Grimme Online Award — Wie man sich gegenseitig die Preise zuschiebt

GrimmeAuf diversen Blogs liest man immer wieder zwischen den Zeilen oder auch in den Kommentaren, dass man durch Kontakte, Freundschaften oder auch Seilschaften manchen Online Grimme Award abstauben kann. Ich habe auf diese Gerüchte nie etwas gegeben — ich konnte es mir schlicht und einfach nicht vorstellen. Dass Mainstream-Blogs wie Spreeblick oder die Webseite BILDblog bisherige Preisträger sind — okay, auch RTL und die BILD selbst räumen regelmässig Preise ab. Dass 2006 gleich drei Preisträger aus Berlin kamen, okay — Zufall, oder?

Wenn ich aber gerade bei DWDL lese, dass der Elektronische Reporter von Mario Sixtus nachnominiert wurde, dann gerate ich ins Grübeln — gehört Mario Sixtus selbst doch zur Jury. DWDL schreibt:

Auf die Entscheidung der Jury, Mario Sixtus’ Angebot zu nominieren, schied dieser aus der Jury aus, da eine Hauptverantwortlichkeit für ein zur Debatte stehendes Angebot mit der Mitgliedschaft in der Jury nicht vereinbar sei, teilt das Grimme Institut mit. Der Vorschlag wurde von einem anderen Jurymitglied eingebracht.

Natürlich kann man da — ganz im Fairplay–Gedanken — aus der Jury zurücktreten. Das ist dann doch aller Ehren wert. Und natürlich hat man untereinander als Jury auch überhaupt keinen Kontakt — wie kann ich nur auf derartige Gedanken kommen? ;-)

Tacheles: Was für ein Gemauschel — Adolf Grimme würde sich im Grabe umdrehen, wenn er das jemals erfahren würde.

Grimme […] wurde 1942 wegen seiner Verbindungen zum Widerstand der sogenannten Roten Kapelle von der Gestapo verhaftet und saß bis 1945 eine Zuchthausstrafe wegen Nichtanzeige eines versuchten Hochverrats ab. Seine aktive Beteiligung am Widerstand als Verfasser mehrerer Flugblätter, die in Umlauf gebracht wurden, blieb unentdeckt, was ihm das Leben rettete.

Wikipedia — Adolf Grimme

Ich weise jetzt nicht darauf hin, dass so eine Nominierung allein jede Menge Traffic, und dadurch für die Elektronischen Litfaßsäulen unseres Landes viel Geld bringt. Auch frage ich nicht nach den Kontakten Sixtus — Niggmeier — Spreeblick — warum sollte ich auch, es geht mich ja auch nichts an, was die Jungs (privat) machen. Stattdessen schreibe ich eine Mail an Friedrich Hagedorn, Projektleitung, Referatsleiter Medienbildung beim Grimme Institut:

Sehr geehrter Herr Hagedorn,

mit großer Verwunderung habe ich gerade gelesen, dass für den Grimme Online Award 2007 der Elektrische Reporter von Mario Sixtus nachnominiert wurde.

grimme-institut.de/html/index.php?id=593

Das erschreckt sicherlich nicht nur mich, sieht das ganze doch sehr nach Vetternwirtschaft aus — gehört Mario Sixtus doch zur Jury, und das nicht erst seit diesem Jahr. Dass er aus der Jury nun ausgetreten ist, ist schön, doch ist das eher lächerlicher Versuch zu werten, eben den Eindruck der Vetternwirtschaft nicht entstehen zu lassen. Man hat natürlich im Vorfeld der (Nach-) Nominierungen innerhalb der Jury genügend Kontakt zueinander. Ich denke schon, dass jeder normal denkende Mensch soweit denken kann.

Herr Hagedorn, (sicherlich nicht nur) ich sehe den Grimme Online Award ad absurdum geführt. Es scheint mir eine reine Mauschelei, man schiebt sich in diversen Kreisen die Preise gegenseitig zu.

Ich erwarte Ihre Stellungnahme und weise darauf hin, dass ich beabsichtige diese, ebenso wie meine Mail, auf meinem Weblog zu veröffentlichen.

fixmbr.de/grimme-online-award-wie-man-sich-gegenseitig-die–
preise-zuschiebt

Gestatten Sie mir zum Schluß eine persönliche Anmerkung lieber Herr Hagedorn: Adolf Grimme würde sich im Grabe umdrehen, wenn er von diesen Mauscheleien erfahren würde. Ich bin entsetzt, dass eine der letzten großen Institutionen unseres Landes, das Grimme Institut, solche Sachen fördert.

