Exklusiv-Interview mit Stefan B. nach seiner Entlassung aus der JVA Hamburg

13.09.2010 — F!XMBR: Glücklich schaut er rein, Stefan B.*, im Kreise seiner Familie. Erst gestern wurde er aus der Justizvollzugsanstalt in Hamburg entlassen. Stefan B. war einer der ersten Bürger der Bundesrepublik Deutschland, der aufgrund der Neufassung des Urheberrechts von 2007 zu einer Gefängnisstrafe in Höhe von 3 Jahren verurteilt wurde. F!XMBR sprach exklusiv mit dem 2-fachen Familienvater über seine Zeit als Raubkopierer, seine Zeit im Gefängnis und seine Zukunft.

F!XMBR: Herr B., schön Sie zu sehen, wie fühlen sie sich?

Stefan B.: Wunderbar, ich freue mich, endlich wieder bei meiner Familie zu sein.

F!XMBR: Wie war Ihre Zeit im Gefängnis?

Stefan B.: Die Zeit war natürlich nicht einfach. Tägliche Vergewaltigungen zerren natürlich an den Nerven, so manches Mal hab ich es kaum noch ausgehalten.

F!XMBR: Wie konnte es soweit kommen?

Stefan B.: Ich hatte für meinen Sohn den neuesten Sampler von Bravo gekauft, natürlich war dieser kopiergeschützt. Doch mein Sohn und meine Tochter wollten die Musik auch unterwegs hören, so umging ich den Kopierschutz, um Mp3-Files der Lieder anzufertigen. Ich ging davon aus, dass dies innerhalb der Familie okay ist, schließlich hatte ich ja gerade erst 30,- Euro für das Original bezahlt.

F!XMBR: Was ist dann passiert?

Stefan B.: Ich legte die Mp3-Dateien in meinem Temp-Ordner auf der Festplatte ab und kopierte sie auf die Mp3-Player meiner Kinder. Ich vergaß, die Dateien wieder zu löschen. Nachmittags startete meine Frau dann P2P um eine neue Linux-Distribution zu laden. Sie wußte es nicht, ich hatte nicht daran gedacht, dass unser Temp-Ordner für P2P freigegeben war. So gelang der Bravo-Sampler ins P2P-Netzwerk.

F!XMBR: Dann bekamen sie Besuch von der Polizei?

Stefan B.: Nein, das ist es ja, Ich bekam von Sony BMG einen Brief, in dem man mir vorwarf, gewerblich Raubkopien von deren digitalen Tonträgern zu verbreiten. Eine Abmahnung und Schadensersatzforderung in Höhe von 50.000,- Euro war die Folge. Ich hielt das ganze für einen Scherz, und das teilte ich Sony BMG auch mit: Ihr könnt mich malSchlecht wurde mir erst später.

F!XMBR: Verstehen wir das richtig? Schon vor den staatichen Behörden trat Sony BMG in Aktion?

Stefan B.: Genau, Sony BMG hatte das Unternehmen Logistep beauftragt, den neuen Bravo-Sampler zu beobachten. Man loggte meine IP-Adresse, forderte meine persönlichen Daten von meinem ISP an und konnte dementsprechend Jagd auf mich machen. Aber wie gesagt, ich lächelte noch darüber und schrieb eine Mail. Das hätte ich nicht tun sollen. Nach meiner Mail passierte längere Zeit nichts, bis morgens um 05.00 Uhr die Türklingel läutete, die Polizei stand vor der Tür — mit einem Durchsuchungsbeschluß, ich wurde festgenommen.

F!XMBR: Sie wurden angeklagt wegen gewerblichen Raubkopierens?

Stefan B.: Ja, bei der Durchsuchung fanden die Polizisten selbstverständlich die Mp3-Player meiner Kinder, auf dem sichergestellten PC befanden sich immer noch die gerippten Mp3-Dateien. Hätte ich doch nur niemals Musik-CD’s gekauft, hätte ich mich nur dem Boykott der anderen angeschlossen. Aber Zypries war zu stark, zurückgetreten war sie ja auch nicht, Rückgrat kannte diese Frau auch nicht.

F!XMBR: Sie wurden dann zu einer Gefängnisstrafe von 3 Jahren verurteilt?

Stefan B.: Ja, mein Anwalt, ein sehr guter, das sei hier noch mal erwähnt, konnte nicht mehr rausholen. Wenn ich gerade nochmal über die damalige Zeit nachdenke, er hatte es während des Prozesses auch nicht einfach — er hatte damals einen Tennisarm.

F!XMBR: Was war das Schwierigste für Sie in den letzten Jahren?

Stefan B.: Die Heilige Kommunion meiner Tochter habe ich verpasst, die Einschulung meines Sohnes, meine Mutter ist gestorben, so konnte ich meinem Vater nicht beistehen, aber ich hätte es besser wissen sollen. Nachdem schon durch die Presse ging, dass Schulhöfe kriminalisiert wurden, wie konnte ich da in meinen eigenen vier Wänden so naiv sein.

F!XMBR: Wie sieht Ihre Zukunft aus, Herr B.?

Stefan B.: Nun, im Moment bin ich ALG II-Empfänger — ab nächsten Monat hat die ARGE mir einen 1 Euro-Job vermittelt, ich werde mit ein paar Kollegen einen öffentlichen Park sauberhalten. Aber gut, da komme ich dann auch mal raus, jeder muss halt Opfer bringen.

