GuttenPlag Wiki gewinnt Grimme Online Award

anonymous
Foto: Matt Westervelt | CC-Lizenz

Das GuttenPlag Wiki ist heute mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet worden und ist wahrscheinlich das erste Angebot, welches den Preis auch wirklich verdient hat. «Die Jury lobte die faire und unvoreingenommene Arbeitsweise der Administratoren des Wikis. Das Projekt mache deutlich, dass Textvergleiche gut kollaborativ organisiert werden können und welche Möglichkeiten das Web für gemeinsames Arbeiten biete.» Als ich in der Nacht zum 16. Februar diesen Tweet schrieb, ahnte wahrscheinlich niemand, welche Folgen die Vorabmeldung der dpa — und der eigentliche Artikel in der SZ am darauffolgenden Morgen — haben würde. Karl-Theodor zu Guttenberg, so hieß es am Anfang, müsse sich gegen Vorwürfe wehren, er habe bei seiner Doktorarbeit abgeschrieben. Erst war es ein einfaches Dokument auf Google Docs, dann wurde es das GuttenPlag Wiki, am Ende musste zu Guttenberg zurücktreten, der feine Herr Doktor ist kein Doktor mehr. Neben das GuttenPlag Wiki trat das VroniPlag Wiki, Stoiber Tochter Veronika Saß verlor ebenso ihren Doktortitel wie Silvana Koch-Mehrin und Uwe Brinkman. Jorgo Chatzimarkakis und Bijan Djir-Sarai werden aktuell gesichtet — auch hier sind die Folgen leicht absehbar.

Immer wieder wird auch in Deutschland darüber diskutiert, ob in einem «freien» Land, wie dem unserem Anonymität überhaupt wichtig sei und man nicht vielmehr dazu verpflichtet ist, mit «offenem Visier» zu kämpfen — gerade im Internet. Das GuttenPlag Wiki und das VroniPlag Wiki sind die wahrscheinlich besten Argumente pro Anonymität, die man jemals im Internet finden konnte. Freiheit bedeutet Mut. Anonymität bedeutet Freiheit. Die Freiheit, dass Argumente zählen und nicht über den jeweiligen Überbringer diskutiert wird. Das GuttenPlag Wiki und das VroniPlag Wiki sind anonyme Informanten unseres digitalen Zeitalters, die unsere Politik durchaus ins Wanken bringen. Wäre zu Guttenberg gestürzt, wenn die Mitglieder bekannt gewesen wären? Nein, das ist auszuschließen. Die Bild und andere selbsternannte bürgerliche Medien hätten sich auf die Informanten gestürzt, deren Leben bis ins kleinste Detail auseinandergenommen, nicht aber die Sache verfolgt. Ohne die Anonymität der beiden Wikis wäre zu Guttenberg heute noch Verteidigungsminister und Silvana Koch-Mehrin in Amt und Würden. Ich bin in diesem Punkt völlig anderer Meinung, wie der ansonsten so geschätzte Michael Spreng. Im Fall der beiden Wikis ist die Anonymität existentiell, für die sachliche Arbeit, für unsere Demokratie.

Wie sehr im digitalen Zeitalter eine gute Sache personalisiert wird — und dementsprechend einfach anzugreifen und leicht zu diskreditieren ist, zeigt das Beispiel Wikileaks. Mittlerweile wird mehr über Julian Assange diskutiert, als über Wikileaks selbst. Wikileaks ist tot, nicht nur dank Julian Assange, sondern auch dank der Medien, die diese Personalisierung voran getrieben haben. ad sinistram hat dies am Beispiel des GuttenPlag Wiki und des VroniPlag Wiki sehr gut dargestellt: Schon heute werden die Mitarbeiter der beiden Wikis verfolgt und mit Worten belegt, die in gewisse Weise an eine Hetzjagd erinnern. Insbesondere die selbsternannten bürgerlichen Medien sprechen in einer Sprache, die an die Bild erinnert. Auch wenn selbstverständlich über die Ergebnisse der Wikis berichtet wird, heute kann kein Medium mehr die Augen davor verschließen, so werden aus den Mitarbeitern, die sachlich berichten und ihre Freizeit opfern, Plagiatsjäger. Opfer werden zu Tätern, Täter zu Opfern.

