Google Street View — Wenn Realität auf Journalismus trifft

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Foto: F!XMBR

Donnerstag — wenn nicht gerade in einem Land fern der Heimat die Welt untergeht, freut sich der Journalismus in Deutschland über jede neue Schlagzeile. Heute hat Google bekannt gegeben, dass 244.237 Haushalte Einspruch gegen Google Street View eingelegt haben und ihr Haus verpixelt sehen wollen. Die Medien nehmen diesen Ball natürlich dankend auf — vom Spiegel über Springer bis zur FAZ, überall ist zu lesen, dass «nur» 244.237 Widersprüche bei Google eingereicht wurden. Das wären «nur» 3% der Haushalte. Man kann schon eine gewisse Enttäuschung in den Medien herauslesen — und doch sind weitaus mehr Haushalte betroffen, als die kolportierten 244.237 Widersprüche. Wie so oft übernehmen die Medien unwidersprochen, ohne zu hinterfragen die Zahlen und die Argumentation eines Unternehmens. Werfen wir doch einmal einen kleinen Blick auf die Realität.

Google Street View startet Ende des Jahres vorerst in 20 ausgewählten Großstädten. Man kann davon ausgehen, dass in diesen Städten nicht ausschließlich Einfamilienhäuser stehen. In einer Großstadt sind Mehrfamilienhäuser sogar eher die Regel, als die Ausnahme. In meinem Fall sind zum Beispiel 8 Haushalte betroffen. Mi einem einzigen Widerspruch müssen sich somit 8 Haushalte keine Sorgen mehr machen, erscheinen dementsprechend verpixelt bei Google Street View. Wird dieser Punkt berücksichtigt, relativiert sich sehr schnell die «geringe» Anzahl der Widersprüche. Google selbst fragt bei Unkenntlichmachung die Anzahl der Stockwerke ab. Wäre auch diese Zahl veröffentlicht worden, ließe das schon eher einen Rückschluss zu, wie viele Haushalte betroffen sind. Die kolportierten 244.237 Widersprüche werden von Google zur PR genutzt, «schaut her, so wenig Menschen möchten wirklich ihr Haus verpixeln lassen». Ein Schuss ins Blaue: man kann wenigstens von 1 Mio. betroffenen Haushalten sprechen, das wären dann ungefähr 12% der von Google Street View erfassten Haushalte. Das ist eine sehr große Menge. Wenn Google einen Dienst wie Street View startet und von Anfang an 12% des Dienstes verpixeln muss, wäre das sogar ein Argument, den Dienst in Deutschland ad acta zu legen.

So viel zur Realität und der von den Medien verbreiteten Zahlen…

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25 Antworten zu “Google Street View — Wenn Realität auf Journalismus trifft”

  1. Steffen sagt:

    Sorry, aber die Berechnung der 12% ist PR gegen Street View, wie es die 3% PR für Street View. Wirkliche Zahlen liessen sich wohl nur mit einer qualitativen Analyse herausfinden. Es gibt wohl auch einige Mehrfamilienhäuser in denen ein einzelner Haushalt für das gesamte Haus entschieden hat, obwohl ein Teil des Hauses pro Street View war oder vielleicht einfach apathisch.

    Ich empfinde die Aufmachung der Medien eher als Kampagnenjournalismus contra Street View. Vergleicht man Google News so machen nahezu alle Medien mit der absoluten Zahl der Haushalte auf, dass ist erstmal eine beeindruckender Zahl. Kein Mensch kann auf den ersten Blick einordnen wieviele Haushalte es in Deutschland gibt, jeder muss die 240k erst einmal in Relation setzen.

  2. Ormus sagt:

    Die Argumentation macht nur Sinn, wenn man sie denn möglichst gut als contra-Streetview sehen möchte. Wenn ich im Streetview unterwegs bin, dann ist doch eigentlich egal, ob eine oder acht Etagen gepixelt sind. Ergo sind die 3% schon keine ganz falsche Aussage, weil einfach 3% der Häuser gepixelt sind. Die realistisch gefühlte «Pixelquote» beim Betrachten wird zwischen den googleschen 3% und deinen 12% liegen.

    Es ist halt im Leben doch häufiger grau als schwarz oder weiss. Den Dienst deswegen als potentiell gescheitert zu bezeichnen halte ich für stark überzeichnet und verfrüht.

  3. sr sagt:

    Also geht man davon aus, dass die 240k Widersprüche allesamt NUR
    aus den 20 Städten stammen? Leute außerhalb (aufm Land) die ihr Haus verpixelt haben sind da nicht drin?

