Glaubwürdigkeit und Integrität

Feuer-JongleurNehmen wir mal an, Blogger A arbeitet für Web 2.0-Unternehmen B. Investor C finanziert Unternehmen B. Soweit so gut — heutzutage unzählige Male anzutreffen. Nun betritt das grandiose neue Startup D die Bühne — und oh Wunder — Investor C ist auch hier Geldgeber. Was macht unser Blogger A? Übt sich in Zurückhaltung oder setzt, falls er einen wohlwollenden Artikel über Startup D schreibt, einen Disclaimer oder ein Disclosure? Nein, unser Blogger A lobt das neue Startup D in den Himmel und verfasst sogar bei Technoratis neue Spielwiese WTF einen wohlwollenden Artikel. Unmöglich bei unserer aufmerksamen und kritischen Blogosphäre sagst Du?

Was früher zu einem Sturm der Entrüstung geführt hätte, ist heute gang und gäbe. Blogger A ist Mike vom Telagon Sichelputzer. Mike arbeitet für sevenload. Dirk Ströers Beteiligungsgesellschaft ist Investor bei Sevenload. Dirk Ströers Beteiligungsgesellschaft ist ebenso Investor bei Shoppero. Mike schreibt Lobeshymnen über Shoppero — ohne Disclaimer oder ein Disclosure. Dealjaeger.de liefert die Vorlage — Mike verwandelt und macht sich über die Presseerklärung ein wenig lustigFight Club 2.0. Wieder ohne Hinweis auf die Tatsache, das Dirk Ströers Beteiligungsgesellschaft auch dafür sorgt, dass der gute Mike monatlich — hoffentlich auch — pünktlich sein Gehalt bekommt. Last but not Least: Mike nutzt Technoratis neue Spielwiese WTF für die PR.

Mike, eigentlich habe ich Dich bisher immer ganz gerne gelesen. Dass Du jedem Besucher, wo auch immer, Deine Kamera ins Gesicht hälst, geschenkt, es gehören immer zwei zu solchen Geschichten: Filmer und die, die sich freiwillig filmen lassen. Die obige Story aber riecht übel, ganz übel. Mag sein, dass ich da zu sensibel bin, aber das muss doch nicht sein. Das sind glasklare Interessenverflechtungen. Mensch, selbst das Handelsblatt setzt den Disclaimer, wir gehören zum selben Laden, wenn es um Webnews geht. Was die letzten Tage angeht, warst Du nicht wirklich ein Vorbild für Transparenz — die Glaubwürdigkeit und Integrität hat stark gelitten, sehr stark. Ach man, das riecht wirklich übel… :(

Nachtrag: Mike zieht zurück. (via lanu)

Bild: Feuer-Jongleur von fischerhuder unter dieser Creative Commons-Lizenz stehend.

10 Antworten zu “Glaubwürdigkeit und Integrität”

  1. Langsam wirds eklig.
    Ich kann immer wieder nur zappa zitieren.
    We are only in it for the money

  2. hockeystick sagt:

    Da hat mich also mein sensibles Näschen nicht im Stich gelassen:

    http://lanu.blogger.de/st.…./#776246

  3. micha sagt:

    Muss schon sagen, dass das ganze wirklich einen herben Nachgeschmack hat. So ganz ohne Disclaimer ist das wirklich nicht fein.

    Auch wenn man sich den Beitrag über Shoppero insb. die Titelzeile durchliest, kommt einem das wie Werbung vor.

  4. westernworld sagt:

    ich versteh’s nicht, bin einfach zu alt, zynisch oder blöd.
    warum sollen blogs die lediglich eine evolutionsstufe der technisch wirtschaftlichen produktionsbedingungen von veröffentlichter meinung sind den neuen menschen gebären.
    warum soll das ganze besser oder schlechter werden als im übrigen medien– und gesellschaftsbetrieb analog zu seiner jeweiligen stufe der durchdringung durch wirtschaftliche interessen.

    das die allfällige ökonomisierung von allem und jedem das krebsgeschwür unserer zeit ist ist offensichtlich.

    märkte sind wunderbare steuerungsmechanismen für komplexität.
    aber eben auch nicht mehr sie haben keinen verstand, keine höhere weisheit und keine stopregeln.
    sie sind mechanismen die vorhersehbar zur poloarisierung und konzentration neigen.
    zu sagen der markt will oder fordert etwas, ist zu behaupten das auto wollte das kind überfahren.
    soweit so schlecht.
    aber warum sollen blogger die edlen wilden sein, unberührt von der schlechtigkeit und dummheit der welt.
    teilhaftig einer neuen ethik und integrität.
    ich glaube bei der ganzen diskussion wird der im weitesten sinne im spektrum der neuen sozialen bewegungen zu verortende hintergrund vieler bloggender, vor allem der gut sichtbaren, mit einer eigenschaft des mediums blog an sich verwechselt.
    the medium is the message why are we so taub.
    der sprengstoff im blog liegt in seiner allgemeinen zugänglichkeit.

    der alte spruch -» freedom of the press is for those who own one» wird gegenstandslos, im prinzip zumindest.

    was habe ich falsch verstanden?