Die Anonymität des GuttenPlag Wikis und des VroniPlag Wikis erlauben eine objektive, sachliche und vorurteilsfreie Sichtung der jeweiligen Doktorarbeiten und der Ergebnisse. Bisher wurden FDP-, CSU– und einem SPD-Politiker Plagiate nachgewiesen. Was wäre, wenn die Mitarbeiter der Wikis namentlich bekannt wären und einer vielleicht Mitglied der Grünen wäre? Den Wikis würde parteitaktische Erwägungen vorgeworfen, die Frage, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht, würde über den Ergebnissen stehen. Es ist davon auszugehen, dass bald auch Doktorarbeiten von CDU-Politikern und Mitgliedern der Grünen gesichtet werden. Dazu wäre es niemals gekommen, wenn eine Jagd auf die Macher der Wikis, wie sie bereits von den Medien verfolgt wird, namentlich stattfinden würde.

Die Anonymität bedeutet für die Macher des GuttenPlag Wikis und des VroniPlag Wikis den größtmöglichem Schutz. Die eigene Privatsphäre, die eigene Familie, die eigene Existenz wird bestmöglich geschützt. Anonymität bedeutet Schutz vor einer maßlosen  Pressemeute, die beim Thema Internet zur Yellow Press der untersten Schublade wird. Die beiden Wikis beweisen auf eindrucksvolle Weise, dass Anonymität keine negativen Begleiterscheinungen mit sich bringen muss, sondern zum Vorteil unserer Demokratie positiv eingesetzt werden kann. Am den Beispielen GuttenPlag Wiki und VroniPlag Wiki kann sich kein Hardliner aus der Politik profilieren, gegen unsere Bürger-, Grund– Freiheitsrechte zu Felde ziehen und eine Ende der Anonymität fordern. Für die Sichtung der Doktorarbeiten und die objektive Veröffentlichung der Ergebnisse ist das GuttenPlag Wiki heute ausgezeichnet worden. Die positiven Folgen für unsere Gesellschaft und die Sicht auf das Internet mancher sogenannter Offline sind weitaus höher einzuschätzen. Dafür gebührt großer Dank. Der Grimme Online Award kann nur der Anfang sein.

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15 Antworten zu “GuttenPlag Wiki gewinnt Grimme Online Award”

  1. Gut gebrüllt, Löwe!

  2. Vielen Dank!
    Hey, was ist plötzlich los? In den letzten Tagen tauchen wirklich sehr fundierte und außergewöhnlich scharfsinnig verfasste und auf den Punkt gebrachte Beiträge zu dem Thema auf. Ihr Beitrag ist einer von diesen, Sie stellen hier einen der wesentlichsten Punkte verdichtet dar — dafür mein Dankeschön. Spricht mir aus der Seele.
    Grüße
    Dr. Martin Klicken

  3. Anonymous sagt:

    Und was noch viel wichtiger ist: Im Internet weiß niemand, ob du ein Hund oder der Papst bist. Die Anonymität schafft nicht nur Freiheit, sondern vor allem Gleichheit. Es zählt nicht dein Renommee, sondern allein die Stichhaltigkeit deiner Argumente. Und wenn du mal Scheiße geschrieben hast, machst du dir ein neues Pseudonym und schreibst was Vernünftiges.

  4. G sagt:

    Und was noch viel wichtiger ist: Im Internet weiß niemand, ob du ein Hund oder der Papst bist. Die Anonymität schafft nicht nur Freiheit, sondern vor allem Gleichheit. Es zählt nicht dein Renommee, sondern allein die Stichhaltigkeit deiner Argumente. Und wenn du mal Scheiße geschrieben hast, machst du dir ein neues Pseudonym und schreibst was Vernünftiges.

