6. Grainger sagt:

    Ich habe gar nichts dagegen, das die Abgeordneten anständig bezahlt werden.

    Nur sollte damit zur Vermeidung von Interessenkonflikten selbstverständlich auch ein absolutes Nebentätigkeitsverbot einher gehen.

    Also nichts damit neben der Abgeordnetentätigkeit noch in mehreren Aufsichtsräten zu sitzen, Vorträge gegen horrende Gagen zu halten, usw.

    Honorierte Parteiämter nehme ich davon ausdrücklich nicht aus. 😀

    Die Pensionsansprüche müssten natürlich ebenfalls angepasst werden (und zwar drastisch nach unten), für die Zeit der Abgeordnetentätigkeit wird einfach ein bestimmter und vorher festgelegter Betrag dem Rentenkonto gutgeschrieben, die Beitargsbemessungsgrenze als Maximalbetrag ist zu beachten (natürlich erwarte ich, das unsere Abgeordneten ebenso wie die meisten anderen Bürger an der normalen staatlichen Altersvorsorge teilnehmen und keine Extrawurst gebraten bekommen).

    Wem das nicht reicht, der darf selbstverständlich gerne private Altersvorsorge betreiben (erwartet man ja von den Bürgern auch).

    Im Falle des Mandatsverlustes könnte für eine angemessene Zeit ein Übergangsgeld bezahlt werden (etwa pro voller Legislaturperiode Parlamentsmitgliedsschaft 1 Jahr Bezug von Übergangsgeld, maximal aber 4 Jahre). Danach müssen sie zusehen, wie sie klar kommen oder Hartz IV beziehen.

    Alternativ wäre auch eine einmalige Abfindung denkbar, dann aber mit einer Wettbewerbsabrede.

    Dann würde vielleicht auch mal wieder etwas mehr Realitätsnähe in unsere Parlamente einziehen.

    Und wer zu diesen Bedingungen kein Abgeordneter werden will, der soll halt was anderes machen, rs herrscht schließlich freie Berufswahl in Deutschland.

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