Googles Betriebssystem

Nachdem so ziemlich jede Postille im Netz nicht mit den Lobpreisungen geizte und weniger den erwarteten Sermon vergoß — Googles corporate motto Don’t be evil ist ein wahres Wunder an Nachhaltigkeit — möchte ich hier zumindest noch einiges anfügen.

Googles Betriebssystem basiert auf dem Linux-Kernel hatte bisher mehr den Geschmack von sie nahmen den Kernel und wirkten ansonsten eine Menge Google-Magie, tatsächlich jedoch werkelt darunter ein reguläres GNU/Linux, es ist quasi eine Google Distro. Der Browser dominiert, vielen schon als Google Chrome bzw. Chromium ein Begriff, und ist zugleich integraler Bestandteil des Systems — der Browser bildet somit die alleinige Schnittstelle zwischen User und Netz und ist auch die einzige lokale Applikation, die von diesem aktiv bedient wird.

Wir schauen hier also einen klassischen Thin Client oder auch Dumb Terminal verbunden mit einem Server, welcher diverse Applikationen liefert und zugleich auch der Sicherung der anfallenden Daten dient. Heute bezeichnet man diese Server als ominöse Cloud und tituliert die Arbeit in dieser als cloud-computing. Neues finden wir also keineswegs vor, sondern einzig einen Wiedergänger der EDV-Geschichte. Die Ingredienzien sind die bekannte Suchmaschine, Google Mail, Docs, der hauseigene Browser Chrome etc. pp. — bewährte Technologien, die zwar keinen vom Hocker reißen, jedoch funktionieren und aufeinander abgestimmt sind.

Worin liegen also die Risiken und Nebenwirkungen? Nun erst einmal in der Konzentration auf einen Anbieter. Dieser bietet diese Dienste nicht umsonst an, sondern verdingt sich profan ausgedrückt als Datenschleuder. Von dieser profitiert der einzelne ebenso, Google selbst jedoch insbesondere. Daten sind heutzutage ein äußerst begehrliches Gut, für welches Höchstsummen geboten werden. Datenskandale jedweder Natur sind an der Tagesordnung und bestimmen inzwischen den Medienalltag — don’t be evil, aber warum sollte der mündige User diesem Slogan Glauben schenken? Vielleicht weil Google diesen Slogan seit knapp über einem Jahrzehnt unters Volk bringt und dank seiner Marktdominanz äußerst wirkungsvoll?

Timeo Danaos et dona ferentes

Zu viele Geschenke, zu wenig Durchblick und ein gigantischer Konzern, der im Hintergrund werkelt. Kein Grund für ausufernde Paranoia, jedoch Grund genug gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Me desktop is me castle ist mein Credo und dieses sollte es auch gerade bei Internet-Nutzern sein, stattdessen veräußert man recht leichtfertig persönliche und auch ansonsten wichtige Daten en masse. Und Google himself wirbt nun ironischerweise mit einem Plus an Sicherheit, gewährleistet seitens der eigenen Server, auf denen der eifrige User seine Daten lagert. Geschenke seitens eines Konzerns in Form mannigfalter OEM-Lizenzen1, geduldeter Kopien usw. führten schon einmal zu einem derartigen Gebilde, welches bis dato den heimischen Desktop dominiert — gemeinhin als evil empire verschrien oder schlicht Microsoft.

Wenn Firmen ihre Daten zusätzlich zentral lagern vor Ort, so ist dies sicherlich eine feine Sache. Eine solche Redundanz erhöht die Sicherheit der Daten, jedes Archiv arbeitet beispielsweise derart, unterschiedliche Medien selbst analoger Natur dienen mittels dieser absichtlich herbeigeführten Redundanz als Versicherung gegen Ausfälle einzelner Medien. Worin aber soll die Sicherheit Google bestehen? Weil Profis dahinter stehen und die Ausfallsicherheit mehr oder weniger garantieren? Zwar ist keine Firma dagegen gefeit, aber dennoch glaube ich zumindest Google dort eine höchstmögliche Sicherheit zu wirken, dies stellt dieser Konzern seit Jahren tagtäglich unter Beweis. Wie aber sieht es mit den Inhalten aus? Wer schützt die Inhalte vor den begehrlichen Blicken anderer? Google ist der primus inter pares in puncto Werbung und wenn ein Bereich noch etwas hinterherhinkt kauft man mal eben eine adäquate Technologie hinzu. Just wieder einmal geschehen und wieder war es eine Werbetechnologie, kontextsensitiv soll in naher Zukunft nicht nur die übliche textbasierte Werbung über den Schirm flimmern, nein auch farbenprächtiges Gezappel soll mit von der Partie sein.