  5. Christoph Jansen sagt:

    In den letzten Tagen ist, glaube ich, sehr deutlich geworden, dass das «bürgerliche» Lager mit seinem unsäglichen Vokabular, das hier als letztes Sturmgeschütz zur Diskreditierung der beiden Wikis eingesetzt wurde, gescheitert ist.
    Weder VroniPlag noch GuttenPlag haben in irgendeiner Form zurückgeschossen, was ich für die erhoffte Reaktion halte. Man wollte, dass sich die Sucher selbst entlarven und ihr wahres Gesicht zeigen.
    Das haben sie getan und damit eindrücklich bewiesen, dass der, der am lautesten schreit, nicht unbedingt der ist, der im Recht ist. Oder sollte ich sagen, dass der, der im Recht ist, keine lauten Worte benötigt?
    Wer einmal durch die Seiten auf VroniPlag streift kann dort lesen, wie «Wiki-Watch» und so mancher andere versucht haben, Einfluss zu nehmen und Misstrauen zu säen, und wie grandios diese Damen und Herren daran aufgrund der eigenen Unfähigkeit, überhaupt nur mit dem gewählten Medium umzugehen, gescheitert sind.
    Von der intellektuellen Unzulänglichkeit dieser Versuche ganz zu schweigen, denn die ist wirklich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass etwa für Wiki-Watch und die beiden «Professoren», die es leiten, wohl tatsächlich Stuergelder ausgegeben werden.
    Diese massiven Angriffe subtiler wie auch kruder und — man verzeihe mir den Ausdruck — saudämlicher Art zeigen, wie sehr man sich an den beiden Plag-Wikis reibt und wie gut es für die Beteiligten ist, anonym bleiben zu können.

  6. PlagDoc sagt:

    Guter Beitrag. Es klingt aber so, als hätte die dpa zuerst berichtet. Tatsächlich war die dpa-Meldung ja nur eine Vorabmeldung zum Artikel in der SZ.

  7. Goalgetter sagt:

    Ja so ein Artikel baut auf und macht Mut.
    Mut den man tatsächlich braucht.

    Ebenfalls Danke!

  8. @PlagDoc: Ich habe den Satz mal deutlicher formuliert. Danke für den Hinweis.

  9. Nofate sagt:

    Wunderbar treffend formuliert! Danke dafür!
    Ich bin immer wieder entsetzt, wie viele Leute Anonymität falsch und schändlich finden. Als Argument wird angeführt, dass man sich dahinter verstecke und sich Dinge herausnehme, die man sich sonst nicht wagen würde.
    So fordert Herr Axel Fischer ein Vermummungsverbot, Herr Spreng und auch Caschy unterstellen Feigheit, wenn man nicht mit seinem wirklichen Namen auch für schon einfache Kritik stehen will. Die Gründe sind ihnen stets egal, wahrscheinlich auch jetzt noch.
    Umso besser, wenn es jetzt diesen Preis für GuttenPlag gab.

  10. DocN sagt:

    Respekt! Ein guter Beitrag.

  11. […] gewordenen Bundesministers zu Guttenberg geleistet hatte, mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet worden. Dieser Eintrag wurde veröffentlicht unter Bildung, Bourgeoisie, Netzkultur, Peinlich, Politik, […]

  12. Anonymous sagt:

    Oh, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß — und doch bin ich lieber Rumpelstilzchen, weil ich es dann rumpeln lassen kann, ohne überrumpelt zu werden — vorerst.
    Datenschutz ist nämlich die nächste Problematik.
    Dann noch die Aufdeckung krimineller Handlungen, die immerhin leicht von Interessierten hintertrieben werden kann.
    Die Aufarbeitung des Faschismus wäre ganz anders verlaufen, hätten sich geschützte Anonyme äußern können ohne selbst zu Schaden zu kommen.
    LudgerH

  13. Rosenkranz007 sagt:

    Guttenplag, Vroniplag — der einzige Hoffnungsschimmer für die Rettung der Demokratie. Fischer-Lescanos Rezension hätte «normalerweise» nie und nimmer zum Rücktritt des Herrn G. geführt. Ich wage die These: ohne Guttenplag wäre der feine Herr in Bälde zum Bundeskanzler aufgestiegen und das wahrscheinlich sehr, sehr lange geblieben. Die Ausgezeichneten haben «Geschichte gemacht»… Respekt und Chapeau.


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