    (und wieso steht bei Mail Optional hier dran, obwohl es doch mandatory ist?)

  4. Du hast kein Wort verstanden, lies unten die Links von Oliver nochmal…

  5. So sagt zumindest Google, siehe Links unten.

  6. Christoph sagt:

    Lies doch mal den von Oliver genannten Blog-Post von Google. Ich glaube nicht, dass sich in den wenigsten Mehrfamilienhäusern die Mieter abgesprochen und organisiert den Widerspruch eingeschickt haben. Die Zahl ist in meinen Augen repräsentativ.

  7. Also so langsam fordere ich Internet-Seepferdchen für Leute, die sich ins Internet einloggen.

    Das ist doch völlig egal. Wenn ich sage in einem Mehrfamilienhaus sage, verpixeln, dann wird das gesamte Haus verpixelt. Selbst wenn alle anderen 7 Parteien dafür sind — wenn ich die Verpixelung beantrragt habe, wird das gesamte Haus verpixelt.

    Und so wird aus einem Haushalt halt acht Haushalt.

    Ab sofort werden weitere Kommentare gelöscht…

  8. @Tom möglich … da rollt gerade wieder tonnenweise Schmuh an Kommentartrollerei rein, den wird schon in den entsprechenden Themen hatten. Wenn man Bildungsferne demonstrieren möchte, nicht auf dich bezogen, kann man sich auch irgendwo an der Spree vergnügen.

  9. Christoph sagt:

    Gibt es einen Grund ausfällig zu werden? Google sagt:

    > Out of a total of 8,458,084 households we received 244,237 opt-outs, which equals 2.89% of households.

    In den von StreetView erfassten gebieten wurden also 8.458.084 Haushalte ausgemacht. Aus diesen ~8Mio Haushalten trafen 244.237 Widersprüche ein. Macht also eine Quote von 2,89%. Davon, dass dadurch natürlich mehr als 244.237 Menschen das Haus ihres Haushaltes verpixelt auf StreetView vorfinden werden, schreibt Google nichts.

    Ich sehe kein Problem darin, dass Google die Gesamtzahl der verpixelten Haushalte «verschweigt», denn es geht ja eben darum zu zeigen wie viele Haushalte widersprechen und nicht was für Konsequenzen die Widersprüche nach sich ziehen.

  10. Ich habe da noch eine Erklärung vom Don, der macht da eigentlich reinen Tisch und dies dürften viele auf Anhieb verstehen :-)

  11. Heißt das also, auch wenn 7 Leute in einem 8 Parteienhaus ihre Fassade gern sichtbar hätten wird verpixelt, wenn der 8 (unterm Dach oder wo auch immer) sein Stück Mauer verpixelt haben will?

    Genau das heißt es — und genau da liegt der Knackpunkt. Eben aufgrund der Tatsache werden weitaus mehr Haushalte verpixelt, als von Medien und Google geschrieben…

  12. Tom sagt:

    Um dein Beispiel aufzugreifen: Du kannst allein das ganze Haus verpixeln lassen, selbst wenn die anderen 7 Haushalte das gar nicht wollten? Reicht dann in jedem Aufgang/Block ein Widerspruch?

    Wäre interessant zu sehen ob dann nur die 2 entsprechenden Fenster verpixelt sind. 😉

    Aufschlussreich fand ich auch den Bericht im TV vor einigen Tagen in dem eine Frau eine ganze Straße zum Widerspruch überredet hat. Diese Straße kenne ich nun aus dem TV inkl. vieler Bewohner die interviewt wurden. So genau hätte StreetView das gar nicht geschafft. 😉

    Ich denke hier ist es wie überall, viele wissen gar nicht wirklich worum es geht und machen einfach mit weil es in den Medien ja «böse» dargestellt wurde.

  13. Sorry, untergegangen, wir hatten hier heute jede Menge Trollkommentare. Ich habe den Kommentar wieder hergestellt.

    Direkt über diesem Kommentartrang. Ist zwar nun das falsche Gravatar 😀 müssen wir uns aber mit behelfen, weil ich auf unserem neuen Server noch nicht auf alle Dienste Zugriff habe.

  14. Um dein Beispiel aufzugreifen: Du kannst allein das ganze Haus verpixeln lassen, selbst wenn die anderen 7 Haushalte das gar nicht wollten? Reicht dann in jedem Aufgang/Block ein Widerspruch?

    Das ist ja der Kern der Sache. Ich widerspreche und unser 8-Familienhaus wird verpixelt.

