Google Streetview, Nerds und ihre Spielzeuge

Was man just schön beobachten kann ist die Praxis der Heuchelei in Reinkultur. Man nehme einen Konzern wie Google, lasse diesen einfach mal ein paar Daten sammeln und diese der Allgemeinheit zu Verfügung stellen. Nerds aller Couleur werfen stante pede jeglichen Datenschutz über Bord, können sie doch fortan ebenso an diesen Daten teilhaben und diese mit diversem technischen Spielzeug verwerten.

Dies war auch der große Fehler Schäubles, hätte er denn mal die gesammelten Daten zur Nutzung durch die Allgemeinheit zur Aussicht gestellt! Wieviel Ärger wäre ihm und der Regierung erspart geblieben, denn wirklich stinkig werden die Nerds nur, wenn man ihnen nicht ihr Spielzeug gönnt. Dann wird wortgewaltiger Pathos von der Kanzel niedergeschmettert, der Untergang des Abendlandes herbeizitiert. Kultur! Freiheit! Und doch, letztendlich geht es nur um den ureigenen Spieltrieb. Google mag alles dem Nerd überlassen, jetzt ist nicht mehr der Datenschutz das here Gut, nein nun ist es die Kultur und der Fortschritt! Und jene, die da für ein opt-in-Verfahren plädieren, sind augenblicklich die Feinde, die es vehement zu bekämpfen gilt.

Googles kürzlicher Fauxpas läßt sich vortrefflich mit technischen Spitzfindigkeiten1 erklären, auch kann man vice versa Google zum Erzfeind erklären — beides täuscht jedoch über die massive Schieflage des Datenschutzes hinweg in Deutschland und wie wenig der Einzelne überhaupt versteht, was es denn bedeutet Privatsphäre zu genießen. Mit einem technischen Pragmatismus jedenfalls, ist dem Menschen keinesfalls geholfen.

Wer hier vermeint ein Übermaß Polemik zu schauen, hat damit sicherlich bedingt recht. Wer jedoch glaubt die Realität zu vermissen, sollte erst einmal den Computer für einen Tag abschalten und selbige in ihrer Gänze ungefiltert genießen.

Addendum: ein Artikel diesbezüglich auf F!XMBR anno 2008

  1. die keinesfalls uninteressant sind und wie immer von Kris Köhntopp in aller Ausführlichkeit erklärt werden []

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11 Antworten zu “Google Streetview, Nerds und ihre Spielzeuge”

  1. ZEITungsleser sagt:

    Auch wenn ich eher derjenige bin, der diesen Vorfall nicht wirklich überbewertet, da ich vor einigen Jahren, als ich mittels kismet die WLANs meiner Nachbarschaft erforscht habe, auch sehr überrascht war,als ich mehr durch Zufall mitbekam, dass dieses Programm alle empfangenen Pakete auf meiner Platte ablegt, so muss ich doch Oliver beipflichten, dass wenn der Datenschutz einen höheren Stellenwert hätte, Programme vor ihrem Einsatz auch auf die «Kompatibilität» mit geltenden Datenschutzrichtlinien getestet werden müssten. (sorry für diesen Satz *g*)

    Jedes Programm wird vor seinem Einsatz auf die Fähigkeit des Erbringens der gewünschten Funktionen getestet. Hätte der Datenschutz einen höheren Stellenwert, würde auch die Einhaltung desselben Bestandteil einer Funktionsprüfung sein. Kann sein, dass ich zu blauäugig Google gegenüberstehe, jedoch nehme ich ihnen ihr bedauern über diesen Vorfall eher ab, als diversen anderen Firmen, welche mit einem Datenskandal in der Öffentlichkeit aufgefallen sind. Ansonsten halte ich es rein technisch mit Kristian Köhntopp, und was Streetview als solches betrifft mit dem Schockwellenreiter.

    Schöne Pfingsten noch Euch beiden vom
    ZEITungsleser

  2. tanine sagt:

    Ein schöner Beitrag, der (wie öfter eigentlich) zum denken anregen sollte. Und es bei einigen wenigen hoffentlich auch tut.

    Prost Mahlzeit, tanine

  3. Grainger sagt:

    … jedoch nehme ich ihnen ihr bedauern über diesen Vorfall eher ab, als diversen anderen Firmen, welche mit einem Datenskandal in der Öffentlichkeit aufgefallen sind.

    Alles was ich ihnen abnehme, ist ihr Bedauern darüber, erwischt worden zu sein.

    Google ist da natürlich keine Ausnahme, bei allen Datenschutzskandalen und –skandälchen der Vergangenheit wurde eigentlich immer recht schnell klar, dass die Täter das Erwischtwerden weitaus mehr als ihre Tat bereuten.

