Gestern, ja gestern war die Welt noch in Ordnung

Gestern da war ich jung, da wollte ich die Welt erobern, da wollte ich nicht Wahlvieh sein, da wollte ich dem hoi polloi angehören — dem bösen Mob beiwohnen, aktiv gegen rechts, aktiv gegen konservative Kräfte wirken. Gestern da nähte mir meine liebe Frau Mama Buttons auf, gestern da ging ich auf Demos, gestern verteilte ich Flugblätter in der Fußgängerzone, gestern da begeisterte ich mich für die SPD, gestern da lauschte ich den Worten des noch recht frischen Landesvaters Lafontaine und ging zu den Jusos. Ja gestern, da war die Welt noch in Ordnung.

Dann kam der Einstieg in das Leben, erste Erfahrungen wurden gesammelt — positiver als auch negativer Natur, es gab Fortschritt und es gab die unvermeidlichen Rückschläge. Alles live und in Farbe, kein Bilderbuch, kein Ponyhof, kein Ghetto — nur die blanke Realität mit ihren Hoch und Tiefs. Die Reise ging weiter, weitere Bildung wurde angestrebt, um dem Arbeiterdasein zu entfliehen, mehr aus dem Leben zu machen, mehr wiederum für den großen Rest der Bevölkerung tun zu können — so jedenfalls die Theorie oder kurzum der Glaube. Den Genossen folgte man immer noch aktiv, aktiv bis zu jenem Zeitpunkt der Wahrheit an welchem der Landesvater das in ihn gesetze Vertrauen maßlos enttäuschte. Man brach mit den Genossen, lebte zwar links und war dennoch irgendwie politisch orientierungslos — denn Wahlvieh wollte man nie sein, aktives Wirken war die einzige probate Lösung.

In dieser Zeit herrschte ein großer Pfälzer über das Land, viele Jahre, ja bald zwei Jahrzehnte — über die Folgen kann man streiten, fortschreitende Geschichtsklitterung ist nur allzu real und letztendlich vermochte jeder politische Nachfolger seinen Vorgänger noch zu übertreffen, Partei irrelevant, selten positiver Natur. Die Genossen waren in jener Zeit klein, denn man hatte das Vertrauen zu ihnen verloren. Warum? Nun das wußte ich damals nicht so recht als ich mich für diese begeisterte. Ich machte den Fehler wie Generationen zuvor, ich wußte nicht viel und glaubte alles besser machen zu können. Dabei legte diese Partei, die sich da SPD nennt, ihren Habitus als Arbeiterbewegung ab mit Benennung eben zu jenem bekannten Kürzel SPD, mit fortschreitender Professionalisierung. Die Arbeiterbewegung per se starb somit schon vor über 100 Jahren. Und dennoch hielt sich der Glaube. Hoffnung auf die Alternative zu der mitte-rechten Litanei, denn wo mitte-rechts residiert muß auch das Gegenstück existieren — so der Glaube. Generation für Generation wurde von den allgegenwärtigen Klerikern konditioniert, der Glaube an das Gute als Gegenstück zum Bösen — im Glauben trifft man sich halt wieder, immer und überall, ob Atheist oder willfähriger Christ. Doch schon die Menschen in der Kaiserzeit wurden eines besseren belehrt bezüglich des wahren Charakters dieser äußerst flexiblen Genossen, man sah ein gespaltene SPD, die Menschen in der Weimarer Republik sahen das Versagen in Echtzeit und jene in der Bundesrepublik sahen auch den Advent der ersten großen Koalition zusammen mit dem Abbau von Demokratie und Freiheit.

Nach jedem Versagen dieser einstigen Arbeiterbewegung, folgte eine lange Zeit der Entwöhnung. erzkonservative Kräfte, jene flexiblen genossen professioneller Natur, wurden in die Reserve geschickt und die Alibi-Genossen mit linkem Habitus wurden ihrerseits reaktiviert. Schließlich galt es Wahlen zu gewinnen. Dieses Rezept ist ein Garant für das Überleben der Genossen, ein Überleben das durchaus Wendehals-Charakter besitzt. Funktioniert dies heute noch? Natürlich und es wird auch morgen noch funktionieren trotz des massiven Genossen-Schwunds. Im Moment erfolgt die Adaptierung dieses Erfolgsrezepts an veränderte Umstände, ergo müssen auch einige herbe Verluste in Kauf genommen werden, usus bei jedem zukunftsträchtigen Konzernumbau.

Gestern also hatte ich die Ausrede, es nicht besser zu wissen. Heute als ich abermals den Genossen aktiv beitrat machte der Glaube sich breit etwas bewegen zu können, auch halfen teils Genossen in Bekanntschaft und Verwandtschaft mit diesen Glauben zu bestärken. Denn gute Menschen, Menschen die ihr Menschsein leben sind überzeugender als jene inzwischen verpuffende Propaganda, kämpfen sie zudem noch bei der einstigen Partei der Wahl. Die Katerstimmung folgte jedoch stante pede, geändert hatte sich nichts und jene Alibi-Genossen sind eben nur Alibi-Genossen und werden von der Majorität der glücklichen Parteisoldaten in der Basis, sowie dem neoliberalen Klüngel in der Spitze mißbraucht. Gestern also erfolgte wiederum die Abkehr, gestern erfolgte eine Konzentration auf Bewegungen die innerhalb des Volkes geboren wurden und auch immer noch von diesem getragen werden. Gestern erfolgte also nicht mehr die Erkenntnis, gestern erfolgte eine nur allzu deutliche Bestätigung und die Aussichtslosigkeit irgendeine Hoffnung in diese Wendehals-Partei zu setzen. Gestern wurde die Hoffnung in diese Partei begraben.

Die Bewegung aus dem Volk für das Vok verstarb vor über 100 Jahren, aber auch morgen, wenn die Genossen wieder auf der verdienten Hinterbank residieren, werden sich abermals neue Genossen finden, Menschen die glauben und den Alibi-Genossen in Zeiten der Opposition Vertrauen schenken. Gestern, ja gestern war die Welt noch in Ordnung.

So bleibt heute nicht viel zu sagen und schon gar kein erhobener Zeigefinger gegenüber Unverbesserlichen und dennoch, man besitzt heute ein gewaltiges Plus an Information, dank auch des Internets, diese muß man jedoch nutzen und so sollte man sich doch viel Zeit sinnlosen Glaubens ersparen können. Denn früher war die Welt der Genossen nicht besser, denn keiner jener Genossen lebt mehr um von diesen glücklichen Zeiten der aufbegehrenden Arbeiterschaften künden zu können.

Bild: WikiCommons

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