Google+ — ein erstes Zwischenfazit

googleplusscreen

Vier Tage treibe ich mich nun schon auf Google+ rum, Zeit also für ein kleines Zwischenfazit. Es bleibt dabei: Google ist ein großer Wurf gelungen. Wie wichtig Google+ für Google selbst ist, zeigt sich an kleinen, aber wichtigen Feinheiten: Bei fast allen Google-Diensten ist Google+ mittlerweile in der Navigationsleiste links an erster Stelle, die Suche nach dem eigenen Namen liefert als Top-Ergebnis das Google+-Profil, nicht die eigene Homepage, und ansonsten so schweigsame Google-Mitarbeiter diskutieren auf Twitter und Google+ selbst mit den Nutzern. Ein dickes Plus gibt es für Google, wie es mit Beschwerden über Datenschutzlücken umgeht: Bisher war es möglich, Beiträge, die nur den eigenen (erweiterten) Kreisen zur Verfügung gestellt worden, auch öffentlich zu teilen. Dies hat Google binnen kürzester Frist abgestellt. Beiträge, die vom Nutzer nicht öffentlich eingestellt werden, können nicht mehr öffentlich geteilt werden. Nun kann man argumentieren, dass man einen Screenshot erstellen kann, und diesen dann verbreiten kann. Keine Frage. Wer am Netz partizipiert, muss immer damit rechnen, dass seine Inhalte verbreitet werden. Darum geht es aber nicht. Google nimmt Datenschutz bei Google+ durchaus ernst. Sie haben auf die erste, größere Beschwerde innerhalb weniger Tage reagiert und die «Lücke» abgestellt. Es musste nicht einmal Ilse Aigner einschreiten.

Ein Vergleich zu Facebook zwingt sich natürlich auf, auch wenn Google+ eher eine Mischung aus Facebook und Twitter zu sein scheint. Nicht nur bei Facebook dürften die Macher zittern, auch Twitter wird Google+ zu spüren bekommen. Twitter habe ich zu Anfang als Quatsch bezeichnet — mittlerweile fühle ich mich da ganz wohl. Anders bei Facebook. Mit Facebook bin ich nie wirklich warm geworden. Auf allen Web-2.0-Plattformen habe ich stets darauf geachtet, mein Privatleben aus dem Netz rauszulassen. Das war und ist natürlich auf Facebook besonders schwierig. So habe ich es mir bei Facebook angewöhnt, ausschließlich Kontakte von Menschen zuzulassen, die ich persönlich kenne — oder, die ich seit Jahren namentlich aus dem Netz kenne. Das hat natürlich zur Folge, dass ich auf Facebook nicht die meisten Kontakte habe, wenn man bedenkt, dass über F!XMBR durchaus die eine oder andere Anfrage kommt.

Neben den automatisiert eingestellten Inhalten, die Facebook immer mehr bestimmen, liest sich meine Timeline ganz witzig: Web-2.0-Gedöns gemischt mit Fotos von den Kids (ehemaliger) Arbeitskollegen und Nachrichten alter Freunde. Facebook war ein Versuch, Privatleben und Web 2.0, nicht zu vermischen, aber gemeinsam zu verwalten. Es war halt nur darauf zu achten, was ich wie tue — und so tat ich sehr wenig. Wahrscheinlich habe ich sogar manchmal den einen oder anderen Kontakt «zu Unrecht» abgelehnt. Das ist bei Google+ nicht nötig, beim Veröffentlichen ist halt «nur» darauf zu achten, welchen Kreisen ich den Inhalt zur Verfügung stelle.

Das Schöne an Google+: Dort wird noch interagiert, kommuniziert — noch können durch fehlende API und entsprechende Apps keine Inhalte automatisiert eingestellt werden. In Zukunft wird sich das sicherlich auch ändern. Es wird spannend zu beobachten sein, wie Google mit den Werbern, PR’ler und anderen Rosenverkäufern des Netzes umgehen wird. Wer ist für Google wichtiger? Der Nutzer oder die Unternehmen und Rosenverkäufer? Die unsäglichen Games werden genauso kommen, wie unzählige Apps. Um eine kritische Masse zu erreichen, ist Google schlicht und ergreifend darauf angewiesen. Wenn es soweit ist, ist es vielleicht an der Zeit, sich eine neue Alternative zu suchen.

Gibt es noch Schwächen?