    Die Betroffenheit und die Entschuldigungen hinterher sind nur Lippenbekenntnisse, schließlich sind es doch häufig die gleichen Firmen und Institutionen, die durch ihren laxen Umgang mit Daten und dem Datenschutz negativ auffallen.

  4. Patrick sagt:

    Google is doch nicht erwischt worden ?! Die haben freiwillig zugegeben, auf Nachfrage des Hamburgischen (?) Datenschutzbeauftragten, dass sie ein wenig mehr aufgezeichnet haben. Für mich ein Zeichen, dass Google die deutschen Bedenken ernster nehmen will.
    Man hätte dies natürlich schon früher erledigen können, indem man etwa die Datenschützer hätte die aufgezeichneten Daten selber untersuchen lassen, wie sie wollten.

    Den reinen StreetView-Dienst finde ich aber datenschutzrechtlich unbedenklich. Ich fühle mich nicht in meiner Privatssphäre verletzt, wenn Fotos von öffentlich einsehbaren Gebäuden gemacht werden. Das deutsche Recht sieht es ja auch so.

    Man muss das trennen von den restlichen Google Diensten bzw den Rest des Internets. Ich finde Fotos von Häusern deutlich unbedenklicher als die Speicherung von Nutzungsdaten im Internet. Und das ist heute ja Gang und Gäbe, nicht nur bei Google. Ist halt eine Folge vom kostenlosen Internet, man muss über personalisierte Werbung bezahlen.

    Und hier werf ich den Kritikern von StreetView falsche Maßstäbe vor. Sehr viele Seiten der Parteien und Städte nutzen Google Analytics, Youtube, Maps… kostenlose E-Mail-Anbieter sind auch sehr beliebt…

    Die Debatte sollte also lieber in der Zielrichtung geführt werden «Datenschutz im Internetzeitalter». Datenschützer behaupten, Google Analytics dürfe man in Deutschland nicht nutzen, da es gegen das Datenschutzgesetz verstoße. Man beruft sich dabei auf den Passus, dass eine Seite keine Daten der Nutzer an eine andere senden darf. Der kritisierte Strafbestand bei Analytics ist also die Einbindung von externen Inhalten.
    Man stelle sich das Internet vor, in dem es keine eingebunden externen Inhalte mehr gäbe…

    Alles sehr dubios.
    Wie gesagt, über «Datenschutz im Internetzeitalter» möchte ich gerne diskutieren. Den x-ten Beitrag über StreetView im TV oder von Politikern aber nicht mehr hören, zumal mir oft der Eindruck kommt, die versuchen nur auf der Welle mitzureiten, kennen sich aber nicht aus (weil eben StreetView für mich völlig willkürlich und nicht maßstabsgerecht rausgepickt wurde)

  5. olhe sagt:

    Ich bin auch ein vehementer Kritiker von Streetview und halte die Verteidiger dieses Systems in der Regel für politisch unmündig. Das ist nur meine bescheidene Meinung dazu. Wer die systematische Erfassung von privaten Anwesen, inkl. Einblicke hinter Zäune usw. toleriert, der hat sich die geballte Ladung Schäublescher Maßnahmen im Netz auch redlich verdient. Das ist Bewohnern anonymer, städtischer Mietsbunker kaum verständlich zu machen, aber beim Gros der Städte und deren Einwohnern ist der stetige Stilbruch, sowie eine grassierende Niveaulosigkeit ohehin usus.

    Google Analytics? Ich weiß mich zu schützen. Piratebay und Co? Tangieren mich nicht. Das Leben ist da draußen und dies werde ich gewiß gegen ein opt-out Verfahren diverser Konzerne zu verteidigen wissen, ebenso gegenüber datennotgeilen Freaks. Ich bin auch kein Freund von Wardrivern und ähnlichem Crap.

    Ich weiß meine Privatsphäre zu schätzen und bezweifle dies aber beim Gros der heutigen Internet-Junkies, wie anders sonst sollte diese hirnrissige Heuchelei zu stande kommen? Das diese Aussage von jemandem kommt, der mit BBs aufwuchs und die Telefonrechnung oftmals überstrapazierte, dies entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

    Einen Zeitgenossen verstehe ich jedoch mehr und mehr: Joseph Weizenbaum. Vom Evangelisten der Informationstechnologie mutierte dieser recht schnell zum größten Kritiker derselbigen.

  6. Urbster sagt:

    Was mir bei dieser StreetView Geschichte in den Medien fehlt, ist die tatsächliche Rechtslage. Ist es nicht so, dass Aufnahmen von Gebäuden immer legal sind, und wenn das Gebäude der «Mittelpunkt des Bildes» ist, auch Personen zu sehen sein dürfen? Wenn dem so wäre müsste Google ja nicht mal die Gesichter und Autokennzeichen pixeln, was sie ja versuchen. Und nach dieser Rechtsauffassung gebe es nicht mal ein Recht auf Opt-Out. Oder bin ich da rechtlich auf dem Holzweg?

