Fragmente

Bewußt vermeide ich ein gewisses Vokabular, welches nur allzu deutlich auf die vor kurzem abgelaufene Tragödie in Deutschen Gefilden hinweist und geifernde Voyeure en masse wie die Fliegen anziehen würde. Auch werde ich gewiß nicht Partei ergreifen. Tatsache ist jedoch, Gewaltorgien visuell oder gar interaktiv umgesetzt sind potentiell eher als Auslöser für reale Gewalt zu sehen als beispielsweise Werke der Literatur — letztendlich jedoch handelt es sich um Fragmente die derartiges bei einem äußerst kleinen Kreis vorbelasteter Individuen vermögen, jedoch bei der großen Masse generell versagen.

Spricht man die Visualität an sehen sich natürlich stante pede jene notorischen Verteidiger des Abendlandes genötigt die Stimme zu ergreifen und ihren Sermon gen Ego-Shooter und Filme zu versprühen. Die Medien ihrerseits sind nur allzu willfährige Vermittler von derlei Schlüssen, da diese doch ebenso das höchsteigene Fehlen geschickt zu überspielen vermögen. Spätstens seit Gladbeck haben diese aber ihre Glaubwürdigkeit verspielt — die Herabsetzung von Hemmschwellen ist bei regelmäßigem Konsum visuell aufbereiteter Nachrichten usus. Das berühmt berüchtigte Scherflein trägt somit auch die vierte Gewalt zu derlei Exzessen bei, einzig die Selbstreflexion fehlt und Zensur macht sich auf gewisse Art und Weise breit.

Bliebe noch der Staat per se, der allerlei kriegerische Aktionen mit Neusprech tarnt, dieser darf natürlich innerhalb dieses illustren Reigens ebenso wenig fehlen — dort jedoch schon wird Gewalt real umgesetzt und Medien dienen ebenso wieder häufig als Handlanger, um Hemmschwellen herabzusetzen und von der Gutartigkeit kriegerischer Aktionen jedweder Natur zu künden.

Gerne wäre ich also vom Gefühl her bereit mich einer vergeistigten Meinung anzuschließen, denn Visualität und auch zugleich Interaktivität oder real existierende seitens des Staats gewirkte Gewalt und von den Medien teils aufs äußerste verharmlost wiegen sicherlich auch bei Fragmenten schwer, aber es sind eben nur Fragmente. Den Bereich der Spielenden zu verteidigen ist somit nicht einfach, zuviel spricht bei Ausnahmen dagegen — Ausnahmen massiv gewaltorientierter Spiele, die bei einem kleinen Kreis wirken können.

Andererseits würde ich mich damit lächerlich machen, es sind auslösende Momente, Teilstücke die Potential besitzen, einen Schalter umlegen können. Symptome die jedoch nicht mit den Ursachen verwechselt werden dürfen. Ursachen wiederum die zu vielschichtig sind, um diese in einem Talk oder einem Blogeintrag vernünftig oder gar erschöpfend abzuhandeln. Wobei wir uns auch einem gewaltigen Problem gegenübersehen: Menschen sind vielschichtig, deren Probleme je nach Kontext ebenso. Ergo sind auch die auslösenden Momente vielschichtiger Natur und keineswegs ob medialen Interesses an genau einem dieser Momente pauschal erklärbar.

Bleibt also nur die Anteilnahme und der Hinweis auf eine breit gefächerte Beschäftigung in jungen Jahren — massive Eintönigkeit kann allerlei seltsame Blüten treiben, dagegen ist kein Mensch gefeit.

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6 Antworten zu “Fragmente”

  1. martin sagt:

    Was interessant zu beobachten ist, dass niemand die Frage nach dem Einfluss der Medikamente, die der gestörte Junge im Rahmen seiner psychiatrischen Behandlung geschluckt hat, stellt.

    Da stellt kein Politiker kritische Fragen, man will es sich wohl mit der spendablen Lobby nicht verscherzen.

