Gazprom schlägt Samsung knapp, aber verdient 1:0

Wer sich wie ich in den letzten Jahren mit den Hintergründen rund um Olympia und den IOC beschäftigt hat, den überrascht nicht wirklich, dass Gazprom, sorry, ich meine natürlich Sotschi die Olympischen Winterspiele 2014 bekommen hat. Samsung, sorry, ich meine natürlich Pyeongchang war ein harter Gegner, aber zur Zeit ist Gazprom, sorry, ich meine natürlich Sotschi der Global Player. Wer kennt ihn nicht, den Arbeitgeber von Altkanzler Gerhard Schröder — in der vergangenen Saison wurde gerade erst der Fußballbundesligist FC Schalke 04 gekauft als Partner gewonnen.

*Der* Olympia– und IOC-Experte in unserem Land, Thomas Kistner, verfasst dementsprechend einen Kommentar auf der SZ, welcher sich ganz einfach zusammenfassen lässt: Gazprom schlägt Samsung knapp, aber verdient 1:0.

Samsung verliert gegen Gazprom — pardon: Pyeongchang verliert gegen Sotschi. Die Entscheidung des IOC zeigt, dass Olympia nur noch für viel Geld zu haben ist.

Für mich mal wieder eine Gelegenheit, auf die hervorragenden sportpolitischen Bücher von Thomas Kistner und seinem Partner Jens Weinreich hinzuweisen. Hier hatte ich bereits das Millardenspiel angesprochen — ebenso ein Buch, welches seit seinem Erscheinen 1998 nichts an Aktualität eingebüßt hat. Ob nun Havelange, Blatter oder Platini — zukünftig vielleicht irgendwann Beckenbauer — der Fußball ist (ebenso wie Olympia) ein tiefer Sumpf.

Wer wirklich mal den olympischen Sport kennenlernen will, der sollte sich Muskelspiele — Ein Abgesang auf Olympia, Der olympische Sumpf oder Das Olympia– Kartell von Andrew Jennings besorgen. Ich gebe Brief und Siegel darauf, dass Ihr neben den derzeitigen Dopingveröffentlichungen den Profisport mit anderen Augen sehen werdet. Das Inlay von Muskelspiele — Ein Abgesang auf Olympia beginnt mit den Worten:

Wer fragt, warum die Supersprinterin Florence Griffith-Joyner nach ihren Olympiasiegen 1988 in Seoul über Nacht für immer verschwand, glaubt noch an das Gute im hochbezahlten olympischen Sport.

Auf 267 Seiten zeigen die Autoren in beeindruckender Weise, was wirklich hinter dem heutigen Spitzensport steckt, sachlich, mit mehreren Statistiken und Fussnoten unterlegt, wie Skandale vertuscht werden, die olympischen Führer werden dem Leser näher gebracht. So erfährt der Leser z. B. so ganz nebenbei, dass Juan Antonio Samaranch in Barcelona Stadtrat unter dem spanischen Diktator General Franco war und die beiden Familien freundschaftlich miteinander verbunden waren.

In einzelnen Kapitel werden weitere Eigenarten des IOC beschreiben, wie die Jagd nach dem Friedensnobelpreis, für den sogar eine eigene Werbeagentur engagiert wurde — alles zum Wohle des Sports. Zwei heiße Themen werden sehr gut dargelegt — Olympia 1936 in Berlin sowie das nette Thema Doping. Wenn irgendwer erwischt wird, wundert mich eigentlich nur, dass es öffentlich gemacht wurde. Doping ist im Spitzensport alltäglich.

Im Nachfolger Der Olympische Sumpf wird besonders auf die in allen Belangen gescheiterte Olympia-Bewerbung von Berlin eingegangen. Dieses Kapitel sollte Pflicht für alle Olympioniken in Deutschland werden — ebenso sollte es Pflichtlektüre für alle Bewerberstädte werden. Es reicht schlicht und einfach die IOC-Mitglieder und ihre Familien zu kaufen — und schon könnte die Weltstadt Sotschi die Olympischen Spiele ausrichten. Könnte man zumindest meinen. 😉

Wer also für den Sommerurlaub noch keine Lektüre bereitliegen hat, der sollten sich mal mit den Namen Kistner, Weinreich und Jennings beschäftigen.

12 Antworten zu “Gazprom schlägt Samsung knapp, aber verdient 1:0”

  1. Yerodin sagt:

    Hallo,

    der «Sueddeutsche» Link ist kaputt.

    mfG

  2. Chris sagt:

    Nö, passt…

  3. Yerodin sagt:

    SZ

    Habe ich nochmal c/p eingegeben, wurde aber immernoch nicht gefunden. Habe sogar meine FW kurz ausgemacht, man weiss ja nie. Trotzdem kommt da nur eine Fehlermeldung.

  4. Chris sagt:

    Die SZ ist allgemein nicht erreichbar, vorhin war sie es kurzfristig wieder…

  5. Deutschrusse sagt:

    Ich lese dein Blog öfter. Hab heute mein eigenes gestartet. Und auch über Sotschi geschrieben. Ich hoffe mal es wird dich auch langweilen. 😉

  6. Michael sagt:

    Wer glaubt eigentlich, dass es 2014 noch Schnee auf der Erde gibt?

  7. Grainger sagt:

    Ich auch.

    Die Polkappen werden wohl nicht vollständig abschmelzen und auf den wirklich hohen Gipfeln werden sich die Gletscher wohl auch halten.

    Für die klassichen Wintersportgebiete wird es aber hart werden, viele versuchen sich ja jetzt schon mit Dingen wie Wellness-Hotels, Bergwanderungen, usw. ein zweites Standbein zu verschaffen, aber das ist zum Scheitern verurteilt.

    Denn die Menschenmassen, die zum Skifahren (bzw. Wintersport allgemein) gekommen sind, werden sich nicht mit Wellness-Nonsens und Bergwanderungen mobilisieren lassen, wenn der Schnee wegbleibt wird man sicherlich auf 90% der Urlauber verzichten müssen.

    Kunstschnee kann da auch kein Ersatz sein, der läßt sich vielleicht punktuell einsetzen, aber niemals um die ganzen alpinen Wintersportgebiete damit zu bedecken.

    Was für die alpine Natur nun tatsächlich schädlicher ist, nämlich dieser exzessive Wintersport mit all seinen unschönen Nebeneffekten oder die globale Erwärmung bleibt abzuwarten.

  8. Michael sagt:

    Ich hatte den hier vergessen: 😉

    Trotzdem frage ich mich wie das in Sotschi bei diesen Bedingungen klappen soll:

    Das Klima der Küstenzone Sotschis ist subtropisch mit langen, heißen Sommern, warmem Herbst und kurzen, milden Wintern. In den Hochlagen soll es aber immer um 0° haben -> mit viel Schnee im März.
    Quelle: Wikipedia

  9. Falk sagt:

    Wer glaubt eigentlich, dass es 2014 noch Schnee auf der Erde gibt?

    Ich. Eventuell erleben einige von uns sogar noch das Kippen des Klimas und dann haben wir mehr Schnee und Eis, als uns lieb wäre.

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