Frauen — Ein offener Brief an Alice Schwarzer

Liebe Frau Schwarzer,

mit Interesse habe auf stern.de die Buchkritik Alice Schwarzers Antwort — Zwei von drei Männern sind Freier zu Ihrem neuen Machwerk Die Antwort gelesen. Sie wuchsen in einer Großfamilie auf, die wenig Talent zur Mütterlichkeit an den Tag legten. Liebe Frau Schwarzer, bei mir war es genau andersrum. Mein Vater verschwand nach kurzer Zeit und so haben mich meine Mutter, meine Tante und meine Oma großgezogen — voller Liebe, voller Mütterlichkeit. Vielleicht liegen ja hier schon unsere unterschiedlichen Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht begründet.

Sie schreiben, dass 5000 Jahre verbrieftes Patriarchat in einem Wimpernschlag der Geschichte, innerhalb von 50 Jahren, gestürzt wurden — und ich sage ganz ehrlich: Obwohl solche Frauen wie sie sich zu deren Sprecherinnen heraufbeschworen haben. Meine Mutter hat mich mit 16 bekommen, die Schule abgebrochen und wurde — nach Zwangsheirat — von ihrem Mann verlassen. In den letzten gut 30 Jahren hat mich meine Mutter liebevoll erzogen, nebenbei gearbeitet, Verhandlungen mit Banken, Vermietern, Versicherungen geführt. Frauen, wie meine Mutter, die überhaupt keine Zeit für jegliche Fernsehkamera da draußen haben, sind der wahre Grund für die fortschreitende Emanzipation. Respekt kann man sich fast ausschließlich durch Leistung erarbeiten, und nicht durch Penetranz in den deutschen Medien. Die wahren Vorbilder weiblicher Emanzipation sind Frauen, wie meine Mutter, Frau Schwarzer.

Sie berichten von Einzelfällen sexueller Perversionen — und versuchen durch Ihre Wortwahl Männer in eine bestimmte Ecke zu stellen. Meine Mutter hat mich aufgeklärt, ich konnte mit ihr immer über alles reden, mein erstes Mal hatte ich ganz normal, und doch sehr spät, mit Anfang 20. Mir ist bereits Pornografie in meinem Leben gegegnet — doch schlecht gefühlt habe ich mich dabei nie. Es ist Teil unserer Kultur, wie auch immer man es bewerten möchte. Natürlich gibt es sexuellen Mißbrauch, das zu bestreiten, wäre fatal — jedoch Frau Schwarzer, was für ein einsames Leben müssen Sie führen, wenn Sie bei Sex zuerst an Mißbrauch denken. Für mich ist Sex ein wunderbares, jedes Mal ein einmaliges, ein intensives Erlebnis. Wenn ich an Sex denke, denke ich an wunderbare Frauen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Sie denken an Prostitution und Pornografie. Ganz ehrlich: Sie tun mir leid, Frau Schwarzer.

Sie propagieren, dass eine zu lange Erziehungszeit Frauen-Fallen seien, weil diese dann später kaum in den Beruf zurückfinden. Frau Schwarzer, aus eigener Erfahrung möchte ich Ihnen sagen, dass für das Kind — und nur darum hat es dann zu gehen — genau das Gegenteil Fall ist. Ich hatte viel zu wenig von meiner Mutter, da sie, um uns durchzubringen, arbeiten gehen musste. Noch heute habe ich mit diesen Nachwirkungen zu leben, eine nicht vorhandene Zielstrebigkeit, ein gewisses Problem, Autoritäten zu akzeptieren, um nur zwei Beispiele zu nennen. Liebe Frau Schwarzer, wenn sich ein Paar für ein Kind entscheidet, haben beide zuerst einmal eine Verantwortung übernommen, und da kann die Erziehungszeit nicht lange genug dauern. Ob nun der Mann oder die Frau zu Hause bleibt, muss das Paar entscheiden. Doch auch wenn es schwer fällt, wenn ein Kind da ist, haben die Bedürfnisse beider Partner zurückzustehen. Auch die Bedürfnisse einer Emanzipation à la Alice Schwarzer.

Im letzten Teil des Artikels auf stern.de dürfen sie den Blödsinn von einer islamistischen Unterwanderung des deutschen Rechts– und Bildungssystems verbreiten. Sie schüren hier Ressentiments gegen eine Gruppe (Ausländer), Ressentiments, die sie so sehr bekämpfen — zumindest behaupten Sie es — geht es um (deutsche) Frauen. Diese Aussage ist unterste Schublade und bei allen unterschiedlichen Ansichten hätte ich Ihnen dies nicht zugetraut, Sie enttäuschen mich, Frau Schwarzer. Sie outen sich hier als eine Rechtsaußen — wo ist da nur Ihre Toleranz geblieben? Eine Burka zum Beispiel ist immer noch dem Glauben geschuldet und nicht der Unterdrückung der Frauen. Sei tragen sie zumeist freiwillig und voller Überzeugung, weil sie es möchten, weil sie es wünschen. Mir ist klar, auch hier gibt es Ausnahmen, doch sollten wir doch erstmal den Frauen, die sich den Anfeindungen unserer Gesellschaft stellen, Hilfe und Toleranz entgegenbringen, diese in ihrem Glauben bestärken. Meinen Sie nicht auch?

