Gerhard Schröder und Manfred Müller gehen in Rente

2006: Gerhard Schröder, als Kanzler abgewählt, geht im Alter von 62 Jahren in Rente — nachdem Gazprom seine wahren Fähigkeiten entdeckt hat. Seine Abfindung nutzt er, um zu enspannen, eine Weltreise zu unternehmen und einen längeren Aufenthalt in New York zu verbringen.
Manfred Müller geht ebenfalls in Rente — im Alter von 67 Jahren. 47 Jahre davon hat er auf einer Zeche in Gelsenkirchen verbracht. Seinen ersten Tag nutzt er, um sich einen 400,- Euro-Job zu suchen, um weiterhin seine Miete und Lebensmittel zahlen zu können. Beide freuen sich auf die schönen Tages des Lebens.

2007: Auf einer Pressekonferenz in New York kündigt Gerhard Schröder an, sein nächtes Buch zu veröffentlichen. Weiter freut er sich, dass sein neues Ferienhaus in Florida einzugsbereit ist.
Manfred Müller ist nach Kürzung der Rente auf der Suche nach einem weiteren 400,- Euro-Job. Auch gegen Schwarzarbeit hat er nichts einzuwenden. Beide Männer verfolgen die neu aufkommende Diskussion um die Sozialschmarotzer in Deutschland.

2008: Mit einem strahlend weißen Lächeln stellt Gerhard Schröder auf der Frankfurter Buchmesse sein neues Buch vor.
Manfred Müller hat ebenfalls einen glücklichen Moment. Auf einem Flohmarkt konnte er ein kaum gebrauchtes Gebiß erwerben. Schluß mit den täglichen Haferschleim-Mahlzeiten. Beide Männer sind glücklich.

2009: Gerhard Schröder referiert in der Hamburger Universität über die neue Rekordarbeitslosigkeit. Er stellt für seine Rede 25.000,- Euro in Rechnung.
Manfred Müller verliert einen seiner zwei Jobs. Seine Wohnung, in der er 15 Jahre gelebt hat, wird ihm gekündigt. Er zieht in ein 1-Zimmer-Appartement ins Arbeitslosen-Ghetto. Beide Männer haben Magenprobleme.

2010: Gerhard Schröder sei sehr stolz, heißt es aus seinem Urlaubsdominzil in der Dominikanischen Republik. Sein ältestes Patenkind habe heute mit dem Jura-Studium angefangen. Damit dieses sich voll und ganz auf seine Aufgabe konzentrieren könne, finanziert sein Patenonkel ihm eine eigene Wohnung, so die private Pressesprecherin des Kanzlers a. D.
Manfred Müller hatte kurzen Besuch von seinem Enkel. Nach seinem Einser-Abitur war an Studium nicht zu denken, er war schon dankbar, überhaupt so lange zur Schule gehen zu können. Die Studiengebüren und die Lebenshaltungskosten sind für eine einzelne Person nicht zu finanzieren. Nun ist er froh, nach über einem Jahr Arbeitslosigkeit, endlich einen Job als Lagerarbeiter in einer Spedition gefunden zu haben. Beide Männer sind glücklich.

2011: Gerhard Schröder kehrt nach Deutschland zurück. Seine 6. Ehefrau übernimmt die Einrichtung der Villa nahe Hannover.
Das Unternehmen von Manfred Müller zieht ins Ausland. Nach Lockerung des Kündigungsschutzes steht Manfred Müller von heute auf morgen ohne Mini-Job da. Sein neuer Wohnort ist der Hauptbahnhof. Beide Männer schauen nach Berlin wo Kanzler Koch die neue Armut-Studie veröffentlicht.

2012: Gerhard Schröder stirbt überraschend an Herzinfakt. Das Staatsbegränis auf Kosten der Steuerzahler verfolgen 6 Mio. Menschen live im Fernsehen.
Manfred Müller wurde überfallen und erstochen. Er wird in einem anonymen Armengrab beigesetzt.

2025: Im Geschichtsunterricht wurde dem Enkel Manfred Müllers beigebracht, wer Kanzler zur Jahrtausendwende war. Mit einem Schulterzucken antwortet sein Vater auf seine Frage: «Mein Opa, wie war der eigentlich so?».

10 Antworten zu “Gerhard Schröder und Manfred Müller gehen in Rente”

  1. Oli sagt:

    Ich schwank da zwischen OMG ob des hypothetischen Realszenarios und full ack in puncto temporalem Kontext, der die variablen Pappkameraden Schröder und Müller vielfach zu besetzen weiß.

  2. Chris sagt:

    Es ist ja nun ein Mashup eines älteren Textes von mir — der Realismus ist geblieben, erschreckenderweise. 😉

  3. Andreas sagt:

    Lass den Manfred im Jahr 2005 gemäß der gesetzlichen Bestimmungen mit 65 in Rente gehen.

    Sehr schöne Geschichte.
    Bei mir im Blog gibt es morgen etwas Altes Neues zur «Unterschicht». Da passt das hier Gefundene prima zusammen.

  4. Chris sagt:

    Lass den Manfred im Jahr 2005 gemäß der gesetzlichen Bestimmungen mit 65 in Rente gehen.

    Münte sein Dank habe ich bewusst die 67 gewählt, auch wenns nicht ganz korrekt ist.

    Bei mir im Blog gibt es morgen etwas Altes Neues zur ?Unterschicht?.

    Habs schon, ein alter Mann ist kein D-Zug. 😀

  5. Hansi Schnier sagt:

    1000 gute Gründe

    Hohe Berge, weite Täler,
    klare Flüsse, blaue Seen,
    dazu ein paar Naturschutzgebiete,
    alles wunderschön.

    Wir lieben unser Land!

    (Die Toten Hosen)

  6. Falk sagt:

    Oh, schreib mal dazu, dass der Text von den Toten Hosen ist. Anno 1997 oder sogar noch älter…

  7. Chris sagt:

    Das wusste ich auch nicht. THX Falk.

    @Hansi: Ich musste den Text kürzen, Songtexte werden in unserer heutigen Zeit auch gerne abgemahnt.

  8. Hansi Schnier sagt:

    Was für ne Welt. Nunja. Hier der ganze Text zum nachlesen– war das erste, woran ich denken mußte, als ich den Text las: Klick

  9. Falk sagt:

    Hab grad nochmal geschaut — der Text ist von 1988 😉 Ich werd alt…mir ist als wärs gestern gewesen.

  10. Hansi Schnier sagt:

    Tja, wie die Zeit vergeht. Man wird älter. 😉

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