Sicherlich, Google+ ist gerade mal fünf Tage alt. Für mich persönlich sind die Sparks bislang einfach nur unsinnig. Was daraus werden soll, erschließt sich nicht nur mir nicht — viele meiner Mitleser haben da ebenso ein Fragezeichen über dem Kopf. Google hat vorab wenige Themen vorgegeben, die aber irgendwie alle meiner Meinung nach überflüssig sind. Während den Apotheker-Festspielen in Frankreich mit «Radfahren» aufzumachen, ist mutig, aber im (aufgeklärten) Netz auch völlig überflüssig und mutet eher amüsant an. Aber, und das ist das Schöne an Google+ — es gibt bereits mehrere Vorschläge, die Sparks zu verbessern:

  • Der Google Reader könnte implementiert werden. Wie das genau aussehen soll, ist aber noch unklar.
  • Twitter könnte implementiert werden. Ein angelegter Spark führt zur Hashtag-Suche in der hauseigenen «Sozialen Suche» Googles.
  • +1-Empfehlungen könnten implementiert werden. Der +1-Button wird im Netz weite Verbreitung finden (Hint), so dass auf diese Empfehlungen zurückgegriffen werden kann.
  • Google Alerts könnten implementiert werden und aus dem Schattendasein der Mail-Benachrichtigungen heraustreten.

Fazit:

Ich habe noch kein Web-2.0-Dienst gesehen, der bereits nach Start schon so weit war, wie Google+ und fast ausschließlich positive Resonanz gefunden hat. Für mich und meine Aktivität steht und fällt die Zukunft des Netzwerkes, wie Google mit Unternehmensseiten, Spielen und anderen nervtötenden Dingen umgeht. Facebook ist mittlerweile fast unbenutzbar — wer mit wem wann und wo einen Glückskeks gewonnen hat, nimmt mittlerweile weitaus mehr Platz ein, als der Informationsaustausch. Ein Besuch bei Facebook ist heutzutage verschenkte Lebenszeit. Leider sind dort noch ein paar liebe Menschen angemeldet, die bei Google+ noch nicht die Eingangstür gefunden haben.

Wollen wir hoffen, dass Google mit seinem Wettbewerbsvorteil behutsam umgeht: Das Geschäftsmodell von Twitter und Facebook beinhaltet nicht nur das Sammeln von Daten, sondern auch die Weitergabe, beispielsweise an Drittanbieter, die der Nutzer nicht im Ansatz überblicken, kontrollieren und abschätzen kann. Die Datenkrake Google sammelt die Daten auch, keine Frage, jedoch zum eigenen Gebrauch, eben um den Nutzern personalisierte Werbung präsentieren zu können. Wenn man da vom kleineren Übel sprechen kann, ist Google+ eben genau das. Gut, das war jetzt sehr einfach ausgedrückt, man könnte es in einem eigenen Artikel diskutieren.

We will see

, , , , , ,

18 Antworten zu “Google+ — ein erstes Zwischenfazit”

  1. Hendrik sagt:

    «So habe ich es mir bei Facebook angewöhnt, ausschließlich Kontakte von Menschen zuzulassen, die ich persönlich kenne«
    Handhabe ich dort genauso.
    Bei Google+ habe ich allerdings momentan einen Kreis dem ich einfach Folge — dort fallen Leute wie Sixtus oder Johnny Häusler genauso rein, wie der Webcomicmacher dessen Comics ich gern lese, mit dem ich aber nie über ein paar Kommentare hinaus kommuniziert habe.
    In diesem Sinne habe ich dich, Christian dort jetzt ebenfalls eingefügt.

  2. Tom sagt:

    Google+ kenn ich, ohne Einladung, nur vom hören sagen. Bin aber durchaus neugierig geworden. Und nun selbst auf dieser Seite ein durchaus positives Fazit zu lesen verstärkt die Neugier noch.
    Die ganze Spiele auf Facebook blocke ich übrigens sofort beim ersten Erscheinen auf der Seite. Macht das ganze gleich viel aufgeräumter.

  3. Luto sagt:

    Bisher habe ich Google+ nur bei Anderen gesehen, da ich noch nicht in den Kreis derer mit Einladung gehöre. Interessant ist, dass der Großteil meines Bekanntenkreises und meiner Blogroll Google+ sehr positiv sehen.

    Ich persönlich gehe mit Facebook übrigens genauso vor, dass ich nur einige ausgewählte persönliche Kontakte dort habe. Und Farmville & Co lassen sich ja glücklicherweise ausblenden.

  4. Casimir sagt:

    Sorry, aber in dem allgemeinen Jubel kann ich nicht einstimmen. Ich bin nun «drin», aber ehrlich: Ich find’s langweilig.

    Ein soziales Netz ohne Menschen, die man kennt, ist öde. Und es gibt gute Gründe, daß sich daran nicht viel ändern wird in nächster Zeit: Ich kenne nur 2 Menschen mit einer GoogleMail-Adresse. Meine Frau und mich. Alle anderen sind bei web.de, GMX, T-Online, Arcor, Freenet, Yahoo, Hotmail. Oder sie verwenden den Account ihres Arbeitgebers. Wenn sich Google da nicht bewegt, bleiben die alle draussen, und es wird eine langweilige Nerd-Spielwiese.

    Wer überhaupt dazu bereit sein sollte sich eine Googlemail-Adresse zuzulegen wird feststellen, daß die guten Namen alle schon seit Jahren weg sind. Und Google weigert sich beharrlich, gelöschte Accounts für andere freizugeben.