Liebe Frau Schwarzer, nicht nur der letzte Absatz auf stern.de — Ihre gesamte Person lässt meine Haare zu Berge stehen. Ich liebe jede Frau, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Meine Mutter ist ein wundervoller Mensch, dem ich mein Leben verdanke, die alles für mich getan hat — meine Oma vermisse ich so unheimlich. Jede meine Ex-Freundinnen hat mir unbeschreibliche Stunden geschenkt. An jede einzelne denke ich mit einem Lächeln zurück. Frauen sind etwas Wunderbares, sind sensibel, mit einem anderen Blick auf die Dinge, humorvoll, liebevoll und voller Verantwortungsbewusstsein, um nur wenige Beispiele zu nennen. Jede Frau, die sich da draußen in unserer immer rücksichtlos und härter werdenden Ellenbogengesellschaft zurechtfindet, erreicht und tut mehr für die Emanzipation, wie Sie es jemals könnten. Und wenn es eine Frau gibt, die vielleicht etwas verloren wirkt, dann werden so gut wie alle Männer sie als aller erstes beschützen — und nicht missbrauchen wollen, wie Sie zur Auflagensteigerung in Ihrem Buch mitteilen und behaupten.

Liebe Frau Schwarzer, jede einzelne Frau da draußen ist ein wunderbares Wesen — auch ohne Ihr provokantes, altertümliches Schubladendenken, wahrscheinlich sogar trotz Ihres Wirkens in den letzten Jahrzehnten.

Liebe Grüße

Chris

4 Antworten zu “Frauen — Ein offener Brief an Alice Schwarzer”

  1. Oliver sagt:

    Ich glaube ein wenig muß man die Schwarzer auch verstehen, insbesondere wenn man die Geschichte in Deutschland betrachtet, Frauen leisteten sehr viel und wurden sehr oft getreten. Auch heute ist es kein Geheimnis, das Gewalt in der Ehe ein massives Problem darstellt, das doch sooft kleingeredet wird. Das hat nichts mit Ellbogengesellschaft zu tun, es ist halt wie es ist. Das Gros der Männer hat für Frauen im Unterbewußtsein einen festen Platz, da werden viele empört drüber lesen, es ist aber so. Man verwechselt diese sogn. Schützerinstikt oft mit einem angestammten Platz wo die Frau halt hingehört und «sicher aufgehoben ist».

    Bio von der Schwarzer

    Das man provozieren muß, um gehört zu werden ist kein Thema. Allerdings verwehrt man diese Option gerne Frauen. Das Patriarchat ist in der Geschichte der Menschheit verbrieft, auch wenn es desöfteren in der frühen Menschheitsgeschichte auch Matriarchate gab. Schwarzer wuchs in einer Zeit auf, in der vieles was vielleicht selbst seit den 80ern usus ist, nicht einmal denkbar war für eine Frau. Ob ihr «Trommeln» der Erfolg war, keine Ahnung, aber sie trug definitiv dazu bei, indem sie dies in die Medien brachte.

    Auch z.B. in vielen «Männer-Domänen» muß sich Frau permanent beweisen, mitunter weitaus mehr als so mancher Mann. Sicherlich wir man auch da die Frauenversteher rufen hören «aber wir helfen der Kollegin doch», doch wirklich «geredet» hat mit der Kollegin noch keiner, um ihren Stand der Dinge zu sehen. Mit Frauen darüber zu reden tut gut, man erfährt da einiges, was man sonst gerne mal «übersieht» bzw. «anders sieht». Da leistet eine Ehefrau, der man auch zuhört recht viel 😉

    Männer sind oft oberflächlicher und die Art, die wir verstehen nennen, ist oft weitaus weniger subtil als die Bandbreite die Frauen sehen.

    Das Schwarzer, um noch mal auf sie zurückzukommen, mehr also nur Häme einstecken mußte in 70ern und 80ern und in teils etablierten Blättern mit Begriffen verspottet wurde, die ich hier definitiv nicht nennen werde, ist auch kein Geheimnis. Sie stach da in ein Wespennest, das härtet ab, das macht auch hart im Umgang. Es ist das was die Männerwelt möchte, «Frauen die ihren Mann stehen», einstecken können. Wenn Frau quasi das Pendant zum Mann mimt kann sie in dieser Welt bestehen. Ist das gut? Nein definitiv nicht, da wird auch heute noch viel zu sehr heruntergeredet.