Mit freundlichen Grüßen

Chris

Ich glaube nicht, dass es etwas bringt — die Herrschaften kennen sich halt untereinander, aber vielleicht gerät ja doch der eine oder andere ins Grübeln…

Grafik: Grimme Institut, Verfremdung: F!XMBR

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26 Antworten zu “Grimme Online Award — Wie man sich gegenseitig die Preise zuschiebt”

  1. Euro sagt:

    Ich hatte euch nominiert und ich steh dazu (im Sinne Grimmes). Und nach dieser Farce erst recht. Wirkliche Größe wäre (ich Tagträumer) wenn sie auch gerade wegen der Kritik genau euch den Preis zusprechen würden. Ob ihr ihn jetzt überhaupt noch mit Stolz entgegennehmen würdet steht auf einem ganz anderen Blatt.

  2. Oliver sagt:

    Drücken wir es mal so aus, in der Form würde ich ihn *nie* annehmen. Zuvor schon, jedenfalls was ich davon ursprünglich hielt, anderseits hätte ich uns dann nicht einmal ansatzweise in der Nähe davon gesehen.

  3. Chris sagt:

    Das gäbe hier auf F!XMBR ein interessantes Ablehnungsschreiben… :D

  4. Chat Atkins sagt:

    Ist halt ähnlich wie bei der ‘Gruppe 47′ damals: Die haben auch all die Schiller-, Heine– und Hölderlin-Preise reihum unter sich verteilt. Eine Vorteilsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit …

  5. Oliver sagt:

    Im Zweifelsfall ist wie immer der Neid der motivierende Faktor :D

  6. […] Bis jetzt hat sich niemand auf meine Mail hin gemeldet. Man will es wohl aussitzen und bekommt derweil Unterstützung von Thomas. Nicht wirklich ein Wunder, gehört man doch zum selben Verlag. Eine Hand wäscht halt die andere — Kollegen zu hinterfragen oder gar kritisieren,kommt — zumindest öffentlich — für Thomas nicht in Frage. Das kann ich seht gut verstehen — aber dann sollte man sich gänzlich öffentlich zurückhalten. Lobhudelei kommt nicht gut, wenn Kritik angebracht ist. Hal Faber hat dieses Problem nicht, er darf kritisieren: […]

  7. Max sagt:

    Das war doch letztes Jahr schon bei Spreeblick so. Sixtus und Johnny Haeusler haben im Vorfeld ganz viel, ganz dick zusammen gemacht.

    Johnny Haeuslers Spreeblick wurde daraufhin im Bereich «Information» nominiert.

    Das fällt ja nun dem größten Mauscheler ein, dass Spreeblick wohl eher Desinformation — in Hinblick auf die eigenen Ziele — betreibt.

    Also wurde der «Sonderpreis» zugeschanzt!

    Warum der ganze Aufwand? Preis = Kohle!

  8. Chris sagt:

    Hast Du dafür auch Belege, oder ist das hier niveauloses Spreeblick-Gebashe? Für letzteres brauchst gar nicht wiederkommen.

  9. So richtig verstehe ich die Aufregung nicht. Es ist auffällig, dass viele Blogs nominiert sind und das in der Jury selbst Blogger oder dem Bloggen oder Nominierten nahestehende sind.

    Allerdings gibt es auch Argumente für das Gegenteil.

    Es ist ja nicht so, dass sich Sixtus selbst vorgeschlagen hat?

  10. Chris sagt:

    Er saß selbst in der Jury und nachdem das Jurymitglied Sixtus dann nominiert wurde, ist er zurückgetreten. Nun verstanden? Wenn nicht, bitte nicht wiederkommen. Ich habe diese Relativierungen satt. Danke.

  11. MedienFuzzy sagt:

    Wenn man nach den Namen der Nomierungskommission, die der Jury und der Nominierten und Preisträger der letzten Jahre googelt und mal mit Namens-Strichlisten abstreicht, kommt man schon ins Grübeln, welches System da wohl dahinter steckt! ;-)

  12. […] namens Mario Sixtus nominiert, der heute mit den früheren Siegern bei Adical ist und der jetzt zwecks Preis aus der Jury zu den Nominierten […]

  13. […] anges?uerte Reaktion zur Nachnominierung von Jurymitgliedern beim GOA inzwischen auch hier und hier. Allerdings, und das finde ich nun wirklich interessant, kein Wort bei denen, die? gerne mal einen […]

  14. Zwischenruf…

    Zur Zeit sind knapp 70% wieder hochgeladen, mit steigender Tendenz.