FIXMBR: Wo wird das sein?

Stefan B.: Das ist der Park direkt vor der Deutschland-Zentrale von Sony BMG.

FIXMBR: Herr B., wir danken für das Gespräch und wünschen für die Zukunft alles Gute.

*Name geändert, der Redaktion bekannt.

18 Antworten zu “Exklusiv-Interview mit Stefan B. nach seiner Entlassung aus der JVA Hamburg”

  1. DAU Jones sagt:

    Atomrofl! 😀

  2. eco sagt:

    Hammergeil. Dazu folgender Werbetrailer:
    «Hallo Du. Willst du nette Boys kennenlernen und mal ordentlich die Rosette vergoldet bekommen? Stell ein trotz Kopierschutz geripptes MP3 ins Netz. Wir erwarten Dich. Deine MI»

  3. Tina sagt:

    Wirklich klasse. Hoffentlich kommt es nicht wirklich soweit…

  4. Und was hat er alles falsch gemacht, der Stefan B.?

    Bravo-Sampler gekauft. Geldverschwendung, sollen die Kleinen doch arbeiten gehen, dann werden sie den Un-Wert einer solchen CD schnell erkennen.
    P2P benutzt. Lasst es einfach. Den Schwachsinn von wegen «Ich benutze P2P um meine Linux-Distri runterzuladen» glaubt doch eh’ kein Mensch.
    Patzig sein. Na da wird sich die Verhandlungsbereitschaft mächtig verbessern, wenn man zuerst mal ein «Ihr könnt mich mal» zurückschreibt.

    Selber schuld, der Herr B.

  5. Chris sagt:

    Du weißt es, ich weiß es. 😉 Was ist mit dem Familienvater, mit den Kiddies auf dem Schulhof? Und ich frage mich, was an dieser Satire — Satire sollte und darf überzeichnen — patzig ist? Ich kann mich natprlich auf dem Sofa zurücklehnen, nichts tun und alles absegnen, was unsere Volksvertreter so veranstalten. 😉

  6. @chris: An der Satire ist überhaupt nichts patzig, ich meinte das nur bezogen auf die «Äusserung» des Beschuldigten:

    Ich hielt das ganze für einen Scherz, und das teilte ich Sony BMG auch mit: Ihr könnt mich mal. Schlecht wurde mir erst später.

    Schönen Gruss,

    - Datenimperator

  7. Chris sagt:

    Hehe, das war nicht mein Zitat,aber — die Verlinkungen machen das gute Stück IMHO erst richtig rund. Nur gehe ich dann auch auf die anderen Seiten mit ein, zwei Wörtern ein, da schließe ich dann Kompromisse. Wobei ich die beiden Verlinkungen passend finde — ich habe lange überlegt, ob ich die 2 Vergewaltigungen mit reinnehme. Aber das führt jetzt zu einer Diskussion, was will ein Autor sagen, will ein Autor überhaupt was sagen? 😀 Trotzdem THX für Deinen Kommentar. :-)

  8. HansDerGrosse sagt:

    wieso kopiert man nicht auch geld und gibt das seinen kindern damit die sich was tolles kaufen können ? — wäre dasselbe wie mit cd’s rippen und weiter geben

  9. Chris sagt:

    Naja, natürlich gehört illegales gewerbliches Kopieren, Rippen bestraft, ohne Frage, aber nach der neuen Urheberrechtsnovelle kann eine Freiheitsstrafe in Höhe von 3 Jahrenn verhängt werden, wenn z. B. Papa für Sohnemann die gerade gekaufte CD rippt. Ferner tue ich mich mit solchen Vergleichen, wie hier (Geldfälschung — CD’s rippen) sehr schwer, Äpfel-Birnen-Vergleiche bringen nicht wirklich viel. 😉

  10. Oli sagt:

    Die kulturelle Tragweite derlei Debilitäten ist halt nur bei den Geeks & Nerds angekommen, sowie den Leuten die ihren illegalen Vorteil draus ziehen, der Rest des deutschen Michels wartet auf die WM :)

  11. […] Exklusiv-Interview mit Stefan B. nach seiner Entlassung aus der JVA Hamburg Vor einem Jahr — heute aktueller denn je… (tags: urheberrecht raubkopie haft interview) […]

  12. Gelöscht sagt:

    Irgendwie hab ich das Gefühl das Woanders schonmal gelesen zu haben — oder ich hab ein seeeehr intensives Deja-Vu 😀

  13. Chris sagt:

    Ich hoffe nicht, dass das eine Unterstellung ist, der Test ist von mir, den habe ich und niemand anderes vor einem Jahr geschrieben.

  14. Gelöscht sagt:

    Nein, ist keine Unterstelllung, aber hast du ihn schonmal irgendwo gepostet? Weil ich, wie gesagt, das Gefühl habe, ihn schonmal gelesen zu haben.

  15. […] Exklusiv-Interview mit Stefan B. nach seiner Entlassung aus der JVA Hamburg auf F!XMBR (tags: Urheberrecht) RSS Trackback URL 26. März 2007 (01:26) Abgelegt unter: Links […]

  16. […] H.: Ich muss mal meinen Bruder fragen, was er so macht. Kriminalität liegt bei uns in der Familie, aber auch er hat den Absprung […]

RSS-Feed abonnieren