    Ich bin kein Frauenversteher, ich versuche es, ich versuche auf Frauen einzugehen, wie es mir halt möglich ist. Mir ist jedoch eines bewußt, ich werde da immer viele Dinge übersehen und manches vielleicht unbewußt mit Füßen treten, ergo ging ich auch ab von meiner früher teils abwertenden Haltung gegenüber der Schwarzer. Betrachtet man die Welt da draußen *redet* ab und an mal mit Frauen bzw. läßt sie *reden*, wirklich *reden*, dann sieht man doch warum manches Mal eine harte Position Pflicht ist.

    Fehler macht sie und wird sie auch zukünftig machen, aber wer ist schon ein Übermensch?

  2. Euro sagt:

    Polarisierung ist Feind der Toleranz aber auch Quelle fruchtbarer Kontroversen. Am Anfang steht eine Provokation.
    Ich unterschreibe Chris’ Brief, wohl wissend, das sich unsere Erfahrungen zwar decken, aber ebensowenig den Regelfall darstellen, wie die von Frau Schwarzer vertretenen Thesen. Die vorherrschende Farbe ist Grau. Nicht Schwarz und nicht weiß. Das mag diesen Kommentar zwar unverbindlich erscheinen lassen, ist er aber nicht. Wir dürfen die «Freier» ebensowenig ausblenden, wie die «selbstverwirklichte» Frau. Pornowichser und intolerante Supermachos gibts ebenso, wie durchtriebene, berechnende Egoweiber — das sind aber alles Randgruppen. Aber jeder von uns trägt die Anlagen in sich. Spreche sich also keiner frei von der potenziellen Möglichkeit abzurutschen.
    Eine klare, wohldefiniert Position wäre mir hier wirklich lieber — aber wir haben es mit Menschen zu tun. Da scheitert jede Pauschalierung. Jeder ist Unikat. Es gibt nur Überschneidungen. Alles andere ist Populismus.
    Nochmal: Dank der überwältigenden Mehrheit positiver Erfahrungen meinerseits unterschreibe ich das von Chris geschriebene (inkl. der von mir ebenfalls vermissten Oma).

  3. Oliver sagt:

    Was sind positive Erfahrungen? Die habe ich auch, aber ich machte auch frühzeitig die Augen auf. Der Gutmensch bin ich definitiv nicht, aber im Gegensatz zu Gros vieler pauschaler Kritiker der Schwarzer, die sich nicht einmal einen Deut mit den Aussagen dieser Frau beschätigt haben, habe ich es getan und es ist in diesem Sinne «erleuchtend», das sie außerhalb der Medien doch recht differenzierend daherkommt.

    Zu kurz gedacht ist in der «Männerwelt» immer schon halb gewonnen und damit tritt man leider zu oft genug die «Welt der Frauen» mit Füßen. Davon schließe ich mich nicht aus, manchmal unterbewußt so zu handeln. Man schaut auf die Extreme, die die schwarzer in diesem Fall anspricht und übersieht dabei die vielen kleinen Ansätze. Oft genug, das habe ich erlebt, sind Frauen doch stärker als Männer, stärker im Geiste und sehen über viele Unzulänglichkeiten mancher Männer hinweg. Auch darüber sollte man nachdenken.

    Die schwarzer jedenfalls wurde massiv durch die Medien geprügelt, man verlangt von ihr Gutherzigkeit, die sie nie erfuhr, jedoch aber das krasse Gegenteil.

    Es mutet ehrlich für mich seltsam an, das hier zu schreiben … da ich dachte wir wären schon weiter als Männer, die fortwährend unsere «gutherzige Sicht der Dinge» versuchen zu relativieren.
    Die Schwarzer kann Kritik abhaben, sie hat weitaus schlimmeres eingesteckt. Das Problem ist das Gros der Männer kann mit polemischer, offensiver Kritik von anderen Männern recht gut umgehen, jedoch hört diese Art von Tolleranz sofort auf, wenn die eigene Männlichkeit vom anderen Geschlecht kritisiert wird.

    Man muß sich in D immer eines vor Augen halten, es gibt zwei Gruppen in der Gesellschaft, die immer 200% geben müssen: zum einen Ausländer, die für viele Deutsche deutscher als deutsch sein müssen und zum anderen Frauen die den 200prozentigen Mann mimen müssen um in dieser Gesellschaft anerkannt zu werden. Da nützt es nichts wenn ich von Einzelerfahrungen berichte, auch die habe ich in beiderlei Fällen, und die Augen vor der Realität verschließe.
    Positive Erfahrungen, selbsternannte Frauenversteher, Männer die Frauen «beschützen» und ihr doch ihre festen Rollen zuweisen, Gewalt in der Ehe, Ausnutzung des Parter usw. — all das gibt es. Und Einzelerfahrungen wiegen das nicht auf, das ich heute so denke verdanke ich einer gesunden Erziehung beider Elternteile und meiner Großeltern.

  4. […] wie meistens: FAZ zum Vorabdruck Perlentaucher Rezension von Antje Schrupp Thüringer Blogzentrale Offener Brief an Alice Schwarzer Kommentar […]

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