    Deshalb nur kurz:
    Chat schrieb eben in einem seiner Kommentare an mich: Dass der Grimme-Nachnominierungs-Award keine weiteren Kreise zieht, ist tatsächlich ein Skandal.

    Und wo…

  15. […] Mario Sixtus verantworteter und empfehlenswerter Video-Podcast des Handelsblatt. Sixtus saß bis zur Nominierung selbst in der Jury (Nominierungskommission und Jurymitglieder) des Online Award, schied darauf hin aus und ist nun nur […]

  16. […] Hier hatte ich darüber geschrieben, dass ein Jury-Mitglied von der Jury des Grimme Online Awards nachträglich für den eigenen Preis nominiert wurde. Und nein, ist ist immer noch kein Schreibfehler — die Jury hat ein Mitglied der Jury nachnominiert. Dass dies in der opportunistischen Blogosphäre kaum zu Berichten geführt hat (ausser zu Angriffen auf meine Person), war klar — man will ja selbst auch mal. Positive Ausnahmen waren da Martina, Chat Atkins, Don und der Weltherrscher. Nachdem der gute Herr Hagedorn nicht auf meine Mail geanwortet hat, es keine Reaktion auf den Heise-Artikel gab, der Geschäftsführer des Adolf Grimme Institutes, Uwe Kammann, ebenso nicht auf eine Mail von mir geantwortet hat, habe ich ganz im old Style einen Brief per Post an die Geschäftsführung des Institutes geschickt. Wahrscheinlich wird es noch mehr Anfragen gegeben haben, aber der von mir explizit angeschriebene Uwe Kammann hat sich nun mit einer Klarstellung geäussert: […]

  17. […] Friedrich Hagedorn antwortet auf meine Vorwürfe — allerdings nicht auf F!XMBR, er darf ohne kritisches Nachfragen seine Botschaft via DWDL verbreiten. Nachdem also der Geschäftsführer des Adolf Grimme Institutes auf F!XMBR eingegangen ist, wird dem Projektleiter des Grimme Online Awards eine Plattform zur Verfügung gestellt — meiner Meinung nach ein Lehrstück der Öffentlichkeits-Manipulation. Mal schauen, ob Hal wieder etwas dazu schreibt, ich bin fassungslos. […]

  18. […] nicht mehr in der Jury sitzt, muss sich Projektleiter Friedrich Hagedorn Vorwürfen wegen Preisschieberei stellen. In einem Interview tut er das auch. Eine Reaktion aus der blogospähre folgte […]

  19. […] eine Verbindung zum Widerstand Adolf Grimmes im Dritten Reich herzustellen etc pp. Wer so argumentiert, dem geht es, glaube ich, nicht um Grimme, sondern darum, die Grenze zwischen den vermeintlich […]

  20. […] haben festgestellt, wie bei Dir offensichtlich die Preise hin– und hergeschoben werden. Hal hatte dies auch angemerkt, das hätte eigentlich Fingerzeig genug sein sollen. Doch […]

  21. […] traurige Geschichte um den Grimme Online Award setzt sich fort. Heise hat nicht geholfen, nach der Klarstellung des Adolf Grimme Insitutes konnte […]

  22. […] Grimme Online Award — Wie man sich gegenseitig die Preise zuschiebt […]

  23. Pottblog sagt:

    Grimme Online Award: Trackback und nicht-Trackback…

    Das in Marl ansässige Adolf-Grimme-Institut zeichnet jährlich Fernsehsendungen mit dem Grimme-Preis aus und seit einiger Zeit gibt es auch den Grimme-Online-Award, mit dem Internet-Inhalte prämiert werden.
    Da ich indirekt mit einem Preis…

  24. […] Nachnominierung des Weblogs “Der elektrische Reporter” von Mario Sixtus schon einige kritische Stimmen auf. Grund: Mario Sixtus hatte einen Platz in der Jury, den er just in dem Moment verließ, in dem […]

  25. […] Preise auch an die Jury gedacht wurde. So hat Jurymitglied Mario Sixtus, dessen Blog von der Jury kurzerhand nachnominiert wurde, natürlich auch einen Grimme Online Award zugeschoben bekommen. Da Mario Sixtus die Jury […]

  26. […] Oliver Bienkowski hat in Kassel erfolgreich einen Bruch von Online zu Print hinbekommen und mit Radio Utopie geht es auch Schritt für Schritt vorwärts. Der Medienumbruch ist in vollem Gange, bloß läuft das Spiel möglicherweise nicht ganz so, wie manche Medienprofis das gern hätten. […]


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