  2. Oliver sagt:

    Ich habe derlei nicht weiter verfolgt, da sich die Medien ohnehin fortwährend in Widersprüchlichkeiten verstricken ob der anfallenden Höchstquote des zuerst Berichtenden. Andererseits kenne ich auch Menschen, teils über viele Jahre hinweg, die Psychopharmaka einsetzen müssen und dennoch wie 99.9% aller Menschen Lichtjahre von einem derartigen Zusammenbruch entfernt sind. Ob es paßt in speziell diesem Fall, sei also dahingestellt — wird es aufgegriffen kann es jedoch sicherlich passend gemacht werden. Ob dies jedoch ursächlich gesehen werden kann oder gar muß ist mehr als fraglich, denn letztendlich ist es eine Behandlung ob einiger Probleme. Probleme die häufiger in dieser Gesellschaft vorkommen können als man glaubt. Vor Ort ist es schon schwer genug, aus der Ferne stochert man in einem Brei Möglichkeiten herum, der Gefahr erliegend zünftig zu stigmatisieren.

  3. Yuggoth sagt:

    (ebenso mit den Schützenvereinen. die CDU spielt eben kein CS)

    Ich finde es gut, dass du den Kerl nicht pauschal als krankhaften Täter aburteilst, sondern sehr sorgfältig abzuwägen versuchst. Als ich vorhin in der Straßenbahn die Bildzeitung bei meinem Gegenüber gesehen hab, hab ich das Kotzen bekommen. Dein Artikel ist das Gegenteil davon, was diese Brüders schreiben.Gefällt mir wie gesagt sehr gut.

    Ich persönlich ziehe als Erklärung die gesellschaftliche Gesamtsituation vor, die Sozio-ökonomische Matritze, die uns alle umfängt, und in der die Partizipation darin für manche so widersprüchlich und vllt auch so widerwärtig erscheint, dass sie nach gescheitertem Rückzug den Ausbruch versuchen. Und wenn Spannungen kein Ventil finden, dann kracht es eben irgendwann.
    (falls meine Meinung den Autor oder irgendwen da draussen interessieren sollte)

    Was mich wundert ist, dass solche Taten nicht viel öfter passieren. Offensichtlich sind wir alle gut genug eingeseift.Das widerspricht zwar im ersten Augenblick deiner Scharfmacherthese, lässt sich meiner Meinung nach aber doch damit in Einklang bringen.

    Alle sprechen von Beileid mit den Opfern und fragen sich nach dem «Warum?» des Täters, aber keiner fragt sich, ob Täter-und Opferzuordnung eigentlich so richtig sind. Ich finde, diese schwierige Frage wird von dir zwar nicht explizit angesprochen, aber vor allem nicht vorschnell mit einfachen Antworten abgearbeitet, wie das heutzutage in unserer Beschleunigungsgesellschaft viel zu oft passiert.

    Ich finde es bemerkenswert, auf diesem Blog noch besonne Artikel zu hitzköpfig verschriehenen Themen zu finden. Es gibt dann wohl noch Hoffnung in diesen dunklen Tagen.

  4. kobalt sagt:

    martin:

    Ich denke das solche Diskussionen politisch genausowenig gewollt sind wie die Verschärfung des Waffengesetzes im Wahljahr (Wieso sollten Schützenbrüder ihre Waffen außerhalb des Schützenhauses aufbewahren?).

    Unser Minister für Informationskontrolle hat bei der Pressebefragung, die ich auf Phoenix verfolgte, gesagt, daß er es für sinnvoll halte, den Zugang zu jugendgefährdenden Informationen zu beschränken und er ließ im selben Satz das Wort «Kinderpornographie» fallen. Daran sieht man, wohin die Reise gehen wird.

  5. […] Ich bleibe dabei: hier kosten einige die Tragödie aus, um Quote zu machen und andere versuchen in Zeiten großer Verunsicherung Wahlkampf zu betreiben. […]

  6. […] sind meist die wenigsten in der Bevölkerung bereit diese anzuerkennen, denn dieser Art von Problemen ist ohne eine grundlegende Umstrukturierung kaum zu begegnen. Und […]

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