  5. Easy Freunde 😉

    sichelputzer.de ist und bleibt der private Weblog von Mike. Da bearbeitet er alles, was ihm im Job oder eben ansonsten zwischen die Finger kommt.

    Und um es auch klar zu sagen: Ich kenn den Mike. Geh mit ihm auch gerne mal ein Bierchen trinken und in der Freudenshow hatte er auch schon mehrere Auftritte.

    Und am Ende bleibt trotzdem nur: Ist ein feiner Kerl, dem man einfach auch mal glauben kann!

    Ich will in Weblogs keine ellenlange Disclaimer lesen und irgendwelchen rechtlichen Unsinn: Braucht doch wirklich kein Mensch! Das Prinzip von Weblogs basiert auf einem gewissen Maß einfach auch auf Vertrauen. Sonst würde ich mir derart geprägte Beiträge doch auch gar nicht durchlesen, denn eines wollen wir doch in Weblogs eben nicht lesen: Unabhängige Beiträge, die keine eigene Meinung vertreten und versuchen keinem auf die Füsse zu treten, oder?

    Ich weiß wem in meinem Reader ich vertrauen kann und wem nicht, das mag nicht immer richtig sein, doch daß jemand wie Mike seine Credibility für einen kleinen Werbebeitrag für ein über sieben Ecken verwandtes Unternehmen auf’s Spiel setzt — das halte ich für unwahrscheinlich.

  6. Chris sagt:

    Das ist schön — ich kenne niemanden, d. h. den Markus von netzpolitik.org habe ich mal getroffen, der ist ob der adical-Kritik aber schwer beleidigt, wie es mir scheint.

    Man kennt sich, man vertraut sich, okay Carsten, dann schließt Eure Blogs ab, macht Euer Blog nur Freunden und Vertrauten zugänglich, .htaccess sei hier als Stichwort angemerkt und gut.

    Wer sich aber in die Öffentlichkeit «wagt», muss damit leben, dass auch mal «Fremde» lesen und hinterfragen. 😉

  7. Ich versteh’s nicht. .htaccess um seinen Weblog abzuschließen? Am besten gleich einen Branchenverband Weblogs und andere elektronische Medien e.V. gründen, der einen für alle Blogger verbindlichen Guide herausgibt wie man zu blogggen hat?

    Nö — Danke. Das ist mir alles ein bißchen zu sehr offline gedacht und erscheint mir nicht sinnvoll um die Blogosphäre in DE weiter nach Vorne zu treiben.

    Sich nicht nach allen Seiten abzusichern und eine persönliche Beziehung mit den Lesern einzugehen — das macht Weblogs aus! Sonst haben wir am Ende nur noch klassische Offline-Journalisten, die WordPress bedienen, aber keine Blogger mehr.

    Vertrauen ist das, was nach einer gewissen Zeit der Leser/Autor-Beziehung zwischen Blogger und Leser entstehen sollte — oder siehst Du das anders?

    Aber im Ernst: Niemand zwingt einen Nutzer etwas zu lesen. Auch .htaccess nicht 😉 Und die Medienkompetenz zu entscheiden wem ich glaube und wem nicht, die muß man sich dann eben dazu erarbeiten.

    Aber das ist ja im Prinzip doch auch gar kein Problem, denn Blog-Leser sind (vor allen Dingen in DE) eben keine Standard-Medienkonsumenten. Blogs zu schreiben UND ZU LESEN braucht Zeit. Ich kenne zum Beispiel niemanden, der nur einen Weblog liest — aber eine ganze Menge Daus, die sich im Netz ausschließlich über SpOn informieren.

    Was heisst das? Bei Weblogs kann man, so denke ich, von einer höheren Medienkompetenz ausgehen und muß nicht alles per Disclaimer Wort für Wort im Kleingedruckten beschreiben.