    Die meisten Leute, die ich kenne, sind gerade mal von Wochen oder vor wenigen Monaten von wer-kennt-wen und den VZ-Netzwerken zu Facebook gewechselt. Die wechseln garantiert nicht schon wieder.

    Ich sehe auf mittlere Sicht für GooglePlus eher schwarz.

  5. „… die Suche nach dem eigenen Namen liefert als Top-Ergebnis das Google+-Profil, nicht die eigene Homepage …“: Chris, Du befindest Dich in der filter bubble … viel Spaß darin …

  6. Tsts, das nun wieder… 😀

  7. Hendrik sagt:

    😀 google nach christian sickendieck ergibt homepage, rant gegen chris/fixmbr, google+ Profil in der reihenfolge. mal auf nem fremden rechner nach mir suchen…

  8. Tim sagt:

    Guter Artikel. Sehe es ähnlich wie Du. Aktuell macht G+ richtig Spaß. Ich mag den Umgang mit der Privatsphäre sehr(!!), wie beispielsweise beim taggen von Bildern bis hin zum Löschen des gesamten Kontos. FB sind seine Nutzer doch scheiß egal, oder?

  9. For the record, Chris: Dein Google+-Profil erscheint in meiner Google.de-Suche derzeit auf Platz 11. Und liest doch bitte nochmal Cems Fazit ausm letzten Jahr …

  10. Otzelotz sagt:

    Ich sehe das sehr ähnlich wie Christian, nach aktuell ca. 10 Stunden aktivem Herumspielen bei Google+. Für mich ist Google+ nicht nur rein technisch (HTML5), sondern auch von der Usability eine ganz andere Liga als Facebook. Auch der überraschende Umgang mit dem Thema Datenschutz muss hierbei lobend erwähnt werden. Ob das alles nur anfängliches PR-Plemplem ist, wird sich sicherlich erst noch zeigen müssen. Natürlich gibt es Einstiegshürden und wenn man ehrlich ist, kommt das Ding auch Jahre zu spät. Buzz und Wave waren darüber hinaus Rohrkrepierer par excellence. Aber das Warten hat sich m.M. durchaus gelohnt.

    Ob das mit den GMAIL-Accounts so bleiben wird, bleibt abzuwarten. Das könnte sich durchaus zu einem Show Stopper entwickeln. Aber aus reiner Bequemlichkeit nicht zu einem Dienst zu wechseln, der einem einen Mehrwert bietet und auch noch auf datenschutzrechtliche Aspekte Rücksicht nimmt, ist in meinen Augen dann schon etwas lächerlich. Aber Hauptsache dann weiter über Facebook schimpfen.

    Auf Telepolis gab’s heute ebenfalls einen lesenswerten Beitrag zum Thema.

  11. Oliver sagt:

    Mir gefällt vor allem der einfach Stil von Google Plus. Derzeit wüsste ich auch spontan nicht, was man besser machen könnte (und sonst hab ich immer viel zu mosern).

  12. Herm sagt:

    Ich muss sagen, dass Facebook aufgeräumt bleibt, wenn man Anwendungs-/Spielespam konsequent ausblockt (2 Klicks je Anwendung). Zwar erscheinen scheinbar täglich mehr Anwendungen als ich in der gleichen Zeit blocken könnte, allerdings kommt es hierbei auch darauf an, welchen Freundeskreis man in FB hat. Ich beschränke mich wie du auf persönliche Kontakte und Bekanntschaften, von denen wohl insgesamt nur 3–4 Leute mich mit automatisierten Nachrichten zuspammen. Eigentlich könnte ich auch sämtliche Nachrichten von den dreien ausschalten, ich würde genauso wenig verpassen..

  13. […] Google+ – ein erstes Zwischenfazit » F!XMBR […]

  14. David sagt:

    Ich verstehe ehrlich gesagt das Argument «bei Google+ kann man entscheiden, mit wem man Inhalte teilt» einfach nicht.

    Exakt diese Funktion hat Facebook doch auch! Circles sind also absolut keine Neuerung!

  15. parasit sagt:

    Gibt’s bei G+ die Timeline als RSS/Atom-Feed?

  16. Nein, das würde ja auch dem Prinzip der Circles widersprechen.

  17. parasit sagt:

    Ich meinte einen (geschützten) Feed in dem man all die Informationen (Statusupdates von Freunden, Kommentare, …), die man auch über das Webinterface bekommt, abonnieren kann. Quasi eine Art API.
    Circles sind ja nur zum filtern was man sieht und wohin man veröffentlicht oder hab ich da was falsch verstanden?

  18. Michael sagt:

    Sparks sind m.M. nicht unsinnig, sondern sie bräuchten nur Ordner für mehrere Themen. Ansonsten interessanter Artikel, abgelegt für noch genaueres «Studieren» .

RSS-Feed abonnieren