    Und wenn dem so ist, bleibt ja immer noch die Chance mit Gesetzten dagegen vorzugehen. Was ja mal langsam sowieso angebracht wäre weil nicht nur in Richtung Google vieles Datenschutzrechtliches IMHO nicht richtig geregelt ist.

    Opt-In-Befürworter würde ich nicht als Feinde des Fortschritts beschimpfen. Aber es ist doch klar, dass damit dann Street View tot ist, also braucht man doch nicht um den heißen Brei herumreden und kann gleich ein Verbot fordern.

    Von diesen Street-View-Kritikern würde mich dann noch interessieren wie man eigentlich zu Google Maps und Bing Maps steht. Vor allem Bing bietet, mit der Vogelperspektive, Einblicke in Hinterhöfe die man mit Streetview nicht haben wird. Und ob man generell auch für eine Ausweitung des Rechts auf eigenes Bild ist, was ja dann alle Medien betreffen würde.

  7. olhe sagt:

    >Aber es ist doch klar, dass damit dann Street View tot ist, also braucht man doch nicht um den heißen Brei herumreden und kann gleich ein Verbot fordern.

    Diese Frage auf dieser Publikation zu stellen ist imho sinnbefreit, aber nun gut. Ich sehe dies bis zu einem gewissen Detailgrad ähnlich. Den großen Aufschrei wird es jedoch wohl erst geben, wenn Detailgrade a la Berlin oder New York flächendeckend usus sind und anstelle des Dachs einer Mietskaserne bzw.einem Straßenzugs, Einblicke in Gärten etc. en detail gegeben werden.Und wenn derlei Dinge dann Geschichte sind … nun, ich mache mir eher Sorgen um den grassierenden Bildungsnotstand in diesem Land, den einige versuchen mittels des Internets und des Trivia-Prinzips zu kompensieren.

  8. nerhegeb sagt:

    Also ich persönlich habe nichts gegen den Dienst «Streetview», also das ein Foto meines Hauses im Internet einsehbar ist. Ich kann aber verstehen, dass jem. anderes etwas dagegen hat, wie z.B. du, Ohle. Wofür ich weniger Verständnis habe, sind Politiker und Medien, die, weil der Konzern Google ein schönes und praktisches Feindbild abgibt, sich im Streetview-Bashen üben und versuchen, sich darüber zu profilieren.
    Allen Streetview-Befürwortern politische Unmündigkeit vorzuwerfen, ist m.E. zu sehr auf sich selbst bezogen gedacht — dem einen ist das wichtig, dem anderem das. Ich empfinde es nicht als Eingriff in meine Privatsphäre, wenn die Fassade des Hauses, in dem ich lebe, im Netz zu sehen ist. Die kann man schließlich auch von der Straße aus sehen. Dafür gibt es andere Daten, die ich auf keinen Fall in anderen Händen als den meinen sehen will. Da hat aber jeder andere Prioritäten. Was es m.E. braucht, ist ein Datenschutzrecht, in dem jeder seine ihm persönlich wichtigen Daten schützen bzw. «freigeben» kann.

  9. olhe sagt:

    >dem einen ist das wichtig, dem anderem das.

    Dies hat damit überhaupt nichts zu tun, deswegen spricht man auch vom dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Es existieren beispielsweise auch vertrottelte Eltern die die Fotos ihrer Kinder im Netz feilbieten — schlimm genug, unhaltbar wäre es jedoch, würde diese Aktion von den Krankenhäusern selbst ausgehen, gemäß opt-out und wer mag darf Einspruch erheben. Ein Haus, ein Garten etc. pp. gehören ebenso dazu, in der Stadt mag es mitunter gar ein Grund sein für die Absage eines Kreditinstituts bzw. Arbeitgebers — diese Fälle sind selbst ohne «Bildbeweis» schon beinahe an der Tagesordnung.

    Der eine hat halt nichts zu verbergen, der andere ist eben ein mündiger Bürger. Wo genau ist nun das Problem? Wie schon erwähnt, Datenschutz geht anders und die Deutschen haben zwar viel Erfahrung mit Regimen, aber recht wenig mit Freiheit und Demokratie. Kann man aber lernen, solange man noch die Möglichkeit dazu besitzt.

  10. […] steht die Freiheit des Einzelnen, der sich und sein Eigentum schützen möchte. Dann habe ich aber diesen Artikel bei FIXMBR gelesen und habe begriffen, dass dies nicht das einzige Problem sein kann. Leider wirft […]

  11. Palle sagt:

    Sorry, die Autoergänzung zickte etwas.
    «Politisch unwürdig» klingt aber auch nett. :)

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