Wann wird die Zeche eingetrieben? Nun es liegt am User den Kolateralschaden so gering wie möglich zu halten. Es spricht nichts gegen Google Chrome, der seinerseits altbekannte Technologien nett miteinander verknüpft und einige neue Ideen mit sich bringt, es spricht auch nichts gegen die Google Suche, obwohl wir Googles Macht und die Ohnmacht dieser gegenüber schon desöfteren am eigenen Leibe erfahren durften, es spricht nichts gegen all diese schönen Dinge, einzig die zentrale Bindung, die Verquickung diverser Dienste unter der Oberhoheit eines Konzerns ist mehr als bedenklich.

Googles hauseigenes Betriebssystem dient dieser Begehrlichkeit seitens dieses Konzerns, die Bindung der User an die eigenen Dienste, daß Zementieren der Dominanz im Netz. Selbst eine Art benevolent dictatorship im besten Fall, mag für die einen ein willfähriger Hort der Glückseligkeit darstellen, schützt so oder so jedoch nicht vor Mißbrauch. Mitunter trübt der Glaube daran nur die klare Sicht …

  1. ja auch Microsofts Aufstieg begann mit gierigen Nutzern []

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15 Antworten zu “Googles Betriebssystem”

  1. mcbexx sagt:

    Interessant — Microsoft wurde die starke Verflechtung von Browser und Betriebssystem vorgeworfen und sogar juristisch untersagt.

    Sicherlich hat das einen anderen Stellenwert aufgrund der bisherigen Monopolstellung Microsofts im Betriebssystemsegment — aber Google ist nun weiß Gott keine Garagenfirma und hat ebenfalls — wenn auch an anderer Stelle — ein Quasimonopol inne. Man darf gespannt sein, was passiert, wenn GoogleOS breitere Akzeptanz und Marktanteile gewinnt.

  2. Fabrice sagt:

    Danke! Es musste ja mal geschrieben werden.
    Wer Google so vertraut, kann eigentlich auch gleich seine Wohnung fuer Google zugaenglich machen…

  3. icke sagt:

    Chrome bringt neue Ideen mit? *staun* …

    Ich bin ganz froh drum, alles von Google konsequent zu meiden, inklusive Cookie– und Hostsblockierung. Ja, vermutlich bin ich einfach nur verdammt paranoid…

    Kein Mensch braucht den zehnten Ubuntu-Aufguss. Danke insofern, dass ich hier mal einen Artikel lese, der sich NICHT in Lobeshymnen für schlechte Software überschlägt.

  4. Phil sagt:

    Me desktop is me castle

    Sollte wohl eher «My desktop …»

    @mcbexx:

    Ja, die Gefahr ist tatsächlich gegeben, dass Google noch «gefährlicher» wird als Microsoft.

    Jedoch konnte ich auf Bildschirmphotos sehen, dass auch andere Dienste unterstützt werden, die nicht von Google sind.

    Insofern bleibt nur abzuwarten, was aus diesem Projekt wird und ob sich Google dann an ihr Motto erinnern kann :)

  5. Oliver sagt:

    >Chrome bringt neue Ideen mit?

    Ich staune auch immer wieder, wenn ich selbst für recht eingängige Aussagen den Erklärbär spielen muß: gemeint ist Google Chrome, der Browser.

  6. Oliver sagt:

    @Phil: nein sollte nicht. Ich bemächtige mich hier aber gerne scherzhaft des sogenannten pirate speak a la shiver me timbers. Kursive Darstellung dient mitunter als Indiz.