    Ich denke hier ist es wie überall, viele wissen gar nicht wirklich worum es geht und machen einfach mit weil es in den Medien ja «böse» dargestellt wurde.

    Oliver sagte es schon, nicht auf Dich bezogen. Genau so ist es. Da nennen sich die Leute Web-2.0– und Google-Street-View-Experte und haben von nichts ne Ahnung…

  15. Tom sagt:

    Ist mein Kommentar untergegangen oder nicht genehmigt?

  16. Google

    So, ich habe da zum besseren Verständnis für den einen oder anderen Kommentator eine Zeichnung angefertigt.

    Wir sehen ein Zehn– und ein Einfamilienhaus.
    Insgesamt 11 Haushalte.
    Das Einfamilienhaus widerspricht bei Google.
    Sowie im Mehrfamilienhaus Familie Müller, dritte Etage rechts.
    Google freut sich, nur 2 Haushalte widersprechen.
    Macht eine Quote von 18,18%.

    Die Realität:

    Google verpixelt Einfamilienhaus.
    Google verpixelt Zehnfamilienhaus.
    Macht eine Quote von 100%.

    Ist doch eigentlich ganz einfach…

  17. C. Denzel Marius sagt:

    Jo, gute Klarstellung. Im DLF hat die Google-Sprecherin der Interviewerin diesen Einwand allerdings nochmal im Mund rumgedreht:

    Nein, wir rechnen es nicht schön. Wir haben die Anzahl der geblurrten Häuser nicht errechnet, aber es werden auf alle Fälle weniger sein als diese 245.000 Einsprüche, die wir bekommen haben. Das kommt daher, dass natürlich in manchen Häusern mehrere Haushalte wohnen, also mehrere Parteien. Insofern kann es natürlich sein, dass aus der Hauptstraße 10 beispielsweise zwei Leute aus demselben Haus einen Antrag gestellt haben auf Unkenntlichmachung.

  18. Sven sagt:

    Heißt das also, auch wenn 7 Leute in einem 8 Parteienhaus ihre Fassade gern sichtbar hätten wird verpixelt, wenn der 8 (unterm Dach oder wo auch immer) sein Stück Mauer verpixelt haben will? Das würde mich aber ärgern, wenn ich einer von den 7 wäre, in dem Fall.

  19. VonFernSeher sagt:

    Im Übrigen wäre die Zahl der Haushalte auch nur dann repräsentativ, wenn alle auch die Entscheidung getroffen hätten. Man kann ja nicht umkehrend schließen, dass 97% ihr Haus nicht verpixelt haben wollen. Der richtige Schluss ist, dass maximal 97% ihr Haus in Google Street View sehen möchten.

    Um das wirklich zu wissen, hätte Google eine repräsentative Gruppe an Haushalten in jeder Stadt befragen müssen, ob sie ihr Haus bei Google Street View sehen möchten oder nicht. Oder ob sie dazu keine Angaben machen wollen.

    Für mich schaut das nach einer Enthaltungsmehrheit aus, aber auch das ist nichts als eine Vermutung.

  20. Olaf sagt:

    Wieviele Häuser entsprechen wohl 244237 Haushalte (oder eben mehr Haushalte, bei Mehrfamilienhäusern)?

    Es werden ja die Häuser, nicht die Haushalte verpixelt.

  21. VonFernSeher sagt:

    Auf ein gesamtes Stadtgebiet verteilt, liegt in Deutschland der Schnitt irgendwo zwischen 3–5 Parteien pro Haus, in der Innenstadt natürlich höher, wobei es auch dort viele Gebäude gibt, in denen überhaupt keiner wohnt (Bürotürme, Banken,…) und auch Besitzer, denen viele Gebäude gehören (Hochschule, Stadt, Konzerne,…).

    Eine gute Schätzung scheint mir hier nicht möglich, Google wird es aber wohl spätestens wissen, wenn sie mit verpixeln fertig sind.

    Lustig finde ich im Übrigen die Macht der Hausmeisters (wo es ihn noch gibt), der im Prinzip durch seinen Widerspruch einen ganzen Bankturm verschwinden lassen könnte.

  22. […] u.a  DonAlphonso in „Keine Zeit, F*CKT EUCH zu sagen“ und Chris in F!MBR „Google Street View — Wenn Realität auf Journalismus trifft“ auf, Chris macht dies zusätzlich mit einem kleinen Bildchen einmal […]

  23. Tom sagt:

    «Ist zwar nun das falsche Gravatar 😀 «
    Hätte schlimmer kommen können, Brille und Frisur passen. 😀

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