    Ob Shoppero nun zu einem Mikes Arbeitgeber nahem Unternehmen gehört oder nicht: Am Ende ist es Mikes Meinung die mich dazu interessiert und jetzt jeden Blogger ersteinmal unter einen Generalverdacht zu stellen kann doch auch nicht die Lösung sein, oder?

    Vielleicht eher mal ein System an den Start bringen, mit dem man die Glaubwürdigkeit von Blogautoren und Kommentatoren darstellen kann…

    Olla! Schnell zum VCler meines Vertrauens laufen. Habe da ne Idee 😉

  8. Oliver sagt:

    >Vertrauen ist das, was nach einer gewissen Zeit der Leser/Autor-Beziehung zwischen Blogger und Leser entstehen sollte — oder siehst Du das anders?

    Wenn ich erst dem Club Amigo beitreten muß, um dieses Vertrauen zu genießen, kanns wohl mit *der* Bloggemeinschaft nicht weit her sein.

    >Bei Weblogs kann man, so denke ich, von einer höheren Medienkompetenz ausgehen

    Ja darauf hoffen ist immer nett.

    >Ich kenne zum Beispiel niemanden, der nur einen Weblog liest

    Das Gros das da im BILD-Stil tickert ist auch nicht wirklich schwer zu konsumieren. Ich lese z.B. so gut wie keine Blogs, weil die dich ich da habe plus der Rest des Internets, bei sinnvoller Nutzung, schon jede erdenkliche Zeit raubt. Müßte ich alleine täglich den Don, Agitpopblog lesen, dazu die Medien konsumieren und selbst schreiben — Fulltime wäre noch untertrieben, oder? Insofern klafft da wieder mal in dieser Aussage von Medienkompetenz eine gewaltige Lück, nämlich jene zwischen Anspruch und Realität.

  9. > Wenn ich erst dem Club Amigo
    > beitreten muß, um dieses Vertrauen
    > zu genießen, kanns wohl mit
    > *der* Bloggemeinschaft nicht weit her sein.
    Kann Dir da nicht zustimmen. Weblogs haben zu einen großen Änderung im Medienkonsum geführt: Ich vertraue nicht mehr automatisch, nur weil ich’s konsumiere. Unter Umständen konsumiere ich etwas, bei dem ich erst noch entscheiden muß ich vertraue.

    Wenn ich zum Beispiel einen neuen Weblog in meinen Reader packe, den ich gerade entdeckt habe, dann bleibt er dort erstmal 1–2 Monate im Ordner «auf Abruf». Nach den 1,2 Monaten überlege ich dann mit der Erfahrung aus dem Blog ob ich ihn weiterlesen möchte oder nicht.

    Um so handeln muß ich in keinem «Club Amigo» Mitglied sein…

  10. Chris sagt:

    Carsten, das mit der .htaccess war eine rhetorische Anmerkung. Wenn «Ihr» keine Kritik wollt, veröffentlicht nicht, und wenn doch, legt Eure Verbindungen offen — erst recht wenn Geld im Spiel ist. Ist das so schwer zu verstehen? Obwohl kein Cent fliesst, verfasse auch ich ellenlange Artikel, warum, wieso weshalb… Da habe *ich* schon Bauschmerzen.

    Und ganz im Ernst, die Blogosphäre ist (und bleibt es in dieser Form *immer*) ein Hühnerschiß. Johnny wirds mir verzeihen, wenn man sich allein die Zahlen von Spreeblick anschaut, die sind lächerlich. Ein Witz, ein kleiner Punkt im Kosmos. Bei jedem anderen Blog, diesem eingeschlossen, sieht es ähnlich aus.

    Wo sind die eigenen Inhalte? Techcrunch, Arianna um nur zwei der ganz Großen aus den USA zu nennen — das sind grandiose Publikationen — in Deutschland? Sorry, da ist nichts, rein gar nichts, ganz wenige Ausnahmen mal ausgenommen.

    Vertrauen ist gut — wenn Geld im Spiel ist? Dann noch bei Leuten, die ich nicht kenne. *g* Das ist nicht Dein Ernst, oder?

    Ich bin ein Mensch, der hinterfragt erstmal, bevor er glaubt. Es gibt Menschen, die machen es andersrum, bitte, kein Problem, andersrum sollte es doch genauo kein Problem sein.

    Wer sich der Öffentlichkeit stellt, muss mit den Reaktionen leben können — erst recht, wenn ich ihn, sie, es auf dem Radar habe… 😀 *fg*

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