  7. icke sagt:

    Oliver: Das habe ich schon verstanden. Aber Google Chrome bringt keine neuen Ideen mit. Webkit ist alt, Tabs sind alt…
    Nehme gern gegenteiliges übrigens.

  8. Oliver sagt:

    @icke:

    der seinerseits altbekannte Technologien nett miteinander verknüpft und einige neue Ideen mit sich bringt

    Einige neue Ideen z.B. wie das Sandboxing, Threading — die Idee ist nicht schlecht, der IE8 macht es glaube ich ebenso. Kann man als Idee bezeichnen, Mozilla hats ja noch nicht wirklich verstanden oder ist nicht in der Lage den Code zeitnah anzupassen.

  9. Phil sagt:

    Im Grunde ist Chrome OS nur die logische Weiterentwicklung/Vernetzung altbekannter Technologien. Denn wieviele brauchen tatsächlich die volle Leistung eines heutigen ausgewachsenen PCs mit x GHz, zig MB RAM und so weiter, die bei ALDI & Co. den Leuten hinterher geschmissen werden? Mein Rechner hat beispielsweise mit nur Opera an rund 20% Auslastung.

    Auch wenn zwar die Rechner immer sparsamer werden, so kostet es ja auch viel Energie, diese vielen Rechner zu produzieren. Ich könnte mir auch sehr gut vorstellen, dass ein «paar» zentrale Rechner wesentlich effektiver sind als zig einzelne Rechner, die nur vor sich hindümpeln, wie es letztlich schon beim Thin-Client-Konzept ist, nur halt wesentlich größer, so dass man von überall aus auf seine Daten zugreifen kann.

    In meinen Augen hat dieses Projekt viel nützliches, was jedoch auch missbraucht werden kann.

  10. icke sagt:

    Mit Verlaub, Threading war schon Monate vor der ersten Chromeversion im Firefox-Bugtracker…

  11. Oliver sagt:

    @icke: ich bitte dich, im Bugtracker? Auf meiner Agenda finden sich auch viele Dinge die nicht umgesetzt sind. Patente auf Luftschlösser hätten ähnlichen Charakter.

  12. marc sagt:

    Disclaimer: Ich hab Chrome selber noch nicht getestet.

    Auf technischer Ebene hat’s mich schon geschüttelt, als ich gelesen habe, wie bei Android die Betriebssystem-Basis kastriert wurde. Da kann man nur hoffen, daß es bei dem neuen System diesbezüglich zumindest besser aussieht.

    Ansonsten habe ich die Befürchtung, daß da ein massiver Vendor Lock-In im Anrollen ist, bei dem selbst Apple mittelfristig blaß werden dürfte. Wenn man erst einmal all seine Daten in der fluffig-weichen Wolke verpackt hat, stellt sich irgendwann die Frage, ob man sie auch jederzeit wieder da herausbekommt…

  13. icke sagt:

    Oliver: Nein, als Patch, nicht als TODO.

  14. High Tech Lowlife sagt:

    Danke, jetzt habe ich einen Link für die Leute, denen ich schon seit ein paar Tagen erzähle, dass die im Grunde eine Linux-Distro mit Chrome als Standard-Browser gemacht haben, in dem auch noch eine Menge Bookmarks auf Google-Dienste vorinstalliert sind…

  15. cynetics sagt:

    Also für mich ist das Projekt aus Entwicklersicht recht interessant. Zum Beispiel die Aussage alles unnötige rauszuschmeißen und dass es sich selber zu repariert. Ob das dann wirklich so funktioniert? Keine Ahnung. Und natürlich muss man mit viel Skepsis an die Sache herantreten. Aber da es Open Source sein wird, wird es, wie beim Browser, bestimmt auch bereinigte Versionen geben. Was ich auch sehr interessant finde, ist die Idee von einem reinen User-OS. Denn alle großen Linux-Distributionen, auch Ubuntu, sind doch immer noch Developer-OS.

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